Deutschland hat gewählt – und wir Österreicher holen schon einmal das Popcorn

Deutschland hat gewählt – und wir Österreicher holen schon einmal das Popcorn

Veröffentlicht

Montag, 21.09.2026
von Red. TB

Man muss Deutschland einfach mögen. Während wir Österreicher eine politische Krise traditionell damit lösen, dass irgendeiner zurücktritt, ein anderer „volle Verantwortung“ übernimmt und sechs Monate später plötzlich wieder alle gemeinsam in irgendeiner Koalition sitzen, macht man das nördlich der Alpen wesentlich gründlicher.

Dort braucht es dafür gleich zwei Landtagswahlen.

Und was für welche.

In Mecklenburg-Vorpommern wurde die AfD stärkste Kraft, die SPD landete dahinter – und die CDU schaffte mit 4,9 Prozent ein Kunststück, das man in der Parteizentrale vermutlich nicht unbedingt in die Jubiläumsbroschüre aufnehmen wird: Sie scheiterte an der Fünfprozenthürde.

4,9 Prozent.

Das ist politisch ungefähr so, als würde man beim Skispringen 249,9 Meter weit fliegen und anschließend erfahren, dass die Qualifikation bei 250 Metern beginnt.

Besonders bitter: Es ist das erste Mal, dass die CDU bei einer deutschen Landtagswahl an dieser Hürde scheitert.

Aus österreichischer Sicht möchte man da spontan sagen: Keine Sorge, liebe deutsche Freunde. Bei uns hätte man aus 4,9 Prozent vermutlich noch irgendeinen Klubstatus, eine Übergangsregierung oder zumindest einen Untersuchungsausschuss gemacht.

Aber Deutschland bleibt Deutschland.

Unter fünf ist unter fünf.

Tür zu.

Licht aus.

Schwerin ohne CDU.

Die AfD erreichte 38,2 Prozent, die SPD von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig 35,5 Prozent. Trotzdem könnte Schwesig am Ende weiterregieren, weil die anderen Parteien eine Zusammenarbeit mit der AfD ablehnen.

Und spätestens hier fühlt sich der Österreicher wieder heimisch.

Denn eine Wahl gewinnen und anschließend möglicherweise trotzdem nicht regieren – das verstehen wir.

Das gehört bei uns praktisch zur politischen Grundausbildung.

Bundeskanzler Friedrich Merz trat wenige Minuten nach den ersten Zahlen vor die Kameras und sprach von einem „Desaster“.

Das ist bemerkenswert.

Normalerweise benötigt Politik mindestens drei Pressekonferenzen, fünf Sitzungen und sieben Interviews, bevor jemand zugibt, dass ein Ergebnis möglicherweise nicht ganz optimal war.

Merz machte außerdem klar, dass er weitermachen will.

Er werde Rückgrat, Standhaftigkeit und Geduld aufbringen.

Als Österreicher hört man dabei natürlich sofort: Der Mann bleibt.

Zumindest heute.

Denn wenn ein Politiker öffentlich erklären muss, dass er selbstverständlich weitermacht, beginnt bei uns normalerweise bereits jemand im Hintergrund auszurechnen, wer sein Büro bekommen könnte.

Zur Sicherheit hatten die CDU-Ministerpräsidenten Merz wenige Tage zuvor noch demonstrativ den Rücken gestärkt.

Auch das kennen wir in Österreich.

Wenn acht Parteifreunde gleichzeitig erklären, dass sie hundertprozentig hinter einem stehen, sollte man besser überprüfen, wie viel Platz hinter einem eigentlich noch ist.

Und dann Berlin.

Berlin wäre schon ohne Politik kompliziert genug.

Eine Stadt, in der man jahrelang über Flughäfen, Verwaltungsämter und Wohnungen diskutieren kann, ohne dass Langeweile aufkommt.

Nun wurde dort auch noch gewählt.

Und stärkste Kraft wurde die Linke.

Die Partei kam auf rund ein Viertel der Stimmen und überholte die bisher regierende CDU deutlich. Die SPD stürzte auf ungefähr zwölf Prozent ab, während AfD und Grüne ebenfalls zweistellig blieben.

Aus österreichischer Sicht liest sich das Berliner Wahlergebnis ein wenig wie die Speisekarte eines sehr experimentellen Restaurants:

Einmal links, ein bisschen grün, etwas sozialdemokratisch, rechts noch eine kräftige Portion AfD – und die CDU bitte diesmal separat servieren.

Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp könnte nun Regierende Bürgermeisterin werden. Möglich wäre ein Bündnis mit Grünen und SPD.

Natürlich gibt es zwischen diesen Parteien einige Streitpunkte.

Aber das ist kein Hindernis.

Das ist eine Koalitionsvoraussetzung.

In Österreich würden wir bei drei Parteien ohne größere Meinungsverschiedenheiten sofort misstrauisch werden.

Besonders wichtig war den Berliner Wählern das Thema Wohnen und die hohen Mieten.

Das wiederum versteht sogar ein Wiener.

Wobei wir bei Berliner Mietpreisen gelegentlich den Eindruck haben, dass man dort inzwischen nicht mehr fragt: „Wie groß ist die Wohnung?“, sondern: „Wie viele Generationen sollen den Kredit abbezahlen?“

Die Linke verspricht beim Thema Wohnen einen deutlich anderen Kurs und diskutiert auch über die Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen.

Spätestens da dürfte mancher Immobilieninvestor beim Frühstückskaffee kurz überprüfen, ob Wien vielleicht doch noch freie Wohnungen hat.

Für Friedrich Merz ergibt sich nach diesem Wahlabend jedenfalls eine interessante Situation.

Im Norden fliegt seine CDU aus einem Landtag.

In Berlin wird sie von der Linken überholt.

Und zwei Wochen zuvor gab es bereits Ärger wegen des Ergebnisses in Sachsen-Anhalt.

Der Kanzler sagt trotzdem: Ich bleibe.

Das verdient zumindest Konsequenz.

Oder, wie wir Österreicher sagen würden:

Schauen wir einmal.

Denn Deutschlands politische Landschaft sieht plötzlich aus wie eine österreichische Regierungsbildung nach einem langen Wahlabend: Jeder hat irgendwie gewonnen, gleichzeitig haben fast alle verloren, niemand will mit jedem reden, manche wollen mit niemandem reden und am Ende erklärt trotzdem einer, er habe einen klaren Regierungsauftrag.

Wir Österreicher können den deutschen Nachbarn deshalb nur einen kleinen Rat geben:

Ruhe bewahren.

Kaffee machen.

Koalitionsrechner einschalten.

Und vor allem niemals vergessen:

Eine Wahl ist erst wirklich vorbei, wenn sich alle Parteien erklärt haben, warum das eigene Ergebnis eigentlich gar nicht so schlimm ist.

In diesem Sinne:

Servus Deutschland.

Willkommen bei uns im ganz normalen politischen Wahnsinn.

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von Autor: Red. TB
am: Montag, 21.09.2026

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