Jane Austen wird seit Jahrzehnten immer wieder für Kino und Fernsehen neu entdeckt. Auch 2026 stehen mit einer neuen Verfilmung von „Sense and Sensibility“ und einer weiteren TV-Version von „Pride and Prejudice“ gleich zwei große Adaptionen auf dem Programm. Doch gerade eingefleischte Austen-Kenner sehen viele dieser Produktionen kritisch. Historiker und Literaturwissenschaftler nennen vier Fehler, die besonders häufig vorkommen: zu viel Märchenromantik, zu moderne Schönheit, zu wenig sprachlicher Witz – und Männer, die für Jane Austen schlicht viel zu gut aussehen.
Jane Austen hätte vermutlich ihre Freude daran.
Mehr als 200 Jahre nach ihrem Tod streitet die Welt noch immer leidenschaftlich darüber, wer Elizabeth Bennet, Mr Darcy, Elinor Dashwood oder Anne Elliot am überzeugendsten verkörpert.
Jede Generation bekommt ihre eigene Austen.
Und jede Generation ist anschließend davon überzeugt, dass ausgerechnet ihre Version natürlich die beste war.
Das eigentliche Problem beginnt jedoch dort, wo aus Jane Austen etwas gemacht wird, was ihre Romane nur teilweise waren: romantische Märchen mit schönen Menschen in wunderschönen Kleidern vor wunderschönen englischen Herrenhäusern.
Denn Austen war wesentlich bissiger.
Ihre Bücher handelten von Geld, gesellschaftlichem Status, Abhängigkeiten und den begrenzten Möglichkeiten von Frauen. Und selbstverständlich von Liebe – nur eben nicht ausschließlich davon.
Fehler Nummer eins: Aus Jane Austen wird Rosamunde Pilcher mit Empire-Kleidern
In vielen Verfilmungen steht die große Liebesgeschichte im Mittelpunkt.
Genau das verschiebt nach Ansicht von Austen-Forschern den Schwerpunkt der Romane.
Kathryn Sutherland von der Universität Oxford bezeichnet Austen vielmehr als psychologische Schriftstellerin. Im Mittelpunkt stünden ihre Heldinnen, deren persönliche Entwicklung und die moralischen und gesellschaftlichen Schwierigkeiten, die sie überwinden müssen.
Liebe gehört natürlich dazu.
Aber eben als Teil einer größeren Geschichte.
Austen beschäftigte sich auch mit Untreue, Glücksspiel, gesellschaftlichen Klassenunterschieden und wirtschaftlicher Unsicherheit. Selbst die Sklaverei wird in ihren Werken mehrfach angesprochen, wobei ihre persönliche Haltung dazu bis heute wissenschaftlich diskutiert wird.
Vor allem die wirtschaftliche Lage von Frauen spielt eine wesentlich größere Rolle, als man beim Anblick mancher romantischer Kinoadaption vermuten könnte.
Bis auf Emma Woodhouse befinden sich die meisten Austen-Heldinnen in einer finanziell unsicheren Position. Eine vorteilhafte Heirat konnte deshalb nicht nur das Herz erfreuen, sondern schlicht die wirtschaftliche Existenz sichern.
Professorin Sandie Byrne von der Universität Oxford weist darauf hin, dass Austen ihren Markt durchaus kannte. Natürlich musste am Ende häufig das Mädchen den Mann bekommen.
Nur machte Austen daraus normalerweise kein Hollywood-Finale mit großem Kuss, Hochzeit, Kirchenglocken und anschließendem Sonnenuntergang.
Und selbst nach der Hochzeit war keineswegs garantiert, dass die Frau fortan sorgenfrei lebte. Ihre Sicherheit hing weiterhin vom Charakter ihres Mannes und vom Umgang des Ehepaares mit Geld ab. Moderne Verfilmungen vermitteln dagegen häufig den Eindruck: geheiratet, Problem erledigt.
Jane Austen war offenbar etwas realistischer.
Fehler Nummer zwei: Wo sind eigentlich die Hauben?
Kaum war der Trailer zur neuen „Sense and Sensibility“-Verfilmung veröffentlicht, meldeten sich Austen-Fans mit einer Frage, die vermutlich nur bei historischen Literaturverfilmungen einen mittelschweren Kulturkampf auslösen kann:
Wo sind die Hauben?
Elinor und Marianne Dashwood sind darin mehrfach mit offenem langen Haar zu sehen.
Sie sind allerdings 19 beziehungsweise 17 Jahre alt.
Und genau das wäre zur Regency-Zeit gesellschaftlich ziemlich ungewöhnlich gewesen.
Nach Angaben Byrnes trugen lediglich sehr junge Mädchen ihr Haar offen. Ältere Mädchen und erwachsene Frauen steckten es hoch und trugen in der Öffentlichkeit eine Haube. Das gehörte gewissermaßen zum sichtbaren Übergang ins Erwachsenenleben.
Natürlich erscheinen auch in der neuen Verfilmung gelegentlich Hauben.
Nur offenbar nicht besonders häufig.
Jane Austen und das gefürchtete „iPhone-Gesicht“
Noch komplizierter wird es beim Make-up.
Die Netflix-Verfilmung von „Persuasion“ aus dem Jahr 2022 sorgte unter Austen-Fans unter anderem deshalb für Diskussionen, weil Dakota Johnson als Anne Elliot mit sichtbar rosigem Lippenstift und Mascara auftrat.
Im Internet machte anschließend ein Begriff die Runde: „iPhone face“.
Gemeint sind Schauspieler in historischen Produktionen, die so eindeutig nach dem 21. Jahrhundert aussehen, dass man jederzeit damit rechnet, sie könnten unter ihrem Empire-Kleid kurz das Smartphone hervorholen.
Literaturwissenschaftlerin Juliette Wells vom amerikanischen Goucher College stört sich dabei nicht nur an Make-up und Frisuren.
Sie nennt noch ein anderes Problem:
die Zähne.
Und die durchtrainierten Körper.
Moderne Schauspieler verfügen häufig über perfekte Zahnreihen, Veneers, kieferorthopädisch korrigierte Gebisse und Körper, die aussehen, als hätten ihre Besitzer gerade ein Jahresabo im Fitnessstudio abgeschlossen.
Jane Austens Figuren waren etwas weniger optimiert.
Wells weist darauf hin, dass erstaunlich wenige Austen-Figuren ausdrücklich wegen schöner Zähne beschrieben werden. Historisch betrachtet dürften makellose Gebisse ohnehin deutlich seltener gewesen sein.
Das Problem ist für Filmemacher praktisch kaum vollständig lösbar.
Man kann historisch korrekte Kleider nähen und authentische Möbel aufstellen.
Wenn darin anschließend Menschen sitzen, die aussehen, als kämen sie gerade vom Personal Trainer, Zahnarzt und Beauty-Shooting, bleibt das 21. Jahrhundert trotzdem sichtbar.
Selbst historisch korrekte Kleider können historisch falsch sein
Interessant ist noch ein weiteres Detail.
Filmproduktionen orientieren sich bei Kostümen häufig sehr genau an der Mode des Jahres, in dem eine Geschichte spielt.
Das klingt logisch.
Historisch muss es trotzdem nicht stimmen.
Denn Menschen kauften Anfang des 19. Jahrhunderts nicht jede Saison eine neue Garderobe.
Sehr wohlhabende Personen konnten sich regelmäßig neue Kleidung leisten. Die gesellschaftliche Schicht, über die Austen häufig schrieb, besaß dagegen wesentlich weniger Kleidungsstücke und trug sie entsprechend lange.
Die Menschen liefen also nicht permanent in der allerneuesten Mode herum.
Mit anderen Worten:
Selbst der historisch perfekt rekonstruierte Mantel von 1811 kann an der falschen Figur fast schon wieder zu authentisch sein.
Fehler Nummer drei: Jane Austen muss man hören
Der vielleicht größte Verlust bei Verfilmungen betrifft allerdings etwas, das sich wesentlich schwieriger fotografieren lässt.
Austens Sprache.
Ihre Romane leben von Ironie, Humor, Satire und einer ausgesprochen präzisen Wortwahl.
Sandie Byrne bringt es auf den Punkt: Genau deshalb werde Austen schließlich gelesen.
Das Kino funktioniert allerdings zunehmend anders.
Es will Bilder.
Große Landschaften.
Nebel über englischen Wiesen.
Ein Pferd.
Ein Herrenhaus.
Noch mehr Nebel.
Und selbstverständlich einen attraktiv dreinblickenden Mann, der irgendwo in der Ferne steht und vermutlich gerade sehr komplizierte Gefühle hat.
Austen dagegen beschreibt Landschaften vergleichsweise sparsam.
Nach Ansicht Byrnes lädt sie ihre Leser weniger zum Sehen als zum Hören ein.
Ihre Geschichten entstehen vor allem durch Gespräche.
Kathryn Sutherland sieht deshalb bei manchen modernen Verfilmungen eine Verschiebung hin zu einer romantischen Bildsprache, die eher an Charlotte Brontë erinnert.
Die neue „Sense and Sensibility“-Version setzt beispielsweise stark auf eindrucksvolle Landschaftsbilder und eine romantische Atmosphäre.
Optisch kann das wunderschön sein.
Nur ist wunderschön eben nicht automatisch Jane Austen.
Und bitte keine Dialoge aus dem Jahr 2026
Besonders heikel wird es, wenn Drehbuchautoren Austens berühmte Sätze mit moderner Sprache kombinieren.
Bei der Netflix-Version von „Persuasion“ sorgte beispielsweise ein ausgesprochen zeitgenössisch klingender Satz über Ex-Partner und Freundschaft für Kritik.
Für Wells liegt gerade in Austens präziser Wortwahl einer der größten Reize der Originalromane. Eine Verfilmung könne dieses sprachliche Vergnügen kaum vollständig übertragen.
Hinzu kommt das Tempo.
Jane Austen hatte Zeit.
Sehr viel Zeit.
Figuren dürfen sich langsam entwickeln. Gespräche dürfen dauern. Menschen dürfen sich einer Erkenntnis über viele Seiten hinweg widersetzen.
Ein moderner Kinofilm hat ungefähr zwei Stunden.
Danach muss Mr Darcy bitte verstanden haben, was er falsch gemacht hat.
Fehler Nummer vier: Die Männer sind einfach zu attraktiv
Und schließlich kommen wir zum möglicherweise schwierigsten Problem sämtlicher Jane-Austen-Verfilmungen:
Hollywood besetzt zu schöne Menschen.
Das klingt zunächst wie eine ziemlich angenehme Fehlentscheidung.
Dramaturgisch kann sie jedoch tatsächlich zum Problem werden.
Austen beschreibt das Aussehen ihrer Figuren häufig erstaunlich wenig. Stattdessen entwickelt sich die Wahrnehmung ihrer Attraktivität durch Verhalten und Charakter.
Besetzt man die männlichen Hauptrollen dagegen sofort mit außergewöhnlich attraktiven Schauspielern, weiß das Publikum praktisch beim ersten Auftritt:
Aha. Der wird’s.
Damit wird ein Teil der Geschichte vorweggenommen.
Ein schönes Beispiel dafür ist Hugh Grant als Edward Ferrars in Ang Lees „Sense and Sensibility“ von 1995.
Der Film fügte sogar eine Szene hinzu, in der Ferrars spielerisch mit der jungen Margaret Dashwood fechtet.
Damit ist innerhalb weniger Augenblicke klar:
sympathisch, charmant, attraktiv – romantischer Hauptgewinn.
Das Problem daran?
Jane Austen führt Edward Ferrars im Roman ausdrücklich als nicht besonders gutaussehend ein.
Hollywood hat diesen Hinweis offenbar gelesen und beschlossen:
Vielen Dank für die Information.
Wir nehmen trotzdem Hugh Grant.
Vielleicht müssen Jane-Austen-Verfilmungen genau deshalb immer wieder scheitern
Das Interessante an dieser Kritik ist, dass sie keineswegs bedeutet, Austen-Verfilmungen seien grundsätzlich schlecht.
Das eigentliche Problem liegt möglicherweise darin, dass Literatur und Film völlig unterschiedliche Dinge besonders gut können.
Kino kann Landschaften, Blicke, Musik, Kostüme und große romantische Momente erzeugen.
Jane Austen war dagegen Meisterin des gesprochenen und geschriebenen Wortes. Ihre Geschichten leben von Zwischentönen, Ironie, gesellschaftlicher Beobachtung und Figuren, die wesentlich komplizierter sind, als ein hübsches Kleid und eine Liebesgeschichte vermuten lassen.
Deshalb wird vermutlich auch die perfekte Austen-Verfilmung niemals existieren.
Und vielleicht ist das sogar ganz praktisch.
Denn solange Filmproduzenten zu viel Make-up verwenden, die Hauben vergessen, den Dialog modernisieren und Männer besetzen, die entschieden attraktiver sind, als Jane Austen sie beschrieben hat, bleibt Austen-Fans schließlich eine ihrer liebsten Beschäftigungen:
sich über Jane-Austen-Verfilmungen aufzuregen.


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