Es war ein außergewöhnlicher Tag für die irische Nationalmannschaft. Stundenlange Gespräche, eine kurzfristig verschobene Pressekonferenz und ein Spieler, der schließlich erklärte: Unter diesen Umständen werde ich nicht gegen Israel antreten. Am Ende entschied die Mannschaft per Abstimmung: Das Nations-League-Spiel findet statt – allerdings begleitet von deutlichen Gesten.
Die Republik Irland wird am Sonntag in Debrecen gegen Israel antreten. Doch von einem gewöhnlichen Fußballspiel kann längst keine Rede mehr sein.
Die irischen Spieler wollen schwarze Armbinden tragen. Nach Angaben des irischen Fußballverbandes FAI sollen sie damit an alle Menschen erinnern, die im Gaza-Konflikt ihr Leben verloren haben.
Darüber hinaus soll die Mannschaft Teile der Zeremonie vor dem Spiel nicht mitmachen. Weitere Aktionen sind sowohl für das erste Spiel als auch für das Rückspiel gegen Israel vorgesehen.
Außerdem wollen die Spieler ihre Prämien aus den beiden Israel-Partien sowie aus dem Spiel gegen Österreich für wohltätige Zwecke spenden.
Doch bis diese Entscheidung feststand, spielte sich hinter den Türen des Mannschaftshotels ein bemerkenswerter Vorgang ab.
Plötzlich stand sogar das Spiel infrage
Eigentlich sollten Trainer Heimir Hallgrimsson und ein Spieler am Samstagmorgen um 9.15 Uhr vor die Presse treten.
15 Minuten vorher: Absage.
Auch das Training wurde verschoben.
Die Spieler saßen stattdessen im Hotel zusammen.
Der Grund war eine Entscheidung innerhalb der Mannschaft, die die ohnehin aufgeheizte Situation noch einmal veränderte.
Torhüter Gavin Bazunu wollte gegen Israel nicht spielen.
Nach Angaben von FAI-Geschäftsführer David Courell führte das zu weiteren, insgesamt rund vier Stunden dauernden Gesprächen. Dabei seien unterschiedliche Positionen vertreten worden.
Schließlich ließ die Mannschaft abstimmen.
Das Ergebnis bezeichnete Courell als „significant majority“, also als deutliche Mehrheit, für die Austragung der Partie.
Das Spiel findet statt.
Bazunu bleibt bei seinem Nein.
Bazunu erklärt seinen Rückzug
Später machte der Torhüter seine Beweggründe öffentlich.
Er habe die Entscheidung nicht leichtfertig getroffen, erklärte Bazunu. Aufgrund seines Glaubens und seiner persönlichen Überzeugungen halte er es jedoch für falsch, an den bevorstehenden Spielen gegen Israel teilzunehmen.
Seine Entscheidung richte sich ausdrücklich nicht gegen die israelische Bevölkerung oder gegen die jüdische Gemeinschaft.
Er begründete seinen Schritt vielmehr mit seiner Ablehnung der Tötung unschuldiger Menschen und der Gewalt in der Region.
Damit ist aus einer sportpolitischen Debatte innerhalb weniger Stunden eine sehr persönliche Entscheidung eines Nationalspielers geworden.
Boykott-Forderungen begleiten Irland schon länger
Die Diskussion kam nicht aus dem Nichts.
Seit Irland und Israel für die Nations-League-Gruppe B3 zusammengelost wurden, gibt es Forderungen, die irische Mannschaft solle die Begegnungen boykottieren.
Die Kampagne „Stop The Game“ von Irish Sport for Palestine setzte sich dafür ein, dass Irland gegen Israel nicht antritt.
Auch prominente Namen aus dem irischen Fußball unterstützten Boykott-Forderungen, darunter der frühere Nationaltrainer Brian Kerr und der ehemalige Nationalspieler James McClean.
Der Hintergrund ist der seit dem Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 andauernde Krieg. Bei dem Angriff wurden nach den im Ausgangsbericht genannten Angaben etwa 1.200 Menschen getötet und 251 Menschen als Geiseln genommen. Israel reagierte mit einer großangelegten Militäroffensive im Gazastreifen. Der Bericht nennt unter Berufung auf das von der Hamas geführte Gesundheitsministerium in Gaza mehr als 73.000 Tote; zugleich wird darauf hingewiesen, dass die Vereinten Nationen dessen Zahlen als verlässlich ansehen.
Der Konflikt ist damit längst im europäischen Fußball angekommen.
Irlands Trainer: „Eine Situation, die man nicht gewinnen kann“
Trainer Hallgrimsson machte keinen Versuch, die Belastung seiner Spieler kleinzureden.
Niemand könne nachvollziehen, welchem Druck die Mannschaft ausgesetzt gewesen sei, erklärte er.
Bazunus Rückzug habe die Situation noch einmal verändert. Deshalb sei die Diskussion erneut aufgenommen worden.
Am Ende entschieden sich die übrigen Spieler für die Teilnahme.
Hallgrimsson beschrieb das Dilemma sinngemäß ziemlich treffend: Egal welche Entscheidung getroffen werde, ein Teil der Öffentlichkeit werde sie ablehnen.
Nicht anzutreten hätte möglicherweise sportliche und verbandspolitische Konsequenzen.
Anzutreten wiederum bedeutet für Spieler, die massive Bedenken haben, einen erheblichen persönlichen Konflikt.
Der Trainer sprach deshalb davon, den Schaden für die Mannschaft, den Verband und den irischen Fußball möglichst begrenzen zu wollen.
Auch Irlands Verband wollte Israel ausgeschlossen sehen
Bemerkenswert ist dabei die Position des irischen Fußballverbandes selbst.
Nach Angaben eines irischen Regierungssprechers hatte die FAI bereits zuvor innerhalb der UEFA dafür geworben, Israel von internationalen Fußballwettbewerben auszuschließen.
Ein entsprechender Antrag fand jedoch keine Mehrheit.
Damit blieb dem Verband nach eigener Auffassung die Verpflichtung, die angesetzten Spiele auszutragen.
Die irische Regierung hält sich aus der konkreten Entscheidung heraus und verweist auf die Zuständigkeit von FAI und UEFA.
Israel begrüßt die Entscheidung
Auf israelischer Seite fiel die Reaktion erwartungsgemäß anders aus.
Shlomi Barzel, Kommunikationschef des israelischen Fußballverbandes, begrüßte die Entscheidung der Iren mit den Worten:
„Football has won.“
Aus seiner Sicht müsse die Trennung zwischen Fußball und Politik gewahrt bleiben.
Eine andere Herangehensweise würde Chaos verursachen, argumentierte Barzel. Der irische Verband und seine Spieler hätten letztlich die richtige Entscheidung getroffen.
Israel wolle vor der Partie auch den üblichen Handschlag durchführen.
Damit treffen am Sonntag nicht nur zwei Fußballmannschaften aufeinander.
Es treffen auch zwei völlig unterschiedliche Vorstellungen davon aufeinander, welche Rolle der Fußball in einem politischen und militärischen Konflikt spielen sollte.
Schwarze Armbinden statt Boykott
Die irische Mannschaft hat für sich nun einen Mittelweg gewählt.
Sie spielt.
Aber sie will nicht so tun, als sei es ein gewöhnliches Nations-League-Spiel.
Schwarze Armbinden, der teilweise Verzicht auf die Zeremonie vor dem Spiel und die angekündigten Spenden sollen zeigen, dass die Spieler die Ereignisse außerhalb des Stadions nicht ausblenden.
Ein Spieler geht noch weiter.
Gavin Bazunu hat entschieden, dass für ihn persönlich die Grenze dort erreicht ist, wo er das grüne irische Trikot gegen Israel anziehen müsste.
Die Mehrheit seiner Mannschaftskollegen hat anders entschieden.
Und vielleicht beschreibt gerade das diesen außergewöhnlichen Tag am besten:
Irland hat nicht darüber abgestimmt, wer am Sonntag im Tor steht oder mit welcher Taktik gespielt wird. Die Nationalspieler mussten darüber abstimmen, ob sie überhaupt auf den Platz gehen.


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