Es war ein friedlicher Marsch in Boulder, Colorado. Menschen liefen gemeinsam durch die Straßen, hielten Fotos israelischer Geiseln hoch und forderten deren Freilassung aus Gaza. Dann flogen Brandsätze.
Zwölf Menschen wurden verletzt. Der mutmaßliche Täter soll laut Ermittlern geplant haben, „alle Zionisten zu töten“. Für viele Juden in den USA war der Angriff mehr als nur eine weitere Gewalttat. Es war ein weiterer Moment, in dem aus Angst plötzlich Realität wurde.
„Jeder jüdische Amerikaner stellt sich gerade die Frage, ob er noch sicher ist“, sagte Halie Soifer vom Jewish Democratic Council of America.
Denn Boulder war kein Einzelfall.
Nur wenige Wochen zuvor wurden zwei Mitarbeiter der israelischen Botschaft vor einem jüdischen Museum in Washington erschossen. Im April wurde das Haus des jüdischen Gouverneurs Josh Shapiro in Brand gesetzt – wenige Stunden nach dem Beginn des Pessach-Festes.
Viele in der jüdischen Gemeinschaft sprechen inzwischen offen davon, dass sie sich im Alltag verändert haben. Menschen schauen sich vor Synagogen um. Eltern fragen sich, ob ihre Kinder noch sicher religiöse Schulen besuchen können. Veranstaltungen werden von Sicherheitskräften begleitet. Selbst friedliche Mahnwachen brauchen plötzlich Polizeischutz.
Besonders schmerzhaft ist für viele, dass die Gewalt zunehmend wahllos wirkt.
Die Gruppe „Run For Their Lives“, die in Boulder angegriffen wurde, versteht sich ausdrücklich als unpolitisch. Dort laufen Menschen mit, die konservativ sind, liberal, israelkritisch oder klar pro-israelisch. Ihr gemeinsames Ziel: Aufmerksamkeit für die noch immer festgehaltenen Geiseln in Gaza.
Doch genau diese Unterschiede scheinen für Täter keine Rolle mehr zu spielen.
„Diese Hassverbrechen unterscheiden nicht mehr zwischen politischen Positionen“, sagt Adina Vogel Ayalon von der Organisation J Street. „Das ist es, was vielen solche Angst macht.“
Der Krieg in Gaza hat die Spannungen weltweit verschärft. Seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 und dem darauffolgenden Krieg Israels gegen die Hamas sind Debatten in den USA immer aggressiver geworden. Auf Demonstrationen, an Universitäten und in sozialen Netzwerken verschwimmen für manche die Grenzen zwischen Kritik an Israels Regierung und offenem Hass auf Juden.
Muslimische Organisationen verurteilten den Anschlag von Boulder scharf. Der Muslim Public Affairs Council sprach von einem Angriff auf die Werte von Religionsfreiheit und Zusammenleben.
Doch die Sorge bleibt.
Viele jüdische Gemeinden erinnern sich an frühere Anschläge – etwa an das Massaker in der Tree-of-Life-Synagoge in Pittsburgh 2018, bei dem elf Menschen ermordet wurden. Damals glaubten viele noch an einen schrecklichen Ausnahmefall. Heute wirkt es für manche wie eine neue Realität.
Rabbi Dan Moskovitz aus Vancouver sagt, die größte Angst sei inzwischen nicht nur der einzelne Täter. Sondern die Gefahr, dass jede neue Tat weitere Radikalisierung auslöst.
„Es wird noch mehr Menschen inspirieren, solche Dinge zu tun“, sagt er.
Und genau diese Angst begleitet derzeit viele jüdische Familien in Nordamerika – beim Gang zur Synagoge, beim Schulweg der Kinder oder einfach bei einem stillen Spaziergang mit Fotos von Geiseln in der Hand.

