Jahrelang problemlos Erdnüsse gegessen, Hunde gestreichelt oder den Frühling genossen – und plötzlich reagiert der Körper allergisch? Was zunächst merkwürdig klingt, ist durchaus möglich. Allergien müssen keineswegs bereits in der Kindheit beginnen. Forscher untersuchen inzwischen eine ganze Reihe möglicher Auslöser – von Virusinfektionen über Antibiotika und hormonelle Veränderungen bis hin zu einem einzigen Zeckenstich.
Wer mit 40 plötzlich auf etwas allergisch reagiert, das jahrzehntelang keinerlei Probleme verursacht hat, stellt sich wahrscheinlich zuerst eine Frage:
Wie kann das denn jetzt plötzlich passieren?
Die Antwort:
Das Immunsystem ist kein unveränderliches Programm.
Es verändert sich im Laufe des Lebens – und unter bestimmten Umständen kann es beginnen, eigentlich harmlose Substanzen als Bedrohung einzustufen.
Die Allergologin Kelly Colas bringt es gegenüber der BBC auf einen bemerkenswerten Punkt:
Grundsätzlich könne jeder Mensch zu jedem Zeitpunkt seines Lebens eine neue Allergie entwickeln.
Gene sind nur ein Teil der Geschichte
Manche Menschen besitzen bereits von Geburt an eine genetische Veranlagung für Allergien.
Doch die Gene allein erklären nicht alles.
Ruchi Gupta, Direktorin des Center for Food Allergy and Asthma Research an der Northwestern University, beschreibt das Problem sinngemäß so:
Bei manchen Menschen muss offenbar erst etwas den Schalter umlegen.
Und dieser „Schalter“ kann möglicherweise ganz unterschiedliche Formen annehmen.
Kann eine Corona-Infektion Allergien begünstigen?
Eine davon könnte eine Infektion mit Covid-19 sein.
Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung fand einen Zusammenhang zwischen einer durchgemachten Covid-19-Erkrankung und einem erhöhten späteren Risiko für allergische Rhinitis – also Heuschnupfen – sowie Asthma.
Dabei ist die Formulierung entscheidend:
Die Studie beschreibt einen Zusammenhang. Daraus folgt nicht automatisch, dass eine Corona-Infektion bei jedem Betroffenen unmittelbar die Allergie verursacht hat.
Nach Angaben des beteiligten Forschers Philip Curman könnte eine mögliche Erklärung in der starken Aktivierung des Immunsystems liegen.
Während einer Infektion steigt die Entzündungsaktivität des Körpers.
Dazu gehören auch Entzündungsmechanismen, die mit allergischen Erkrankungen in Verbindung stehen.
Interessanterweise beobachteten die Forscher in ihrer Untersuchung ein höheres Risiko nach einer Infektion und ein geringeres Risiko bei Geimpften.
Wenn das Immunsystem plötzlich alles verdächtig findet
Vereinfacht gesagt könnte während einer Infektion Folgendes passieren:
Das Immunsystem läuft bereits auf Hochtouren, weil es einen Krankheitserreger bekämpft.
Gleichzeitig begegnet der Körper beispielsweise einem bestimmten Lebensmittel oder einem Umweltallergen.
Und in dieser hochaktiven Situation könnte die Immunabwehr beginnen, auch die eigentlich harmlose Substanz als Feind einzustufen.
Das ist bislang kein universell bewiesener Mechanismus für jede neu auftretende Allergie.
Forscher sehen darin jedoch eine mögliche Erklärung dafür, warum Allergien manchmal scheinbar aus dem Nichts auftreten.
Ähnliche Zusammenhänge wurden insbesondere bei Kindern auch nach Infektionen mit RSV oder Rhinoviren untersucht.
Auch Antibiotika stehen unter Beobachtung
Noch überraschender:
Nicht nur Krankheiten selbst könnten eine Rolle spielen.
Auch ihre Behandlung wird erforscht.
So wurde die Einnahme von Antibiotika in Studien mit einem später erhöhten Allergierisiko in Verbindung gebracht.
Eine mögliche Erklärung liegt im Darm.
Dort leben enorme Mengen unterschiedlicher Mikroorganismen, die gemeinsam das sogenannte Darmmikrobiom bilden.
Dieses Mikrobiom steht in enger Wechselwirkung mit dem Immunsystem.
Antibiotika können seine Zusammensetzung erheblich verändern.
Gupta spricht in diesem Zusammenhang von einer möglichen „Verwirrung im Immunsystem“.
Eigentlich harmlose Stoffe könnten plötzlich in der falschen Kategorie landen:
Nicht mehr „ungefährlich“.
Sondern:
Angreifen.
Schwangerschaft kann Allergiesymptome verändern
Ein weiterer möglicher Einflussfaktor sind Hormone.
Besonders deutlich zeigt sich das während einer Schwangerschaft.
Nach Angaben der Allergologin Kelly Colas verschlimmern sich bei ungefähr einem Drittel der Frauen mit bereits bestehenden Umweltallergien die Beschwerden nach Beginn einer Schwangerschaft.
Daneben gibt es die sogenannte Schwangerschaftsrhinitis.
Betroffene können plötzlich typische allergieähnliche Beschwerden entwickeln:
Niesen, eine verstopfte Nase und laufende Nase.
Allerdings handelt es sich dabei wahrscheinlich nicht um eine echte Allergie.
Ein wichtiger Unterschied:
Nach der Geburt verschwinden die Beschwerden üblicherweise wieder.
Warum Schwangerschaftsrhinitis entsteht, ist noch nicht ausreichend geklärt.
Als mögliche Erklärung gelten hormonelle Veränderungen – insbesondere Schwankungen von Östrogen und Progesteron, die mit dem Immunsystem interagieren.
Auch nach der Menopause können nach Forschungsarbeiten neue Allergien auftreten.
Besonders kurios: Ein Zeckenstich kann Fleischallergie auslösen
Eines der ungewöhnlichsten Beispiele für eine neu erworbene Allergie ist das sogenannte Alpha-Gal-Syndrom.
Auslöser können bestimmte Zeckenstiche sein.
Besonders bekannt dafür ist die in Nordamerika vorkommende Lone-Star-Zecke.
Über ihren Speichel kann das Zuckermolekül Alpha-Gal in den menschlichen Körper gelangen.
Dieses Molekül kommt natürlicherweise bei zahlreichen Säugetieren vor.
Beim Menschen dagegen nicht.
Nach einem Zeckenstich kann das Immunsystem Alpha-Gal als Bedrohung kennenlernen und Antikörper dagegen bilden.
Das Problem zeigt sich später.
Denn Alpha-Gal steckt beispielsweise auch im Fleisch bestimmter Säugetiere.
Ein Mensch kann deshalb jahrelang problemlos Rind- oder Lammfleisch essen – und nach einem entsprechenden Zeckenstich plötzlich darauf reagieren.
Mögliche Beschwerden reichen von Nesselsucht und Schwellungen bis zu Magen-Darm-Problemen.
Ein Forscher erlebte es selbst
Der Mediziner Thomas Platts-Mills von der University of Virginia erforschte genau dieses merkwürdige Phänomen.
Sein Team untersuchte Patienten, die plötzlich allergisch auf rotes Fleisch reagierten, obwohl sie es zuvor jahrelang problemlos gegessen hatten.
Dann erwischte es den Forscher selbst.
Monate zuvor war Platts-Mills beim Wandern von zahlreichen jungen Zecken gebissen worden.
Während einer Reise nach London aß er später Lamm.
Mitten in der Nacht wachte er mit Nesselsucht auf.
Blutuntersuchungen zeigten anschließend erhöhte Werte allergiebezogener Antikörper.
Seine eigene Reaktion trug schließlich zum Verständnis des heute als Alpha-Gal-Syndrom bekannten Krankheitsbildes bei.
Was passiert bei einer Allergie überhaupt?
Im Kern beruht eine Allergie auf einem folgenreichen Irrtum des Immunsystems.
Eine normalerweise harmlose Substanz wird wie ein gefährlicher Eindringling behandelt.
Der Körper bildet entsprechende Antikörper.
Bei einem erneuten Kontakt wird die Immunabwehr aktiviert.
Je nach Allergie kann das vergleichsweise harmlose Beschwerden verursachen:
laufende Nase,
juckende Augen,
Hautausschlag.
In schweren Fällen kann jedoch eine Anaphylaxie auftreten – eine potenziell lebensbedrohliche allergische Reaktion.
Deshalb sollten neu auftretende oder schwere allergische Reaktionen medizinisch abgeklärt werden.
Verschwindet eine plötzlich entstandene Allergie wieder?
Leider nicht unbedingt.
Während beispielsweise eine Schwangerschaftsrhinitis normalerweise nach der Geburt wieder verschwindet, können echte neu entstandene Allergien dauerhaft bestehen bleiben.
Eine zuverlässige Methode, eine neue Allergie einfach wieder rückgängig zu machen, gibt es derzeit nicht.
Allerdings entwickelt sich die Behandlung weiter.
Ein Beispiel ist der Antikörper-Wirkstoff Omalizumab, bekannt unter dem Markennamen Xolair.
Das Medikament wird bereits seit Jahren gegen bestimmte Asthmaformen eingesetzt und kann inzwischen auch bei bestimmten Nahrungsmittelallergien eingesetzt werden, um das Risiko schwerer Reaktionen bei versehentlichem Kontakt zu reduzieren.
Forscher arbeiten außerdem an experimentellen Verfahren, mit denen das Immunsystem gewissermaßen neu trainiert werden soll.
Untersucht werden beispielsweise Impfstoffansätze und Therapien mit allergenblockierenden Antikörpern.
Das Immunsystem lernt ein Leben lang – manchmal leider das Falsche
Die Vorstellung, Allergien seien ausschließlich etwas, das bereits in der Kindheit festgelegt werde, greift damit zu kurz.
Gene spielen eine Rolle.
Doch offenbar können auch spätere Ereignisse das Immunsystem beeinflussen.
Infektionen.
Veränderungen des Darmmikrobioms.
Hormonschwankungen.
Zeckenstiche.
Und vermutlich weitere Faktoren, die noch gar nicht vollständig verstanden sind.
Das erklärt auch, warum jemand jahrzehntelang ein bestimmtes Lebensmittel essen oder problemlos durch die Pollensaison kommen kann – und irgendwann plötzlich Beschwerden entwickelt.
Unser Immunsystem besitzt ein Gedächtnis.
Das ist normalerweise eine seiner größten Stärken.
Bei einer Allergie wird genau dieses Prinzip zum Problem:
Der Körper merkt sich einen Feind – nur dass dieser Feind eigentlich gar keiner ist.


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