Mitten in den Tropen, nur rund 450 Kilometer vom Äquator entfernt, liegt eines der außergewöhnlichsten Eisgebiete der Erde. Seit Jahrhunderten tragen die höchsten Berge Papuas Schnee und Gletscher – für Wissenschaftler ein einzigartiges Klimaarchiv, für indigene Gemeinschaften ein heiliger Ort. Doch vom einst gewaltigen Eis sind nur noch winzige Flächen übrig. Wissenschaftler rechnen damit, dass das sogenannte „ewige Eis“ am Puncak Jaya bereits innerhalb der kommenden ein bis zwei Jahre vollständig verschwinden könnte.
Schnee in Indonesien klingt zunächst wie ein geografischer Irrtum.
Doch auf den höchsten Gipfeln der Sudirman-Bergkette in Papua gehörten Schnee und Gletscher über Jahrhunderte tatsächlich zum Landschaftsbild. Noch vor rund 100 Jahren trugen alle vier großen Gipfel entlang eines etwa 300 Kilometer langen Abschnitts der Gebirgskette dauerhaft Schnee und Eis.
Heute ist davon fast nichts mehr vorhanden.
Lediglich rund um den Puncak Jaya, der auch als Carstensz-Pyramide bekannt ist, existieren noch kleine Eis- und Schneeflächen.
Und auch deren Zeit scheint abzulaufen.
Forscher erwarten, dass die letzten Reste innerhalb von nur ein oder zwei Jahren verschwinden könnten.
Von 1.900 Hektar bleiben gerade einmal 16
Die Dimension des Rückgangs zeigt sich besonders eindrucksvoll beim Blick auf die Fläche.
Im 19. Jahrhundert bedeckten die Gletscher rund um den Puncak Jaya noch fast 1.900 Hektar.
Heute sind es nur noch ungefähr 16 Hektar.
Damit sind innerhalb weniger Generationen praktisch vollständige Gletscherlandschaften verschwunden.
Der dänische Forscher Klaus Thymann und sein Team haben die Entwicklung mithilfe von Drohnen und dreidimensionalen Geländemodellen dokumentiert.
Seine Bilanz fällt drastisch aus: Allein vom Beginn der 2000er-Jahre bis 2025 sei die vergletscherte Fläche um etwa 95 Prozent zurückgegangen.
Es sei praktisch kein Eis mehr vorhanden.
Ein einzigartiger Gletscher mitten in den Tropen
Für die Wissenschaft ist der Verlust besonders schmerzhaft.
Die Gletscher Papuas liegen Tausende Kilometer von anderen großen Gletschersystemen entfernt. Nach Angaben der tschechischen Gletscherökologin Marie Šabacká handelt es sich um das letzte verbliebene tropische Eis zwischen den Anden und dem Himalaya.
Šabacká reiste im März zum Puncak Jaya, um noch Proben zu nehmen, bevor das Eis endgültig verschwindet.
Denn Gletscher sind weit mehr als gefrorenes Wasser.
Schicht für Schicht speichern sie Informationen über die Vergangenheit. Eisbohrkerne können Wissenschaftlern Hinweise darauf geben, wie sich Atmosphäre, Niederschläge und Temperaturen über lange Zeiträume verändert haben.
Beim Puncak Jaya ist dieses Klimaarchiv besonders interessant, weil die Insel von einigen der wärmsten Meeresregionen der Erde umgeben ist.
Forscher können anhand des Eises unter anderem Veränderungen im tropischen Pazifik und im sogenannten Western Pacific Warm Pool untersuchen.
Doch dieses Archiv schmilzt gerade weg – schneller, als Wissenschaftler es vollständig untersuchen können.
Warum das Eis ausgerechnet jetzt verschwindet
Die Ursache für den langfristigen Rückgang sehen Wissenschaftler vor allem in der Erwärmung der Atmosphäre durch menschliche Aktivitäten und insbesondere durch die Verbrennung fossiler Energieträger wie Kohle, Öl und Gas.
Steigen die Temperaturen, verschiebt sich die sogenannte Nullgradgrenze im Gebirge nach oben.
Das hat eine entscheidende Konsequenz: Niederschlag, der früher als Schnee auf den Gipfeln liegen blieb, fällt zunehmend als Regen.
Für einen riesigen Gletscher in einer kalten Polarregion ist eine geringe Temperaturveränderung bereits problematisch.
Für einen tropischen Gletscher unmittelbar in Äquatornähe kann sie existenziell sein.
Denn dort kann dauerhaftes Eis ohnehin nur in extremen Höhen und innerhalb eines sehr engen klimatischen Bereichs überleben.
Bereits kleine Temperaturveränderungen können deshalb darüber entscheiden, ob ein Gletscher wächst, schrumpft – oder vollständig verschwindet.
Zusätzlich können El-Niño-Ereignisse den Prozess beschleunigen. Auch lokale Faktoren wie Bewölkung, Schneefall und die Form des Gebirges beeinflussen die Geschwindigkeit.
Für indigene Gemeinschaften verschwindet mehr als Eis
Doch wer den Verlust des Puncak-Jaya-Gletschers ausschließlich als naturwissenschaftliches Phänomen betrachtet, übersieht einen entscheidenden Teil der Geschichte.
Für mehrere indigene Bevölkerungsgruppen Papuas sind die Berge heilige Orte.
Mindestens fünf indigene Gemeinschaften besitzen seit Generationen starke spirituelle Verbindungen zum Puncak Jaya.
Die Moni nennen den Berg Mbainggela und glauben, dass ihre Vorfahren über ihn wachen.
Für die Amungme heißt die Berglandschaft Nemangkawi, der „Weiße Pfeil“.
Der Name steht für weit mehr als eine geografische Bezeichnung.
Nemangkawi verkörpert nach traditionellen Vorstellungen der Amungme Werte wie Ehrlichkeit, Reinheit und moralische Geradlinigkeit.
Elfrida Natkime, eine junge Frau aus der Gemeinschaft der Amungme, beschreibt eine Tradition ihrer Familie: Eltern und Großeltern hätten dafür gebetet, dass ihre Kinder ein Herz wie der „Weiße Pfeil“ besitzen und niemals vom richtigen Weg abkommen.
Der Berg wird damit zu einem moralischen Orientierungspunkt.
Und genau dieser Orientierungspunkt verändert sich nun sichtbar.
„Als würde Mekka oder der Vatikan zerstört“
Wie tief die Bedeutung des Berges reicht, beschreibt die Amungme-Umweltaktivistin Adolfina Kum mit einem drastischen Vergleich.
Sie fragt, wie Muslime empfinden würden, wenn Mekka zerstört würde – oder Katholiken, wenn Rom beziehungsweise der Vatikan verschwänden.
Für die Amungme fühle sich die Zerstörung beziehungsweise Veränderung von Nemangkawi ähnlich an.
Das Verschwinden des Eises ist deshalb nicht einfach nur der Verlust einer Landschaft.
Es berührt Religion, Identität, Tradition und die Verbindung zwischen heutigen Generationen und ihren Vorfahren.
Wenn heilige Berge, Wälder oder traditionelle Orte zerstört oder tiefgreifend verändert würden, verlören Gemeinschaften eine wichtige Quelle ihrer Stärke, erklärt Kum.
Sie vergleicht es mit einem Baum, dem die Wurzeln herausgerissen werden.
Der Baum verliert damit sein Fundament.
Dann kam der Bergbau
Der schmelzende Gletscher ist zudem nicht die einzige massive Veränderung, welche die Menschen in der Region innerhalb weniger Jahrzehnte erlebt haben.
Im 20. Jahrhundert wurden in Papua gewaltige Kupfer- und Goldvorkommen erschlossen.
In der Region befindet sich mit Grasberg eine der größten Gold- und Kupferminen der Welt.
Der industrielle Rohstoffabbau hat Teile der Landschaft fundamental verändert.
Berghänge wurden abgetragen, Straßen gebaut, Industrieanlagen errichtet und Täler erschlossen.
Für die Menschen in Papua ist die Bilanz widersprüchlich.
Der Bergbau brachte Arbeitsplätze, Infrastruktur, Bildung und wirtschaftliche Möglichkeiten.
Gleichzeitig entstanden Umweltschäden und jahrzehntelange gesellschaftliche Konflikte. Einige indigene Menschen verloren im Zuge der Ausweitung des Bergbaus den Zugang zu Gebieten, die traditionell ihren Gemeinschaften zugeordnet waren.
Auch Elfrida Natkime beschreibt diesen Widerspruch.
Wenn sie die Berge betrachte, empfinde sie Bewunderung und Traurigkeit zugleich. Sie sehe die Folgen der Ausbeutung – erkenne aber ebenfalls an, dass die wirtschaftliche Entwicklung vielen Menschen eine Lebensgrundlage verschafft habe.
Wissenschaftler dokumentieren jetzt, was noch übrig ist
Während das letzte Eis schmilzt, versuchen Forscher zumindest, möglichst viel davon für die Wissenschaft zu dokumentieren.
Klaus Thymann und sein Team setzen dafür moderne Drohnentechnik und dreidimensionale Kartierung ein.
So entsteht ein detailliertes digitales Abbild einer Landschaft, die in ihrer bisherigen Form vermutlich schon sehr bald nicht mehr existieren wird.
Für Thymann besitzen Gletscher gerade deshalb eine besondere Wirkung in der Klimadebatte.
Temperaturkurven und Klimamodelle können abstrakt wirken.
Ein Gletscher dagegen ist sichtbar.
Man kann alte Fotografien neben neue Bilder legen und unmittelbar erkennen, was innerhalb weniger Jahrzehnte geschehen ist.
Und beim Puncak Jaya besitzt diese Veränderung eine zusätzliche Symbolkraft.
Über Generationen wurde das Eis als etwas Dauerhaftes wahrgenommen. Es bekam sogar den Namen „ewiger Schnee“.
Nun könnte ausgerechnet das vermeintlich Ewige schon innerhalb der nächsten ein oder zwei Jahre verschwunden sein.
Dann verliert die Erde nicht nur einen ihrer letzten tropischen Gletscher.
Die Wissenschaft verliert ein einzigartiges Klimaarchiv, und indigene Gemeinschaften Papuas erleben, wie sich ein zentraler Bestandteil ihrer spirituellen Landschaft unwiederbringlich verändert.
Was über Jahrhunderte als „ewiger Schnee“ galt, könnte damit ausgerechnet für die heutige Generation zu etwas werden, das sie als letzte noch mit eigenen Augen gesehen hat.


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