Wie ein verurteilter Priester seine charismatische Wirkung zum Missbrauch seiner Gemeinde nutzte

Wie ein verurteilter Priester seine charismatische Wirkung zum Missbrauch seiner Gemeinde nutzte

Veröffentlicht

Sonntag, 04.10.2026
von Red. TB

Der frühere anglikanische Priester Chris Brain führte von 1984 bis 1995 den sogenannten „Nine O’Clock Service“ in Sheffield. Die Gottesdienstbewegung verband christliche Liturgie mit elektronischer Musik, Tanz, Umweltaktivismus und Elementen der damaligen Rave-Kultur. Zeitweise zog sie Hunderte junge Menschen an.

Hinter dem modernen und progressiven Erscheinungsbild entwickelte sich jedoch nach den Feststellungen eines britischen Gerichts ein System, in dem Brain seine Autorität und seine charismatische Wirkung ausnutzte, um Frauen sexuell zu missbrauchen und Mitglieder der Gemeinschaft massiv zu kontrollieren.

Der inzwischen 69-Jährige wurde am Londoner Inner Crown Court wegen der Vergewaltigung einer Frau aus seiner Gemeinde sowie wegen vier Fällen sexueller Übergriffe gegen drei weitere Frauen schuldig gesprochen.

Bereits im August 2025 war Brain wegen 17 weiterer sexueller Übergriffe verurteilt worden. Über fünf zusätzliche Anklagepunkte hatte sich die damalige Jury nicht einigen können, weshalb es zu einem erneuten Verfahren kam.

Das Strafmaß soll zu einem späteren Zeitpunkt verkündet werden. Das Gericht machte jedoch deutlich, dass Brain mit einer Freiheitsstrafe rechnen muss.

Junge Frauen arbeiteten unbezahlt für Brain

Besonders aufschlussreich waren im Verfahren schriftliche Anweisungen für junge Frauen, die unbezahlt in Brains Haushalt arbeiteten.

Das sogenannte „Homebase-Team“ sollte demnach alles tun, was Brain von ihnen verlangte.

Zu den Aufgaben gehörten Kochen, Putzen, Bügeln und Einkaufen. Außerdem sollten die Frauen sich um Brains kleine Tochter kümmern und mit seinem Hund spazieren gehen.

Die Arbeiten waren rund um die Uhr organisiert.

Offiziell sollte die Hausarbeit Brain entlasten, damit er sich vollständig seiner Arbeit für den Nine O’Clock Service widmen konnte.

Vor Gericht wurde jedoch geschildert, dass sich seine Forderungen nicht auf Hausarbeit beschränkten.

Frauen sollten ihn „ins Bett bringen“

Nach den Aussagen mehrerer Frauen ließ Brain Mitglieder seiner Gemeinde regelmäßig zu sich kommen, damit sie ihn „ins Bett brachten“.

Dabei erwartete er nach Darstellung der Staatsanwaltschaft und der Zeuginnen sinnliche Massagen.

Brain habe sich dabei häufig bis auf die Unterwäsche ausgezogen.

Von den Frauen seien teilweise auch Küsse und sexuelle Berührungen erwartet worden.

Mehrere Betroffene erklärten vor Gericht, sie hätten Angst gehabt, ausgeschlossen oder spirituell verurteilt zu werden, wenn sie sich seinen Forderungen widersetzten.

Eine Frau beschrieb die Atmosphäre mit den Worten, dass es sich angefühlt habe, als würde man Gott selbst enttäuschen, wenn man Brain nicht gehorchte.

Eine moderne Kirche mit Rave-Kultur

Die Bewegung entstand Anfang der 1980er-Jahre.

Brain, seine Frau Lynne und eine kleine Gruppe gleichgesinnter Christen schlossen sich der St.-Thomas-Kirche im Sheffielder Stadtteil Crookes an.

Die Gruppe war eng mit der Band „Present Tense“ verbunden.

Die Mitglieder betrachteten sich als gläubige Christen, fühlten sich jedoch von traditionellen Formen anglikanischer Gottesdienste nicht angesprochen.

Brain, der Bassist und faktische Anführer der Gruppe war, kritisierte eine aus seiner Sicht elitäre und gesellschaftlich abgehobene Form des Christentums.

1984 erhielten Brain und seine Mitstreiter die Möglichkeit, sonntagabends um 21 Uhr einen eigenen experimentellen Gottesdienst zu veranstalten.

Daraus entwickelte sich der Nine O’Clock Service, kurz NOS.

Die Gruppe verabschiedete sich von klassischer christlicher Rockmusik und orientierte sich zunehmend an der damals aufkommenden elektronischen Musikszene Sheffields.

Der Gottesdienst wurde schnell erfolgreich.

Bis zu 600 überwiegend junge Menschen kamen zu Veranstaltungen, bei denen Musik, Videos, Gebete und Tanz miteinander verbunden wurden.

Ein Besucher beschrieb NOS damals als die unterhaltsamste Kirche, die er je besucht habe, und gleichzeitig als eine der besten Tanzveranstaltungen Sheffields.

Andere Mitglieder sahen die Bewegung ausdrücklich als Gegenmodell zu traditionellen kirchlichen Strukturen.

Kirche unterstützte Brains schnellen Aufstieg

Der Erfolg von NOS beeindruckte auch die kirchlichen Verantwortlichen.

Die Diözese Sheffield beschleunigte Brains Weg zum Priesteramt, obwohl sein Ausbilder Bedenken geäußert haben soll.

Selbst der damalige Erzbischof von Canterbury soll die Vorstellung begrüßt haben, vergleichbare Gottesdienste in vielen britischen Städten aufzubauen.

Mit zunehmendem Erfolg wurde NOS immer größer.

Die Gottesdienste zogen schließlich in das Freizeitzentrum Ponds Forge um.

Bis zu 150 freiwillige Helfer waren an einzelnen Veranstaltungen beteiligt.

Dazu gehörten Musiker, Tontechniker, Designer, Sicherheitskräfte und Helfer für Transport und Logistik.

Jede Woche wurde ein neues multimediales Gottesdienstprogramm entwickelt.

Viele Freiwillige arbeiteten dafür unbezahlt bis tief in die Nacht.

Erste Warnzeichen einer sektenähnlichen Struktur

Robert Warren, der damalige Pfarrer von St Thomas’s und zunächst verantwortlich für die Aufsicht über NOS, sagte später vor Gericht aus, dass er Brains kontrollierende Persönlichkeit anfangs sogar für hilfreich gehalten habe.

Mit wachsendem Erfolg habe er jedoch zunehmend sektenähnliche Elemente wahrgenommen.

Brain sei von vielen Anhängern beinahe wie ein Guru behandelt worden.

Von den Mitgliedern wurde erwartet, bescheiden zu leben und mindestens zehn Prozent ihres Einkommens an die Gemeinschaft zu geben.

Einige spendeten deutlich mehr.

Vor Gericht wurde berichtet, dass manche Mitglieder sogar Erbschaften oder Immobilien an NOS übertrugen.

Brain selbst führte dagegen nach Darstellung mehrerer Zeugen einen deutlich komfortableren Lebensstil.

Er besaß ein modernes Auto und ein Mobiltelefon, trug Designerkleidung und unternahm kostspielige Urlaubsreisen.

1994 zog er mit seiner Familie in ein renoviertes Bauernhaus im Peak District, das der NOS-Gemeinschaft gespendet worden war.

Eine ehemalige Angehörige der Bewegung sagte vor Gericht, Brain habe luxuriös gelebt, während andere Mitglieder jeden Cent hätten umdrehen müssen.

Frau soll rund 40.000 Pfund gespendet haben

Eine Frau erklärte, sie habe innerhalb von sieben Jahren schätzungsweise 40.000 Pfund an die Gemeinschaft gezahlt.

Sie beschrieb Brain als manipulativ.

Nach ihren Angaben überredete er sie sogar dazu, nicht zur Hochzeit ihres Bruders nach Südafrika zu reisen.

Stattdessen sollte sie das Geld verwenden, um einen Kleintransporter für die Gemeinschaft zu kaufen.

Mitglieder sollten Kontakte zu Familien reduzieren

Mehrere ehemalige Mitglieder berichteten vor Gericht, dass von ihnen erwartet worden sei, Kontakte zu Freunden und Familienangehörigen außerhalb der Bewegung einzuschränken.

Eine Frau soll von Brain und anderen Führungspersonen kritisiert worden sein, nachdem sie ein Wochenende bei ihrer Familie verbracht hatte.

Ihr sei sinngemäß vermittelt worden, dass nun die Gemeinschaft ihre eigentliche Familie sei und persönliche Interessen für ein höheres Ziel geopfert werden müssten.

Autofahrten als Mittel der Annäherung

Frauen berichteten zudem, dass Brain sie teilweise auf der Straße mit seinem Auto ansprach und zu Fahrten einlud.

Innerhalb der Gemeinschaft sollen solche Situationen scherzhaft als „Chris-napping“ bezeichnet worden sein.

Während dieser Fahrten habe Brain Frauen teilweise körperlich berührt und ihnen vorgeworfen, sexuell verklemmt zu sein.

Eine Betroffene erinnerte sich daran, dass Brain ihre Hand genommen und auf seinen Oberschenkel gelegt habe.

Er habe sie anschließend gefragt, ob sie sich zu ihm hingezogen fühle.

Als sie dies verneinte und ihre Hand zurückzog, habe Brain sie angeschrien und aufgefordert, das Auto zu verlassen.

Die Frau berichtete vor Gericht, sie sei danach völlig aufgelöst gewesen und habe zunächst sich selbst die Schuld gegeben.

Noch am selben Abend habe Brain sie angerufen und mit ruhiger Stimme gefragt, ob sie ihn „ins Bett bringen“ könne.

Brain bestritt die Vorwürfe

Brain selbst erklärte zu seiner Verteidigung, es sei nichts Ungewöhnliches daran gewesen, dass Mitglieder seiner Gemeinde ihm Massagen gegeben hätten.

Enge Freunde hätten ihm den Rücken massiert, um seine Verspannungen zu lindern.

Diese Situationen seien nur sehr selten sexuell geworden und dann stets einvernehmlich gewesen.

Brain räumte ein, junge Frauen wegen ihrer Einstellung zur Sexualität kritisiert zu haben.

Er bezeichnete dies jedoch als Teil eines angeblich postmodernen Ansatzes, mit dem er selbstbewusstes Verhalten habe fördern wollen.

Nach seiner Darstellung hätten solche Ideen auch Einfluss auf bestimmte Entwicklungen des Feminismus gehabt.

Er erklärte vor Gericht, dass er dies nicht bereue.

Betroffene schildern eine völlig andere Realität

Die Aussagen der Frauen zeichneten dagegen ein grundlegend anderes Bild.

Eine Betroffene erklärte, sie habe Brains Forderungen erfüllt, um innerhalb der Gemeinschaft überleben zu können.

Sie habe nicht die Freiheit gehabt, tatsächlich zuzustimmen.

Sie habe ständig Angst gehabt.

Auf die Frage, warum sie dennoch immer wieder zu Brain zurückgekehrt seien, erklärten mehrere Frauen, dass sie gefürchtet hätten, aus der Bewegung ausgeschlossen zu werden.

NOS habe ihr gesamtes Leben bestimmt.

Eine Frau erklärte, Brain sei von der Kirche respektiert und unterstützt worden.

Er sei ihr Priester gewesen.

Sie habe sich deshalb gefragt, welches Recht sie überhaupt gehabt habe, seine Autorität infrage zu stellen.

Eine Frau beschrieb sich als „gehirngewaschen“

Eine weitere Frau berichtete vor Gericht, Brain habe sie in den frühen 1980er-Jahren auf ein Bett gedrückt und vergewaltigt.

Sie beschrieb sich selbst als manipuliert und „gehirngewaschen“.

Zudem sei sie finanziell von Brain abhängig gemacht worden.

Zeugen beschrieben die jungen Frauen des Homebase-Teams teilweise als nahezu sklavenähnlich.

Einige schliefen nachts auf dem Boden von Brains Büro.

Wegen der freizügigen Kleidung, die einige Frauen während ihrer Arbeit trugen, wurden sie innerhalb der Gruppe teilweise mit einem abwertenden Spitznamen bezeichnet.

Opfer mussten ihre Aussagen erneut schildern

Während des erneuten Gerichtsverfahrens bestritt Brain auch frühere Verurteilungen weiterhin.

Dadurch mussten mehrere Betroffene erneut vor Gericht erscheinen und ihre Erfahrungen ein weiteres Mal schildern.

Darunter war eine Frau, die von Brain sexuell angegriffen worden sein soll, als sie aufgrund der Hillsborough-Katastrophe psychisch schwer belastet war.

Sie hatte damals Menschen dabei geholfen, die Leichen von Freunden und Angehörigen zu identifizieren.

Die Bewegung brach 1995 zusammen

Der Nine O’Clock Service endete 1995 abrupt.

Ein ehemaliges Mitglied wandte sich damals an Stephen Lowe, den damaligen Erzdiakon von Sheffield.

Der Informant warnte, dass sich NOS zu einer sektenartigen Gemeinschaft entwickelt habe, in der Brain Mitglieder missbrauche.

Lowe hatte die Bewegung zuvor selbst stark unterstützt.

Bereits 1992 hatte es jedoch Warnungen anderer Geistlicher gegeben.

Später sagte Lowe vor Gericht, Brain habe zunehmend den Eindruck einer messianischen Persönlichkeit vermittelt.

Als der Erzdiakon schließlich von Berichten erfuhr, wonach Frauen Brain mit sexuellen Handlungen „ins Bett gebracht“ hätten, konfrontierte er ihn.

Brain soll mit Vorwürfen konfrontiert worden sein, sexuelle Beziehungen zu bis zu 40 Frauen innerhalb der Bewegung gehabt zu haben.

Seine angebliche Reaktion darauf soll sinngemäß gewesen sein, dass er selbst von einer noch höheren Zahl ausgegangen sei.

Brain soll seit seiner Kindheit von Sex besessen gewesen sein

Die Church of England schickte Brain anschließend zu einem Psychiater.

Nach einem später vor Gericht vorgelegten Bericht soll Brain dort erklärt haben, bereits seit seinem zehnten Lebensjahr von Sex besessen gewesen zu sein.

Kurz vor der Ausstrahlung einer Fernsehdokumentation im Jahr 1995 trat Brain von seinem Amt zurück.

Damals räumte er öffentlich ein, dass sein sexuelles Verhalten gegenüber mehreren Frauen im Kontext seiner Tätigkeit als Priester unangemessen gewesen sei.

Der Skandal erschütterte die gesamte Gemeinschaft und sorgte landesweit für Schlagzeilen.

Für einige Menschen innerhalb der Kirche kam die Entwicklung jedoch offenbar nicht völlig überraschend.

Warnungen wurden offenbar nicht ernst genommen

Vor Gericht wurde berichtet, dass bereits Jahre vor Bekanntwerden der Vorwürfe Mitarbeiter von St Thomas’s Bedenken geäußert hatten.

Ein Mitarbeiter soll bei einer Besprechung gefragt haben, ob es angemessen sei, dass leicht bekleidete junge Frauen regelmäßig in Brains Familienhaus ein und aus gingen.

Seine Bedenken seien jedoch zurückgewiesen worden.

Auch der damalige Kurat Mark Stibbe erklärte, er habe Erzdiakon Lowe davor gewarnt, dass Brain sich zunehmend jeder Kontrolle entziehe und NOS auf eine Katastrophe zusteuere.

Lowe soll darauf geantwortet haben, dass man in der Diözese Sheffield keine „Hexenjagden“ veranstalte.

Brain verschwand aus der Öffentlichkeit

Nachdem der Skandal aus den Schlagzeilen verschwunden war, änderte Brain seinen Namen und zog sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück.

Später betrieb er eine Designberatung in Wilmslow in Cheshire.

Erst 2021 wandten sich ehemalige Mitglieder des Nine O’Clock Service an die Polizei von South Yorkshire.

Damit begann schließlich die strafrechtliche Aufarbeitung der jahrzehntealten Vorwürfe.

Kirche kündigt Untersuchung institutionellen Versagens an

Im Jahr 1995 hatte der damalige Bischof von Sheffield noch erklärt, eine Untersuchung sei seiner Ansicht nach nicht unbedingt sinnvoll.

Man wisse im Wesentlichen bereits, was geschehen sei.

Nach Brains späteren strafrechtlichen Verurteilungen änderte die Diözese ihre Haltung grundlegend.

Sie kündigte eine unabhängige Untersuchung zu möglichen institutionellen Versäumnissen beim Schutz Betroffener an.

Der heutige Bischof von Sheffield, Pete Wilcox, bezeichnete die Ereignisse als erschreckenden Missbrauch von Macht und Führungsverantwortung.

Ein solcher Missbrauch hätte niemals geschehen dürfen.

Der Fall wirft damit nicht nur Fragen nach der persönlichen Schuld Chris Brains auf.

Er zeigt auch, wie problematisch es werden kann, wenn charismatische Führungspersönlichkeiten innerhalb geschlossener Gemeinschaften kaum kontrolliert werden, Kritik unterdrückt wird und religiöse Autorität genutzt wird, um Abhängigkeiten zu schaffen.

Ebenso steht die Frage im Raum, warum Warnsignale innerhalb kirchlicher Strukturen offenbar über Jahre hinweg nicht konsequent verfolgt wurden.

Die strafrechtliche Aufarbeitung kommt für viele Betroffene Jahrzehnte nach den Ereignissen.

Mit der angekündigten unabhängigen Untersuchung dürfte sich nun auch die Church of England erneut mit der Frage beschäftigen müssen, welche institutionellen Fehler dazu beitrugen, dass der Missbrauch so lange möglich war.

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qimono (CC0), Pixabay

von Autor: Red. TB
am: Sonntag, 04.10.2026

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