In Pennsylvania kämpfen Gesundheitsbehörden gegen einen der schwersten Masernausbrüche der jüngeren US-Geschichte. Besonders betroffen sind Teile der Amish-Gemeinschaft, in denen die Impfquote niedrig ist. Um die Menschen trotzdem zu erreichen, fahren Krankenschwestern inzwischen von Haus zu Haus und bieten Impfungen teilweise direkt am Küchentisch an. Vier Todesfälle wurden im Zusammenhang mit dem Ausbruch gemeldet.
Für Krankenschwester Dale Weiser gehört eine ungewöhnliche Fahrt inzwischen zum Arbeitsalltag.
Bis zu rund 48 Kilometer fährt sie in ländliche Gebiete Pennsylvanias, in denen zahlreiche Amish-Familien leben. Statt darauf zu warten, dass Patienten eine Arztpraxis oder Impfstation aufsuchen, klingelt sie selbst an deren Haustüren.
Manchmal wird anschließend direkt im Haus geimpft.
Rund 100 Menschen hat Weiser nach eigenen Angaben seit Beginn des Masernausbruchs auf diese Weise immunisiert.
Hinter dieser Strategie steckt ein grundlegendes Problem: Viele Amish haben nur wenig Kontakt zum regulären amerikanischen Gesundheitssystem. Manche besitzen keine Krankenversicherung, andere haben aufgrund ihrer Lebensweise Schwierigkeiten, medizinische Einrichtungen zu erreichen.
Die Behörden versuchen deshalb, die medizinische Versorgung zu den Menschen zu bringen.
Fast 4.300 MMR-Impfungen in mobilen Impfstellen
Der Masernausbruch begann Ende April.
Seitdem hat das Gesundheitsministerium von Pennsylvania nach Angaben gegenüber der BBC in mobilen beziehungsweise temporären Impfstellen nahe dem Zentrum des Ausbruchs fast 4.300 Impfungen gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) durchgeführt.
Allein im Chester County wurden 538 Menschen gegen Masern geimpft. 340 dieser Impfungen fanden nach Angaben der örtlichen Gesundheitsbehörde in privaten Räumlichkeiten statt.
Das Angebot soll eine möglichst niedrige Hürde schaffen.
Manche Menschen könnten keine Impfstation erreichen, andere wollten nicht öffentlich zeigen, dass sie ihre bisherige Haltung zur Impfung geändert hätten, berichteten die Behörden.
Eine Impfung zu Hause kann in solchen Fällen den entscheidenden Unterschied machen.
Vier Todesfälle gemeldet
Die Lage ist ernst.
Nach Angaben der Gesundheitsbehörden wurden bislang vier Todesfälle im Zusammenhang mit Masernkomplikationen registriert. Dazu zählen zwei Neugeborene, ein 18-Jähriger und eine 40 Jahre alte Frau.
Die BBC bezeichnet den aktuellen Ausbruch als den tödlichsten Masernausbruch in den Vereinigten Staaten seit 1992.
Gerade für Säuglinge kann die Krankheit besonders gefährlich werden.
Masern sind zudem außerordentlich ansteckend. Treffen viele nicht immunisierte Menschen regelmäßig aufeinander, kann sich das Virus entsprechend schnell verbreiten.
Genau diese Situation bereitet Experten in den Amish-Gemeinschaften Sorgen.
Nur etwa jeder vierte Amish soll geimpft sein
In Pennsylvania leben schätzungsweise rund 90.000 Amish.
Für die Region Lancaster gehen Schätzungen laut BBC davon aus, dass lediglich ungefähr ein Viertel der Amish gegen Masern, Mumps und Röteln geimpft ist.
Dabei gibt es nach Einschätzung der von der BBC befragten Experten keine spezielle religiöse Vorschrift der Amish, die Impfungen grundsätzlich verbietet.
Die niedrige Impfquote hat vielmehr unterschiedliche Ursachen.
Viele Familien haben wenig Kontakt zur modernen Medizin. Arzttermine können schwer erreichbar sein, und aufgrund des weitgehenden Verzichts auf Autos und andere moderne Technologien sind selbst vergleichsweise kurze Wege komplizierter.
Hinzu kommt offenbar ein ganz alltäglicher Faktor:
Manche Menschen seien nicht grundsätzlich gegen eine Impfung – sie hätten sie schlicht nie durchführen lassen.
Vertrauen statt Impfstation
Die Gesundheitsbehörden setzen deshalb auf persönlichen Kontakt.
Mitarbeiter klopfen an Türen, erklären die Situation und beantworten Fragen.
Nach Einschätzung der Verantwortlichen kann diese Methode helfen, Vertrauen aufzubauen und Falschinformationen zu korrigieren.
Das ist gerade deshalb wichtig, weil selbst in vergleichsweise abgeschotteten Amish-Gemeinschaften inzwischen Impfmythen angekommen sind.
Krankenschwester Weiser berichtet beispielsweise von Fragen, ob Impfstoffe Schwermetalle enthielten, Menschen magnetisch machen könnten oder sogar Computerchips enthalten würden.
Für diese Behauptungen gibt es keine wissenschaftliche Grundlage.
Dennoch zeigen sie, wie weit sich Desinformation verbreiten kann – selbst in Gemeinschaften, die soziale Medien und moderne Kommunikationstechnologien wesentlich weniger intensiv nutzen als der Durchschnitt der Bevölkerung.
Der Unterschied zwischen Impfgegnern und Unsicheren
Die Mitarbeiter der Gesundheitsbehörden machen dabei eine wichtige Unterscheidung.
Es gebe Menschen mit einer grundsätzlich und fest verankerten Ablehnung von Impfungen. Diese Gruppe sei nur schwer zu erreichen.
Daneben gebe es jedoch viele Eltern, die schlicht unsicher seien.
Sie kennen die Impfstoffe möglicherweise nicht, haben widersprüchliche Informationen gehört und fürchten, bei der Entscheidung für ihre Kinder einen Fehler zu machen.
Genau bei diesen Familien versuchen die Gesundheitsbehörden anzusetzen.
Wenn Menschen sehen, dass Freunde, Nachbarn oder Familienangehörige schwer erkranken, verändert sich zudem häufig ihre Risikowahrnehmung.
Die Bereitschaft, Fragen zu stellen und eine Impfung zumindest in Betracht zu ziehen, könne dadurch steigen.
Masern werden zum politischen Streitfall
Der Ausbruch hat inzwischen auch Washington erreicht.
Zwischen Gesundheitsvertretern in Pennsylvania und der Bundesregierung gibt es Auseinandersetzungen über den Umgang mit der Situation.
Im Zentrum der Kritik steht US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr., der in der Vergangenheit wiederholt Skepsis gegenüber Impfungen geäußert hat.
Nach den ersten beiden gemeldeten Todesfällen – beide betrafen Säuglinge – stellte Kennedy laut BBC zumindest einen der Fälle öffentlich infrage.
Pennsylvanias demokratischer Gouverneur Josh Shapiro warf ihm daraufhin vor, mit seinen Äußerungen Fehlinformationen zu verbreiten und damit die Bekämpfung des Ausbruchs zu erschweren.
Auch über die genaue Todesursache eines Kindes gibt es unterschiedliche Darstellungen.
Der zuständige Gerichtsmediziner erklärte, das Kind sei an einer gerissenen Milz gestorben. Ärzte verweisen jedoch darauf, dass Masern zu einer Vergrößerung der Milz führen können und die Infektion deshalb zur tödlichen Entwicklung beigetragen haben könnte.
Streit um die kombinierte MMR-Impfung
Zusätzliche Diskussionen löste eine Entscheidung von Präsident Donald Trump aus.
Nach Angaben des BBC-Berichts unterzeichnete Trump eine Anordnung, die empfiehlt, die kombinierte MMR-Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln in drei einzelne Impfungen aufzuteilen.
Von der BBC zitierte Mediziner kritisieren diesen Schritt als unnötig und kostspielig und verweisen auf die Sicherheit des etablierten Kombinationsimpfstoffs.
Damit findet die Bekämpfung des Masernausbruchs inzwischen in einem politisch aufgeladenen Umfeld statt.
Für die Mitarbeiter vor Ort ist das ein zusätzliches Problem.
Sie müssen nicht nur Impfungen organisieren und Infektionsketten eindämmen, sondern gleichzeitig gegen Misstrauen und Falschinformationen ankämpfen.
Experten rechnen mit langem Kampf gegen den Ausbruch
Ein schnelles Ende erwarten die Gesundheitsbehörden offenbar nicht.
Krankenschwester Weiser geht davon aus, dass die Bekämpfung des Ausbruchs noch sechs bis zwölf Monate dauern könnte.
Das Virus verbreite sich inzwischen innerhalb der Gemeinschaft. Dadurch werde es erheblich schwieriger, einzelne Infektionsketten zu stoppen.
Besondere Sorgen bereitet Experten dabei der Schulbetrieb.
Wo viele ungeimpfte Menschen auf engem Raum zusammenkommen, entstehen weitere Möglichkeiten für das hoch ansteckende Virus, sich auszubreiten.
Der Küchentisch wird zur Impfstation
Der Kampf gegen den Masernausbruch in Pennsylvania zeigt damit ein ungewöhnliches Bild moderner Medizin.
Während anderswo über Hightech-Krankenhäuser, künstliche Intelligenz und personalisierte Therapien gesprochen wird, besteht eine der wichtigsten Maßnahmen hier aus etwas ausgesprochen Einfachem:
Eine Krankenschwester steigt ins Auto.
Sie fährt aufs Land.
Sie klopft an eine Haustür.
Sie setzt sich mit einer Familie zusammen und beantwortet deren Fragen.
Und manchmal wird anschließend direkt am Küchentisch geimpft.
Der Ansatz zeigt, dass öffentliche Gesundheitsversorgung nicht allein davon abhängt, ob ein Impfstoff verfügbar ist.
Entscheidend ist auch, ob die Menschen erreicht werden – und ob genügend Vertrauen vorhanden ist, damit sie ihn tatsächlich annehmen.


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