Ein Premierminister auf Abruf
Als Keir Starmer im Juli 2024 mit einem historischen Wahlsieg ins Amt einzog, schien für Großbritannien eine neue politische Ära zu beginnen. Nach Jahren konservativer Regierungen sollte der ehemalige Chefankläger Stabilität, Seriosität und wirtschaftliche Erneuerung bringen.
Nicht einmal zwei Jahre später ist das Projekt gescheitert.
Am Montag verkündete Starmer seinen Rücktritt als Premierminister. Zuvor hatte er die Unterstützung großer Teile seiner eigenen Partei, zahlreicher Abgeordneter und wichtiger Kabinettsmitglieder verloren.
Der Absturz der Popularität
Kaum ein britischer Regierungschef der jüngeren Geschichte erlebte einen derart schnellen Vertrauensverlust.
Bereits wenige Wochen nach seinem Amtsantritt begannen die Zustimmungswerte zu sinken. Aus anfänglicher Skepsis wurde offene Ablehnung.
Während im Sommer 2024 noch vergleichsweise viele Briten bereit waren, Starmer eine Chance zu geben, bewerteten zuletzt fast drei Viertel der Bürger seine Arbeit negativ. Seine persönlichen Zustimmungswerte fielen sogar unter jene von Boris Johnson, Theresa May und Rishi Sunak.
Aus dem Hoffnungsträger wurde binnen kurzer Zeit ein politischer Belastungsfall.
Wirtschaft mit Licht und Schatten
Ganz ohne Erfolge verlief Starmers Amtszeit allerdings nicht.
Die britische Wirtschaft entwickelte sich zeitweise besser als viele europäische Konkurrenten. Zwischen Mitte 2024 und Anfang 2026 verzeichnete Großbritannien ein stärkeres Wachstum als die meisten anderen G7-Staaten.
Doch die positiven Zahlen reichten nicht aus, um die Stimmung im Land zu drehen. Experten erwarten bereits eine deutliche Abschwächung der Konjunktur. Belastungen durch steigende Energiekosten und internationale Krisen trüben den Ausblick.
Viele Wähler hatten auf einen wirtschaftlichen Befreiungsschlag gehofft – geliefert wurde lediglich eine kurze Verschnaufpause.
Migration deutlich rückläufig
Eines der wenigen Politikfelder, auf denen Starmer konkrete Fortschritte vorweisen konnte, war die Migration.
Sowohl die Gesamtzuwanderung als auch die Nettozuwanderung gingen deutlich zurück. Die Zahl der Menschen, die über den Ärmelkanal nach Großbritannien gelangen wollten, sank zuletzt ebenfalls spürbar.
Dennoch blieb das Thema politisch hochsensibel. Die Bilder kleiner Boote im Ärmelkanal verschwanden nicht aus den Nachrichten, und viele Wähler nahmen die Entwicklung deshalb kaum als Erfolg wahr.
NHS bleibt Dauerbaustelle
Auch im Gesundheitswesen konnte die Labour-Regierung zumindest teilweise Fortschritte erzielen.
Die Wartezeiten im staatlichen Gesundheitssystem NHS gingen zurück, und mehr Patienten wurden innerhalb der angestrebten Fristen behandelt.
Doch die Probleme blieben gewaltig. Millionen Menschen warten weiterhin auf medizinische Eingriffe oder Facharzttermine. Für viele Briten änderte sich im Alltag wenig.
Der Eindruck eines chronisch überlasteten Gesundheitssystems blieb bestehen.
Das Energiepreis-Versprechen scheiterte
Besonders schmerzhaft war das Thema Energie.
Labour hatte versprochen, die Belastung der Haushalte deutlich zu senken. Tatsächlich entwickelte sich die Situation in die entgegengesetzte Richtung.
Die durchschnittlichen Energiekosten stiegen während Starmers Amtszeit spürbar an. Internationale Krisen, insbesondere die Spannungen im Nahen Osten, sorgten für zusätzliche Belastungen.
Ausgerechnet eines der zentralen Wahlversprechen entwickelte sich zu einem politischen Bumerang.
Streit um Sozialausgaben
Auch bei den Sozialleistungen geriet Starmer unter Druck.
Versuche, die steigenden Ausgaben für Sozial- und Gesundheitsleistungen einzudämmen, scheiterten am Widerstand der eigenen Partei. Mehrfach musste die Regierung zurückrudern.
Gleichzeitig steigen die langfristigen Kosten für Sozialleistungen und Unterstützungsprogramme weiter an. Die Finanzierbarkeit des Systems bleibt eine der größten Herausforderungen für die kommende Regierung.
Eine Amtszeit ohne Verbindung zum Volk
Rückblickend war Starmers größtes Problem möglicherweise nicht die Wirtschaft, die Migration oder die Sozialpolitik.
Es war die fehlende emotionale Verbindung zu den Menschen.
Der nüchterne Jurist galt als kompetent und sachlich. Doch vielen Briten erschien er technokratisch, distanziert und wenig inspirierend. Während Krisenmanager oft Respekt genießen, brauchen erfolgreiche Regierungschefs zusätzlich die Fähigkeit, Menschen mitzunehmen.
Genau daran scheiterte Keir Starmer.
Sein Rücktritt markiert das Ende einer Amtszeit, die mit großen Erwartungen begann und in politischer Ernüchterung endete. Großbritannien steht nun erneut vor der Frage, wer das Land durch eine Zeit wirtschaftlicher Unsicherheit, gesellschaftlicher Spannungen und wachsender politischer Polarisierung führen soll.


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