Körperfett hat seit Jahren einen schlechten Ruf. Diäten, Fitnessprogramme und soziale Medien vermitteln häufig das Bild, möglichst wenig Körperfett sei automatisch gesund.
Medizinisch ist die Lage deutlich komplizierter.
Experten weisen darauf hin, dass Körperfett wichtige Funktionen erfüllt und dass nicht nur zu viel, sondern auch zu wenig Fett gesundheitliche Probleme verursachen kann.
Körperfett ist ein aktives Organ
Körperfett dient nicht nur als Energiespeicher.
Fettgewebe ist biologisch aktiv und an zahlreichen Prozessen beteiligt.
Überschüssige Energie wird in Fettzellen gespeichert und bei Bedarf wieder freigesetzt.
Darüber hinaus produziert Fettgewebe Hormone und beeinflusst dadurch unter anderem Stoffwechsel, Hunger, Fortpflanzung und Immunfunktion.
Ein besonders wichtiges Hormon ist Leptin.
Leptin signalisiert dem Gehirn, dass ausreichend Energiereserven vorhanden sind.
Fehlt dieses Signal, beginnt der Körper, bestimmte Funktionen zurückzufahren.
Fett schützt auch vor Kälte
Körperfett spielt außerdem eine Rolle bei der Temperaturregulation.
Weißes Fett speichert Energie und wirkt gleichzeitig isolierend.
Braunes und beiges Fett können dagegen Energie verbrennen und dabei Wärme erzeugen.
Damit hilft Fettgewebe dem Körper, seine Temperatur stabil zu halten.
Zu wenig Fett kann den Körper schwächen
Die Risiken eines zu hohen Körperfettanteils sind gut bekannt.
Dazu zählen unter anderem ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, bestimmte Krebsarten und Arthrose.
Weniger bekannt ist:
Auch zu wenig Körperfett kann problematisch sein.
Bei stark eingeschränkter Kalorienzufuhr versucht der Körper Energie zu sparen.
Die Immunfunktion kann beeinträchtigt werden.
Muskulatur wird abgebaut.
Auch Knochen werden schlechter aufgebaut und repariert.
Dadurch können Gebrechlichkeit und das Risiko für Knochenbrüche steigen.
Auch Hormone können betroffen sein
Ein sehr niedriger Körperfettanteil kann zudem den Hormonhaushalt verändern.
Bei Männern können Testosteronspiegel, Energie und körperliche Leistungsfähigkeit sinken.
Bei Frauen mit sehr niedrigem Körperfettanteil können Menstruationszyklen unregelmäßig werden oder vollständig ausbleiben.
In extremen Fällen kann ein ausgeprägter Fettmangel schwere gesundheitliche Folgen haben.
Als Beispiel nennen Experten die Magersucht, bei der langfristig Organschäden oder sogar der Tod auftreten können.
Wie viel Körperfett gilt als normal?
Eine universelle Idealzahl gibt es nicht.
Der individuelle Bedarf hängt unter anderem von Geschlecht, Alter, Genetik und Körperbau ab.
Als grobe Orientierung nennt der Bericht für gesunde erwachsene Männer etwa 10 bis 20 Prozent Körperfett.
Bei gesunden erwachsenen Frauen liegt der typische Bereich bei etwa 20 bis 29 Prozent.
Diese Werte sind jedoch keine festen medizinischen Zielgrenzen für jeden Menschen.
Auch Spitzensportler haben mehr Fett als viele denken
Forscher untersuchten mehr als 700 Sportler mithilfe von DEXA-Scans.
Der niedrigste gemessene Körperfettanteil lag bei Männern bei rund 10 Prozent und bei Frauen bei etwa 16 Prozent.
Einige Teilnehmer hatten zuvor geglaubt, ihr Körperfettanteil liege bei lediglich ein oder zwei Prozent.
Das zeigt, wie unzuverlässig Selbsteinschätzungen sein können.
Nicht nur die Menge zählt, sondern auch der Ort
Gesundheitlich entscheidend ist außerdem, wo Fett gespeichert wird.
Besonders problematisch kann sogenanntes viszerales Fett sein.
Dieses Fett befindet sich im Bauchraum rund um innere Organe.
Zu viel davon kann Entzündungsprozesse fördern, den Blutdruck beeinflussen und die Wirkung von Insulin stören.
Dadurch steigt unter anderem das Risiko für Typ-2-Diabetes.
Körperfett lässt sich zu Hause nur begrenzt genau messen
Eine präzise Bestimmung der Körperzusammensetzung ist schwierig.
DEXA-Scans liefern relativ detaillierte Informationen über Fett, Muskelmasse und Knochen.
Sie benötigen jedoch spezielle Geräte und sind vergleichsweise teuer.
Hautfaltenmessungen können dagegen ungenau sein.
Auch sogenannte smarte Waagen liefern lediglich Schätzwerte.
Ihre Ergebnisse können beispielsweise durch den Flüssigkeitshaushalt beeinflusst werden.
Taille kann wichtiger sein als der reine Fettanteil
Für den Alltag können einfache Messungen Hinweise liefern.
Genannt werden insbesondere das Verhältnis von Taillenumfang zu Körpergröße und das Verhältnis von Taille zu Hüfte.
Ein Taille-Größe-Verhältnis von ungefähr 0,4 bis 0,49 wird im Bericht als gesunder Orientierungsbereich genannt.
Beim Taille-Hüfte-Verhältnis gelten Werte über 0,90 bei Männern beziehungsweise 0,85 bei Frauen als erhöht.
Auch der klassische Body-Mass-Index hat Grenzen, da er nicht zwischen Fett- und Muskelmasse unterscheiden kann.
Einordnung
Die zentrale medizinische Aussage ist relativ einfach:
Körperfett ist weder grundsätzlich schlecht noch grundsätzlich gut.
Entscheidend sind Menge, Verteilung und der allgemeine Gesundheitszustand.
Zu viel Fett kann Risiken erhöhen.
Zu wenig Fett kann jedoch ebenfalls Stoffwechsel, Hormone, Knochen, Muskeln und Immunabwehr beeinträchtigen.
Einordnung: Das Problem extremer Fitnessideale
Besonders problematisch wird das Thema dort, wo extreme Körperbilder als gesundheitliches Ideal verkauft werden.
In sozialen Netzwerken wird ein möglichst niedriger Körperfettanteil häufig mit Fitness und Disziplin gleichgesetzt.
Aus medizinischer Sicht ist das zu stark vereinfacht.
Ein sehr sichtbares Muskelrelief bedeutet nicht automatisch, dass ein Körper gesünder ist.
Wer über längere Zeit deutlich zu wenig Energie zuführt, kann auch bei sportlichem Aussehen gesundheitliche Probleme entwickeln.
Einordnung: Warum Zahlen allein wenig helfen
Körperfettwerte sollten nicht isoliert betrachtet werden.
Ein bestimmter Prozentwert kann für eine Person unproblematisch und für eine andere bereits zu niedrig oder zu hoch sein.
Hinzu kommen Unterschiede zwischen Männern und Frauen sowie Veränderungen mit zunehmendem Alter.
Deshalb ist es wenig sinnvoll, sich an möglichst niedrigen Einzelwerten zu orientieren.
Bewertung
Der wichtigste Punkt ist weniger die Frage, wie wenig Körperfett ein Mensch erreichen kann.
Sinnvoller ist die Frage, ob der Körper langfristig ausreichend Energie erhält und normal funktioniert.
Warnzeichen wie Leistungsabfall, ständige Müdigkeit, Zyklusstörungen, hormonelle Veränderungen oder häufige Verletzungen sollten ernst genommen werden.
Das gilt besonders bei sehr restriktiven Diäten oder extremen Trainingsprogrammen.
Fazit
Die Nachricht lautet:
Körperfett erfüllt wichtige biologische Funktionen und ist für einen gesunden Körper notwendig.
Zu viel Fett kann Krankheiten begünstigen.
Doch auch ein zu niedriger Körperfettanteil kann gesundheitliche Folgen haben.
Die Einordnung:
Der Trend zu möglichst extrem definierten Körpern vermittelt ein verzerrtes Bild von Gesundheit.
Medizinisch geht es nicht darum, möglichst wenig Fett zu besitzen.
Sondern darum, ein gesundes Gleichgewicht zu finden.
Nicht „so wenig wie möglich“, sondern „so viel wie nötig und so wenig wie sinnvoll“ ist die entscheidende Botschaft.


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