Millionen von Anlegern: Wie groß war das VIVAT-/Multitalent-Geschäft wirklich?

Millionen von Anlegern: Wie groß war das VIVAT-/Multitalent-Geschäft wirklich?

Veröffentlicht

Sonntag, 16.08.2026
von Red. TB

53 Millionen Euro – diese Zahl steht im Raum. Doch wer tiefer in das Firmen- und Emissionsgeflecht rund um VIVAT und Multitalent einsteigt, stößt auf wesentlich größere Summen. Die entscheidende Frage lautet: Wie viel Geld wurde tatsächlich von Anlegern investiert – und welche Rolle spielten Waldemar Hartung und Rechtsanwalt Hardy Pönisch in diesem Netzwerk?

Eine Antwort darauf ist schwieriger, als es zunächst scheint. Denn öffentlich ausgewiesenes Emissionsvolumen ist nicht automatisch eingesammeltes Anlegergeld. Ein Unternehmen kann beispielsweise Wertpapiere über zehn Millionen Euro anbieten, ohne dass Anleger tatsächlich die kompletten zehn Millionen zeichnen.

Genau diese Unterscheidung ist für eine seriöse Betrachtung entscheidend. Die bislang rekonstruierbaren Unterlagen weisen für einen Teil der VIVAT-/Multitalent-Produkte bereits maximale Emissionsvolumina von mindestens 85 Millionen Euro plus 95 Millionen Schweizer Franken aus. Und selbst diese enorme Größenordnung bildet offenbar nicht das gesamte Geschäft ab.

Die Spur der Millionen

Bereits 2019 wird es interessant. Nach eigener Darstellung der damaligen Multitalent AG war ein zunächst genehmigtes Emissionsvolumen von 20 Millionen Schweizer Franken vollständig erreicht worden. Anschließend wurde eine Erhöhung um weitere 20 Millionen CHF beantragt und genehmigt.

Das ist ein wesentlicher Unterschied zu bloßen Prospektzahlen: Zumindest für diese ersten 20 Millionen CHF erklärte das Unternehmen selbst, dass das Volumen tatsächlich platziert worden sei.

Danach folgte eine ganze Reihe weiterer Produkte.

Der VIVAT Bond E2020 hatte ein maximales Volumen von 10 Millionen Euro, der Bond E2021 nochmals 10 Millionen Euro. Fünf weitere Produkte – Invest 27, 32, 37, 42 und 47 – kamen zusammen auf maximal 20 Millionen Euro.

Bei Prestige und Exclusive E2022 waren es weitere 20 Millionen Euro plus 20 Millionen CHF.

Noch größer fiel das mögliche Volumen bei Solid und Excellent E2022 aus: zusammen 25 Millionen Euro plus 35 Millionen Schweizer Franken.

Die bisher rekonstruierte Rechnung sieht damit so aus:

Produkt/Serie ausgewiesenes maximales Volumen
Multitalent AG 2019 bis 40 Mio. CHF
VIVAT Bond E2020 10 Mio. EUR
VIVAT Bond E2021 10 Mio. EUR
Invest 27–47 20 Mio. EUR
Prestige/Exclusive E2022 20 Mio. EUR + 20 Mio. CHF
Solid/Excellent E2022 25 Mio. EUR + 35 Mio. CHF
Summe 85 Mio. EUR + 95 Mio. CHF

Diese Zahlen entsprechen den im Recherchematerial zusammengetragenen Emissionsrahmen.

Und damit ist offenbar noch lange nicht alles erfasst

Genau hier wird die Recherche spannend. In dieser Rechnung fehlen mehrere Produktreihen vollständig, weil für sie bislang keine ausreichend belastbaren Gesamtvolumina vorliegen.

Dazu gehören unter anderem Prestige, Exclusive und Prime aus dem Jahr 2019, frühere Solid-/Excellent-Produkte, Solid/Excellent E2021, verschiedene lettische Multitalent-Investment-Bonds sowie Prestige/Exclusive E2023 und VIVAT 6 beziehungsweise VIVAT 8 der Jahre 2023 und 2024.

Deshalb wäre die Aussage, Hartung oder das Netzwerk habe beispielsweise „180 Millionen Euro eingesammelt“, zum jetzigen Zeitpunkt journalistisch nicht haltbar.

Nachweisbar ist zunächst die wesentlich vorsichtigere Feststellung: Für einen Teil der Produkte lassen sich bereits maximale Emissionsvolumina von 85 Millionen Euro und 95 Millionen Schweizer Franken rekonstruieren.

Die 53-Millionen-Euro-Frage

Daneben steht eine zweite Zahl, die für Anleger wesentlich wichtiger sein dürfte.

Nach der im Recherchematerial wiedergegebenen Berichterstattung des Schweizer Verbrauchermagazins K-Geld ging es 2025 bei fünf Gesellschaften um rund 53 Millionen Euro, die zur Rückzahlung beziehungsweise als problematische Summe im Raum gestanden hätten. Zugleich war von Tausenden Kleinanlegern die Rede.

Diese 53 Millionen dürfen jedoch nicht mit dem gesamten jemals investierten Kapital verwechselt werden.

Im Gegenteil: Die bereits identifizierten Emissionsrahmen zeigen, dass das gesamte VIVAT-/Multitalent-Geschäft eine deutlich größere Dimension gehabt haben könnte.

Welche Rolle spielte Hardy Pönisch?

Hier ist besondere Sorgfalt notwendig. Es wäre nach den bislang vorliegenden Informationen nicht gerechtfertigt zu behaupten, Hardy Pönisch persönlich habe diese Millionen bei Anlegern eingesammelt.

Dokumentiert ist etwas anderes – und durchaus Relevantes.

Nach den ausgewerteten Unternehmensinformationen war Pönisch Geschäftsführer der Multitalent Investment GmbH. Für 2022 werden Waldemar Hartung und Hardy Pönisch gemeinsam als Geschäftsführer genannt. Die Gesellschaft stand nach den ausgewerteten Eigentümerdaten vollständig im Eigentum Hartungs und war Emittentin von Produkten mit erheblichem Emissionsvolumen.

Damit geht es bei Pönisch zunächst um gesellschaftsrechtliche Organverantwortung, nicht um die bislang unbelegte Behauptung einer persönlichen Einwerbung der gesamten Anlegergelder.

Der nächste Schritt führt in die Bilanzen

Die Prospekte erzählen nur die halbe Geschichte. Entscheidend sind jetzt die Jahresabschlüsse.

Für jede einzelne Emittentin müsste festgestellt werden, wie hoch Ende 2022, 2023 und 2024 tatsächlich die ausgewiesenen Anleihe- und Anlegerverbindlichkeiten waren. Erst dadurch lässt sich erkennen, welcher Teil der theoretisch möglichen Emissionssummen tatsächlich platziert worden sein dürfte.

Die entscheidende Tabelle müsste deshalb lauten:

Emittentin – Produkt – maximales Emissionsvolumen – tatsächliche Anlegerverbindlichkeiten – Fälligkeit – Geschäftsführer – Gesellschafter.

Genau diese Analyse wird darüber entscheiden, ob aus den bisher bekannten 53 Millionen Euro am Ende eine erheblich größere Geschichte wird.

Denn eines lässt sich bereits jetzt feststellen: Die 53 Millionen Euro beschreiben offenbar nicht die gesamte Dimension des VIVAT-/Multitalent-Geschäfts. Die öffentlich rekonstruierbaren Emissionsrahmen liegen schon für einen unvollständigen Ausschnitt bei 85 Millionen Euro und 95 Millionen Schweizer Franken. Wie viel davon tatsächlich Anlegergeld war und wohin dieses Kapital floss, muss anhand von Bilanzen, Zahlungsströmen und einzelnen Emittenten weiter aufgeklärt werden.

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geralt (CC0), Pixabay

von Autor: Red. TB
am: Sonntag, 16.08.2026

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