Seit fast neun Jahren fehlt von Ruja Ignatova jede verlässliche Spur.
Die selbst ernannte „Kryptoqueen“ versprach Anlegern mit OneCoin einst eine neue Finanzwelt. OneCoin sollte angeblich zum großen Konkurrenten des Bitcoin werden.
Stattdessen wurde daraus eines der größten internationalen Betrugssysteme der vergangenen Jahre.
Millionen Menschen investierten Geld.
Milliarden flossen.
Dann verschwand Ruja Ignatova.
Und während die Frau, die im Mittelpunkt des OneCoin-Komplexes steht, bis heute nicht gefasst wurde, beschäftigt ihr früheres persönliches und geschäftliches Umfeld weiterhin Gerichte in Deutschland und den USA.
Was bei OneCoin tatsächlich belegt ist
Bei den Summen rund um OneCoin kursieren seit Jahren sehr unterschiedliche Zahlen.
Teilweise ist von bis zu 15 Milliarden Euro die Rede.
Für eine seriöse Einordnung ist jedoch eine andere Zahl entscheidend:
Nach Erkenntnissen der US-Justiz nahm OneCoin allein zwischen dem vierten Quartal 2014 und dem vierten Quartal 2016 mehr als vier Milliarden Euro beziehungsweise Dollar in vergleichbarer Größenordnung von Anlegern ein.
Die US-Justiz spricht von mindestens 3,5 Millionen Betroffenen weltweit.
Interne OneCoin-Zahlen wiesen für diesen Zeitraum Umsätze von rund 4,037 Milliarden Euro und angebliche Gewinne von rund 2,735 Milliarden Euro aus.
Damit ist bereits die behördlich dokumentierte Größenordnung enorm.
OneCoin war keine normale Kryptowährung
OneCoin wurde ab 2014 massiv beworben.
Das System verband vermeintliche Kryptowährungen mit einem mehrstufigen Vertriebssystem.
Teilnehmer sollten sogenannte Schulungspakete beziehungsweise OneCoin-Pakete kaufen und wurden zugleich dafür vergütet, weitere Teilnehmer anzuwerben.
Auf großen Veranstaltungen trat Ignatova als glamouröse Unternehmerin auf.
Sie versprach eine finanzielle Revolution.
OneCoin werde den Bitcoin überholen.
Tatsächlich kamen US-Gerichte später zu einem völlig anderen Ergebnis.
OneCoin verfügte nicht über die Eigenschaften einer frei handelbaren Kryptowährung wie Bitcoin. Der angebliche Preis wurde innerhalb des Systems festgelegt und stieg nahezu kontinuierlich.
Die US-Justiz bezeichnet OneCoin heute ausdrücklich als betrügerisches Pyramidensystem.
Dann verschwand die Kryptoqueen
Am 25. Oktober 2017 flog Ruja Ignatova nach Erkenntnissen amerikanischer Ermittler von Sofia nach Athen.
Danach verliert sich ihre öffentlich belegte Spur.
Bereits wenige Tage zuvor war sie in den USA angeklagt worden.
Seit Juni 2022 steht sie auf der Liste der zehn meistgesuchten Flüchtigen des FBI.
Heute werden für Hinweise, die zu ihrer Festnahme oder Verurteilung führen, bis zu fünf Millionen US-Dollar Belohnung angeboten.
Auch 2026 gilt:
Ignatova ist weiterhin flüchtig.
Wo sie sich befindet, ist unbekannt.
Ist Ruja Ignatova überhaupt noch am Leben?
Seit Jahren gibt es Spekulationen darüber, ob Ignatova möglicherweise ermordet wurde.
Andere Theorien gehen davon aus, dass sie mit Unterstützung vermögender oder krimineller Netzwerke unter einer neuen Identität lebt.
Belegt ist keine dieser Versionen.
Das FBI behandelt sie weiterhin als lebende Flüchtige und fahndet international nach ihr.
Wer behauptet, Ignatova sei definitiv tot oder definitiv in einem bestimmten Land untergetaucht, bewegt sich deshalb bislang im Bereich der Spekulation.
Während Ruja verschwindet, steht ihr Ex-Mann in Darmstadt vor Gericht
Seit September 2026 läuft vor dem Landgericht Darmstadt ein Verfahren gegen Ignatovas früheren Ehemann Björn S.
Der heute 50-jährige Rechtsanwalt muss sich gegen Geldwäschevorwürfe verteidigen.
Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft soll er Geld erhalten haben, das aus dem OneCoin-Komplex stammen könnte.
Im Raum stehen nach den bisherigen Prozessberichten unter anderem zwei größere Zahlungen mit einer Gesamtsumme von ungefähr 16 Millionen Euro.
Unter anderem geht es um Geld, das über eine Gesellschaft aus Hongkong auf Konten des Angeklagten gelangt sein soll.
Wichtig ist:
Björn S. ist nicht wegen Beteiligung am OneCoin-Betrug rechtskräftig verurteilt.
Er steht vor Gericht.
Die Staatsanwaltschaft erhebt Vorwürfe.
Das Gericht muss entscheiden, ob diese bewiesen werden können.
Bis dahin gilt die Unschuldsvermutung.
Auch eine millionenschwere Villa spielt eine Rolle
Im Verfahren geht es nach Medienberichten zudem um eine Villa in Bad Homburg.
Das Anwesen soll für mehr als sieben Millionen Euro erworben worden sein.
Die Ermittler gehen dem Verdacht nach, dass hierfür Mittel verwendet worden sein könnten, die aus dem OneCoin-System stammten.
Auf dem Grundstück liegt inzwischen eine Sicherungshypothek.
Auch dieser Komplex ist Gegenstand des laufenden Verfahrens und deshalb nicht abschließend bewertet.
Wie viel wusste der Ehemann?
Das dürfte eine der entscheidenden Fragen des Darmstädter Prozesses werden.
Björn S. war nicht irgendein entfernter Bekannter Ignatovas.
Er war mit ihr verheiratet.
Er besuchte nach veröffentlichten Berichten verschiedene Veranstaltungen aus ihrem geschäftlichen Umfeld und war bei gesellschaftlichen OneCoin-Terminen anwesend.
Die entscheidende juristische Frage lautet jedoch nicht, ob er auf Veranstaltungen gesehen wurde.
Sie lautet:
Was wusste er über die Herkunft bestimmter Gelder?
Und wusste er, dass diese möglicherweise aus Straftaten stammten?
Genau dies muss das Gericht klären.
Sebastian Greenwood: vom OneCoin-Mitgründer zum Gefängnisinsassen
Anders ist die Rechtslage bei Karl Sebastian Greenwood.
Greenwood gründete OneCoin gemeinsam mit Ruja Ignatova.
Er wurde 2018 in Thailand festgenommen und anschließend in die USA ausgeliefert.
Im Dezember 2022 bekannte er sich wegen Betrugs- und Geldwäschedelikten schuldig.
Im September 2023 wurde er zu 20 Jahren Haft verurteilt.
US-Ermittler gehen davon aus, dass Greenwood persönlich enorme Summen aus dem System erhielt.
Nach Angaben der US-Staatsanwaltschaft flossen ihm mehr als 300 Millionen Dollar zu.
Damit gehört Greenwood zu den zentralen bereits verurteilten Akteuren des OneCoin-Komplexes.
War Greenwood auch Ignatovas Geliebter?
Mehrere ausführliche Recherchen zum persönlichen Umfeld Ignatovas bezeichnen Greenwood als zeitweiligen Lebensgefährten beziehungsweise Geliebten.
Dass beide gleichzeitig OneCoin führten, macht die Geschichte spektakulär.
Juristisch spielt die Liebesbeziehung jedoch nur eine Nebenrolle.
Entscheidend ist, dass Greenwood als Mitgründer und Verantwortlicher für OneCoin rechtskräftig verurteilt wurde.
Seine persönliche Beziehung zu Ignatova ist dagegen keine Grundlage seiner Verurteilung.
Gilbert Armenta: noch ein Mann aus Ignatovas persönlichem Umfeld
Auch der amerikanische Geschäftsmann Gilbert Armenta spielte im OneCoin-Komplex eine bedeutende Rolle.
Recherchen und US-Gerichtsunterlagen beschreiben ihn ebenfalls als früheren Lebensgefährten Ignatovas.
Er war außerdem in umfangreiche Finanztransaktionen rund um OneCoin eingebunden.
Armenta bekannte sich im Zusammenhang mit Geldwäsche schuldig und kooperierte später umfassend mit amerikanischen Ermittlern.
Er wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt.
Nach veröffentlichten Angaben sollte seine Haftzeit 2026 auslaufen.
Damit ergibt sich ein bemerkenswertes Bild:
Der Ehemann steht in Deutschland vor Gericht.
Ein früherer Partner und Mitgründer sitzt wegen OneCoin im Gefängnis.
Ein weiterer früherer Partner wurde wegen Geldwäsche verurteilt.
Nur Ruja Ignatova selbst bleibt verschwunden.
Nicht alle Männer in ihrem Umfeld waren Täter
Gerade bei einer solchen Geschichte ist eine wichtige Unterscheidung notwendig.
Die Tatsache, dass jemand mit Ignatova verheiratet war, eine Beziehung mit ihr hatte oder in ihrem Umfeld auftauchte, macht diese Person nicht automatisch zum Beteiligten an Straftaten.
Sebastian Greenwood ist rechtskräftig verurteilt.
Gilbert Armenta wurde ebenfalls strafrechtlich belangt.
Björn S. dagegen steht aktuell vor Gericht und gilt bis zu einem rechtskräftigen Urteil als unschuldig.
Diese Unterschiede dürfen bei einer journalistischen Darstellung nicht verwischt werden.
In Deutschland geht die Aufarbeitung weiter
Deutschland spielt im OneCoin-Komplex eine größere Rolle, als man zunächst vermuten könnte.
Ruja Ignatova besitzt beziehungsweise besaß deutsche Bezüge, und deutsche Anleger verloren erhebliche Geldbeträge.
Die Staatsanwaltschaft Bielefeld erhob 2025 Anklage gegen Ignatova, um eine drohende Verjährung zu verhindern.
Nach aktuellen Angaben werden in diesem Verfahren mehr als 17.500 deutsche und europäische Geschädigte berücksichtigt.
Für den untersuchten Zeitraum wird ein Schaden von rund 57 Millionen Euro genannt.
Auch in Deutschland bleibt Ignatova also Beschuldigte eines laufenden Strafverfahrens.
Zum ersten Mal kommt Geld bei Opfern an
Für einen Teil der Geschädigten gibt es inzwischen zumindest eine kleine Hoffnung.
Das Landgericht Bielefeld hatte bereits 2025 die Einziehung von Vermögenswerten Ignatovas in Höhe von 20 Millionen Euro angeordnet.
Über internationale Rechtshilfe gelang es deutschen Behörden inzwischen, rund 10,1 Millionen Euro aus dem Verkauf von zwei Londoner Eigentumswohnungen zu sichern.
Das Geld soll Geschädigten zugutekommen.
Auch die USA haben ein Entschädigungsprogramm aufgelegt.
Dort stehen mehr als 40 Millionen Dollar aus eingezogenen Vermögenswerten für Opfer des OneCoin-Systems zur Verfügung.
Verglichen mit den Milliarden, die weltweit in OneCoin flossen, sind diese Beträge allerdings überschaubar.
Milliarden verschwunden – aber nicht zwingend in Ignatovas Tasche
Auch hier lohnt eine sprachliche Präzisierung.
Die häufig verwendete Schlagzeile
„Ruja Ignatova verschwand mit vier Milliarden“
ist eingängig, aber juristisch und wirtschaftlich verkürzt.
Nachweisbar ist, dass Anleger weltweit mehr als vier Milliarden Dollar beziehungsweise Euro in vergleichbarer Größenordnung in das OneCoin-System investierten.
Das bedeutet nicht, dass Ignatova persönlich mit vier Milliarden in einem Koffer verschwunden ist.
Die Gelder wurden über zahlreiche Gesellschaften, Konten, Geschäftspartner und Geldwäschekonstruktionen bewegt.
Wo welcher Teil des Vermögens letztlich gelandet ist, beschäftigt Ermittler bis heute.
Ein System aus Geld, Vertrauen und persönlichen Beziehungen
Vielleicht macht genau das den OneCoin-Fall bis heute so faszinierend.
Er bestand nicht nur aus Computern und Finanztransaktionen.
Es gab ein enges Geflecht aus Familienangehörigen, Geschäftspartnern, Vertriebsleuten, Juristen, Finanzdienstleistern und persönlichen Beziehungen.
Menschen vertrauten Ruja Ignatova.
Andere verdienten an OneCoin.
Wieder andere halfen dabei, Geld über Ländergrenzen hinweg zu bewegen.
Und manche standen ihr persönlich besonders nahe.
Jetzt wird dieses Netzwerk Stück für Stück vor Gerichten aufgearbeitet.
Nur die wichtigste Person fehlt
Fast neun Jahre nach Ignatovas Verschwinden ist vieles geschehen.
Sebastian Greenwood wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt.
Gilbert Armenta wurde verurteilt.
Weitere OneCoin-Verantwortliche und Helfer erhielten Gefängnisstrafen.
In Deutschland stehen weitere Verfahren an.
Millionenwerte werden beschlagnahmt.
Geschädigte sollen zumindest einen Teil ihres Geldes zurückerhalten.
Und nun muss sich auch Ignatovas früherer Ehemann in Darmstadt verantworten.
Die Person, die im Zentrum all dieser Geschichten steht, fehlt jedoch weiterhin:
Ruja Ignatova.
Die entscheidende Frage bleibt unbeantwortet
Lebt sie irgendwo unter falscher Identität?
Wird sie von einem Netzwerk geschützt?
Hat sie ihr Aussehen verändert?
Oder ist sie längst tot?
Darauf gibt es bis heute keine gesicherte Antwort.
Die Ermittler haben die Suche jedenfalls nicht beendet.
Bis zu fünf Millionen Dollar Belohnung zeigen, wie ernst die amerikanischen Behörden ihre Fahndung weiterhin nehmen.
Damit endet die Geschichte der Kryptoqueen vorerst mit einem bemerkenswerten Widerspruch:
Menschen aus ihrem engsten geschäftlichen und persönlichen Umfeld sind verurteilt worden oder stehen vor Gericht.
Vermögen wird gefunden.
Immobilien werden verkauft.
Geld fließt teilweise an Opfer zurück.
Doch die Frau, nach der sich der gesamte Komplex benennt, bleibt verschwunden.
Und solange Ruja Ignatova nicht gefunden wird, fehlt im größten OneCoin-Verfahren weiterhin die zentrale Angeklagte.
Redaktioneller Hinweis: Gegen Björn S. läuft vor dem Landgericht Darmstadt ein Strafverfahren. Die gegen ihn erhobenen Vorwürfe sind nicht rechtskräftig festgestellt; für ihn gilt die Unschuldsvermutung. Ruja Ignatova wird international gesucht und ist in Deutschland und den USA Beschuldigte beziehungsweise Angeklagte. Angaben über ihren heutigen Aufenthaltsort oder einen möglichen Tod sind nicht bestätigt.


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