Chinas Jugend sucht Halt – und macht aus einem Anthropologen einen Star

Chinas Jugend sucht Halt – und macht aus einem Anthropologen einen Star

Veröffentlicht

Sonntag, 27.09.2026
von Red. TB

Kein Popstar, kein Schauspieler, kein Internet-Guru: Warum ausgerechnet der Anthropologe Biao Xiang für viele junge Chinesen zum Idol einer verunsicherten Generation wird

Normalerweise stehen Hunderte junge Menschen Schlange, wenn ein Sänger Autogramme gibt, ein Filmstar auftaucht oder irgendein Influencer gerade genügend Millionen Follower gesammelt hat.

In Singapur bot sich kürzlich ein ähnliches Bild.

Rund 500 Menschen kamen in einen Hörsaal. Sie hörten mehr als eine Stunde lang aufmerksam zu. Anschließend warteten Dutzende darauf, ein Foto zu bekommen oder den Mann persönlich zu treffen.

Der Star des Abends?

Ein 54-jähriger Anthropologe.

Professor Biao Xiang ist wahrscheinlich einer der ungewöhnlichsten „Influencer“, die China derzeit zu bieten hat. Er tanzt nicht vor der Kamera, verkauft keine Kosmetik und verspricht seinen Anhängern auch nicht, dass sie mit fünf einfachen Tricks reich, glücklich und erfolgreich werden.

Stattdessen spricht er über Angst.

Über Leistungsdruck.

Über die Sorge, keinen guten Arbeitsplatz zu bekommen.

Über die Schwierigkeit, in einer Gesellschaft seinen Platz zu finden, in der Millionen Menschen scheinbar gleichzeitig dieselbe Leiter nach oben klettern sollen.

Und genau deshalb hören ihm so viele junge Chinesen zu.

„Wenn du nicht weiterweißt, frag Biao Xiang“

Der Wissenschaftler hat inzwischen einen Bekanntheitsgrad erreicht, von dem die meisten Professoren vermutlich nur träumen können.

Chinesische Medien interviewen ihn, Universitäten laden ihn ein und seine Vorträge ziehen so viele Zuhörer an, dass Veranstaltungen teilweise zusätzlich im Internet übertragen werden müssen.

Selbst an seiner früheren Universität, der renommierten Peking University, musste ein Vortrag Anfang 2026 per Livestream übertragen werden, weil der Hörsaal voll war.

In chinesischen Medien kursiert inzwischen sinngemäß sogar ein Spruch:

Wenn du nicht weiterweißt, frag Biao Xiang.

Das klingt zunächst amüsant.

Doch hinter seiner Popularität steckt ein ausgesprochen ernstes gesellschaftliches Phänomen.

Denn offenbar gibt es in China eine Generation junger Menschen, die wirtschaftlich und technologisch in einem Land aufgewachsen ist, das einen atemberaubenden Aufstieg erlebt hat – und die trotzdem nicht mehr sicher ist, ob das Versprechen vom persönlichen Aufstieg auch für sie noch gilt.

Das alte Versprechen funktioniert nicht mehr so zuverlässig

Jahrzehntelang erschien die gesellschaftliche Rechnung vergleichsweise einfach:

Lerne fleißig.

Besuche eine gute Universität.

Finde einen sicheren Arbeitsplatz.

Heirate.

Kaufe eine Wohnung.

Arbeite hart.

Dann wirst du es einmal besser haben.

Biao Xiang glaubt, dass genau dieses Versprechen seine Selbstverständlichkeit verloren hat.

China hat sich innerhalb weniger Jahrzehnte in einer Geschwindigkeit verändert, für die andere Gesellschaften Generationen benötigten.

Xiang kennt diese Entwicklung aus seinem eigenen Leben.

Er wurde 1972 geboren und wuchs in Wenzhou auf. Die Stadt entwickelte sich während seiner Jugend zu einem Zentrum privater wirtschaftlicher Aktivität. Kleine Unternehmer entstanden, Geschäfte wurden gegründet und für viele Menschen stand plötzlich eine Frage im Mittelpunkt: Wie lässt sich Geld verdienen?

Viele schafften tatsächlich den wirtschaftlichen Aufstieg.

Ihre Kinder wuchsen anschließend in einem China auf, dessen Wirtschaft zeitweise zweistellige Wachstumsraten erreichte.

Dann kam die Ernüchterung.

Nach der Corona-Zeit verlangsamte sich das Wachstum. Gleichzeitig wurde der Wettbewerb um attraktive Arbeitsplätze immer härter.

Die Gleichung „harte Arbeit gleich sichere Zukunft“ funktioniert nach Xiangs Beobachtung nicht mehr so zuverlässig wie früher.

Studium abgeschlossen – und jetzt?

Gerade der Übergang von der Universität in das Berufsleben bereitet vielen jungen Menschen Sorgen.

Eine 23-jährige chinesische Absolventin beschreibt im Ausgangsbericht die Unsicherheit ihrer Generation: Nach dem Studium beginne plötzlich eine Welt, in der viele nicht wüssten, wie sie mit den neuen Unsicherheiten umgehen sollten.

Sie wollte ihren Namen nicht veröffentlicht sehen, weil sie befürchtete, Äußerungen gegenüber ausländischen Medien könnten ihre Chancen auf einen Arbeitsplatz in China beeinträchtigen.

Auch das erzählt einiges über die Situation.

Junge Menschen suchen nach Sicherheit.

Und offenbar finden manche davon zumindest ein Stück bei einem Anthropologen.

Die Absolventin formulierte es sinngemäß so: Menschen brauchen einen Anker im Leben – und Xiangs Worte vermittelten das Gefühl, dass dort jemand sei, der sie versteht.

Willkommen im Rennen mit 1,4 Milliarden Teilnehmern

Für die Situation hat Xiang einen Begriff, der in China längst zum gesellschaftlichen Schlagwort geworden ist:

Involution.

Gemeint ist ein Wettbewerb, der immer intensiver wird, ohne dass die Beteiligten entsprechend mehr davon haben.

Alle strengen sich stärker an.

Alle erwerben bessere Abschlüsse.

Alle arbeiten länger.

Alle versuchen, die Konkurrenz zu überholen.

Doch weil die anderen genau dasselbe tun, verschiebt sich lediglich die Messlatte.

Xiang bringt das Problem auf eine drastisch einfache Formel: Wenn 1,4 Milliarden Menschen im selben Rennen antreten, entsteht Involution.

Und plötzlich sieht das Leben aus wie ein Marathon, bei dem niemand genau weiß, wo eigentlich das Ziel steht.

Immer schneller laufen, nur um nicht abzustürzen

Einen weiteren Zustand nennt Xiang „Floating“.

Das Bild dahinter ist bemerkenswert.

Er vergleicht Menschen mit einem Kolibri.

Der Vogel muss ununterbrochen mit den Flügeln schlagen, nur um in der Luft zu bleiben.

Nicht um vorwärtszukommen.

Nicht um ein Ziel zu erreichen.

Sondern lediglich, um nicht abzustürzen.

Genau so würden sich manche Menschen in der modernen Arbeitswelt fühlen: ständig beschäftigt, ständig unter Druck, ständig erreichbar – und trotzdem mit dem Gefühl, kaum voranzukommen.

Man könnte es weniger akademisch formulieren:

Rennen, um stehen zu bleiben.

Und dann kommt auch noch der „Fluch der 35“

Selbst wer einen vermeintlich guten Arbeitsplatz gefunden hat, muss sich nach dieser Beschreibung keineswegs sicher fühlen.

Im chinesischen Internet wird seit Jahren über lange Arbeitszeiten, belastende Unternehmenskulturen und den sogenannten „Fluch der 35“ diskutiert.

Damit ist die Angst gemeint, dass Beschäftigte ab etwa 35 Jahren auf dem Arbeitsmarkt erheblich schlechtere Chancen haben.

In Stellenanzeigen tauchten Altersgrenzen auf. Wer seinen Arbeitsplatz verliert, fürchtet, keinen vergleichbaren neuen zu finden.

Das erzeugt eine bemerkenswerte Situation:

Mit Anfang 20 soll man möglichst schnell Karriere machen.

Mit Ende 20 möglichst genügend Geld verdienen.

Dann möglichst heiraten.

Eine Wohnung erwerben.

Und irgendwann stellt man fest, dass man mit Mitte 30 auf dem Arbeitsmarkt bereits als schwierig vermittelbar gelten könnte.

Entspannung sieht anders aus.

Die Wohnung wurde zum Maßstab für Erfolg

Nach Xiangs Analyse haben zwei Entwicklungen den Druck zusätzlich verstärkt.

Der Immobilienboom und das Hochschulsystem.

Über Jahre wurde Wohneigentum für chinesische Familien nicht nur zu einer Investition, sondern zu einem Symbol von Sicherheit und gesellschaftlichem Erfolg.

Gleichzeitig studierten immer mehr junge Menschen.

Das klingt zunächst positiv.

Doch wenn plötzlich sehr viele Bewerber über Hochschulabschlüsse verfügen, reicht der Abschluss allein nicht mehr aus, um sich von anderen abzuheben.

Also muss es die bessere Universität sein.

Der bessere Abschluss.

Das bessere Praktikum.

Der bessere Arbeitgeber.

Und schon dreht sich das Rad eine Runde schneller.

Die Jugendarbeitslosigkeit wurde zum Warnsignal

Wie schwierig der Einstieg in den Arbeitsmarkt geworden war, zeigte eine Zahl besonders deutlich.

Die Jugendarbeitslosigkeit erreichte nach den Angaben des Ausgangstextes 21,3 Prozent, bevor die chinesische Regierung die Veröffentlichung dieser Daten Mitte 2023 zunächst einstellte.

Doch Xiang beschäftigt nicht allein die Frage, ob junge Menschen einen Arbeitsplatz finden.

Ihn interessiert, was dieser permanente Wettbewerb mit ihnen macht.

Denn selbst diejenigen, die scheinbar gewonnen haben – Beamte, Ingenieure oder Angestellte großer Unternehmen – können Angst davor haben, ihren erreichten Status wieder zu verlieren.

Das Ziel wird erreicht.

Die Angst bleibt.

Xiangs vielleicht spannendste Idee: Entdeckt eure Nachbarschaft wieder

Eine seiner ungewöhnlichsten Ideen nennt Xiang „the nearby“ – das Naheliegende oder die unmittelbare Umgebung.

Seine Beobachtung:

Menschen beschäftigen sich sehr intensiv mit zwei Ebenen.

Mit sich selbst.

Und mit der großen Welt.

Das Smartphone liefert schließlich innerhalb weniger Sekunden Nachrichten aus Washington, Gaza, Berlin, Peking oder irgendeinem Prominentenhaushalt.

Dazwischen befindet sich jedoch eine Ebene, die zunehmend verloren gehen könne:

die eigene Umgebung.

Der Nachbar.

Der Laden an der Ecke.

Der Arbeitskollege.

Die Menschen im eigenen Viertel.

Die kleinen sozialen Beziehungen des Alltags.

Xiang glaubt, dass gerade diese Ebene wichtig ist, damit Menschen sich verbunden fühlen.

Wer nur auf sich selbst und gleichzeitig auf die riesige Welt blickt, kann paradoxerweise ziemlich einsam dazwischenstehen.

Warum ausgerechnet ein Professor zum Idol wird

Vielleicht erklärt genau das seine Popularität.

Xiang verspricht seinen Zuhörern nicht, dass alles gut wird.

Er behauptet auch nicht, die perfekte Lösung gefunden zu haben.

Stattdessen versucht er zunächst, das Problem zu benennen.

Das klingt banal.

Ist es offenbar aber nicht.

Xiang selbst spricht vom „pain point of the times“, vom Schmerzpunkt der Zeit.

Viele Menschen wüssten, wo das Problem liege, sagt er. Aber sie wollten oder könnten nicht genau hinsehen, weil es zu schmerzhaft sei oder weil ihnen die Möglichkeit fehle, es zu beschreiben.

Für einen Wissenschaftler sei das anders: Wenn sich ein Problem beschreiben lasse, könne man beginnen, es zu analysieren und damit umzugehen.

Seine Fans lieben gerade, dass er keine Wohlfühlsprüche verteilt

Die Reaktionen in chinesischen sozialen Netzwerken zeigen, warum seine Botschaft ankommt.

Ein Nutzer lobt laut Ausgangstext, Xiang betrachte Probleme konsequent aus der Perspektive schwächerer Menschen und stelle einen Zusammenhang zwischen persönlichem Stress und größeren gesellschaftlichen Ursachen her.

Ein anderer Nutzer hebt hervor, dass der Professor gerade keine leeren Wohlfühlparolen verbreite, sondern sich mit den tatsächlichen Problemen des Lebens auseinandersetze.

Das ist ein entscheidender Unterschied.

Denn der typische Selbstoptimierungsratgeber sagt:

Ändere dich.

Xiang stellt zusätzlich eine andere Frage:

Was ist eigentlich mit der Welt um dich herum passiert?

Ein Influencer, der möchte, dass seine Anhänger selbst denken

Xiang lebt inzwischen in Deutschland und arbeitet als Direktor am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung. Dort beschäftigt er sich mit gesellschaftlichen Veränderungen in China und anderen Teilen Asiens.

Seine wachsende Bekanntheit betrachtet er offenbar mit einer gewissen Gelassenheit.

Vor etwa drei Jahren bemerkte er nach eigener Darstellung erstmals, dass seine Popularität die akademische Welt verlassen hatte. Ein Camp für digitale Nomaden, bei dem er gesprochen hatte, erhöhte nach seinem Auftritt seine Preise.

Da sei ihm klar geworden, dass er nicht mehr nur in wissenschaftlichen Kreisen bekannt war.

Manche Kollegen betrachten seine öffentliche Rolle offenbar skeptischer. Xiang berichtet davon, dass Wissenschaftler ihn sinngemäß davor gewarnt hätten, auf seinen akademischen Ruf zu achten.

Er selbst scheint damit wenig Probleme zu haben.

Wenn ihn jemand Influencer nenne, betrachte er das als Kompliment.

Denn den eigentlichen Einfluss, den er haben wolle, beschreibt er bemerkenswert schlicht:

Menschen sollen selbst denken.

Vielleicht ist genau das der Grund für seinen Erfolg

Biao Xiang ist deshalb eine ungewöhnliche Erscheinung.

Ein Anthropologe wird zum Star, weil eine junge Generation keine weiteren Versprechen hören möchte, wie großartig ihre Zukunft angeblich wird.

Sie möchte offenbar zunächst jemanden hören, der erklärt, warum sich die Gegenwart so anstrengend anfühlt.

China ist wirtschaftlich und technologisch innerhalb weniger Jahrzehnte zu einer Weltmacht aufgestiegen.

Doch gesellschaftlicher Fortschritt besitzt eine merkwürdige Eigenschaft:

Er beseitigt Unsicherheit nicht automatisch.

Manchmal schafft er sogar neue.

Früher lautete die Frage vielleicht:

Wie schaffe ich den Aufstieg?

Heute lautet sie für manche junge Chinesen offenbar:

Warum renne ich eigentlich die ganze Zeit – und habe trotzdem Angst, zurückzufallen?

Dass ausgerechnet ein 54-jähriger Anthropologe darauf keine einfache Antwort liefert, sondern zunächst einmal die richtige Frage stellt, könnte erklären, warum nach seinen Vorträgen Menschen für ein gemeinsames Foto Schlange stehen.

China hat viele Popstars.

Viele Influencer.

Viele erfolgreiche Unternehmer.

Aber eine verunsicherte Generation scheint gerade nach etwas anderem zu suchen:

nach jemandem, der ihr erklären kann, warum sich Erfolg plötzlich nicht mehr wie Sicherheit anfühlt.

Der Artikel bleibt bewusst eng an den Angaben deines Ausgangstextes; ich habe keine zusätzlichen Zahlen oder Aussagen hineinerfunden.

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Bildnachweis:

mayns82 (CC0), Pixabay

von Autor: Red. TB
am: Sonntag, 27.09.2026

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