Crowdinvesting: Acht Prozent Zinsen, 100 Prozent Abenteuer

Crowdinvesting: Acht Prozent Zinsen, 100 Prozent Abenteuer

Veröffentlicht

Dienstag, 22.09.2026
von Red. TB

Es gab einmal eine Zeit, da legte der Deutsche sein Geld aufs Sparbuch.

Dafür bekam er 0,3 Prozent Zinsen, einen Kugelschreiber von der Sparkasse und das beruhigende Gefühl, dass wahrscheinlich nichts Spannendes passieren würde.

Dann kam Crowdinvesting.

Plötzlich hieß Geldanlage nicht mehr:

„2.000 Euro Festgeld.“

Sondern:

„Nachrangige tokenisierte Schuldverschreibung zur Finanzierung eines nachhaltigen Mikro-Apartment-Projekts mit urbanem Mobilitätskonzept.“

Klang natürlich wesentlich besser.

Und statt 0,3 Prozent gab es sieben.

Oder acht.

Oder neun.

Manchmal sogar mehr.

Da stellte sich bei manchem Anleger offenbar weniger die Frage:

Warum zahlt mir jemand eigentlich neun Prozent?

Sondern eher:

Wo muss ich klicken?

Inzwischen wissen wir:

Der hohe Zins war gelegentlich nicht nur Dekoration.

Er hatte einen Grund.

Das Prinzip war wunderbar einfach

Ein Projektentwickler wollte ein Haus bauen.

Eine Bank wollte nicht alles finanzieren.

Also brauchte man Geld dazwischen.

Früher nannte man so etwas möglicherweise komplizierte Projektfinanzierung.

Heute hieß es:

Crowdinvesting.

Der Anleger bekam dafür Hochglanzfotos.

Ein paar Visualisierungen.

Junge Menschen mit Laptop.

Ein schönes Gebäude bei Sonnenuntergang.

Und irgendwo unten auf Seite 47 stand:

Totalverlust möglich.

Das war allerdings deutlich weniger fotogen.

Also las man lieber:

7,5 Prozent Zinsen.

BERGFÜRST: Viele erfolgreiche Projekte – und plötzlich wird die Insolvenzliste länger

BERGFÜRST hat tatsächlich zahlreiche Projekte vollständig zurückgeführt.

Das muss man fairerweise sagen.

Nach eigenen Angaben wurden bei abgeschlossenen Investments bereits erhebliche Beträge einschließlich Zinsen an Anleger zurückgezahlt.

Viele Anleger dürften deshalb gesagt haben:

„Siehst du? Funktioniert.“

Dann kamen irgendwann Projekte wie Moxy Hotel Troisdorf, Moxy Hotel Dortmund, Pforzheim – Mitte, Kastanienhöfe Halle und weitere Immobilienfinanzierungen ins Blickfeld.

Und das Wort „Immobilieninvestment“ bekam einen neuen Begleiter:

Insolvenzverfahren.

Beim Moxy Hotel Troisdorf wurde das Investment inzwischen sogar mit Verlust abgeschlossen.

Aus sieben Prozent Zinsen wurde damit wirtschaftlich eine andere mathematische Disziplin.

Man könnte sagen:

Der Anleger erwartete Rendite.

Bekommen hat er Erfahrung.

Besonders interessant ist die Statistik.

In einer älteren Datenbank steht BERGFÜRST teilweise noch mit null Euro Ausfall.

In aktuelleren Einzelprojektdatenbanken tauchen dagegen mehrere insolvente Projekte auf.

Das ist kein zwingender Widerspruch.

Es ist eher eine Frage der Definition.

Solange ein Insolvenzverfahren läuft, ist der endgültige Verlust möglicherweise noch nicht bekannt.

Das Geld ist also nicht unbedingt weg.

Es ist nur gerade…

juristisch unterwegs.

WIWIN: Nachhaltigkeit kann vieles – Insolvenz verhindern gehört offenbar nicht automatisch dazu

WIWIN steht für nachhaltige Investments.

Solarenergie.

Grüne Unternehmen.

Nachhaltige Ernährung.

Energiewende.

Alles Dinge, bei denen man sich als Anleger bereits beim Überweisen ein bisschen besser fühlt.

Man rettet schließlich nicht nur sein Vermögen.

Man rettet gleich noch den Planeten.

Zumindest theoretisch.

Denn auch ein nachhaltiges Unternehmen kann leider ziemlich konventionell insolvent werden.

Zu den über WIWIN vermittelten Investments mit späterem Insolvenzbezug gehören unter anderem Green Club, verschiedene enen-Solar-Finanzierungen, Pottsalat, SIRPLUS, Frischepost und weitere Unternehmen.

Besonders lehrreich ist Green Club.

Beworben wurden neun Prozent Zinsen.

Das Unternehmen wollte wachsen.

Das Konzept klang modern.

Nur stand im Basisinformationsblatt eben auch etwas von:

nachrangiger Schuldverschreibung

und

vorinsolvenzlicher Durchsetzungssperre.

Das ist Finanzdeutsch für:

Wenn es schwierig wird, stehen Sie möglicherweise nicht ganz vorne an der Kasse.

Vielleicht nicht einmal in der Mitte.

Vielleicht eher draußen vor dem Laden.

Fairerweise durchlief Green Club später ein Insolvenzplanverfahren und wurde fortgeführt.

Damit ist auch dieser Fall nicht automatisch gleichbedeutend mit Totalverlust.

Aber er zeigt sehr schön das Grundprinzip:

Auf der Startseite steht:

9 Prozent Rendite.

Im Kleingedruckten steht:

Bitte bringen Sie starke Nerven mit.

dagobertinvest: „Ausfall“ ist offenbar eine Frage der Geduld

Besonders interessant wird es bei dagobertinvest.

Dort finden sich inzwischen zahlreiche Projekte mit Insolvenzstatus.

Immobilienprojekte in Hamburg.

Wien.

Leipzig.

Salzburg.

Niederösterreich.

Und noch an diversen anderen Orten, an denen der Anleger vermutlich lieber Immobilien als Insolvenzverwalter finanziert hätte.

Die Plattform unterscheidet allerdings sorgfältig.

Ein Projekt kann verspätet sein.

Es kann „in Betreibung“ sein.

Es kann insolvent sein.

Und irgendwann, wenn das Insolvenzverfahren abgeschlossen ist, kann möglicherweise auch endgültig feststehen:

Jetzt ist es wirklich ein Ausfall.

Das ist juristisch durchaus nachvollziehbar.

Für den Anleger entsteht dadurch allerdings eine interessante Situation.

Sein Darlehen war vielleicht 2023 fällig.

Wir schreiben 2026.

Das Geld ist noch nicht zurück.

Aber statistisch ist es womöglich noch kein endgültiger Ausfall.

Man könnte sagen:

Das Kapital ist nicht verloren.

Es befindet sich lediglich in einer sehr langfristigen Orientierungsphase.

Beim Projekt Kronenhaus wurde es allerdings konkreter.

Dort erhielten Anleger nach den dokumentierten Angaben nur einen kleinen Teil ihrer angemeldeten Forderungen zurück.

Beim Projekt Gupympka – Leobersdorf wird sogar Totalverlust ausgewiesen.

Damit endet irgendwann auch die schönste semantische Debatte über „Verzögerung“ oder „Betreibung“.

Wenn fast nichts mehr zurückkommt, versteht selbst der Taschenrechner das Wort Ausfall.

Seedmatch: Willkommen bei Venture Capital – bitte Anschnallgurt schließen

Bei Seedmatch ist die Sache wiederum etwas anders.

Hier ging es häufig nicht um Immobilien, sondern um Start-ups.

Und bei Start-ups gilt seit jeher:

Zehn Unternehmen werden gegründet.

Fünf verschwinden.

Drei dümpeln herum.

Eines wird ganz ordentlich.

Und eines soll anschließend die anderen neun bezahlen.

Theoretisch.

Seedmatch hat Anlegern den Zugang zu genau diesem Geschäft ermöglicht.

Das ist spannend.

Es ist aber eben auch Venture Capital.

Und Venture heißt übersetzt nicht:

Garantierte Altersvorsorge.

Unter den dokumentierten Insolvenzfällen beziehungsweise problematischen Finanzierungen finden sich inzwischen zahlreiche Namen – von SMAFO über Heise Haus, gigmit, Pottsalat-nahe Geschäftsmodelle und andere Start-ups bis hin zu älteren Fällen.

Bei SMAFO 2 wird inzwischen ein Totalverlust geführt.

Das ist die brutale Seite des Startup-Investings.

Die Unternehmenspräsentation kann hervorragend gewesen sein.

Das Gründerteam sympathisch.

Der Markt Milliarden groß.

Der Pitch perfekt.

Und trotzdem lautet der Kontostand irgendwann:

Null.

Das nennt man dann Disruption.

Nur möglicherweise anders als ursprünglich gemeint.

OneCrowd: Wenn plötzlich sogar die Plattform selbst Insolvenz anmeldet

Besonders bemerkenswert wurde die Geschichte 2026 bei OneCrowd.

Denn irgendwann erwischte es nicht mehr nur Unternehmen, die über Crowdfundingplattformen Geld eingesammelt hatten.

Es traf die Plattformgruppe selbst.

OneCrowd GmbH, OneCrowd Loans GmbH und OneCrowd Securities GmbH stellten Insolvenzanträge.

Nun muss man sofort hinzufügen:

Die über Seedmatch und andere Marken vermittelten Verträge zwischen Anlegern und Emittenten gehören deshalb nicht automatisch zur Insolvenzmasse von OneCrowd.

Wer in irgendein Unternehmen über Seedmatch investiert hat, hat also nicht allein wegen der OneCrowd-Insolvenz sein Geld verloren.

Das wäre eine falsche Schlussfolgerung.

Aber eine gewisse Ironie besitzt die Geschichte trotzdem.

Eine Plattform, deren Geschäftsmodell darin bestand, Kapital zwischen Anlegern und Unternehmen zu vermitteln, benötigt plötzlich selbst einen Insolvenzverwalter.

Besonders hübsch:

OneCrowd hatte sogar eine eigene Anleihe.

Nach der Insolvenz wurden Zins- und Tilgungszahlungen darauf ausgesetzt.

Damit hatte der Crowdinvesting-Markt gewissermaßen seine eigene Matroschka-Puppe gebaut:

Ein Investment in ein Unternehmen, das Investments in Unternehmen vermittelt.

Und dann wird das Investmentunternehmen selbst zum Problemfall.

Finanzwirtschaft kann sehr kreativ sein.

Companisto: Das Start-up-Portfolio als biologisches Experiment

Bei Companisto sieht die Statistik ebenfalls eindrucksvoll aus.

Dutzende Investments werden in spezialisierten Datenbanken inzwischen als Ausfälle geführt.

Dazu gehören unter anderem Unternehmen wie Solarnative, E-Works Mobility, Officebricks, Contentpepper und zahlreiche ältere Start-ups.

Bei einzelnen Fällen endete die Geschichte sogar mit Totalverlust beziehungsweise mit Insolvenzverfahren, in denen kaum noch Masse vorhanden war.

Das klingt zunächst erschreckend.

Ist bei Venture Capital aber eben auch Teil des Modells.

Companisto verkauft keine Sparbriefe.

Man investiert in junge Unternehmen.

Und junge Unternehmen besitzen eine unangenehme Eigenschaft:

Sie können sehr schnell sehr wertvoll werden.

Oder sehr schnell sehr historisch.

Der entscheidende Fehler wäre deshalb, einen einzelnen Startup-Deal wie ein Festgeldkonto zu betrachten.

Wer 10.000 Euro in ein einziges junges Unternehmen steckt, setzt möglicherweise auf:

Rakete.

Oder Krater.

Diversifikation ist in diesem Markt deshalb kein akademischer Begriff.

Sie ist Überlebensstrategie.

Und dann gibt es noch das schönste Wort der Branche: „Verzögerung“

Die interessanteste sprachliche Erfindung im Crowdinvesting ist möglicherweise nicht „Crowd“.

Es ist:

Verzögerung.

Denn Verzögerung klingt angenehm temporär.

Der Zug hat Verspätung.

Das Paket kommt morgen.

Die Rückzahlung kommt…

irgendwann.

Nur besitzt Geld eine ziemlich unangenehme Eigenschaft:

Wenn 10.000 Euro heute fällig wären und drei Jahre später noch fehlen, kann man mit ihnen drei Jahre lang nichts anfangen.

Keine neue Anlage.

Keine Wohnung renovieren.

Keine Rechnung bezahlen.

Kein Festgeld eröffnen.

Wirtschaftlich ist ein jahrelang verspäteter Rückfluss deshalb etwas anderes als:

„Alles läuft planmäßig.“

Auch wenn juristisch noch kein endgültiger Ausfall festgestellt wurde.

Warum acht Prozent eben nicht acht Prozent sind

Nehmen wir ein einfaches Beispiel.

Ein Anleger investiert jeweils 10.000 Euro in zehn Projekte.

Jedes verspricht acht Prozent Zinsen.

Klingt hervorragend.

80.000?

Nein.

Natürlich nicht.

Es wären theoretisch 8.000 Euro Zinsen auf 100.000 Euro Kapital pro Jahr.

Wenn allerdings nur eines der zehn Projekte komplett ausfällt, sind 10.000 Euro Kapital weg.

Dann braucht der Anleger mehr als ein komplettes Jahr Zinsen aus allen anderen Projekten, nur um diesen einen Ausfall auszugleichen.

Bei zwei Totalverlusten wird die Rechnung noch ungemütlicher.

Plötzlich merkt man:

Die acht Prozent waren keine Renditegarantie.

Sie waren der Eintrittspreis für Risiko.

Die Plattform ist nicht automatisch schuld

Bei aller Satire muss etwas ausdrücklich gesagt werden.

Wenn ein Projektentwickler insolvent wird, bedeutet das nicht automatisch:

BERGFÜRST hat etwas falsch gemacht.

Wenn ein Start-up scheitert, bedeutet das nicht automatisch:

Seedmatch oder Companisto haben Anleger getäuscht.

Wenn ein Solaranbieter Probleme bekommt, bedeutet das nicht automatisch:

WIWIN trägt dafür Verantwortung.

Die Plattform vermittelt.

Der Emittent schuldet in vielen Konstruktionen das Geld.

Ob eine Plattform ihre Prüf-, Informations- oder Vermittlungspflichten verletzt hat, müsste jeweils konkret untersucht und gegebenenfalls gerichtlich geklärt werden.

Eine Insolvenz allein beweist das nicht.

Aber genauso falsch wäre es, die Plattform vollständig aus der Diskussion herauszunehmen.

Denn schließlich präsentiert sie die Investments.

Sie verdient an der Vermittlung.

Sie entscheidet, welche Projekte überhaupt auf ihrer Internetseite erscheinen.

Und sie wirbt mit ihrer Erfahrung, Auswahl und Prüfung.

Deshalb darf der Anleger durchaus fragen:

Wie viele Projekte wurden vermittelt?

Wie viele pünktlich zurückgezahlt?

Wie viele sind verspätet?

Wie viele insolvent?

Und wie viel Geld haben Anleger endgültig verloren?

Eigentlich ganz einfache Fragen.

Erstaunlich nur, wie schwer es teilweise ist, darauf einfache Antworten zu bekommen.

Vielleicht braucht Crowdinvesting eine neue Statistik

Statt:

„Wir haben 200 Millionen Euro vermittelt.“

wäre vielleicht interessanter:

„Davon wurden 160 Millionen pünktlich zurückgezahlt.“

„20 Millionen kamen verspätet.“

„15 Millionen befinden sich in Insolvenzverfahren.“

„5 Millionen sind endgültig verloren.“

Das wäre Transparenz.

Und es hätte einen weiteren Vorteil:

Der Anleger müsste nicht erst 73 einzelne Projekte anklicken, drei Insolvenzregister durchsuchen und anschließend einen Taschenrechner heiraten.

Das Fazit

Crowdinvesting war nie ein Sparbuch.

Es wurde allerdings manchmal so bequem präsentiert, dass Anleger diesen Unterschied leicht vergessen konnten.

Sieben Prozent.

Acht Prozent.

Neun Prozent.

Nachhaltige Immobilien.

Grüne Energie.

Innovative Start-ups.

Schöne Renderings.

Sympathische Gründer.

Und ganz unten:

Totalverlust möglich.

Heute wissen wir:

Dieser Satz war keine juristische Dekoration.

Er war eine Produktbeschreibung.

Bei BERGFÜRST gibt es inzwischen mehrere insolvente Immobilienprojekte.

Bei WIWIN mehrere insolvente Unternehmen beziehungsweise Emittenten.

Bei dagobertinvest eine lange Liste problematischer Immobilienfinanzierungen.

Bei Seedmatch zahlreiche gescheiterte Start-ups.

Bei Companisto ebenfalls eine erhebliche Zahl von Ausfällen.

Und bei OneCrowd wurde schließlich sogar die Plattformgruppe selbst zum Insolvenzfall.

Vielleicht ist deshalb die wichtigste Lehre aus 15 Jahren Crowdinvesting ziemlich einfach:

Wenn jemand acht Prozent Zinsen bezahlt, sollte die erste Frage nicht lauten:

„Wo kann ich zeichnen?“

Sondern:

„Warum zahlt mir der eigentlich acht Prozent?“

Und wenn die Antwort 62 Seiten lang ist, sollte man vielleicht wenigstens Seite 47 lesen.

Dort steht häufig der wichtigste Satz:

Totalverlust möglich.

Früher hielt man das vielleicht für Kleingedrucktes.

Heute wissen manche Anleger:

Das war die Kurzfassung.

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Alexas_Fotos (CC0), Pixabay

von Autor: Red. TB
am: Dienstag, 22.09.2026

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