Deutschland hatte sich den August vermutlich etwas ruhiger vorgestellt. Ein bisschen Ferienverkehr, volle Autobahnen, Diskussionen über Eispreise und Freibäder. Stattdessen landet auf dem Flughafen Leipzig/Halle eine mit Sprengstoff ausgestattete Drohne – und plötzlich ist aus Sommerloch wieder Sicherheitslage geworden.
Entdeckt wurde das Fluggerät auf der Start- und Landebahn. Besonders spektakulär: Ein Flughafenmitarbeiter soll die Drohne kurzerhand mit einem Fußtritt aus der Luft geholt haben. Während Sicherheitskonzepte normalerweise aus kilometerlangen Handbüchern, Spezialtechnik und Krisenstäben bestehen, lautete die effektivste Abwehrmaßnahme in diesem Fall offenbar: beherzt zutreten.
Dass dabei nichts explodierte, war allerdings weniger deutscher Entschlossenheit als einem defekten Zünder zu verdanken. In der Sprengvorrichtung sollen Semtex und PETN verwendet worden sein – Materialien, die deutlich darauf hindeuten, dass hier niemand mit Klebeband und Silvesterböllern experimentiert hatte.
Die Behörden sprechen deshalb von professioneller Arbeit. Innenminister Alexander Dobrindt brach sogar seinen Italien-Urlaub ab und reiste nach Leipzig. Wenn ein deutscher Innenminister freiwillig den italienischen Sommer gegen einen Flughafentermin in Sachsen eintauscht, darf man wohl davon ausgehen, dass die Sache nicht ganz unter „kleiner Zwischenfall“ verbucht wird.
Dobrindt sprach von einem „sehr ernsten sicherheitsrelevanten Vorfall“ und einem möglichen „hybriden Anschlagsszenario“. Übersetzt bedeutet das ungefähr: Man weiß noch nicht genau, wer es war, aber angenehm war es jedenfalls nicht.
Die Bundesanwaltschaft übernahm die Ermittlungen, das Bundeskriminalamt wurde eingeschaltet, und die Liste möglicher Delikte klingt entsprechend wenig gemütlich: versuchtes Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion und gefährlicher Eingriff in den Luftverkehr.
Als wäre eine explosive Drohne nicht genug, wurde am Flughafen auch noch ein zweites unbekanntes Flugobjekt entdeckt. Dieses kollidierte offenbar mit einem Frachtflugzeug und verursachte leichte Schäden. Damit hatte Leipzig innerhalb kurzer Zeit mehr unbekannte Flugobjekte zu bieten als so mancher UFO-Kongress.
Wer war’s? Der Blick geht reflexartig nach Osten
Offiziell ist die Herkunft der Drohne nicht geklärt. Russland wurde bislang nicht als Täter bestätigt. Das hindert allerdings kaum jemanden daran, den Namen Moskau bereits deutlich hörbar in den Raum zu stellen.
Verteidigungspolitiker Roderich Kiesewetter hält eine russische Beteiligung für möglich, Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge sprach sogar davon, russischer Staatsterrorismus liege nahe. Der ukrainische Botschafter Olexij Makejew formulierte es noch unkomplizierter: Wer sonst könnte es gewesen sein?
Juristisch ist das natürlich keine Beweiskette. Politisch ist es inzwischen fast ein Reflex: Wenn irgendwo eine Drohne, ein Datenleck, ein verdächtiges Kabel oder ein besonders merkwürdiges Internetvideo auftaucht, dauert es nicht lange, bis jemand Richtung Kreml schaut.
Ganz unbegründet ist diese Nervosität allerdings nicht. Deutsche Sicherheitsbehörden warnen seit Langem vor Sabotage, Cyberangriffen und Desinformation aus Russland. Nur gilt auch hier die traditionelle Regel jeder Ermittlung: Verdacht ist noch kein Beweis – selbst dann nicht, wenn er hervorragend in das Gesamtbild passt.
Ausgerechnet ein Flughafen mit militärischer Bedeutung
Zusätzliche Brisanz bekommt der Fall durch den Ort des Geschehens. Leipzig/Halle ist nicht irgendein Regionalflughafen mit zwei Ferienfliegern nach Mallorca, sondern ein bedeutendes Frachtdrehkreuz. Dort laufen auch militärisch relevante Transporte.
Der Flughafen ist unter anderem Heimatstützpunkt des NATO-Lufttransportprogramms SALIS. Dabei werden große ukrainische Antonow-Transportflugzeuge eingesetzt, die schwere militärische Fracht transportieren können.
Die explosive Drohne befand sich nach Angaben aus Sicherheitskreisen in der Nähe einer Antonow AN-124.
Prompt kursierten Berichte, das Flugzeug habe Munition für die Ukraine geladen. Später hieß es allerdings, die betreffenden Maschinen seien leer gewesen.
Auch das gehört inzwischen zur modernen Krisenkommunikation: Erst explodieren die Meldungen, dann wird geprüft, ob wenigstens die Fakten dazu passen.
Drei Wahlen – perfektes Timing für schlechte Stimmung
Besonders unangenehm ist der Vorfall deshalb, weil Deutschland unmittelbar vor mehreren Landtagswahlen steht. Im September wird in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin gewählt.
Und ausgerechnet jetzt warnen die Sicherheitsbehörden vor verstärkten russischen Einflussversuchen.
Dabei geht es längst nicht mehr nur um plumpe Propagandaseiten mit kyrillischen Rechtschreibfehlern. Moderne Desinformation kommt professioneller daher: manipulierte Videos, erfundene Aussagen, künstlich verstärkte Empörung und zunehmend auch Inhalte aus künstlicher Intelligenz.
Das Ziel ist dabei nicht unbedingt, jeden Deutschen spontan in einen überzeugten Kreml-Anhänger zu verwandeln. Es reicht häufig schon, Misstrauen zu säen, Institutionen unglaubwürdig erscheinen zu lassen und möglichst viele gesellschaftliche Gruppen gegeneinander aufzubringen.
Das ist günstiger als ein Panzer und verursacht deutlich weniger Parkplatzprobleme.
Matrjoschka für Fortgeschrittene
Eine der bekannten Desinformationskampagnen trägt passenderweise den Namen „Matrjoschka“. Das Prinzip erinnert an die berühmten russischen Holzpuppen: Öffnet man eine Falschmeldung, steckt darin gleich die nächste.
Nach Angaben deutscher Behörden sollen entsprechende Kampagnen bereits bei der Bundestagswahl eingesetzt worden sein. Politiker und Parteien, die als wenig russlandfreundlich gelten, werden dabei gezielt diskreditiert.
Nun wächst die Sorge, dass sich ähnliche Aktivitäten vor den ostdeutschen Landtagswahlen verstärken könnten.
Russland-Experten warnen deshalb vor einer breit angelegten hybriden Kampagne. Ob die Sprengstoffdrohne von Leipzig tatsächlich dazugehört, weiß allerdings niemand.
Das ist wichtig festzuhalten. Denn eine Drohne mit russischer Flagge und unterschriebener Grußkarte aus Moskau wurde bislang nicht gefunden.
Hybrider Krieg: möglichst viel Chaos für möglichst wenig Aufwand
Das Grundprinzip hybrider Einflussnahme ist ohnehin bestechend effizient: Man braucht nicht unbedingt einen offenen militärischen Angriff, wenn sich ein Land auch mit Cyberattacken, Sabotage, Fake News und politischer Polarisierung beschäftigen lässt.
Ein gekapptes Kabel hier, ein gehacktes System dort, ein manipuliertes Video im Internet und gelegentlich eine verdächtige Drohne – schon verbringen Behörden, Medien und Politik Wochen damit, Ursachen und Verantwortliche zu klären.
Der eigentliche Erfolg besteht dann möglicherweise gar nicht darin, großen materiellen Schaden anzurichten. Es genügt, Unsicherheit zu erzeugen.
Und darin ist Europa mittlerweile bestens trainiert.
Die Sicherheitslage trifft auf deutsche Bürokratie
Für deutsche Behörden stellt sich nun die unangenehme Aufgabe, herauszufinden, woher die Drohne kam, wer sie gebaut hat, wer sie gesteuert hat und was genau das Ziel war.
Vermutlich wird es Gutachten, Ausschusssitzungen, Sonderberichte und mehrere hundert Seiten Akten geben.
Der Flughafenmitarbeiter hat währenddessen bereits den pragmatischsten Beitrag zur Gefahrenabwehr geleistet: Er hat das Ding einfach vom Himmel getreten.
Vielleicht findet sich diese Methode demnächst auch im offiziellen Sicherheitskonzept:
Stufe 1: Drohne identifizieren.
Stufe 2: Behörden informieren.
Stufe 3: Wenn möglich, kräftig treten.
Ganz so einfach dürfte es künftig allerdings nicht werden.
Zwischen berechtigter Sorge und voreiligen Schuldzuweisungen
So absurd einzelne Details des Falls wirken, der Hintergrund ist ernst. Eine mit Sprengstoff bestückte Drohne auf einem Flughafen kann Menschenleben gefährden und den Luftverkehr massiv beeinträchtigen. Dass gleichzeitig Wahlkämpfe laufen und Sicherheitsbehörden bereits vor ausländischer Einflussnahme warnen, verschärft die politische Bedeutung zusätzlich.
Trotzdem sollte die Untersuchung klären, was tatsächlich passiert ist, bevor aus einem Verdacht Gewissheit gemacht wird.
Bis dahin bleibt eine bemerkenswerte Mischung aus ernsthafter Sicherheitskrise und beinahe grotesken Details:
Eine explosive Drohne liegt auf einer deutschen Startbahn, der Innenminister kommt aus dem Italienurlaub zurück, Politiker diskutieren über Russland, Geheimdienste warnen vor Wahlmanipulation – und der erste erfolgreiche Abfangjäger war ein Flughafenmitarbeiter mit Sicherheitsschuhen.
Manchmal schreibt die geopolitische Lage eben ihre ganz eigene Satire.


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