Seit 25 Jahren verschwunden: Eritreas frühere Freiheitshelden sitzen ohne Prozess im Gefängnis

Seit 25 Jahren verschwunden: Eritreas frühere Freiheitshelden sitzen ohne Prozess im Gefängnis

Veröffentlicht

Sonntag, 20.09.2026
von Red. TB

„Ich weiß nicht einmal, ob meine Eltern noch leben.“

Für Hanna Petros Solomon ist dieser Satz seit einem Vierteljahrhundert bittere Realität. Sie war gerade zehn Jahre alt, als ihr Vater in Eritrea festgenommen wurde. Er verschwand im Gefängnis – ohne Prozess. Später wurde auch ihre Mutter verhaftet.

Seitdem hat Hanna weder ihren Vater noch ihre Mutter gesehen.

Bis heute weiß die Familie nicht einmal, ob beide noch am Leben sind.

Dabei waren Hannas Eltern einst keine Gegner des Staates. Im Gegenteil: Aster Yohannes und Petros Solomon kämpften selbst im jahrzehntelangen Unabhängigkeitskrieg Eritreas gegen Äthiopien, der 1993 mit der staatlichen Unabhängigkeit endete.

Petros Solomon gehörte zu den führenden Persönlichkeiten des Befreiungskampfes und wird von vielen Eritreern bis heute als Nationalheld angesehen.

Nach der Unabhängigkeit machte er Karriere in der Regierung. Er wurde Verteidigungsminister, später Außenminister und leitete schließlich das Fischereiministerium.

Dann stellte er sich gemeinsam mit anderen hochrangigen Politikern gegen Präsident Isaias Afewerki.

Und verschwand.

Ein offener Brief verändert alles

Im Mai 2001 unterzeichneten Petros Solomon und 14 weitere prominente Politiker einen offenen Brief an Präsident Isaias Afewerki.

Sie forderten unter anderem die Umsetzung der nach der Unabhängigkeit verabschiedeten Verfassung und nationale Wahlen.

Die Gruppe wurde später als „G-15“ bekannt.

Für die Unterzeichner hatte der Schritt dramatische Folgen.

Wenige Tage nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA begann in Eritrea eine groß angelegte Verhaftungsaktion.

In den frühen Morgenstunden des 18. September positionierten sich Sicherheitskräfte vor den Häusern von elf hochrangigen Regierungsvertretern in der Hauptstadt Asmara.

Auch Petros Solomon wurde festgenommen.

Er war in Sportkleidung unterwegs und wollte wie jeden Morgen trainieren.

Für seine Familie begann damit ein Albtraum.

Die Kinder wissen zunächst nicht, was passiert ist

Hanna und ihre drei Geschwister hatten zunächst keine Ahnung, wo ihr Vater geblieben war.

Ihre Mutter Aster Yohannes befand sich damals zum Studium in den USA. Die Kinder kamen deshalb zunächst bei ihrer Großmutter väterlicherseits unter.

Erst nach einigen Tagen wurde ihnen langsam klar, wie ernst die Situation war.

Hanna erinnert sich daran, dass Mitschüler ihr plötzlich sagten, ihr Vater habe sein Land verraten.

Für das damals zehnjährige Mädchen war es ein Schock.

Sie verstand nicht, wie Männer, die selbst für die Unabhängigkeit Eritreas gekämpft hatten, plötzlich als Verräter dargestellt werden konnten.

Die Mutter will zurück zu ihren Kindern

In den USA war Aster Yohannes verzweifelt.

Sie versuchte nach der Festnahme ihres Mannes, für ihre Kinder Pässe zu bekommen. Doch die Behörden lehnten dies nach Darstellung der Familie ab und forderten sie stattdessen auf, selbst nach Eritrea zurückzukehren.

Zwei Jahre lang rang Aster mit der Entscheidung.

Schließlich entschloss sie sich zur Heimreise.

Nach Berichten hatte sie zuvor Zusicherungen von Regierungsvertretern erhalten, dass ihr nichts passieren werde.

Ihre Kinder warteten sehnsüchtig auf sie.

Gleichzeitig hatten sie Angst.

Hanna erinnert sich daran, ihre Mutter am Telefon gefragt zu haben, was passieren würde, wenn auch sie verhaftet werde.

Aster beruhigte ihre Tochter.

Sie habe nichts falsch gemacht, sagte sie. Sie wolle lediglich nach Hause zurückkehren, um ihre Kinder großzuziehen.

Nach Hannas späteren Informationen soll sogar Präsident Isaias persönlich ihrer Mutter zugesichert haben, dass sie sicher sei.

Die Familie wartet mit Blumen am Flughafen

Am 11. Dezember 2003 warteten Hanna und ihre Geschwister am internationalen Flughafen von Asmara.

Sie hatten Blumen mitgebracht.

Doch ihre Mutter kam nicht durch die Ankunftshalle.

Die anderen Passagiere verließen das Flugzeug und gingen zu ihren Familien.

Aster erschien nicht.

Die Kinder warteten immer weiter.

Die Blumen begannen bereits zu welken.

Schließlich gaben sie auf und fuhren nach Hause.

Freunde und Verwandte in den USA bestätigten ihnen später, dass Aster dort tatsächlich ins Flugzeug gestiegen war.

Dann erhielt die Familie einen merkwürdigen Anruf vom Flughafen.

Ein Mitarbeiter wollte wissen, wann Aster ihr Gepäck abholen werde.

Damit war für die Angehörigen klar: Sie war in Eritrea angekommen.

Aber sie würde nicht nach Hause kommen.

Auch die Mutter verschwindet im Gefängnis

In den folgenden Monaten versuchte die Familie verzweifelt herauszufinden, was mit Aster passiert war.

Doch ihre Fragen blieben unbeantwortet.

Hannas Großmutter wurde nach Angaben der Familie von den Behörden sogar aufgefordert, nicht weiter nachzufragen.

Später erfuhr die Familie, dass Aster vermutlich im berüchtigten Karshelli-Gefängnis im Zentrum von Asmara festgehalten wurde.

Petros Solomon wiederum soll sich gemeinsam mit anderen im September 2001 festgenommenen Regierungsvertretern im Gefängnis Ela-Ero befinden.

Die abgelegene und streng abgeschirmte Haftanstalt liegt im östlichen Tiefland nordöstlich von Asmara.

Den Gefangenen wurde Verrat vorgeworfen.

Doch nach Angaben der BBC wurde keiner von ihnen jemals vor Gericht gestellt.

Auch Kontakt zu ihren Familien wurde ihnen nicht gestattet.

Auch Journalisten verschwinden

Die Verhaftungen der Politiker waren nicht die einzigen Maßnahmen im September 2001.

Zur gleichen Zeit schloss die Regierung die damals entstehenden unabhängigen Zeitungen des Landes.

Redakteure und Journalisten wurden festgenommen.

Auch von ihnen wird angenommen, dass einige im Gefängnis Ela-Ero festgehalten wurden.

Die BBC bat die eritreische Regierung sowie die eritreische Botschaft in Großbritannien um eine Stellungnahme zum Aufenthaltsort der Gefangenen und zu der Frage, ob diese überhaupt noch leben.

Eine Antwort erhielt der Sender nach eigenen Angaben nicht.

Hanna flieht aus Eritrea

Wie Tausende andere junge Eritreer verließ schließlich auch Hanna das Land.

Ohne Pass überquerte sie heimlich die Grenze.

Heute ist sie 35 Jahre alt, verheiratet und lebt in den USA. Dort arbeitet sie als Trauma-Spezialistin.

Doch das Trauma ihrer eigenen Kindheit begleitet sie weiterhin.

Wenn Hanna alte Fotos betrachtet, hat sie Angst, dass ihre Erinnerungen an ihre Eltern langsam verschwinden könnten.

Sie denkt an Familienfeiern, Geburtstage und das gemeinsame Lachen.

Ihr Vater habe es geliebt, Menschen im Haus zusammenzubringen.

Sie erinnert sich an Ausflüge an die Küste, bei denen Petros Solomon während seiner Zeit als Fischereiminister im Auto Gesangswettbewerbe mit seinen Kindern veranstaltete.

Wer am besten sang, bekam ein Geschenk.

Von ihrer Mutter erinnert sie sich besonders an deren Musikbegeisterung. Aster hörte und sang Songs von Abba, Dolly Parton und Whitney Houston.

Und Hanna vermisst ihre Eier-Kartoffel-Sandwiches, die ihrer Erinnerung nach niemand so gut zubereiten konnte wie ihre Mutter.

Eine zweite Familie erlebt dasselbe Schicksal

Hanna ist nicht allein.

Auch Ibrahim Sherifo verlor im September 2001 praktisch beide Eltern.

Seine Eltern gehörten ebenfalls zu den hochrangigen Mitgliedern der damaligen Regierungspartei und zu den Personen aus dem Umfeld der G-15, die festgenommen wurden.

Ibrahim war damals 13 Jahre alt.

Heute bezeichnet er den 18. September 2001 als einen „dunklen Tag“ – nicht nur für sich persönlich, sondern für ganz Eritrea.

Sein Vater Mahmoud Ahmed Sherifo war Minister für Kommunalverwaltung und galt faktisch als stellvertretender Präsident des Landes.

Auch seine Mutter Aster Fissehatsion wurde festgenommen.

Ibrahim erinnert sich noch daran, wie Sicherheitskräfte am frühen Morgen an die Tür klopften und seine Mutter im Schlafanzug mitnahmen.

Aus Sorge um seinen Vater rannte er sofort zu dessen nahegelegenem Haus.

Doch auch er war bereits festgenommen worden, nachdem er zum Sport das Haus verlassen hatte.

„Sagt uns wenigstens, ob sie noch leben“

Ibrahim lebt inzwischen im Exil in den Niederlanden, wo ihm Asyl gewährt wurde. Er studiert Politikwissenschaft.

Wie Hanna ist auch er den Freunden und Verwandten dankbar, die sich trotz möglicher Risiken um die zurückgelassenen Kinder kümmerten.

Und beide sind stolz darauf, wofür ihre Eltern damals eintraten.

Ibrahim sagt, seine Eltern hätten nicht schweigend zusehen können, wie aus ihrer Sicht die Ziele des Unabhängigkeitskampfes verloren gingen.

Seine Forderung an die Regierung ist nach 25 Jahren ebenso schlicht wie erschütternd:

Die Familien wollen erfahren, ob ihre Angehörigen noch leben.

Hanna wiederum möchte, dass nicht nur das Schicksal ihrer eigenen Eltern bekannt wird. Zahlreiche Familien in Eritrea hätten im Laufe der Jahre Angehörige verloren, deren Schicksal ungeklärt geblieben sei.

Menschenrechtsorganisationen fordern Freilassung

Menschenrechtsorganisationen, darunter auch UN-Stellen, betrachten die Gefangenen der G-15 als politische Gefangene beziehungsweise gewaltlose politische Gefangene und fordern seit Jahren ihre Freilassung.

Präsident Isaias Afewerki ist inzwischen 80 Jahre alt.

Die 1997 verabschiedete Verfassung des Landes wurde nach Darstellung der BBC bis heute nicht umgesetzt.

Isaias ist weiterhin Präsident. Nationale Präsidentschaftswahlen fanden seit der Unabhängigkeit nicht statt.

Das letzte Bild ihres Vaters

Besonders schmerzhaft ist für Hanna die Erinnerung an die Nacht unmittelbar vor dem Verschwinden ihres Vaters.

Sie hatte damals ein ungutes Gefühl.

Das zehnjährige Mädchen schlich sich zu ihm ins Bett und band seine Beine mit einer Schnur an ihre eigenen.

Sie wollte verhindern, dass er am nächsten Morgen das Haus verließ.

Als ihr Vater aufwachte und bemerkte, dass er festgebunden war, zog er an ihren Beinen, bis Hanna ebenfalls wach wurde.

Sie flehte ihn an, nicht hinauszugehen.

Petros Solomon beruhigte seine Tochter.

Er werde nach seinem morgendlichen Lauf zurückkommen.

Dann verließ er das Haus.

Hanna hat ihn nie wiedergesehen.

„Manchmal kommt die Trauer wie eine Welle“

25 Jahre später beschreibt Hanna ihre Trauer mit dem Bild eines tiefen Meeres.

Manchmal sei das Wasser ruhig und man könne an der Oberfläche treiben.

Doch dann komme die Trauer plötzlich zurück wie eine Welle und ziehe einen wieder hinunter.

Manchmal, sagt sie, verliere man die Hoffnung und bekomme keine Luft mehr.

Wenn Hanna ihren Eltern heute eine Nachricht schicken könnte, würde sie ihnen vor allem eines sagen:

Sie sollen sich keine Sorgen um ihre Kinder machen.

So wie sie einst den jahrelangen Befreiungskampf mit großer Ausdauer überstanden hätten, hoffe die Familie, dass sie auch diese Zeit überleben.

Und eines Tages zu ihren Kindern zurückkehren können.

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Bildnachweis:

jorono (CC0), Pixabay

von Autor: Red. TB
am: Sonntag, 20.09.2026

Diebewertung Netzwerk

Weitere Portale

Crowdinvesting Shop

Samstagszeitung - Wochenzeitung Verbraucherschutzforum Berlin

Archiv