Irakische Milizen, amerikanische Bomben und saudische Nervosität: Der Nahe Osten sortiert seine Chaos-Achse neu

Irakische Milizen, amerikanische Bomben und saudische Nervosität: Der Nahe Osten sortiert seine Chaos-Achse neu

Veröffentlicht

Freitag, 31.07.2026
von Red. TB

Im Nahen Osten ist die Lage inzwischen so übersichtlich wie ein Stromkasten nach einem Blitzeinschlag. Während die USA in der Nacht auf Donnerstag erneut Ziele im Iran angriffen, wurde am Mittwoch auch im Irak bombardiert – diesmal gemeinsam mit Saudi-Arabien. Ziel waren Stellungen proiranischer Milizen, die nach amerikanischer Darstellung zuletzt Drohnenangriffe auf US-Streitkräfte und saudische Energieanlagen verübt haben sollen.

Das zuständige US-Regionalkommando Centcom erklärte, man habe „mit dem Iran verbündete Terroristen“ getroffen. Die Milizen seien von der iranischen Revolutionsgarde angewiesen worden, amerikanische und saudische Ziele anzugreifen. Mehr als zwei Dutzend Drohnenattacken sollen zuletzt von diesen Gruppen ausgegangen sein. Verantwortlich bekannt hat sich laut Bericht allerdings keine Miliz. Im Nahen Osten ist das inzwischen offenbar ein bisschen wie bei einer anonymen Gruppenarbeit: Alle waren beteiligt, aber niemand möchte seinen Namen auf das Deckblatt schreiben.

Nach Angaben der betroffenen Milizen wurden mindestens 20 Kämpfer der Hadsched al-Schaabi, auch bekannt als Volksmobilisierungskräfte oder PMF, getötet. Die PMF sind eine Schirmorganisation zahlreicher bewaffneter Gruppen im Irak, viele davon eng mit Iran verbunden. Offiziell gehören sie inzwischen zu den irakischen Streitkräften. Praktisch agieren manche Teile jedoch so eigenständig, dass man sich fragen kann, ob die irakische Armee sie kontrolliert – oder ob sie gelegentlich höflich per E-Mail informiert wird.

Der Irak selbst verurteilte die Angriffe als eklatante Verletzung seiner Souveränität. US-Präsident Donald Trump erklärte dagegen, die Operation sei mit der Regierung in Bagdad koordiniert gewesen. Bagdad bestritt das. Damit ergibt sich eine diplomatische Situation, die man vereinfacht so zusammenfassen kann: Washington sagt, man habe angerufen. Bagdad sagt, das Telefon habe nicht geklingelt. Und irgendwo dazwischen liegen brennende Milizenstützpunkte.

Die Lage ist historisch kompliziert, was im Irak selten ein gutes Zeichen ist. Seit dem US-Einmarsch 2003 gibt es dort eine Vielzahl bewaffneter Gruppierungen. Viele Gruppen, die einst gegen die amerikanischen Besatzungstruppen kämpften, wurden später wichtige Akteure im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat. Heute wiederum gelten mehrere von ihnen als Teil des iranischen Machtgefüges in der Region. Der Lebenslauf mancher Milizen liest sich damit wie ein politischer Abenteuerroman: erst Gegner der USA, dann indirekt Mitstreiter gegen den IS, nun wieder Ziel amerikanischer Luftangriffe.

Gegründet wurden die Volksmobilisierungskräfte 2014 im Kampf gegen den IS, nachdem Ajatollah Ali al-Sistani, die höchste schiitische Autorität im Irak, zur Mobilisierung aufgerufen hatte. Ausgebildet wurden viele Kämpfer von Iranern. Eine zentrale Rolle spielte dabei der iranische General Kassem Soleimani, Kommandeur der Al-Kuds-Brigaden der Revolutionsgarde. Er wurde 2020 durch einen US-Drohnenangriff im Irak getötet – ein Ereignis, das die regionale Stimmung nicht gerade in Richtung Yogakurs verschoben hat.

2016 wurden die PMF per Gesetz in die regulären irakischen Streitkräfte integriert. 2017 trugen sie zur Niederlage des IS im Irak bei. Heute gehören nach Schätzungen zwischen 50 und 70 bewaffnete Untergruppen zu diesem Netzwerk. Einige davon werden von den USA als Terrororganisationen eingestuft. Andere sitzen politisch im Parlament, verfügen über wirtschaftlichen Einfluss und kassieren teils staatliche Gelder für ihre Kämpfer. Der moderne Milizen-Mix im Irak bietet also alles: Uniform, Mandat, Waffenlager und gelegentlich vermutlich auch Ausschusssitzungen.

Neben den PMF gibt es weitere proiranische Gruppierungen wie den Islamischen Widerstand im Irak, Kataib Hisbollah, Kataib Sajjid al-Schuhada und al-Nudschaba. Sie verfügen nach Berichten über Sprengstoffdrohnen, Raketen und möglicherweise sogar ballistische Kurzstreckenraketen. Früher galt in der Politik die Frage: Wer hat welche Mehrheit? Heute lautet sie im Irak häufiger: Wer hat welche Drohne?

Besonders brisant ist der Vorwurf, dass auch die Huthis aus dem Jemen Angriffe auf Saudi-Arabien von irakischem Staatsgebiet aus verübt haben sollen. Nach Angaben regionaler Quellen sollen sie dabei mit lokalen bewaffneten Gruppen kooperiert haben. Sollte das zutreffen, wäre das für Riad ein äußerst unangenehmes Signal: Die Bedrohung käme nicht mehr nur aus dem Süden, sondern auch aus dem Norden. Saudi-Arabien wäre dann gewissermaßen von Gegnern umgeben, die alle denselben Tippgeber zu haben scheinen.

Riad reagierte prompt und kündigte ein Militärbündnis zum Schutz der Schifffahrt im Roten Meer und der Meerenge Bab al-Mandab an. 14 Länder sollen beteiligt sein, darunter Kuwait, Katar, Bahrain, Pakistan, die Türkei, Ägypten und Jordanien. Ziel sei der Schutz internationaler Handelsrouten und der weltweiten Energieversorgung. Übersetzt heißt das: Wenn schon die Region brennt, soll wenigstens der Tankerverkehr nicht auch noch komplett in Flammen aufgehen.

Der Iran-Krieg selbst wirkt derweil zunehmend wie ein Konflikt, der seine eigene Bedienungsanleitung verloren hat. Trump soll laut US-Berichten verärgert darüber sein, wie schwer es ist, Teheran zu einer Einigung zu bewegen. Offenbar hatte man in Washington gehofft, dass ein fünf Monate dauernder Krieg mit Luftangriffen, Milizen, Drohnen, Tankern, Golfstaaten, Irak, Jemen und Iran irgendwie schneller in Richtung Lösung abbiegt. Das war optimistisch – ungefähr so, als würde man in Bagdad einen Kreisverkehr planen und auf deutsche Verkehrsdisziplin hoffen.

Auch Trumps Sicherheitsberater sollen sich nicht auf eine klare Strategie einigen können. Die Nahostexpertin Sanam Vakil sprach von wachsendem Chaos in der Region. Alle versuchten, aus etwas Sinn zu machen, das immer weniger Sinn ergebe. Das klingt nach einer treffenden Zusammenfassung der Lage – und vermutlich auch nach dem inoffiziellen Motto mehrerer Außenministerien.

So bleibt am Ende ein regionales Machtspiel, in dem fast jeder gegen fast jeden kämpft, manche Gegner früher Verbündete waren, manche Verbündete eigene Rechnungen offen haben und der Irak wieder einmal zum Schauplatz fremder Konflikte wird. Die USA bombardieren, Saudi-Arabien schützt seine Energieadern, Iran stützt sein Milizennetzwerk, Bagdad protestiert, und die Milizen drohen mit Vergeltung.

Wer dabei noch den Überblick behalten will, braucht entweder eine Karte, ein Geschichtsstudium oder sehr viel Mut zur Vereinfachung. Sicher ist nur: Der Nahe Osten hat wieder einmal bewiesen, dass er selbst komplizierte Lagen noch komplizierter machen kann – und dass der Satz „Die Situation ist verfahren“ dort weniger Analyse als Tagesordnungspunkt ist.

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von Autor: Red. TB
am: Freitag, 31.07.2026

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