Facebook

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Veröffentlicht

Donnerstag, 08.10.2026
von Red. TB

The Social Reckoning: Facebook vor Gericht – und das Publikum schaut nebenbei aufs Handy

Es gibt Filme, die verändern die Welt.

Und es gibt Filme über Facebook.

„The Social Reckoning“ möchte offenbar beides sein.

Sechzehn Jahre nach „The Social Network“ geht es diesmal nicht mehr darum, wie ein paar Harvard-Studenten aus einer Website einen Milliardenkonzern machten.

Diesmal geht es um die viel größere Frage:

Was hat Facebook eigentlich mit uns allen gemacht?

Eine Whistleblowerin.

Interne Dokumente.

Ein investigativer Journalist.

Psychische Probleme bei Jugendlichen.

Radikalisierung.

Algorithmen.

Milliarden Nutzer.

Und mittendrin Mark Zuckerberg.

Eigentlich Stoff für einen Thriller, bei dem man zwei Stunden lang vergisst zu atmen.

Das Problem:

Nach der vorliegenden Kritik könnte man stattdessen genügend Zeit haben, zwischendurch seine Nachrichten zu beantworten.

Oder bei Instagram vorbeizuschauen.

Was bei einem Film über die Gefahren sozialer Medien immerhin eine gewisse Konsequenz besitzt.

Facebook auf der Anklagebank – nur der Richter fehlt

Aaron Sorkin hat bereits das Drehbuch zu „The Social Network“ geschrieben.

Damals saß allerdings David Fincher auf dem Regiestuhl.

Das Ergebnis war ein Film über Programmierer, Verträge und Gerichtsverfahren, der trotzdem spannender war als so mancher Actionfilm.

Diesmal macht Sorkin alles selbst.

Drehbuch.

Regie.

Und vielleicht hat ihm einfach niemand gesagt:

„Aaron, an dieser Stelle müsste jetzt irgendetwas passieren.“

Denn „The Social Reckoning“ beschäftigt sich mit einem gewaltigen Thema.

Nur scheint das Thema deutlich größer zu sein als der Film.

Mark Zuckerberg ist jetzt noch fröhlicher als früher

Mark Zuckerberg wird diesmal von Jeremy Strong gespielt.

Wer „Succession“ kennt, weiß:

Wenn Strong einen Raum betritt, rechnet man normalerweise damit, dass entweder ein Unternehmen verkauft oder eine Familie zerstört wird.

Als Zuckerberg darf er offenbar vor allem eines:

ernst schauen.

Sehr ernst.

So ernst, dass man vermutlich schon beim Anblick freiwillig seine Datenschutzeinstellungen überprüft.

Der Zuckerberg des Films wirkt kalt, distanziert und nahezu emotionslos.

Was wahrscheinlich auch erklärt, warum seine Berater ihm beibringen müssen, vor einer Anhörung möglichst menschlich zu wirken.

Vielleicht hätte ein Update geholfen.

Zuckerberg 2.0 – jetzt mit Gesichtsausdruck.

Die eigentlichen Helden sind Journalistin und Whistleblowerin

Im Zentrum des Films stehen allerdings andere Figuren.

Jeremy Allen White spielt den Journalisten Jeff Horwitz.

Mikey Madison verkörpert die Facebook-Whistleblowerin Frances Haugen.

Horwitz möchte herausfinden, was bei Facebook intern wirklich passiert.

Das Problem:

Niemand will mit ihm reden.

Dann taucht Haugen auf.

Sie besitzt interne Informationen und beginnt, dem Journalisten Material zuzuspielen.

Damit beginnt die klassische Enthüllungsgeschichte:

Whistleblowerin trifft Reporter.

Reporter erhält Dokumente.

Whistleblowerin sagt:

„Das war jetzt aber wirklich das letzte Mal.“

Und kommt wenig später mit neuen Dokumenten zurück.

Journalistische Recherche kann eben manchmal auch eine Serie sein.

Facebook wusste offenbar mehr, als Facebook gerne erzählte

Im Film geht es unter anderem um interne Erkenntnisse zu Instagram und Jugendlichen.

Eine der behandelten Untersuchungen kommt zu einem bemerkenswerten Ergebnis:

32 Prozent der befragten jugendlichen Mädchen, die ohnehin bereits Probleme mit ihrem Körperbild hatten, erklärten demnach, Instagram habe diese Gefühle noch verschlimmert.

Hinzu kommen Hinweise darauf, dass Empfehlungsmechanismen Nutzer möglicherweise in immer extremere Gruppen führen konnten.

Das sind ernste Themen.

Sehr ernste sogar.

Und eigentlich müsste man als Zuschauer irgendwann denken:

„Das darf doch alles nicht wahr sein.“

Stattdessen scheint man nach der Filmkritik gelegentlich eher zu denken:

„Wann passiert denn jetzt endlich etwas?“

Die große Gefahr besteht hauptsächlich darin, dass jemand darüber spricht

Ein klassischer Enthüllungsthriller benötigt normalerweise Spannung.

Jemand wird verfolgt.

Telefone werden abgehört.

Dokumente verschwinden.

Ein Informant bekommt Angst.

Irgendwo steht ein schwarzer SUV.

In „The Social Reckoning“ besteht die Gefahr offenbar hauptsächlich darin, dass die Figuren immer wieder darüber sprechen, wie gefährlich alles sein könnte.

Das ist ungefähr so, als würde James Bond zwei Stunden lang erklären, dass sein Beruf ziemlich riskant sei.

Während er im Büro sitzt.

Zwei Geschichten – die sich höflich aus dem Weg gehen

Der Film springt zwischen zwei Handlungssträngen hin und her.

Auf der einen Seite:

Horwitz und Haugen.

Gespräche.

Dokumente.

Informationen.

Weitere Gespräche.

Auf der anderen Seite:

Mark Zuckerberg bereitet sich auf eine Anhörung im Senat vor.

Seine Berater erklären ihm, wie er möglichst wenig wie ein Roboter wirken kann.

Eigentlich wartet man darauf, dass beide Geschichten irgendwann zusammenprallen.

Reporter gegen Zuckerberg.

Whistleblowerin gegen Konzernchef.

David gegen Goliath.

Doch offenbar gilt auch hier das Prinzip sozialer Medien:

Man lebt in verschiedenen Blasen und begegnet sich nie.

Der Film besitzt ein grundsätzliches Spoilerproblem

Das größte dramaturgische Problem kann selbst Aaron Sorkin nicht lösen.

Wir wissen, wie die Geschichte ausgeht.

Facebook existiert noch.

Instagram existiert noch.

Meta existiert noch.

Mark Zuckerberg ist weiterhin einer der reichsten Menschen der Welt.

Niemand sitzt am Ende des Films auf den Trümmern seines Imperiums und sagt:

„Warum habe ich damals nur diesen Like-Button erfunden?“

Das macht eine große filmische Abrechnung schwierig.

Richard Nixon trat nach Watergate zurück.

Facebook führte danach vermutlich einfach ein neues Feature ein.

Der Titel verspricht zumindest sehr viel

„The Social Reckoning“.

Die große gesellschaftliche Abrechnung.

Das klingt nach:

Jetzt wird aufgeräumt.

Jetzt wird abgerechnet.

Jetzt kommt die Wahrheit.

Nach der vorliegenden Kritik bekommt man allerdings eher:

„The Social Gesprächsrunde“.

Oder:

„The Social PowerPoint“.

Vielleicht wäre auch

„Facebook – wir müssten wirklich mal reden“

ein passender Titel gewesen.

Ein Film über Aufmerksamkeit kämpft um Aufmerksamkeit

Und hier erreicht die Geschichte ihren schönsten unfreiwilligen Widerspruch.

„The Social Reckoning“ möchte erklären, wie mächtig soziale Medien sind.

Wie sie unsere Aufmerksamkeit binden.

Wie Algorithmen unser Verhalten beeinflussen.

Wie Plattformen davon profitieren, dass wir immer weiter scrollen.

Doch offenbar ist der Film selbst nicht spannend genug, um zu verhindern, dass Zuschauer währenddessen genau das tun.

Man sitzt also im Kino.

Auf der Leinwand erklärt jemand die zerstörerische Macht von Facebook.

Und in Reihe sieben denkt jemand:

„Ich gucke nur ganz kurz, ob jemand geschrieben hat.“

Mark Zuckerberg hätte das vermutlich nicht besser planen können.

Vielleicht liegt genau darin die Wahrheit

Denn möglicherweise ist die größte Niederlage eines Films über soziale Medien heute gar nicht, dass er schlecht bewertet wird.

Sondern dass TikTok nach 15 Sekunden interessanter erscheint.

Früher konkurrierte Kino mit Fernsehen.

Heute konkurriert ein zweistündiger Film mit einem zwölfsekündigen Video von einem Hund, der vom Sofa fällt.

Das ist kein fairer Wettbewerb.

Trotzdem steckt ein ernstes Thema dahinter

Bei aller möglichen Satire sollte man nicht vergessen:

Die Fragen, die „The Social Reckoning“ behandelt, sind wichtig.

Welche Verantwortung tragen Plattformbetreiber?

Was wissen Unternehmen über mögliche Schäden ihrer Produkte?

Wie funktionieren Empfehlungsalgorithmen?

Welche Auswirkungen haben soziale Netzwerke auf Jugendliche?

Wie leicht können Menschen durch digitale Systeme radikalisiert werden?

Und wer kontrolliert eigentlich Unternehmen, deren Plattformen von Milliarden Menschen genutzt werden?

Das sind Fragen, die weit über Facebook hinausgehen.

Zuckerberg muss den Film vermutlich überleben

Die große Abrechnung bleibt offenbar trotzdem aus.

Mark Zuckerberg überlebt.

Meta überlebt.

Facebook überlebt.

Instagram überlebt.

Und wahrscheinlich überlebt auch der Algorithmus.

Nur die Geduld mancher Zuschauer könnte nach 112 Minuten etwas angeschlagen sein.

Fazit

„The Social Reckoning“ hat ein riesiges Thema.

Vielleicht sogar eines der größten unserer Zeit.

Doch nach der vorliegenden Kritik gelingt daraus offenbar kein zweiter „Social Network“.

Der Film möchte Facebook vor Gericht stellen.

Nur fällt das Urteil erstaunlich leise aus.

Und während auf der Leinwand über die zerstörerische Macht sozialer Netzwerke gesprochen wird, könnte der eine oder andere Zuschauer längst wieder dort angekommen sein, wo Facebook ihn vermutlich am liebsten hat:

am Smartphone.

Vielleicht ist das am Ende sogar die unfreiwillig treffendste Botschaft des Films.

Facebook gewinnt nicht, weil niemand seine Probleme kennt.

Facebook gewinnt möglicherweise deshalb, weil wir selbst während eines Films über diese Probleme nicht aufhören können zu scrollen.

 

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Bildnachweis:

Simon (CC0), Pixabay

von Autor: Red. TB
am: Donnerstag, 08.10.2026

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