BUWOG-Nachspiel mit Bibliotheks-Plot: Gefälschte Mails sollten Grasser-Richterin belasten

BUWOG-Nachspiel mit Bibliotheks-Plot: Gefälschte Mails sollten Grasser-Richterin belasten

Veröffentlicht

Mittwoch, 19.08.2026
von Red. TB

Die BUWOG-Affäre bekommt ein Nachspiel, das selbst für österreichische Politverhältnisse erstaunlich klingt: Ein 60-Jähriger soll gefälschte E-Mails produziert haben, um Richterin Marion Hohenecker zu belasten. Das Material landete schließlich bei Grassers Anwälten – und führte tatsächlich zu Ermittlungen gegen die Richterin. Am Ende stellte sich laut Staatsanwaltschaft heraus: Die Vorwürfe waren haltlos.

Man könnte meinen, nach jahrelangem BUWOG-Prozess, OGH-Entscheidung und rechtskräftiger Verurteilung sei irgendwann Schluss.

Österreich sagte offenbar: Da geht noch was.

Wenige Tage nachdem der Oberste Gerichtshof im März 2025 die Verurteilung des ehemaligen Finanzministers Karl-Heinz Grasser bestätigt hatte, meldete sich bei dessen Rechtsvertretern ein 60-jähriger ehemaliger IT-Forensiker.

Seine Botschaft sinngemäß: Er könne beweisen, dass die damalige BUWOG-Richterin Marion Hohenecker schon vor Prozessbeginn gewusst habe, wie die Sache ausgehen werde.

Natürlich nicht einfach mit einer Behauptung. Nein, es sollte angeblich E-Mails geben. Und Postings. Gelöschte Postings sogar.

Denn wenn schon Verschwörung, dann bitte mit digitaler Forensik.

4.500 Euro für die große Datenrettung

Der Mann erklärte, er könne verschwundene Nachrichten und angebliche Beiträge wieder ans Tageslicht holen. Für das dafür benötigte technische Equipment seien zunächst 4.500 Euro notwendig.

Das Besondere daran: Später stellte sich laut den Ermittlungen heraus, dass der Mann selbst nicht einmal über einen eigenen PC oder Laptop verfügte.

Große Teile des angeblichen Beweismaterials sollen vielmehr in der öffentlich zugänglichen Bibliothek der Wiener Arbeiterkammer entstanden sein.

Andere gehen dorthin, um Bücher auszuleihen.

Dieser Mann soll dort laut Ermittlern offenbar an einem Justizthriller gearbeitet haben.

Aus angeblichen Enthüllungen wurde ein echtes Ermittlungsverfahren

Die Geschichte blieb allerdings nicht beim Plausch im Anwaltsbüro.

Am 24. Juni 2025 brachte der frühere Justizminister Dieter Böhmdorfer eine Sachverhaltsdarstellung gegen Hohenecker ein. Darin standen schwere Vorwürfe: Amtsmissbrauch, Bestechlichkeit und der Verdacht, die Richterin könnte das BUWOG-Verfahren gezielt beeinflusst haben.

Auch ihr Ehemann und zwei Wiener Rechtsanwälte wurden in den Verdachtskomplex hineingezogen.

Die Staatsanwaltschaft Wien eröffnete daraufhin tatsächlich Ermittlungen gegen Hohenecker. Der Fall wurde sogar als Verschlussakt geführt.

Mehr als ein Jahr später kam allerdings heraus: An der Geschichte war nach Ansicht der Staatsanwaltschaft nichts dran.

Das Verfahren gegen Hohenecker wurde am 31. Juli 2026 eingestellt.

Die Ermittlungen hätten den ursprünglichen Verdacht nicht bestätigt. Vielmehr sei man zum Ergebnis gekommen, dass die Anschuldigungen auf einer Verleumdung, gefälschten E-Mails und einer unrichtigen eidesstattlichen Erklärung beruhten.

Oder etwas weniger juristisch formuliert: Aus dem vermeintlichen Skandal um die Richterin wurde ein Skandal um das vermeintliche Beweismaterial.

Linguisten fanden den angeblichen Mail-Autor

Besonders unangenehm für den 60-Jährigen: Ein linguistisches Gutachten legte laut Ermittlungen nahe, dass die angeblich entdeckten E-Mails nicht von der Richterin stammten, sondern von ihm selbst verfasst worden sein dürften.

Damit bekam die Geschichte endgültig einen gewissen „Ich habe im Internet etwas gefunden, das zufällig genau so klingt wie ich“-Charakter.

Am 19. Mai 2026 wurde der Mann schließlich in der Bibliothek der Arbeiterkammer festgenommen. Er saß bis Ende Juni in Untersuchungshaft und wurde danach unter Auflagen entlassen.

In mehreren Einvernahmen legte er ein weitgehendes Geständnis ab.

Danach wurde die Geschichte noch komplizierter

Mit seinem Geständnis belastete der Mann allerdings nicht nur sich selbst.

Er behauptete unter anderem, von Grassers Anwalt Norbert Wess bei mehreren Treffen insgesamt rund 22.500 Euro in bar erhalten zu haben. Außerdem berichtete er von Zusammenkünften in der Kanzlei Böhmdorfers, bei denen über das Vorgehen gegen die Richterin gesprochen worden sein soll.

Wichtig dabei: Diese Aussagen stammen von einem Beschuldigten, der nicht zur Wahrheit verpflichtet ist.

Wess bestritt laut APA persönliche Geldübergaben. Auch die behauptete Gesamtsumme wird von anwaltlicher Seite bestritten. Demnach seien lediglich kleinere Auslagen des Mannes ersetzt worden, etwa für Fahrtkosten oder technische Infrastruktur.

Damit wäre die Bandbreite der Darstellung ungefähr:

Version A: Zehntausende Euro Bargeld.

Version B: Fahrtkosten und ein Server.

Die Wahrheit dazu ist Gegenstand weiterer Ermittlungen.

Grasser hielt den Mann zunächst für glaubwürdig

Auch Karl-Heinz Grasser wurde als Zeuge befragt. Er erklärte, den 60-Jährigen zunächst für glaubwürdig gehalten zu haben. Für dessen Kosten sei er jedoch nicht aufgekommen.

Grasser befindet sich mittlerweile mit elektronischer Fußfessel im überwachten Hausarrest in Tirol.

Die Richterin Marion Hohenecker arbeitet inzwischen bei der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft und äußerte sich zu den Vorgängen vorerst nicht.

Fazit: Der Versuch, ein Urteil ins Wanken zu bringen, ging ordentlich nach hinten los

Was offenbar als spektakuläre Enthüllung über eine angeblich befangene Richterin begann, endete mit eingestellten Ermittlungen gegen Hohenecker und einem geständigen Mann, dem nun selbst schwere Vorwürfe gemacht werden.

Die ganze Geschichte zeigt dabei vor allem eines:

Wenn angeblich sensationelle Beweismails auftauchen, sollte man vielleicht zuerst klären, wer sie geschrieben hat – bevor daraus ein Verschlussakt wird.

Und die Wiener Arbeiterkammerbibliothek dürfte sich künftig wohl über eine neue, sehr spezielle Fußnote ihrer Geschichte freuen: Literatur, Internetzugang – und offenbar zeitweise auch Produktionsstätte für einen mutmaßlichen Justizkrimi.

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geralt (CC0), Pixabay

von Autor: Red. TB
am: Mittwoch, 19.08.2026

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