Fast drei Jahrzehnte nach dem Tod von Prinzessin Diana brechen alte Wunden im britischen Königshaus wieder auf. Ihr Bruder Earl Spencer erhebt in einem neuen Buch schwere Vorwürfe gegen König Charles III. Der Buckingham-Palast reagiert ungewöhnlich scharf und bestreitet seine Darstellung. Nun geht es wieder um jene Tage im Sommer 1997, in denen die Monarchie eine ihrer schwersten Krisen erlebte.
LONDON – Es ist fast 30 Jahre her.
Und trotzdem genügt offenbar ein einziges Buch, um Großbritannien wieder mitten in den Spätsommer 1997 zu versetzen.
Zurück zu Diana.
Zurück zu Charles.
Zurück zu einer trauernden Öffentlichkeit und einem Königshaus, das damals massiv unter Druck geriet.
Auslöser ist „Swan Song: Diana, My Sister“, das neue Buch von Dianas Bruder Charles Spencer, 9. Earl Spencer.
Darin schildert er seine Erinnerungen an seine Schwester – und erhebt schwere Vorwürfe gegen den heutigen König Charles III.
Der Palast hält dagegen.
Und plötzlich wird wieder über eine Frage gestritten, die seit Jahrzehnten über der Geschichte der Windsors schwebt:
Was geschah innerhalb der königlichen Familie wirklich nach Dianas Tod?
Spencer erhebt schweren Vorwurf gegen Charles
Im Mittelpunkt steht ein angebliches Telefongespräch zwischen Earl Spencer und dem damaligen Prinzen Charles unmittelbar nach Dianas Tod.
Spencer behauptet, Charles habe über seine verstorbene Ex-Frau gesagt:
„Wir werden sie schon bald vergessen.“
Noch schwerer wiegt Spencers Beschreibung des Tons.
Charles habe nach der Todesnachricht geradezu euphorisch geklungen – Spencer verglich seinen Eindruck mit einem „Lotteriegewinner“.
Das sind massive Vorwürfe.
Allerdings handelt es sich um Spencers Erinnerung an ein Gespräch vor fast 30 Jahren.
Eine unabhängige Bestätigung dafür liefert der BBC-Bericht nicht.
Buckingham-Palast schlägt zurück
Der Buckingham-Palast widerspricht der Darstellung.
Und zwar ungewöhnlich deutlich.
In einer Stellungnahme hieß es sinngemäß, Charles sei sich bewusst, dass die Trauer eines Bruders Vernunft und Urteilsvermögen beeinträchtigen und Erinnerungen auf eine Weise färben könne, die andere Menschen nicht nachvollziehen könnten.
Höfische Sprache.
Aber die Botschaft dahinter ist kaum misszuverstehen:
Der Palast sagt im Kern, dass Spencer sich falsch erinnert.
Spencer wiederum besteht darauf, dass seine Darstellung stimmt.
„Das waren genau seine Worte“
Im BBC-Interview legte Dianas Bruder noch einmal nach.
Er sei damals äußerst aufmerksam gewesen und könne sich genau erinnern.
Die von ihm wiedergegebenen Worte seien tatsächlich so gefallen.
Spencer erklärte ausdrücklich, er sage die Wahrheit.
Damit stehen nun zwei völlig unterschiedliche Darstellungen desselben Gesprächs gegeneinander.
Spencer sagt:
So war es.
Der Palast sagt:
So war es nicht.
Beweisen lässt sich anhand des vorliegenden Berichts keine der beiden Versionen abschließend.
Erinnerungen nach einem Trauma können kompliziert sein
Der Psychotherapeut Nick Hatter wollte gegenüber der BBC nicht beurteilen, welche Seite recht hat.
Er verwies allerdings darauf, dass Erinnerungen während traumatischer Ereignisse verzerrt werden können.
Bei einem Telefongespräch fehlen zudem Gesichtsausdruck und Körpersprache.
Auch Trauer selbst könne sehr unterschiedliche Reaktionen auslösen.
Damit liefert die Psychologie zwar mögliche Erklärungen dafür, warum zwei Menschen dasselbe Gespräch unterschiedlich erinnern könnten.
Sie beantwortet aber nicht die entscheidende Frage:
Was hat Charles tatsächlich gesagt?
Die Briten sind ebenfalls gespalten
Eine YouGov-Umfrage zeigt, wie wenig eindeutig die öffentliche Wahrnehmung ist.
31 Prozent der Befragten glaubten demnach Spencers Vorwürfen.
36 Prozent vermuteten, dass seine Darstellung nicht stimmt.
Und 33 Prozent antworteten:
Sie wissen es nicht.
Mit anderen Worten:
Fast drei Jahrzehnte nach Dianas Tod ist Großbritannien bei dieser Frage beinahe genauso gespalten wie die beiden Seiten selbst.
1997 stand die Monarchie mit dem Rücken zur Wand
Warum die Geschichte noch heute derart explosiv ist, lässt sich nur verstehen, wenn man sich an die Stimmung nach Dianas Tod erinnert.
Die Prinzessin starb am 31. August 1997 nach einem Autounfall in Paris.
Darauf folgte eine enorme öffentliche Trauer.
Vor königlichen Residenzen entstanden riesige Blumenmeere.
Gleichzeitig geriet die Royal Family unter massiven öffentlichen Druck.
Viele Briten empfanden die Reaktion des Königshauses als distanziert und gefühlskalt.
Die BBC beschreibt diese Tage als eine Phase, in der die Monarchie Gefahr lief, große Teile der öffentlichen Unterstützung zu verlieren.
Royal-Autor Valentine Low erinnert sich an eine extrem aufgeheizte Atmosphäre.
Die Paläste seien damals als Institutionen wahrgenommen worden, die Diana schlecht behandelt hätten.
Dann hielt Dianas Bruder seine berühmte Rede
Bei Dianas Trauerfeier am 6. September 1997 hielt Earl Spencer in der Westminster Abbey eine Rede, die zu einem der berühmtesten Momente jener Tage wurde.
Die Menschen vor der Kirche applaudierten.
Der Applaus war laut BBC sogar innerhalb der Westminster Abbey zu hören.
Und dort saßen:
Charles.
William.
Harry.
Und die gesamte königliche Familie.
Spencer positionierte sich damals öffentlich als Beschützer des Andenkens seiner Schwester.
Fast drei Jahrzehnte später tut er es erneut.
Diesmal mit einem Buch.
William war 15, Harry erst zwölf
Besonders schmerzhaft bleibt bis heute die Rolle von Dianas Söhnen.
Prinz William war bei der Beerdigung seiner Mutter gerade 15 Jahre alt.
Prinz Harry war zwölf.
Beide liefen hinter Dianas Sarg.
Ob die Jungen diesen öffentlichen Weg überhaupt antreten sollten, war bereits damals umstritten.
Harry schrieb später in seinen Memoiren „Spare“, sein Onkel Charles Spencer habe sich vehement dagegen ausgesprochen.
Nach Harrys Darstellung habe Spencer die Vorstellung, die beiden Jungen hinter dem Sarg ihrer Mutter laufen zu lassen, als „barbarisch“ bezeichnet.
Diana ist in den Konflikten der Royals immer noch präsent
Die BBC sieht viele heutige Spannungen innerhalb der königlichen Familie zumindest teilweise vor dem Hintergrund der Ereignisse von 1997.
Harry hat wiederholt darüber gesprochen und geschrieben, wie sehr der frühe Tod seiner Mutter sein Leben geprägt habe.
Sein späterer Bruch mit seinen Pflichten als arbeitendes Mitglied der Royal Family wurde von ihm auch mit seiner Kritik daran verbunden, dass die Interessen der Institution teilweise über das Wohlergehen einzelner Familienmitglieder gestellt würden.
Und nun bringt Earl Spencer seine eigene Version der Familiengeschichte auf den Markt.
Damit kehren zwangsläufig auch alte Fragen zurück:
Wie wurde Diana behandelt?
Wie verhielt sich Charles?
Welche Rolle spielte Camilla?
Und wie viel von dem Bild, das sich die Öffentlichkeit damals machte, entspricht der Realität?
Kritiker fragen: Warum jetzt?
Nicht jeder begrüßt Spencers Entscheidung.
Royal-Kommentatorin Jennie Bond bezeichnete das Buch laut BBC als außerordentlich feindselige und unangenehme Darstellung von Charles – betonte aber gleichzeitig, dass es Spencers Erinnerung sei und letztlich niemand sicher sagen könne, wer recht habe.
Historiker Sir Anthony Seldon nannte die Veröffentlichung „traurig und unnötig“.
Der langjährige BBC-Moderator David Dimbleby stellte vor allem eine Frage:
Warum nach fast 30 Jahren?
Auch Royal-Autor Valentine Low hält es für möglich, dass viele Menschen ihre Meinung über Charles und Diana ohnehin längst gebildet haben.
Spencer erklärt, warum er jetzt spricht
Dianas Bruder liefert darauf eine klare Antwort.
Mit Blick auf den bevorstehenden 30. Todestag seiner Schwester habe er zahlreiche Interviewanfragen erhalten.
Deshalb habe er seine eigenen Erinnerungen aufschreiben wollen.
Er wolle nicht erneut lesen müssen, was andere über diese Zeit behaupteten – insbesondere dann, wenn sich aus seiner Sicht Unwahrheiten über die Jahre als vermeintliche Tatsachen etabliert hätten.
Spencer betrachtet sein Buch damit offenbar nicht als verspätete Abrechnung.
Sondern als seine persönliche Version der Geschichte.
Für Charles kommt der Streit zu einem heiklen Zeitpunkt
Royal-Kommentator Richard Palmer weist auf einen weiteren Aspekt hin.
Das Buch erscheint unmittelbar vor dem 30. Jahrestag von Dianas Tod im kommenden Jahr.
Nach seiner Einschätzung könnte die Debatte die jahrzehntelangen Bemühungen des Königshauses beeinträchtigen, das öffentliche Bild von Charles und Camilla nach den Krisenjahren der 1990er neu aufzubauen.
Denn kaum eine Geschichte ist für die britische Monarchie emotional derart aufgeladen wie Diana.
Ihre Ehe.
Die Scheidung.
Camilla.
Der Unfalltod.
Die Reaktion des Palastes.
Und die beiden jungen Prinzen, die hinter dem Sarg ihrer Mutter durch London liefen.
Ein Telefonat – zwei Erinnerungen
Am Ende konzentriert sich der neue Streit auf ein Gespräch, das vor fast drei Jahrzehnten geführt worden sein soll.
Es gibt keine im Bericht genannte Aufnahme.
Keine Abschrift.
Und keine unabhängige Bestätigung des entscheidenden Satzes.
Es gibt Earl Spencers Erinnerung.
Und es gibt den entschiedenen Widerspruch des Buckingham-Palasts.
Wer von beiden die damalige Unterhaltung zutreffend wiedergibt, lässt sich anhand der öffentlich bekannten Informationen nicht abschließend feststellen.
Doch eines zeigt der Streit ziemlich deutlich:
Dianas Tod gehört zwar zur Geschichte der britischen Monarchie.
Für ihre Familie ist diese Geschichte offenbar noch lange nicht abgeschlossen.


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