Kanadier gelten ja als höflich.
Sehr höflich.
So höflich, dass sie sich vermutlich entschuldigen, wenn du ihnen auf den Fuß trittst.
Aber irgendwann ist offenbar auch in Kanada Schluss mit „Sorry“.
Immer mehr Kanadier verzichten derzeit bewusst auf Reisen in die USA. Gründe gibt es einige: Donald Trump, Zölle, politische Spannungen, Äußerungen über Kanada als möglichen „51. Bundesstaat“ – und ganz nebenbei ein kanadischer Dollar, der beim Blick auf amerikanische Preise inzwischen ebenfalls nervös wird.
Die Reaktion vieler Reisender lautet deshalb:
Dann geben wir unser Geld eben woanders aus.
Und plötzlich werden aus Texas Nova Scotia, aus New York Rom und aus Las Vegas 790 Kilometer Fußmarsch durch Spanien.
Tourismus kann so kreativ sein.
Texas gestrichen, Heilbutt gewonnen
Kent Truscott aus Ontario war früher regelmäßig in den USA unterwegs.
Kalifornien, New York – alles dabei.
Eigentlich wollte er gemeinsam mit seinem Bruder sogar nach Texas fliegen, um dort einen SpaceX-Start zu beobachten.
Flüge buchen, Mietwagen nehmen, Hotel bezahlen, eine Woche auf eine Rakete warten.
Also genau jene Art von Urlaub, bei der man am Ende mehrere Tausend Dollar ausgegeben hat und trotzdem hauptsächlich in den Himmel schaut.
Doch Truscott sagte die Reise ab.
Stattdessen ging es mit seiner Frau nach Nova Scotia und Prince Edward Island.
Dort wanderten sie, fuhren durch die wunderschöne Atlantikregion und aßen frischen Fisch.
Truscott schwärmt besonders von einem Heilbutt, der angeblich noch am selben Morgen aus dem Meer gezogen worden war.
Da kann Elon Musk natürlich schwer mithalten.
Eine Rakete ist beeindruckend.
Aber kann man sie mit Kartoffeln servieren?
Eben.
Amerika merkt plötzlich: Die Kanadier fehlen
Der Reiseboykott bleibt in den USA nicht unbemerkt.
Im April wurden rund 800.000 weniger Reisen von Kanada in die Vereinigten Staaten gezählt als im gleichen Monat 2024.
Das ist ungefähr die Größenordnung, bei der amerikanische Tourismusmanager langsam anfangen, nervös in Richtung Norden zu schauen.
Denn kanadische Urlauber bringen normalerweise nicht nur gute Laune und Höflichkeit mit.
Sie bringen vor allem:
Geld.
Und genau davon bleibt jetzt einiges zu Hause oder wandert nach Europa, Afrika und Lateinamerika.
New York versucht deshalb bereits, die Nachbarn zurückzulocken.
Mit Rabatten auf Hotels und Broadway-Tickets.
Sinngemäß also:
„Liebe Kanadier, wir wissen, ihr seid sauer. Aber schaut mal: 30 Prozent auf Musical!“
Ob das reicht?
Unklar.
Vielleicht müsste man noch ein Gratis-Ahornsirup-Frühstück drauflegen.
Kreuzfahrt storniert – dann eben Italien
Lynda und Joe Rousseau gingen sogar noch einen Schritt weiter.
Die beiden lebten fast 20 Jahre in Texas, bevor sie nach Kanada zurückkehrten.
Eigentlich wollten sie später umziehen.
Dann kam Trumps Wiederwahl.
Und plötzlich wurde aus „irgendwann“ ziemlich schnell „Februar“.
Auch eine geplante Kreuzfahrt ab New York durch den Panamakanal wurde gestrichen.
Stattdessen ging es nach Rom und Barcelona.
Was vermutlich keine dramatische Verschlechterung darstellt.
Auf der einen Seite: New Yorker Verkehr.
Auf der anderen: italienisches Essen.
Schwierige Entscheidung.
Die Rousseaus wollen inzwischen auch ihre früheren „Snowbird“-Pläne nicht mehr verfolgen. Normalerweise verbringen viele Kanadier den Winter in Florida oder Arizona.
Die beiden machen das nicht mehr.
Damit lautet die persönliche Winterstrategie nun offenbar:
Lieber frieren als Florida.
Das ist Konsequenz.
Amerikanische Flughäfen? Nein danke
Nick Smith aus Vancouver geht noch weiter.
Er meidet die USA nicht nur als Reiseziel.
Er versucht sogar, dort nicht umzusteigen.
Wenn eine Flugverbindung sagt:
„Nur zwei Stunden Aufenthalt in Chicago“,
sagt Smith offenbar:
„Nein danke, ich fliege lieber acht Stunden länger.“
Stattdessen reiste er nach Mexiko und später mit seiner Frau nach Marokko.
Marrakesch, Fès, Essaouira.
Das Paar erlebte dort sogar den Ramadan und bekam Einblicke in eine völlig andere Kultur.
Also statt Highway, Burger und Outlet-Center:
Moscheen, Märkte und marokkanische Altstädte.
Kulturell betrachtet durchaus ein Upgrade.
Las Vegas verloren gegen 790 Kilometer Wandern
Besonders konsequent war Christie Mitchell.
Sie war früher häufig in den USA.
Nationalparks, Football, Wohnmobil, Florida – das volle Programm.
Ihren 50. Geburtstag wollte sie eigentlich in Las Vegas feiern.
Ein paar Tage Sonne, Casinos, Shows.
Ganz entspannt.
Dann kam der Boykott.
Und sie entschied sich stattdessen für den Camino Francés in Spanien.
790 Kilometer zu Fuß.
Das ist eine bemerkenswerte Alternative.
Ursprünglicher Plan:
Cocktail am Pool.
Neuer Plan:
Blasen an den Füßen irgendwo in Nordspanien.
Aber Mitchell war begeistert.
Vor allem die Begegnungen mit anderen Wanderern hätten die Reise besonders gemacht.
Und vermutlich war nach 790 Kilometern auch die Versuchung verschwunden, spontan noch einen Abstecher nach Las Vegas zu machen.
Kanada entdeckt plötzlich Kanada
Interessant ist aber noch etwas anderes.
Viele Kanadier reisen jetzt häufiger im eigenen Land.
Was angesichts der Größe Kanadas eigentlich überraschend logisch ist.
Da gibt es schließlich Berge, Küsten, Wälder, Seen und Gegenden, in denen man mehrere Stunden fahren kann, ohne überhaupt einen Menschen zu treffen.
Für Deutsche klingt das bereits nach Luxus.
Für manche Kanadier offenbar bisher eher nach:
„Ja, schön, aber Florida ist wärmer.“
Jetzt werden Nova Scotia, Prince Edward Island und andere Regionen plötzlich wieder interessant.
Man könnte sagen:
Donald Trump hat unbeabsichtigt eine Werbekampagne für den kanadischen Inlandstourismus gestartet.
Und Kanada musste dafür nicht einmal bezahlen.
Das amerikanische Problem
Für die USA ist die Sache weniger lustig.
Wenn hunderttausende Besucher ausbleiben, fehlen Hotels, Restaurants, Geschäften und Veranstaltern erhebliche Einnahmen.
Besonders bitter:
Kanadier gehören eigentlich zu den bequemsten ausländischen Gästen überhaupt.
Sie wohnen direkt nebenan.
Sie müssen nicht zwölf Stunden fliegen.
Und sie wissen bereits, wie Trinkgeld funktioniert.
Solche Kunden möchte man normalerweise behalten.
Stattdessen entdecken sie nun Spanien, Marokko, Mexiko und ihr eigenes Land.
Nicht optimal.
Fazit: Sorry, wir sind dann mal weg
Die politische Eiszeit zwischen Kanada und den USA hat also einen erstaunlichen Nebeneffekt.
Kanadier reisen plötzlich weiter.
Oder bleiben gleich zu Hause.
Aus Texas wird Nova Scotia.
Aus New York wird Rom.
Aus Kalifornien wird Marokko.
Und aus einem Wochenende in Las Vegas wird eine Wanderung quer durch Spanien.
Die USA versuchen inzwischen, ihre nördlichen Nachbarn mit Rabatten zurückzulocken.
Ob das funktioniert, bleibt abzuwarten.
Denn wer einmal frischen Heilbutt in Nova Scotia gegessen, durch Marrakesch spaziert oder 790 Kilometer durch Spanien gewandert ist, denkt sich möglicherweise:
Amerika kann auch nächstes Jahr noch warten.
Oder übernächstes.
Kanadier sind schließlich höflich.
Sie sagen vermutlich sogar beim Boykott noch:
„Sorry.“


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