Es gibt Budgets, die wachsen langsam.
Und dann gibt es Budgets, die offenbar beschlossen haben, Raketenantrieb zu bekommen.
Bei der Wirtschaftskammer Wien entwickelte sich der Aufwand für PR, Presse- und Medienarbeit unter dem früheren Präsidenten Walter Ruck jedenfalls ausgesprochen dynamisch: Aus rund 64.000 Euro im Jahr 2015 wurden bis 2024 ungefähr 976.000 Euro.
Mit anderen Worten:
Aus Kommunikation wurde Kommunikationsindustrie.
Einmal PR-Beratung reicht? Offenbar nicht
Besonders interessant: Die Wirtschaftskammer setzte nicht nur auf eine externe Kommunikationsberatung.
Nein.
Wenn schon, denn schon.
Neben der Agentur von Rudolf Fußi war auch die Agentur rund um Wolfgang Rosam im Einsatz.
Die eine Seite kümmerte sich unter anderem um Beratung und Kommunikation, die andere um strategische Themenführung und politische Positionierung.
Man könnte sagen:
Die Kammer wollte nicht nur wissen, was sie sagen soll.
Sie wollte offenbar auch wissen, wie sie es sagt, wann sie es sagt und möglichst auch, dass es anschließend alle gehört haben.
2.000 Euro für das Wochenende: Kommunikation kennt keinen Sonntag
Besonders hübsch wirkt aus heutiger Sicht eine Vereinbarung aus dem Jahr 2017.
Für die Bereitschaft an Wochenenden und Feiertagen war für Rudolf Fußis Agentur eine Pauschale von 2.000 Euro monatlich vorgesehen.
Das bedeutet natürlich nicht, dass jeden Sonntag um 8.30 Uhr das Telefon klingelte.
Aber beruhigend ist es schon zu wissen:
Sollte Österreich an einem Feiertag plötzlich ein Kommunikationsproblem bekommen haben, war wenigstens jemand erreichbar.
Die Kammer erklärt dazu, dass die Leistung regelmäßig genutzt worden sei und eine Einzelabrechnung nach Stunden teurer gekommen wäre.
Kommunikation zum Pauschaltarif also.
Fast wie eine Flatrate.
Nur ohne Streaming.
Persönliche Beratung für den Präsidenten
Noch interessanter wird es beim Paket für die Beratung des Präsidenten und des Direktoriums.
Dafür wurden zuletzt 15.394 Euro monatlich angesetzt.
Das ist eine Summe, bei der sich mancher Kleinunternehmer vermutlich kurz fragt, ob er seine nächste Presseaussendung nicht doch lieber selbst in Word schreibt.
Aber Kommunikation auf Präsidentenebene hat offenbar ihre eigenen Tarife.
Schließlich musste nicht einfach nur mitgeteilt werden, was die Wirtschaftskammer macht.
Es musste offenbar auch erklärt werden, warum das alles wichtig ist.
Und wahrscheinlich am besten mehrfach.
Dann kam noch die Themenführerschaft
Parallel dazu gab es die Beratung durch die Agentur rund um Wolfgang Rosam.
Ziel war unter anderem, die Wirtschaftskammer Wien als politische Themenführerin zu positionieren.
Dafür waren zuletzt 6.500 Euro monatlich vorgesehen.
Das klingt fast ein wenig wie Fußball:
Nicht hinterherlaufen.
Nicht reagieren.
Das Spiel bestimmen.
Ballbesitz bei Wirtschaftsthemen.
Und wenn möglich noch die Schlagzeile dazu.
Die Begründung: Es gab Krisen
Die Wirtschaftskammer verweist darauf, dass die Jahre seit 2015 nicht gerade ereignisarm waren.
Pandemie, Ukraine-Krieg, Fachkräftemangel.
Alles Themen, bei denen Kommunikation zweifellos wichtig ist.
Und natürlich braucht eine große Interessenvertretung Öffentlichkeitsarbeit.
Die spannende Frage ist allerdings weniger, ob kommuniziert werden musste.
Sondern wie aus rund 64.000 Euro schließlich fast eine Million Euro werden konnten.
Denn zwischen „Wir müssen mehr erklären“ und „Wir verfünfzehnfachen das Budget“ liegt doch noch ein gewisser finanzieller Spaziergang.
18,579 Millionen Euro? Jetzt wird es richtig kommunikativ
Die Wiener FPÖ fordert inzwischen eine Sonderprüfung und nennt für veröffentlichte Aufträge seit 2019 ein Volumen von 18,579 Millionen Euro.
Dabei muss allerdings fairerweise gesagt werden: Diese Summe lässt sich nicht einfach mit tatsächlich ausgegebenen PR-Beratungshonoraren gleichsetzen.
Rahmenvereinbarungen wurden nicht zwingend vollständig ausgeschöpft, außerdem können darin auch Kosten für Inserate, Plakatflächen und andere Leistungen enthalten sein.
Trotzdem ist die Größenordnung geeignet, um bei Mitgliedern gewisse Nachfragen auszulösen.
Zum Beispiel:
Wie viel Kommunikation braucht eine Wirtschaftskammer eigentlich, bis sie genug kommuniziert hat?
Elf Jahre lang jedes Jahr neu
Besonders bemerkenswert ist auch die Vergabepraxis.
Die Beratungsvereinbarungen mit Rosams Agentur wurden von 2015 bis 2025 jedes Jahr neu abgeschlossen.
Also elf Jahre hintereinander.
Teilweise direkt vergeben, teilweise offenbar in Verfahren, bei denen am Ende nur ein Angebot vorhanden war.
Auf die Frage, ob Vergleichsangebote eingeholt wurden und warum die Leistungen nicht grundsätzlich breiter ausgeschrieben wurden, blieb die Kammer eine konkrete Antwort schuldig.
Inzwischen sind die Verträge beendet.
Künftig soll stärker projektbezogen ausgeschrieben werden.
Im Sinne der Transparenz.
Man könnte sagen:
Nach elf Jahren Beratung hat man offenbar festgestellt, dass auch Ausschreibungen eine Form der Kommunikation sind.
Das eigentliche Problem ist nicht PR
Öffentlichkeitsarbeit kostet Geld.
Das ist normal.
Eine Wirtschaftskammer muss ihre Mitglieder informieren, politische Positionen erklären und auf gesellschaftliche Entwicklungen reagieren.
Problematisch wird es erst dann, wenn die Dimensionen Fragen aufwerfen.
Wenn sich ein PR-Budget innerhalb weniger Jahre vervielfacht.
Wenn zwei externe Beratungen gleichzeitig laufen.
Wenn persönliche Beratung des Präsidenten mit fünfstelligen Monatsbeträgen abgerechnet wird.
Und wenn bei langjährigen Verträgen die Frage entsteht, wie intensiv überhaupt nach Alternativen gesucht wurde.
Kommentar
Vielleicht war Walter Ruck einfach ein Mann, der an Kommunikation glaubte.
Sehr stark sogar.
Andere kaufen ein Mikrofon.
Die Wirtschaftskammer Wien kaufte offenbar gleich die komplette Tonanlage.
Am Ende bleibt eine einfache Frage:
Wenn eine Institution fast eine Million Euro im Jahr für PR, Presse und Medienarbeit ausgibt – muss sie dann besonders viel erklären?
Oder besonders gut erklären, warum sie so viel fürs Erklären ausgibt?


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