Abdi ist 23 Jahre alt. Wenn er morgens zur Arbeit geht, schaut er zuerst aus dem Fenster. Dann wartet er. Noch einmal fünf Minuten. Erst wenn die Straße leer wirkt, verlässt er das Haus.
Oder besser gesagt: irgendein Haus.
Denn der junge Somalier schläft inzwischen fast jede Nacht woanders. Mal bei Freunden, mal auf Sofas, mal in kleinen Wohnungen irgendwo in Minneapolis. Immer mit derselben Angst: dass plötzlich die Männer von ICE vor der Tür stehen könnten.
„Ich weiß nie, wann sie kommen“, sagt er leise.
Die Flucht endete nie wirklich
Abdi floh 2022 aus Somalia. Dort, sagt er, hätten Al-Shabaab-Kämpfer versucht, ihn zu rekrutieren. Seine Familie verkaufte nahezu alles, damit er fliehen konnte.
15.000 Dollar kostete die Reise.
Durch den Dschungel von Darién. Über Schmuggler. Über tote Körper am Wegesrand. Über Angst.
„Einmal bin ich auf eine Leiche getreten“, erzählt er.
Er glaubte, in Amerika endlich sicher zu sein.
Heute lebt er erneut versteckt.
Eine Community in Dauerangst
In Minneapolis lebt die größte somalische Community außerhalb Afrikas. Viele kamen nach dem Zusammenbruch Somalias in den 1990er Jahren in die USA. Sie bauten Geschäfte auf, Restaurants, Moscheen, Familien.
Jetzt herrscht wieder Angst.
Seit Donald Trump seine Abschiebepolitik massiv verschärfte und tausende ICE-Beamte nach Minnesota schickte, fühlen sich viele Menschen plötzlich wieder wie Flüchtlinge – obwohl sie längst in Amerika leben.
Restaurants schließen. Menschen gehen kaum noch einkaufen. Kinder fragen ihre Eltern, ob sie abends noch da sein werden.
„Lieber versteckt leben als sterben“
Abdi besitzt sogar Dokumente, die ihm eigentlich Schutz garantieren sollen. Doch das Vertrauen ist verschwunden.
Freunde von ihm seien trotz gültiger Papiere festgenommen worden, erzählt er.
Und dann sagt er diesen einen Satz, der alles erklärt:
„Ich würde lieber mein ganzes Leben versteckt in Amerika leben als nach Somalia zurückkehren.“
Weil Somalia für ihn nicht einfach ein Land ist. Sondern die Erinnerung an Gewalt, Terror und Angst.
Die Narben der Razzien
Die Bilder aus Minneapolis sitzen tief: maskierte Beamte mit Sturmgewehren, Fahrzeuge in Wohnvierteln, hektische Festnahmen.
Die demokratische Kongressabgeordnete Ilhan Omar spricht von Szenen „wie in einem Kriegsgebiet“.
Selbst Menschen, die legal in den USA leben, hätten inzwischen Angst, einfach auf die Straße zu gehen.
Besonders bitter: Zwei amerikanische Helfer, die Nachbarn vor ICE-Einsätzen warnen wollten, wurden während der Razzien erschossen.
Aus Nachbarn werden Beschützer
Doch die Angst hat auch Menschen zusammengebracht.
In Moscheen und Kirchen organisieren Freiwillige inzwischen Warnsysteme. Wenn ICE-Fahrzeuge auftauchen, verbreitet sich die Nachricht über Telefonketten und WhatsApp-Gruppen.
Einige nutzen sogar Pfeifen, um Nachbarn zu warnen.
Der somalische Imam Sharif Muhammad sagt: „Die Razzien haben unsere Gemeinschaft enger zusammengeschweißt.“
Und über allem die Worte des Präsidenten
Donald Trump bezeichnete Somalier öffentlich als „Müll“. Ein Satz, der viele tief verletzte.
Manche in der Community hatten ihn sogar gewählt.
Heute schämen sie sich dafür.
Denn plötzlich geht es nicht mehr um Politik. Sondern um das Gefühl, in dem Land, das einmal Hoffnung bedeutete, wieder unerwünscht zu sein.
Und so sitzt Abdi nachts in fremden Wohnungen, hört jedes Geräusch im Treppenhaus – und wartet darauf, dass irgendwann vielleicht doch jemand an die Tür klopft.

