Das Weiße Haus will sich nach eigenen Angaben nicht in das Auslieferungsverfahren gegen Andrew und Tristan Tate einmischen. Regierungssprecherin Karoline Leavitt erklärte am 23. Juli bei einer Pressekonferenz in Washington auf die Frage, ob Präsident Donald Trump oder seine Regierung zugunsten der beiden Brüder intervenieren wollten, knapp: „Nein. Diese Frage haben wir bereits beantwortet.“
Diese Antwort ist bemerkenswert nüchtern – und politisch durchaus verständlich. Denn der Fall der Tate-Brüder ist längst mehr als ein gewöhnliches Auslieferungsverfahren. Er ist ein toxisches Gemisch aus Prominenz, Internetkult, schwersten strafrechtlichen Vorwürfen, politischer Nähebehauptung und öffentlicher Selbstinszenierung.
Andrew und Tristan Tate wurden am 18. Juli in Miami von U.S. Marshals festgenommen. Britische Behörden betreiben ihre Auslieferung in das Vereinigte Königreich. Dort sollen sie sich wegen zahlreicher schwerer Vorwürfe verantworten, darunter Vergewaltigung, Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung, Körperverletzung sowie weitere Delikte im Zusammenhang mit Missbrauchsdarstellungen und extremer Pornografie.
Die Brüder bestreiten sämtliche Vorwürfe. Bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung.
Dennoch ist die Liste der Vorwürfe erschütternd. Die britische Strafverfolgungsbehörde wirft Andrew Tate unter anderem mehrere Fälle von Vergewaltigung, Vorwürfe der Förderung oder Ermöglichung von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung sowie Körperverletzungsdelikte vor. Tristan Tate soll sich ebenfalls wegen Vergewaltigungsvorwürfen, sexueller Nötigung und Vorwürfen im Zusammenhang mit Menschenhandel verantworten.
Nach veröffentlichten Gerichtsunterlagen stammen die Aussagen mehrerer Frauen aus den Jahren 2012 bis 2015. Die mutmaßlichen Opfer berichten von sexueller Gewalt, körperlichen Übergriffen und Würgen bis zur Bewusstlosigkeit. Die Frauen werden in den Unterlagen nicht namentlich genannt.
Zusätzlich zu den neuen Vorwürfen stehen weitere ältere Anklagepunkte im Raum. Insgesamt sollen sich die Tate-Brüder in Großbritannien mit 59 Anklagepunkten auseinandersetzen müssen. Hinzu kommen Verfahren in Rumänien sowie mehrere zivilrechtliche Klagen im Zusammenhang mit Vorwürfen sexueller Gewalt und Menschenhandel.
Dass das Weiße Haus nun demonstrativ auf Abstand geht, dürfte kaum Zufall sein. Die Tate-Brüder sind keine gewöhnlichen Beschuldigten. Sie gehören zu den bekanntesten Figuren der sogenannten „Manosphere“, einem Online-Milieu aus Influencern, Geschäftsversprechen, Fitnessrhetorik, Männlichkeitskult und antifeministischen Botschaften. Nach außen verkaufen sie sich als Selfmade-Provokateure. Kritiker sehen in ihnen seit Jahren Symbolfiguren einer Szene, in der Frauenverachtung als Lebensstil vermarktet wird.
Gerade deshalb ist der Fall politisch heikel. Donald Trump und sein Umfeld haben in der Vergangenheit gezielt Teile dieser männlich dominierten Online-Szene angesprochen. Berichte über Kontakte oder Nähe einzelner Personen aus dem Trump-Umfeld zu den Tates wurden von Regierungsseite allerdings als „Fake News“ zurückgewiesen.
US-Außenminister Marco Rubio gab sich ebenfalls zurückhaltend. Solange der Fall vor Gericht laufe, gebe es keine Rolle für die Regierung – vielleicht auch später nicht. Sollte ein US-Gericht die Auslieferung für zulässig erklären, müsste der Außenminister am Ende allerdings die entscheidende Unterschrift leisten.
Der Anwalt der Brüder verwies genau darauf. Ohne die Unterschrift des Außenministers gebe es keine Auslieferung, erklärte er gegenüber TMZ. Formal ist das richtig. Politisch klingt es wie der Versuch, eine Tür offenzuhalten, die das Weiße Haus öffentlich lieber geschlossen sehen möchte.
Und genau hier liegt der Kern: Die Regierung will offenbar nicht den Eindruck erwecken, sie stelle sich schützend vor zwei Männer, gegen die in mehreren Ländern schwerste Vorwürfe erhoben werden. Wer sich mit solchen Fällen gemeinmacht, kann politisch schnell vom Unterstützer zum Mitverantwortlichen in der öffentlichen Wahrnehmung werden. Und bekanntlich gilt: Wer sich in die Nesseln setzt, darf sich über das Brennen nicht wundern.
Nun müssen zunächst die US-Gerichte prüfen, ob eine Auslieferung rechtlich zulässig ist. Erst danach könnte das Außenministerium endgültig entscheiden. Bis dahin bleibt der Fall ein Lehrstück darüber, wie schnell Internetruhm, politische Nähe und strafrechtliche Vorwürfe zu einem gefährlichen Cocktail werden können.
Für die Tate-Brüder gilt die Unschuldsvermutung. Für die Öffentlichkeit gilt aber ebenso: Bei derart schweren Vorwürfen reicht es nicht, sich hinter Lautstärke, Opferpose oder politischer Rhetorik zu verstecken.
Am Ende wird nicht die Zahl der Follower entscheiden, sondern das Gericht.


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