Vor 20 Jahren war ein amerikanischer Reisepass ungefähr das, was eine schwarze Kreditkarte, ein Diplomatenlächeln und ein Upgrade in die Businessclass zusammen sind: Er öffnete Türen.
2006 lag der US-Pass weltweit an der Spitze. Nur Dänemark und Finnland konnten mithalten. Wer damals mit dem Adler auf dem Umschlag am Flughafen erschien, durfte sich fühlen, als gehöre ihm zumindest der Duty-free-Bereich.
Heute sieht die Sache weniger majestätisch aus.
Im aktuellen Henley Passport Index landen die Vereinigten Staaten nur noch auf Platz zehn, gemeinsam mit Island. Das klingt zunächst nicht dramatisch. Zehnter von fast 200 – damit kann man bei vielen Sportarten noch zufrieden nach Hause fahren.
Das Problem: Weil sich mehrere Länder dieselben Plätze teilen, liegen tatsächlich 36 Staaten vor den USA.
Der amerikanische Pass ist also nicht einfach Zehnter. Er ist eher Zehnter auf eine Weise, bei der 36 andere schon ihre Koffer im Hotelzimmer ausgepackt haben.
Dabei dürfen US-Bürger heute in 180 Länder und Gebiete reisen, ohne vorher ein klassisches Visum beantragen zu müssen. 2006 waren es nur 130.
Amerika hat also deutlich zugelegt.
Nur die anderen waren schneller.
Das ist ein bisschen so, als würde man stolz verkünden, beim Marathon eine persönliche Bestzeit gelaufen zu sein – und dann feststellen, dass inzwischen sogar Luxemburg mit dem Siegerpokal am Buffet steht.
An der Spitze liegt Singapur. Sein Pass ermöglicht die weitgehend visafreie Einreise in 192 Reiseziele. Vor 20 Jahren waren es 70 weniger.
Singapur hat seinen Bürgern also in zwei Jahrzehnten fast eine zusätzliche Welt freigeschaltet.
Noch spektakulärer ist der Aufstieg der Vereinigten Arabischen Emirate. Sie teilen sich mit Japan und Südkorea den zweiten Platz. Bürger dieser Staaten können 188 Ziele ohne vorheriges Visum erreichen.
Die Emirate haben seit 2006 satte 153 Reiseziele hinzugewonnen.
Das ist keine Verbesserung mehr. Das ist ein außenpolitischer Raketenstart.
Während andere Staaten jahrelang Formulare ausfüllen, Botschaften besuchen und auf Rückrufe warten, scheinen die Emirate einfach bei jedem Land angerufen und gefragt zu haben: „Visum abschaffen? Wir bringen auch Investitionen mit.“
Offenbar hat das funktioniert.
Japan gewann seit 2006 Zugang zu 60 weiteren Zielen, Südkorea zu 73. Beide Länder profitieren von wirtschaftlicher Stärke, stabilen Institutionen und dem angenehmen Umstand, international nicht ständig mit politischen Überraschungen aufzuwarten.
Der amerikanische Pass dagegen lebt zunehmend vom Ruhm vergangener Jahrzehnte.
Christian H. Kaelin, Erfinder des Henley Passport Index, sagt, die Stärke eines Passes spiegele das geopolitische Kapital eines Landes wider. Die wertvollsten Pässe gehörten Staaten, die andere Länder als attraktive Partner betrachteten – für Handel, Investitionen, Sicherheit oder Zusammenarbeit.
Oder einfacher gesagt: Ein guter Pass zeigt, wie gern andere Länder einen sehen.
Und beim US-Pass scheint die Welt inzwischen zu sagen: „Natürlich dürft ihr kommen. Aber ruft vorher vielleicht kurz an.“
Europa steht im Ranking weiterhin hervorragend da. Schweden liegt auf Platz drei. Belgien, Dänemark, Finnland, Frankreich, Deutschland, Irland, Italien, Luxemburg, die Niederlande, Norwegen und Spanien teilen sich Rang vier.
Europa mag sich über Bürokratie, Regulierung und die korrekte Krümmung von Gurken streiten – beim Reisen funktioniert die Gemeinschaft offenbar ausgezeichnet.
Besonders stark aufgeholt haben osteuropäische Länder.
Ungarn liegt heute auf Platz sechs, 2006 war es noch Rang 19. Polen verbesserte sich von Platz 16 auf sechs. Lettland kletterte von Rang 26 auf sieben, die Slowakei von 22 auf sieben und Tschechien von 21 ebenfalls auf sieben.
Kroatien gewann 20 Plätze, Estland 18 und Litauen 15.
Die Europäische Union hat damit etwas geschafft, was nicht einmal Billigfluggesellschaften zuverlässig hinbekommen: Sie hat sehr vielen Menschen das Reisen erleichtert.
Großbritannien dagegen fiel von Platz drei auf sechs.
Seit dem Brexit besitzt das Land zwar wieder volle nationale Souveränität, dafür aber offenbar etwas weniger globale Bewegungsfreiheit. Man kann eben nicht alles haben.
Auch Kanada und Neuseeland sind zurückgefallen. Beide liegen heute auf Rang sieben, 2006 waren sie noch Sechste.
Doch kein Abstieg wirkt so symbolisch wie der amerikanische.
Der US-Pass war lange ein Statussymbol. Er stand für Einfluss, Schutz und das sichere Gefühl, an fast jeder Grenze freundlich durchgewunken zu werden.
Heute ist er noch immer stark. Nur eben nicht mehr der stärkste.
Das passt zu einer Welt, in der Amerikas Macht zwar weiterhin enorm ist, aber nicht mehr automatisch alles überstrahlt.
Der Passindex zeigt dabei nicht nur Gewinner. Er zeigt auch, wie ungleich globale Bewegungsfreiheit verteilt ist.
Afghanistan steht weiterhin auf dem letzten Platz. Afghanische Staatsbürger können lediglich 22 Reiseziele ohne vorheriges Visum besuchen. Vor 20 Jahren waren es zwölf.
Das ist zwar eine Verdoppelung.
Trotzdem beträgt der Abstand zu Singapur 170 Ziele.
Für Bürger Singapurs ist eine Reise häufig eine Frage von Flugpreis, Urlaubstagen und der Entscheidung, ob man lieber ans Meer oder in die Berge möchte.
Für Afghanen beginnt dieselbe Reise oft mit Formularen, Gebühren, Kontoauszügen, Einladungsschreiben und der leisen Hoffnung, dass der Antrag nicht wegen eines falsch gesetzten Häkchens abgelehnt wird.
Der Geburtsort entscheidet damit weiterhin darüber, ob die Welt offensteht oder zunächst einen Termin bei der Botschaft verlangt.
Bolivien ist übrigens das einzige Land, dessen Pass in den vergangenen 20 Jahren tatsächlich schwächer geworden ist. Bolivianer verloren den visafreien Zugang zu sechs Zielen.
Alle anderen legten zu.
Bolivien hat es damit geschafft, in einer weltweit wachsenden Mobilitätsstatistik rückwärtszufahren. Auch das ist eine Form von Alleinstellungsmerkmal.
Der Henley-Bericht vergleicht die Passstärke außerdem mit dem Global Peace Index. Das Ergebnis: Friedliche Länder verfügen meist auch über starke Pässe.
Singapur liegt beim Friedensindex auf Platz acht und beim Passindex auf Platz eins. Auch Japan, die Schweiz, Irland, Österreich, Portugal, Finnland, Dänemark, Neuseeland und Kanada schneiden in beiden Ranglisten gut ab.
Das ergibt Sinn. Wer aus einem stabilen, wohlhabenden und friedlichen Land kommt, gilt an der Grenze eher als Tourist denn als mögliches Problem.
Dann gibt es allerdings die Ausnahmen.
Die USA liegen im Passindex auf Rang zehn, im Global Peace Index dagegen nur auf Platz 134. Israel steht beim Passindex auf Rang 18, beim Friedensindex auf 149.
Warum ihre Pässe trotzdem stark bleiben?
Weil geopolitische Macht nachwirkt.
Jahrzehnte diplomatischer Beziehungen, wirtschaftlicher Einfluss, militärische Bedeutung und Vertrauen in staatliche Dokumente verschwinden nicht sofort, nur weil das politische Klima unruhiger wird.
Der amerikanische Pass profitiert also noch immer von angesammeltem Weltmachtbonus.
Aber Bonuspunkte halten nicht ewig.
Je mehr Staaten ihre internationalen Beziehungen ausbauen, desto weniger genügt es, sich auf alte Größe zu berufen.
Passrankings sind allerdings keine exakte Wissenschaft. Verschiedene Anbieter rechnen unterschiedlich.
Beim Index des Unternehmens Arton Capital liegen die Vereinigten Arabischen Emirate auf Platz eins, Frankreich und Spanien teilen sich Rang zwei.
Je nach Methode kann sich die Reihenfolge also ändern.
Der Trend bleibt trotzdem derselbe: Die Welt ist mobiler geworden, aber die USA sind nicht im selben Tempo mitgewachsen.
Asiatische Staaten steigen auf. Die Golfstaaten nutzen strategische Diplomatie. Europa profitiert von gemeinsamer Reisefreiheit.
Und Amerika?
Amerika kommt weiterhin fast überall hinein.
Es muss sich nur langsam daran gewöhnen, dass andere schon vor ihm durch die Passkontrolle sind.


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