Eigentlich sollte Angela Perryman längst wieder zu Hause in Florida sein. Stattdessen sitzt die 47-Jährige weiterhin in einer Quarantäneeinrichtung in Nebraska fest – weil Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. persönlich entschieden hat, dass sie dort bleiben muss.
Der Fall sorgt in den USA für Diskussionen über Verhältnismäßigkeit, Behördenstreitigkeiten und die Frage, wer am Ende eigentlich das Sagen hat: Wissenschaftler oder Politiker?
Vom Kreuzfahrtschiff in die Quarantäne
Perryman gehörte zu 18 US-Bürgern, die nach einem Hantavirus-Ausbruch auf dem Expeditionsschiff MV Hondius Anfang Mai in eine spezielle Quarantäneeinrichtung des Nebraska Medical Center gebracht wurden.
Während zehn Mitreisende inzwischen nach Hause zurückkehren durften, um ihre Quarantäne dort zu Ende zu führen, blieb Perryman zurück.
Der Grund: Der Bundesstaat Florida wollte die von der Bundesregierung geforderten Überwachungsmaßnahmen nicht vollständig übernehmen.
CDC-Experte empfiehlt Freilassung
Besonders brisant: Ein unabhängiger medizinischer Prüfer der US-Gesundheitsbehörde CDC kam nach einer Anhörung zu dem Schluss, dass Perryman durchaus nach Florida zurückkehren könne.
Dr. Michael Bell schrieb in seinem Bericht, dass eine tägliche telemedizinische Überwachung ausreiche, um die öffentliche Gesundheit zu schützen. Die von Florida angebotene Lösung erfülle den Zweck der Quarantäne und sei die weniger einschneidende Maßnahme.
Mit anderen Worten: Aus medizinischer Sicht sprach laut Bell nichts dagegen, die Frau nach Hause zu lassen.
Kennedy sagt Nein
Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. sah das anders.
In einem offiziellen Schreiben erklärte er, dass die Voraussetzungen für eine weitere Bundesquarantäne weiterhin erfüllt seien und die Maßnahme zum Schutz der öffentlichen Gesundheit notwendig bleibe.
Bemerkenswert dabei: Auf die detaillierten Argumente des CDC-Prüfers ging Kennedy in seiner Entscheidung nicht näher ein.
Das Gesundheitsministerium verteidigte den Schritt. Solange keine ausreichende Überwachung durch die Behörden in Florida gewährleistet sei, müsse die Quarantäne bestehen bleiben.
„Ich bin eine Geisel“
Perryman selbst hat für die Situation eine deutlich drastischere Beschreibung.
„Das ist inzwischen nur noch ein Streit zwischen Bundes- und Landesbehörden – und ich bin die Geisel“, sagte sie gegenüber CNN.
Die Frau berichtet, sie habe mittlerweile jegliches Vertrauen in Gesundheitsbehörden und öffentliche Institutionen verloren. Mehrfach seien Zusagen gemacht und später wieder zurückgenommen worden.
Besonders ärgert sie sich darüber, dass sie bereits rund 4.000 Dollar für ein abgelegenes Haus in Florida ausgegeben habe, um dort den Rest der Quarantäne vollständig isoliert verbringen zu können.
Alltag wie in Einzelhaft
Nach ihren Schilderungen ähnelt der Alltag in Nebraska mittlerweile eher einer Haftanstalt als einer medizinischen Einrichtung.
Zweimal täglich erscheinen Mitarbeiter in voller Schutzausrüstung, messen die Temperatur und bringen Mahlzeiten. Dazu kommt etwa eine Stunde Aufenthalt im Freien.
„Ich kann meine Temperatur in einem Wohnzimmer genauso messen wie hier“, sagt Perryman. „Es fühlt sich an wie Einzelhaft.“
Wissenschaft gegen Politik?
Der Fall entwickelt sich zunehmend zu einem Symbol für einen Konflikt, der seit der Corona-Pandemie immer wieder auftritt: Was passiert, wenn medizinische Experten und politische Entscheidungsträger zu unterschiedlichen Bewertungen kommen?
Während CDC-Fachleute eine Rückkehr nach Hause für vertretbar halten, setzt Kennedy auf maximale Vorsicht.
Für Angela Perryman bedeutet das vor allem eines: Noch einige Tage länger in einem Zimmer in Nebraska zu warten – und darauf zu hoffen, dass sich die Behörden irgendwann einigen.


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