Wien, 29. September 2026 – Österreich startet mit einer ungewöhnlich bewegten politischen und wirtschaftlichen Nachrichtenlage in den Dienstag. In der SPÖ verschärft sich der Machtkampf zwischen Parteichef Andreas Babler und Herausforderer Gerhard Zeiler. Der Nationalrat hat unterdessen eine neue Spritpreisbremse beschlossen, während steigende Energiepreise die Inflation erneut antreiben könnten.
Auch wirtschaftlich gibt es Bewegung: Die OMV kommt bei ihrem milliardenschweren Gasprojekt im Schwarzen Meer voran, gleichzeitig melden mehrere Unternehmen Insolvenz oder Standortprobleme.
Zeiler gegen Babler: Die SPÖ kommt nicht zur Ruhe
Das derzeit dominierende innenpolitische Thema ist die Führungsfrage innerhalb der SPÖ.
Der langjährige Medienmanager Gerhard Zeiler hat seine Ambitionen auf den Parteivorsitz inzwischen ausdrücklich bestätigt.
Zeiler erklärte, er halte sich für die richtige Person, um die Partei aus ihrem derzeitigen Umfragetief zu führen.
Politisch will er die SPÖ stärker wirtschaftsfreundlich positionieren.
Er fordert unter anderem weniger Bürokratie für Unternehmen und betont, dass wirtschaftliches Wachstum Voraussetzung für einen leistungsfähigen Sozialstaat sei. Eine Erbschaftsteuer könne er sich nur vorstellen, wenn im Gegenzug die Besteuerung von Arbeit entsprechend sinke.
Parteichef und Vizekanzler Andreas Babler denkt dagegen nicht an Rückzug.
Er verweist darauf, dass er erst vor wenigen Monaten auf einem Parteitag mit deutlicher Mehrheit bestätigt worden sei und einen klaren demokratischen Auftrag habe.
Damit zeichnet sich ein offener innerparteilicher Machtkampf ab.
Viele in der SPÖ warten noch ab
Bemerkenswert ist, dass sich zahlreiche einflussreiche SPÖ-Politiker bislang nicht eindeutig positionieren.
Besonders wichtig dürfte die Wiener Landesorganisation werden.
Bürgermeister Michael Ludwig hat bislang vermieden, sich öffentlich auf die Seite Bablers oder Zeilers zu stellen.
Die Wiener SPÖ erklärte lediglich, man wolle die parteiintern vorgesehenen demokratischen Verfahren respektieren und sich zu gegebener Zeit eine Meinung bilden.
Das ist politisch deshalb relevant, weil Wien zu den mächtigsten Landesorganisationen der Partei gehört.
Doskozil bleibt skeptisch gegenüber Zeiler
Deutlicher positioniert sich Burgenlands Landeshauptmann Hans Peter Doskozil.
Er bleibt Zeilers Bewerbung gegenüber kritisch.
Doskozil sieht bei Zeiler einen wirtschaftsliberalen sozialdemokratischen Kurs nach dem Vorbild der 1990er-Jahre und bezweifelt, dass dies der richtige Weg sei, um die politische Konkurrenz zurückzudrängen.
Ein persönliches Gespräch zwischen beiden ist allerdings geplant.
Damit ist eines schon jetzt klar:
Eine mögliche Ablösung Bablers wäre keine reine Personalentscheidung, sondern würde auch einen Richtungsstreit innerhalb der SPÖ auslösen.
Regierung beschließt neue Spritpreisbremse
Während die SPÖ über ihre Führung diskutiert, hat die Bundesregierung ein wirtschaftspolitisches Sofortprojekt durch den Nationalrat gebracht.
Am Montag wurde eine neue Spritpreisbremse beschlossen.
Sie gilt für Oktober und November.
Die Mineralölsteuer wird um 6,7 Cent pro Liter gesenkt. Beim Diesel fällt die Steuer damit auf das europäische Mindestniveau.
Zusätzlich wird die Gewinnmarge begrenzt.
Nach Angaben der Regierungsparteien soll daraus insgesamt eine Entlastung von mehr als zwölf Cent je Liter Kraftstoff entstehen.
Beschlossen wurde die Maßnahme mit den Stimmen von ÖVP, SPÖ und NEOS.
Opposition hält Maßnahme für unzureichend
Die FPÖ kritisierte das Paket scharf.
Parteichef Herbert Kickl bezeichnete die Maßnahme als unzureichend und fordert stattdessen unter anderem eine Abschaffung beziehungsweise deutliche Reduzierung der CO₂-Bepreisung.
Auch von den Grünen kam Kritik.
Sie forderten eine stärkere Begrenzung der Gewinnmargen der Mineralölkonzerne sowie eine Ausweitung der Übergewinnbesteuerung auf weitere Energiebereiche.
Die Regierung argumentiert dagegen, dass angesichts hoher Ölpreise schnelle Entlastung notwendig sei.
Inflation könnte erneut steigen
Der Hintergrund der Spritpreisbremse ist eindeutig.
Die Inflation hat sich in Österreich wieder beschleunigt.
Im August lag die Teuerungsrate bei 3,2 Prozent.
Vor allem Treibstoffe und Heizöl wurden deutlich teurer.
Heizöl kostete zuletzt beinahe 50 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, Gas knapp acht Prozent mehr.
Auch Mieten legten um 4,4 Prozent zu.
Der Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts WIFO, Gabriel Felbermayr, hatte bereits davor gewarnt, dass die neuerliche Energiepreiskrise die Inflation weiter nach oben treiben könne.
Der Iran-Konflikt trifft Österreich über die Tankstelle
Die Ursache liegt nicht nur in Österreich.
Öl- und Gaspreise sind infolge der internationalen Spannungen rund um Iran und die Straße von Hormus deutlich gestiegen.
Brent-Rohöl notiert international inzwischen wieder oberhalb von 100 Dollar pro Barrel.
Auch Gas verteuerte sich.
Für Österreich bedeutet das höhere Kosten bei Treibstoffen, Heizenergie und indirekt auch bei zahlreichen Waren und Dienstleistungen.
Die Europäische Zentralbank steht damit ebenfalls unter Druck. EZB-Präsidentin Christine Lagarde sagte am Montag, dass die Inflation im Euroraum wegen der Energiepreise bis Jahresende in Richtung vier Prozent steigen könnte.
OMV kommt bei „Neptun Deep“ voran
Eine wichtige Nachricht für Österreichs Energieversorgung kommt aus Rumänien.
Die OMV-Tochter Petrom und der rumänische Staatskonzern Romgaz planen, im ersten Halbjahr 2027 erstmals Gas aus dem Projekt Neptun Deep im Schwarzen Meer zu fördern.
Die Offshore-Förderplattform „Neptun Alpha“ wurde inzwischen erfolgreich installiert.
Nach Angaben der OMV liegt das Projekt weiterhin im Zeitplan.
Neptun Deep gilt als eines der größten Gasprojekte Europas.
Für Österreich könnte das Projekt zusätzliche Bezugsquellen in Südosteuropa schaffen und damit die Abhängigkeit von einzelnen Lieferländern weiter reduzieren.
Österreich setzt stärker auf Arbeiten im Pensionsalter
Parallel dazu tritt ab Anfang 2027 die neue sogenannte Aktivpension in Kraft.
Wer das gesetzliche Pensionsalter erreicht hat und weiterarbeitet, kann einen Steuerfreibetrag von bis zu 1.250 Euro monatlich beziehungsweise 15.000 Euro jährlich erhalten.
Voraussetzung sind grundsätzlich mindestens 40 Versicherungsjahre.
Hintergrund ist auch der Fachkräftemangel.
Die Zahl arbeitender Pensionisten hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen.
Seit 2020 stieg sie bei Arbeitern und Angestellten von rund 26.000 auf ungefähr 43.000.
Firmeninsolvenzen bleiben hoch
Die wirtschaftliche Lage vieler österreichischer Unternehmen bleibt angespannt.
Für die ersten drei Quartale 2026 erwartet der Kreditschutzverband KSV1870 rund 5.140 Unternehmensinsolvenzen.
Das entspricht ungefähr dem bereits hohen Niveau des Vorjahres.
Besonders betroffen sind:
Handel,
Bau,
Gastronomie
und Beherbergung.
Bemerkenswert ist, dass bei rund 43 Prozent der Fälle ein Insolvenzverfahren gar nicht eröffnet werden kann, weil nicht genügend Vermögen vorhanden ist, um die Verfahrenskosten zu decken.
Autozulieferer Obrist: Drei Gesellschaften insolvent
Ein aktueller Fall kommt aus Vorarlberg.
Drei Unternehmen aus der Obrist-Gruppe sind zahlungsunfähig.
Die Verbindlichkeiten summieren sich laut ORF-Bericht auf rund 31,8 Millionen Euro.
Betroffen sind Obrist Powertrain, Obrist Technologies und die deutsche Obrist DE.
Das Stammunternehmen Obrist Engineering ist nach Angaben des Firmengründers nicht betroffen.
Als Gründe werden hohe Entwicklungskosten, fehlende Einnahmen, gescheiterte Investorengespräche und die Krise der europäischen Automobilindustrie genannt.
Landwirtschaft mit neuem Problem: Österreich braucht Zuckerimporte
Auch aus der Landwirtschaft kommt eine ungewöhnliche Nachricht.
Die österreichische Zuckerrübenernte fällt erneut schwach aus.
Nach ORF-Angaben reicht die heimische Produktion erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr aus, um Österreich vollständig mit Zucker zu versorgen.
Damit werden zusätzliche Importe notwendig.
Der Fall zeigt beispielhaft, dass hohe Energiepreise, Wetterextreme und steigende Produktionskosten auch bei Grundnahrungsmitteln zunehmend Auswirkungen haben.
Wirtschaftspolitisch schwieriger Herbst
Für die Bundesregierung entsteht damit ein schwieriges Spannungsfeld.
Einerseits muss sie Verbraucher wegen hoher Energiepreise entlasten.
Andererseits steht Österreich wegen seines Budgetdefizits unter erheblichem Sparzwang.
Gleichzeitig benötigt die Wirtschaft Investitionen, Unternehmen kämpfen mit hohen Kosten und Fachkräftemangel, und die Inflation ist noch nicht wieder dauerhaft unter Kontrolle.
Die Spritpreisbremse verschafft Autofahrern kurzfristig Entlastung.
Sie löst aber keines dieser strukturellen Probleme.
Fazit
Österreich startet politisch und wirtschaftlich in einen unruhigen Herbst.
Innerhalb der SPÖ entwickelt sich ein offener Machtkampf, der inzwischen auch Auswirkungen auf die Bundesregierung haben könnte.
Parallel versucht die Koalition mit der Spritpreisbremse auf die steigenden Energiepreise zu reagieren.
Die Wirtschaft liefert ein gemischtes Bild:
OMV macht bei einem strategisch wichtigen Gasprojekt Fortschritte.
Die Aktivpension soll dem Fachkräftemangel entgegenwirken.
Gleichzeitig bleiben die Unternehmensinsolvenzen hoch und einzelne Industrieunternehmen geraten zunehmend unter Druck.
Die entscheidende Frage der kommenden Wochen dürfte deshalb lauten:
Kann Österreich gleichzeitig Inflation bekämpfen, Unternehmen entlasten und sein Budget sanieren – ohne dass eine dieser drei Aufgaben auf Kosten der anderen geht?


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