An der Tankstelle noch schnell einen Kaffee, einen Snack – und ein Mittel mit opioidähnlicher Wirkung? Was absurd klingt, ist in Teilen der USA Realität. Kratom wird als Kapsel, Pulver oder Flüssigkeit verkauft, teilweise hochkonzentriert und ohne umfassende bundesweite Regulierung. Befürworter sehen darin eine natürliche Hilfe gegen Schmerzen oder sogar beim Ausstieg aus Opioiden. Ärzte und Suchtexperten warnen dagegen vor Abhängigkeit, Entzugserscheinungen und schweren Nebenwirkungen. Nach dem Tod zweier Studenten, bei denen Ermittler Kratom-Produkte fanden, wächst der Druck auf die Behörden. Einen nachgewiesenen Zusammenhang zwischen Kratom und diesen Todesfällen gibt es allerdings bislang nicht.
Es klingt zunächst wunderbar harmlos.
Eine Pflanze aus Südostasien. Seit Jahrhunderten genutzt. Natürlich. Pflanzlich. Traditionell.
Nur sagt das noch herzlich wenig darüber aus, wie ungefährlich ein Wirkstoff tatsächlich ist.
Denn Kratom kann eine Wirkung entfalten, die mit steigender Dosierung zunehmend opioidähnlich wird. Und während in den USA seit Jahren eine verheerende Opioidkrise bekämpft wird, stehen Kratom-Produkte gleichzeitig in Tankstellen, Convenience-Stores und Vape-Shops im Regal.
Das hat der Substanz einen drastischen Spitznamen eingebracht:
„Gas station heroin“ – Tankstellen-Heroin.
Medizinisch korrekt ist diese Bezeichnung nicht. Kratom ist kein Heroin.
Aber der Begriff bringt die amerikanische Kontroverse auf den Punkt: Ein psychoaktiv wirkendes Produkt ist teilweise so leicht erhältlich wie ein Energydrink.
Erst der Kick, dann die opioidähnliche Wirkung
Kratom stammt von einem Baum, der unter anderem in Thailand, Malaysia und Indonesien wächst.
Traditionell wurden seine Blätter zermahlen und beispielsweise ähnlich wie Tee konsumiert. Seit ungefähr 2016 verbreitete sich Kratom jedoch zunehmend auf dem amerikanischen Markt für Nahrungsergänzungsmittel.
Und aus der traditionellen Pflanze wurde ein modernes Geschäft.
In niedrigen Dosierungen kann Kratom nach Angaben des Mediziners Shane Speights stimulierend wirken – ähnlich einem Koffein-Kick.
Doch mit steigender Dosis verändert sich die Wirkung.
Dann kann sich Kratom nach seiner Darstellung beinahe wie ein Betäubungsmittel auswirken. Möglich seien stärkere Euphorie und ein Rauschzustand, auch Halluzinationen können auftreten.
Damit ist Kratom weit entfernt von dem Bild eines gewöhnlichen Kräuterpräparats.
Im schlimmsten Fall kann die Atmung aussetzen
Besonders gefährlich kann die dämpfende Wirkung auf das zentrale Nervensystem werden.
Eine solche Depression des zentralen Nervensystems kann nach Angaben des im Bericht zitierten Mediziners bis zum Kreislaufzusammenbruch und zum Verlust der Atmung führen. Genau dort sieht Speights die Gefahr tödlicher Verläufe.
Hinzu kommt ein weiteres Problem:
Kratom kann abhängig machen.
Die Suchtexpertin Jana Wu berichtet von Menschen, deren Konsum Ehen und Beziehungen belastete, die ihre Arbeitsplätze verloren oder monatlich Tausende Dollar für Kratom ausgaben.
Und dann beginnt ein Mechanismus, der aus anderen Abhängigkeitserkrankungen nur allzu bekannt ist.
Der Körper gewöhnt sich an die Substanz.
Die bisherige Menge reicht nicht mehr.
Die Dosis steigt.
Wu hat nach eigenen Angaben mit Menschen gearbeitet, die schließlich bis zu 20 Tabletten täglich einnahmen.
Aus dem vermeintlich natürlichen Helfer kann damit ein täglicher Zwang werden.
Ausgerechnet gegen Opioidabhängigkeit wird Kratom ebenfalls genommen
Die Geschichte wird noch widersprüchlicher.
Denn Kratom wird nicht nur gegen Schmerzen, Angstzustände oder depressive Beschwerden vermarktet.
Manche Menschen nehmen es ausgerechnet mit dem Ziel, von starken Opioiden wie Fentanyl loszukommen.
Das erklärt, warum Kratom für einige Konsumenten weit mehr ist als eine Freizeitdroge.
Der 58-jährige ehemalige Holzarbeiter Jeffrey Deaver aus dem Bundesstaat Washington nimmt das Mittel beispielsweise seit vier Jahren gegen starke chronische Schmerzen in Hüfte und Knien.
Er habe zunächst kleine Mengen genommen und die Dosis anschließend erhöht, bis seine Schmerzen verschwanden.
Für Deaver war die Wirkung nach eigener Aussage geradezu ein Wunder: Er konnte wieder schlafen und funktionieren. Heute könne er sich kaum vorstellen, ohne Kratom auszukommen.
Genau solche Fälle machen ein pauschales Urteil schwierig.
Für manche Menschen bedeutet Kratom offenbar subjektiv erhebliche Erleichterung.
Gleichzeitig existieren ernstzunehmende Risiken.
Niemand weiß unbedingt, was wirklich in der Packung steckt
Und hier beginnt möglicherweise das größte Problem des amerikanischen Kratom-Marktes.
Die Produkte sind auf Bundesebene nicht umfassend durch die US-Arzneimittelbehörde FDA reguliert.
Damit kann für Käufer schwer nachvollziehbar sein, was genau sie konsumieren und in welcher Konzentration.
Speights formuliert die Konsequenz drastisch.
Auf die Frage nach einer sicheren Dosis antwortet er mit Nein – gerade weil bei einem unzureichend regulierten Produkt nicht zuverlässig bekannt sei, was tatsächlich darin enthalten ist.
Damit wird aus der Dosierungsfrage ein Glücksspiel.
Denn „eine Kapsel“ sagt wenig aus, wenn Konzentration und Zusammensetzung verschiedener Produkte erheblich voneinander abweichen können.
Zwei Studenten sterben – Kratom wird bei ihnen gefunden
Zusätzliche Aufmerksamkeit bekam das Thema in Mississippi.
Ermittler fanden verpackte Kratom-Produkte im Besitz zweier verstorbener Studenten der University of Mississippi.
Doch an dieser Stelle ist eine klare Trennung entscheidend:
Nach den vorliegenden Informationen wurden die Todesfälle nicht auf Kratom zurückgeführt.
Dass die Produkte bei den Verstorbenen gefunden wurden, beweist nicht, dass sie deren Tod verursacht haben.
Trotzdem haben die Funde die Diskussion neu angefacht und Behörden zu Warnungen vor dem Konsum veranlasst.
Elf US-Bundesstaaten haben bereits die Notbremse gezogen
Während Washington bislang keine einheitliche bundesweite Lösung gefunden hat, schaffen einzelne Bundesstaaten Fakten.
Kratom ist nach dem vorliegenden Bericht mittlerweile in elf US-Bundesstaaten verboten: Alabama, Arkansas, Connecticut, Indiana, Kansas, Louisiana, Massachusetts, North Dakota, Tennessee, Vermont und Wisconsin.
Massachusetts verhängte zuletzt im August per Notfallanordnung ein vorläufiges Verbot.
Der Streit ist allerdings keineswegs neu.
Bereits zehn Jahre zuvor wollte die US-Drogenbehörde DEA Kratom der strengsten Kategorie kontrollierter Drogen zuordnen. Sie bezeichnete die Substanz damals als unmittelbare Gefahr für die öffentliche Sicherheit.
Der Vorstoß scheiterte nach erheblichem öffentlichen Widerstand.
Seitdem müssen die Bundesstaaten zunehmend selbst entscheiden, wie sie mit dem Produkt umgehen.
Selbst Kratom-Unterstützer warnen vor synthetischen Produkten
Bemerkenswert ist, dass inzwischen selbst Befürworter von Kratom Grenzen verlangen.
Die American Kratom Association setzt sich dafür ein, synthetische Produkte zu verbieten, die ihrer Ansicht nach lediglich den Eindruck erwecken, natürliches Kratom zu sein.
Denn genau hier verläuft eine entscheidende Linie in der Debatte.
Zwischen traditionell verwendeten Pflanzenblättern und einem hochkonzentrierten industriellen Produkt können erhebliche Unterschiede liegen.
„Natürlich“ auf dem Etikett ist deshalb kein Sicherheitssiegel.
Andere Länder sind längst wesentlich strenger
International gehen Staaten sehr unterschiedlich mit Kratom um.
In Großbritannien ist die Substanz verboten. In Europa unterscheidet sich die Rechtslage von Land zu Land.
Besonders bemerkenswert: Selbst Malaysia, eines der Herkunftsländer des Kratombaums, verbietet nach dem im Bericht genannten Gesetz den Konsum und Verkauf.
Ausgerechnet dort, wo die Pflanze seit Generationen bekannt ist, gelten damit teilweise strengere Regeln als in Teilen der USA.
Das eigentliche Problem steht möglicherweise direkt neben der Kasse
Die Kratom-Debatte zeigt ein grundsätzliches Dilemma moderner Drogenpolitik.
Ein Produkt kann pflanzlich sein und trotzdem pharmakologisch erhebliche Wirkungen besitzen.
Es kann einzelnen Menschen helfen und gleichzeitig andere abhängig machen.
Und eine jahrhundertealte traditionelle Verwendung sagt wenig darüber aus, welche Risiken ein hochkonzentriertes Industrieprodukt des 21. Jahrhunderts besitzt.
Genau deshalb wirkt die amerikanische Situation so widersprüchlich.
Während das Land seit Jahren gegen die Folgen seiner Opioidkrise kämpft, können Verbraucher andernorts ein Mittel mit opioidähnlicher Wirkung zwischen Tankstelle und Vape-Shop kaufen – ohne dass auf Bundesebene eine umfassende Produktregulierung besteht.
Das Problem heißt deshalb nicht einfach Kratom. Das Problem ist ein Markt, auf dem psychoaktive Produkte verkauft werden können, während Verbraucher womöglich nicht einmal zuverlässig wissen, wie stark das ist, was sie gerade schlucken oder trinken.
Und spätestens dann wird aus dem vermeintlich harmlosen Pflanzenprodukt eine Frage der öffentlichen Gesundheit.


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