Kenias junge Generation hat bereits gezeigt, dass sie Hunderttausende Menschen auf die Straße bringen kann. Nun verlagert sich ein Teil dieser politischen Energie in Richtung Wahlurne. Eine ungewöhnliche Registrierungskampagne über soziale Medien mobilisierte Millionen neue Wähler. Für die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2027 entsteht damit eine schwer einzuschätzende politische Kraft: jung, digital organisiert und zumindest teilweise weniger an traditionelle Parteien und ethnische Loyalitäten gebunden. Noch ist allerdings völlig offen, wem diese Wähler letztlich ihre Stimmen geben werden.
Politik soll plötzlich „cool“ sein
Ademba Allans verfolgt ein ungewöhnliches Ziel: Wählen soll für junge Kenianer attraktiv werden.
Der frühere studentische Journalist und heutige Aktivist startete Anfang des Jahres eine Kampagne zur Wählerregistrierung.
Statt klassischer politischer Veranstaltungen setzte er vor allem auf soziale Medien.
Kurze Videos, Selfies, Musik und Humor sollten junge Menschen erreichen, die mit traditionellen politischen Kampagnen wenig anfangen können.
Allans beschreibt diesen Ansatz als eine typische Form der Politik seiner Generation: modern, unterhaltsam und bewusst weit entfernt vom traditionellen Auftreten kenianischer Parteien.
2,6 Millionen neue Wähler registriert
Die Mobilisierung fiel mit einem starken Anstieg der Wählerregistrierungen zusammen.
Nach Abschluss einer großen Registrierungsphase waren landesweit rund 2,6 Millionen zusätzliche Wähler registriert.
Allans will bei der nächsten Runde weitere 2,3 Millionen Menschen zur Registrierung bewegen.
Für die Wahl 2027 könnte das erhebliche Bedeutung besitzen.
Mehr als 30 Prozent der Kenianer im wahlfähigen Alter sind jünger als 35 Jahre.
Damit bilden junge Menschen eine große Wählergruppe.
Entscheidend wird jedoch sein, ob Registrierung tatsächlich zu hoher Wahlbeteiligung führt – und wie sich diese Stimmen auf Parteien und Kandidaten verteilen.
Die Proteste von 2024 veränderten das politische Klima
Die politische Mobilisierung der Generation Z begann nicht erst mit der aktuellen Registrierungskampagne.
Bereits 2024 wurden junge Kenianer zu einem entscheidenden Faktor bei großen Protesten gegen ein umstrittenes Steuergesetz.
Die Demonstrationen setzten die Regierung erheblich unter Druck und führten schließlich dazu, dass sie bei dem Gesetz zurückwich.
Darauf folgte allerdings ein hartes Vorgehen der Sicherheitskräfte.
Bei den Protesten wurden zahlreiche Menschen getötet oder verletzt.
Diese Erfahrungen prägen einen Teil der jungen Generation bis heute.
Von der Straße an die Wahlurne
Nun stellt sich die Frage, ob sich diese Protestbewegung in dauerhafte politische Beteiligung übersetzen lässt.
Viele junge Kenianer kritisieren Korruption, Polizeigewalt, Arbeitslosigkeit und ihre wirtschaftlichen Perspektiven.
Doch eine Protestbewegung und eine erfolgreiche Wahlbewegung funktionieren unterschiedlich.
Demonstrationen können sich innerhalb weniger Stunden über soziale Netzwerke organisieren.
Wahlen verlangen dagegen Registrierung, langfristige Mobilisierung und letztlich die Entscheidung für konkrete Kandidaten.
Genau darin liegt die große Unbekannte vor 2027.
Keine gemeinsame Partei und kein gemeinsamer Kandidat
Die junge Bewegung besitzt bislang kein einheitliches politisches Zentrum.
Das kann Stärke und Schwäche zugleich sein.
Aktivisten wie Allans vermeiden bewusst die Unterstützung eines bestimmten Kandidaten oder einer Partei.
Stattdessen sprechen sie von guter Führung und davon, politische Entscheidungen weniger von traditionellen ethnischen Zugehörigkeiten abhängig zu machen.
Dadurch entsteht eine potenziell große Gruppe von Wählern, deren politische Richtung schwer vorherzusagen ist.
Ethnische Loyalitäten prägen Kenias Politik seit Jahrzehnten
Kenianische Wahlen sind traditionell stark von regionalen und ethnischen Bündnissen geprägt.
Parteien und Präsidentschaftskandidaten bauen Koalitionen auf, die verschiedene Bevölkerungsgruppen zusammenführen sollen.
Ein Teil der jungen Aktivisten will mit genau diesem politischen Muster brechen.
Sie argumentieren, dass nicht ethnische Herkunft, sondern politische Leistung, wirtschaftliche Perspektiven und Regierungsführung entscheidend sein sollten.
Ob dieser Anspruch bei einer nationalen Wahl tatsächlich Bestand hat, ist noch offen.
Präsident Ruto steht vor einer schwierigen Ausgangslage
Präsident William Ruto und seine United Democratic Alliance gehen mit politischen Belastungen in das Wahljahr 2027.
Eine im Ausgangsbericht zitierte Umfrage vom Juni ergab, dass mehr als drei Viertel der Befragten die Entwicklung des Landes als falsch einschätzten.
Rund zwei Drittel erklärten demnach, ihre persönliche wirtschaftliche Situation habe sich seit Rutos Wahl 2022 verschlechtert.
Solche Umfragewerte bilden allerdings lediglich die Stimmung zum jeweiligen Erhebungszeitpunkt ab und erlauben keine verlässliche Aussage über den Ausgang der Wahl 2027.
Hinzu kommt, dass die politische Opposition bislang zersplittert ist.
Ruto verweist auf seine Regierungsbilanz
Die Regierung widerspricht dem Eindruck, für junge Menschen zu wenig getan zu haben.
Ruto verweist unter anderem auf Programme für kleine Unternehmen und von Jugendlichen gegründete Firmen.
Dazu gehören Kredite und Fördermittel sowie Investitionen in Technologiezentren und digitale Beschäftigungsmöglichkeiten.
Die Regierung betont außerdem Reformen im Gesundheitswesen, mit denen der Zugang zur öffentlichen Gesundheitsversorgung erweitert werden soll.
Rutos Unterstützer argumentieren zudem, dass die hohe Jugendarbeitslosigkeit bereits lange vor seiner Präsidentschaft ein erhebliches Problem gewesen sei.
Junge Menschen fordern vor allem Arbeitsplätze
Bei Gesprächen mit jungen Kenianern taucht ein Thema besonders häufig auf: Beschäftigung.
Eine 22-jährige Informatikstudentin brachte ihre Priorität besonders deutlich zum Ausdruck und nannte Arbeitsplätze gleich mehrfach hintereinander.
Andere junge Menschen äußern Frustration darüber, dass politische Versprechen aus ihrer Sicht zu selten im Alltag ankommen.
Der Wunsch nach messbaren Ergebnissen könnte deshalb bei der kommenden Wahl eine wichtige Rolle spielen.
Dabei geht es nicht nur um abstrakte Wachstumszahlen.
Für viele junge Menschen zählt vor allem, ob sie selbst Arbeit finden und eine wirtschaftliche Perspektive entwickeln können.
Edwin Sifuna zieht junge Menschen an
Zu den Politikern, die derzeit Aufmerksamkeit bei Teilen der jungen Generation erhalten, gehört der Senator von Nairobi, Edwin Sifuna.
Er ist mit der Bewegung Linda Mwananchi verbunden, was sinngemäß „Schützt den Bürger“ bedeutet.
Die Bewegung betont Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit.
Sifuna machte während der Proteste von 2024 auf sich aufmerksam, als er versuchte, Sicherheitskräfte davon abzuhalten, auf Demonstranten zu schießen, die das Parlament stürmten.
Inzwischen veranstaltet er politische Kundgebungen, bei denen auffällig viele junge Menschen erscheinen.
Eine Präsidentschaftskandidatur ist bislang nicht erklärt
Sifuna hat bislang keine offizielle Kandidatur für das Präsidentenamt erklärt.
Dennoch reist er bereits durch das Land und wirbt für seine politischen Vorstellungen.
Seine Botschaft richtet sich stark auf Chancengleichheit.
Junge Menschen sollten unabhängig von Herkunft oder gesellschaftlicher Stellung faire Möglichkeiten bei Bildung, Beschäftigung und wirtschaftlichem Aufstieg erhalten.
Ob sich die Aufmerksamkeit für Sifuna in eine Präsidentschaftskandidatur oder eine andere politische Konstellation übersetzt, bleibt offen.
Auch Rutos Partei kämpft um die Jugend
Die Regierungspartei überlässt die junge Generation keineswegs ihren politischen Gegnern.
Vertreter der UDA versuchen ebenfalls, junge Menschen für ihre Politik zu gewinnen.
Kariuki Ngunjiri, Jugendvertreter der Partei, argumentiert, Präsident Ruto habe die Sorgen junger Menschen aufgenommen und Programme geschaffen, die konkrete wirtschaftliche Möglichkeiten eröffneten.
Die UDA weist außerdem die Vorstellung zurück, dass große Aufmerksamkeit in sozialen Medien automatisch politische Mehrheiten widerspiegele.
Für sie zählen konkrete Regierungsprogramme stärker als digitale Kampagnen.
Das Misstrauen gegenüber Wahlversprechen ist groß
Bei Veranstaltungen der Regierungspartei zeigt sich allerdings auch Skepsis.
Junge Besucher berichten, sie hätten ähnliche Versprechen bereits vor früheren Wahlen gehört.
Das betrifft beispielsweise Infrastrukturprojekte und neue Arbeitsplätze.
Andere wollen der Regierung dagegen mehr Zeit geben und hoffen, von den angekündigten Programmen zu profitieren.
Die Generation Z bildet damit keineswegs einen politisch einheitlichen Block.
Ihre Angehörigen besitzen unterschiedliche wirtschaftliche Interessen, regionale Hintergründe und politische Vorstellungen.
Geld spielt bei kenianischen Wahlen weiterhin eine große Rolle
Neben ethnischen Bündnissen gehört Geld zu den traditionellen Faktoren kenianischer Wahlkämpfe.
Bei politischen Veranstaltungen werden Teilnehmer teilweise bezahlt.
Auch bei einer von der BBC besuchten Veranstaltung erhielten Menschen nach Ende des Treffens Geldbeträge.
Solche Praktiken sind in Kenia nicht ungewöhnlich.
Politikanalyst Tom Mboya weist darauf hin, dass Wahlkämpfe im Land außergewöhnlich teuer sein können und finanzielle Ressourcen erheblichen Einfluss besitzen.
Damit trifft die digital organisierte Jugendbewegung auf ein etabliertes politisches System, das nach ganz anderen Regeln funktioniert.
Social Media gegen klassische Parteimaschinen
Genau darin könnte einer der interessantesten Konflikte der Wahl 2027 liegen.
Auf der einen Seite stehen Parteien mit etablierten Strukturen, lokalen Funktionären, finanziellen Ressourcen und jahrzehntelang aufgebauten politischen Netzwerken.
Auf der anderen Seite stehen junge Aktivisten, die innerhalb kurzer Zeit über Smartphones enorme Reichweiten erzeugen können.
Digitale Bewegungen benötigen weniger klassische Infrastruktur.
Sie können schnell entstehen und ebenso schnell Millionen Menschen erreichen.
Doch Reichweite in sozialen Netzwerken ist nicht dasselbe wie politische Organisation.
Millionen Registrierungen sind noch keine Wahlergebnisse
Die hohe Zahl neuer Wähler zeigt, dass politische Mobilisierung möglich ist.
Sie sagt aber noch nicht, welche politischen Folgen daraus entstehen.
Registrierte Wähler müssen am Wahltag tatsächlich abstimmen.
Und selbst dann können ihre Stimmen auf zahlreiche Kandidaten und Parteien verteilt werden.
Deshalb wäre es verfrüht, aus der Registrierung bereits einen bestimmten politischen Gewinner abzuleiten.
Auch die jungen Wähler selbst betonen teilweise, dass ihre Entscheidung noch offen sei.
2027 wird zum Test für eine neue politische Generation
Die Wahl 2027 dürfte deshalb zeigen, ob aus der Protestenergie der vergangenen Jahre eine dauerhafte politische Beteiligung entsteht.
Kenias junge Generation besitzt allein aufgrund ihrer Größe erhebliches politisches Gewicht.
Sie hat außerdem bewiesen, dass sie sich schnell und außerhalb traditioneller Parteistrukturen organisieren kann.
Doch die etablierten politischen Kräfte verfügen weiterhin über starke Organisationen, finanzielle Mittel und regionale Netzwerke.
Welche dieser Kräfte am Wahltag entscheidend sein werden, lässt sich derzeit nicht seriös bestimmen.
Fest steht lediglich: Die politischen Parteien können die junge Generation nicht mehr als Randgruppe behandeln.
Kenias Politik könnte sich verändern – aber die Richtung ist offen
Die vielleicht wichtigste Veränderung besteht deshalb zunächst nicht darin, wen die Generation Z unterstützt.
Entscheidend ist, dass Millionen junge Kenianer überhaupt stärker am politischen Prozess teilnehmen wollen.
Für Präsident Ruto, seine UDA und die verschiedenen Oppositionskräfte bedeutet das, dass sie sich stärker mit Themen beschäftigen müssen, die diese Generation unmittelbar betreffen: Arbeitsplätze, Lebenshaltungskosten, Korruption, staatliche Gewalt, Bildung und wirtschaftliche Chancen.
Die jungen Wähler wiederum stehen vor ihrem eigenen Test.
Auf der Straße und in sozialen Medien haben sie bereits gezeigt, dass sie politischen Druck erzeugen können.
2027 wird sich zeigen, in welchem Umfang sie diese Mobilisierung auch an die Wahlurne übertragen.


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