Die Debatte über die Folgen des transatlantischen Sklavenhandels bekommt international eine neue Dynamik. Im Mittelpunkt steht dabei Ghana. Das westafrikanische Land fordert von Staaten und Institutionen, die vom Sklavenhandel profitierten, nicht nur Entschuldigungen, sondern konkrete Schritte zur Wiedergutmachung. Dazu gehören Schuldenerlasse, Bildungsprogramme, Investitionen und finanzielle Entschädigungen.
Ghana betrachtet sich dabei als besonders betroffen. Nach Schätzungen stammten etwa zehn bis 15 Prozent der rund zwölf Millionen Afrikaner, die während des transatlantischen Sklavenhandels gewaltsam verschleppt wurden, aus dem Gebiet des heutigen Ghana. Noch wesentlich mehr Menschen wurden über die dortige Küste auf Schiffe gebracht. Außenminister Samuel Okuzeto Ablakwa bezeichnet Ghana deshalb sinngemäß als einen der zentralen Tatorte dieser historischen Verbrechen. Die Afrikanische Union hat dem Land inzwischen eine besondere Rolle beim Einsatz für sogenannte „reparatory justice“, also Wiedergutmachungsgerechtigkeit, übertragen.
Auch auf internationaler Ebene hat sich etwas bewegt. Ghana brachte bei den Vereinten Nationen eine Resolution auf den Weg, in der Sklaverei als schwerstes Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnet wurde. Die USA stimmten dagegen, während sich die europäischen Staaten enthielten. Großbritannien lehnt staatliche Reparationszahlungen weiterhin ab – nicht zuletzt, weil Berechnungen möglicher Entschädigungsforderungen Summen von mehreren Billionen Pfund ergeben könnten. Ghana fordert allerdings nicht einfach einen riesigen Geldtopf. Ablakwa spricht unter anderem von Stipendien, Kapital für junge afrikanische Unternehmer und Forschungsprogrammen zu langfristigen gesundheitlichen Folgen der Sklaverei.
Gleichzeitig stehen Schuldenerlasse und die Verantwortung einzelner Institutionen ausdrücklich auf der politischen Agenda. Besonders im Fokus steht die Church of England. Ihre historischen Verbindungen zur Sklaverei sind inzwischen selbst Gegenstand intensiver Aufarbeitung. Im 18. Jahrhundert betrieb ihr missionarischer Bereich Plantagen und besaß versklavte Menschen. Zudem waren einzelne Geistliche selbst Sklavenhalter. Die Kirche hat ihre Beteiligung inzwischen eingeräumt und einen Fonds über 100 Millionen Pfund eingerichtet, der Gemeinschaften zugutekommen soll, die bis heute unter den Folgen dieser Geschichte leiden. Doch die Diskussion ist komplizierter als eine einfache Gegenüberstellung von Europa und Afrika. Auch afrikanische Herrscher und Händler beteiligten sich am Verkauf versklavter Menschen. Genau darüber wird in Ghana inzwischen offen gesprochen. King Tackie Teiko Tsuru II, Oberhaupt des Ga-Volkes, entschuldigte sich öffentlich für die Beteiligung seiner Vorfahren.
Für ihn schwächt dieses Eingeständnis die Verantwortung der europäischen Kolonialmächte nicht. Vielmehr sieht er darin einen notwendigen Schritt, um glaubwürdig über historische Verantwortung und Versöhnung sprechen zu können. Ghanas Außenminister bewertet diesen Aspekt anders. Er weist Versuche zurück, afrikanische Beteiligte auf eine Stufe mit den europäischen Mächten zu stellen. Das gesamte wirtschaftliche und rechtliche System des transatlantischen Sklavenhandels sei von westlichen Mächten geschaffen worden. Afrikaner hätten weder die Gesetze noch Versicherungs- und Finanzstrukturen dieses Systems bestimmt. Doch selbst Ghanas eigener Umgang mit der Vergangenheit bleibt nicht frei von Kritik.
Das Land versucht seit Jahren, Menschen aus der afrikanischen Diaspora – insbesondere Afroamerikaner – für Reisen nach Ghana zu gewinnen. Ursprünglich sollte daraus eine emotionale Rückkehr zu den eigenen historischen Wurzeln entstehen. Kritiker beklagen jedoch, dass aus der Idee zunehmend ein Tourismusgeschäft geworden sei. Steigende Preise und eine stärkere Kommerzialisierung könnten dabei sogar die einheimische Bevölkerung benachteiligen.
Damit stellt Ghana letztlich eine Frage, die weit über Geld hinausgeht: Was bedeutet Wiedergutmachung Jahrhunderte nach einem historischen Verbrechen überhaupt?
Für die einen sind finanzielle Entschädigungen und Schuldenerlasse unverzichtbar. Andere setzen stärker auf Bildung, wirtschaftliche Chancen, Erinnerungskultur und gesellschaftliche Heilung. Und wieder andere warnen davor, historische Schuld ausschließlich heutigen Staaten und Generationen zuzurechnen.
Fest steht: Ghana hat die Diskussion auf die internationale Tagesordnung gebracht – und will verhindern, dass sie dort wieder verschwindet. Die entscheidende Auseinandersetzung dürfte deshalb erst beginnen.


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