Der Sommer wird heißer, die Wohnungen werden wärmer und Europa diskutiert noch darüber, ob Klimaanlagen nun Luxus, Notwendigkeit oder moralisch verdächtige Stromfresser sind. Japan hat die Sache längst pragmatischer gelöst: Warum den ganzen Raum kühlen, wenn man auch einfach den Menschen selbst anblasen kann?
Willkommen in der Welt der Ventilatorjacken.
Was bei uns noch aussieht wie die Kreuzung aus Baustellenweste, Science-Fiction-Kostüm und sehr ambitioniertem Campingzubehör, gehört in Japan längst zum Alltag. Bauarbeiter, Zusteller und andere Menschen, die nicht den ganzen Tag im klimatisierten Büro sitzen können, tragen Kleidung mit eingebauten Mini-Ventilatoren. Kleine Turbinen pusten Luft unter Jacke oder Hose, der Schweiß verdunstet schneller – und der Mensch fühlt sich wenigstens nicht ganz so, als würde er bei 40 Grad langsam im eigenen Körper gegart.
Die Idee ist übrigens nicht neu. Schon 2004 brachte der ehemalige Sony-Ingenieur Hiroshi Ichigaya eine akkubetriebene Ventilatorjacke auf den Markt. Anfangs vermutlich mit dem Charme von: „Schau mal, ich habe zwei Computerlüfter an meine Kleidung geschraubt.“ Doch mit steigenden Temperaturen stieg auch die Nachfrage. 2011 soll sich der Umsatz während einer Hitzewelle sogar verzehnfacht haben.
Inzwischen hat auch die Modewelt entdeckt, dass Schwitzen nicht besonders glamourös ist. Designer schicken Jacken mit eingebautem Kühlsystem über den Laufsteg, Nike experimentiert mit gekühlter Kleidung, und japanische Labels versuchen, aus dem technischen Notbehelf etwas zu machen, das man freiwillig auch außerhalb einer Baustelle anzieht.
Das Problem: Wer so eine Jacke trägt, sieht je nach Modell ein bisschen aus, als hätte er versehentlich einen Laubbläser angezogen.
Dazu kommt das Geräusch. Romantischer Spaziergang am Abend? Schwierig, wenn der Partner klingt wie ein Laptop kurz vor dem Hitzetod.
Immerhin halten die Akkus vier bis zwölf Stunden. Das reicht für einen Arbeitstag, einen langen Stadtbummel oder ungefähr drei Stunden Deutsche Bahn inklusive ungeplanter Wartezeit auf einem Bahnsteig ohne Schatten.
Natürlich gibt es auch ernsthafte Nachteile. Die Kleidung ist teuer, voluminös und beim Recycling kompliziert, weil Textilien und Elektronik miteinander verbunden sind. Aus der simplen Frage „Altkleidercontainer oder Elektroschrott?“ kann plötzlich ein kleines Entsorgungsseminar werden.
Trotzdem könnte die Technik Zukunft haben. Denn wenn Hitzewellen häufiger werden, wird irgendwann auch in Europa die Frage lauten: Klimaanlage einbauen oder einfach sich selbst klimatisieren?
Vielleicht sitzen wir also bald alle im Biergarten mit zwei Ventilatoren an der Hüfte.
Dann heißt es nicht mehr:
„Schicke Jacke.“
Sondern:
„Welche Lüfterstufe hast du an?“
Und der Sommer 2030 könnte modisch ungefähr so aussehen: Sonnenbrille, Akku-Pack, USB-C-Kabel und Windstärke drei unter dem Hemd.
Fortschritt ist manchmal wirklich wunderschön.


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