BBC, Cézanne, Mafia, Selenskyj – und das Internet dreht wieder frei

BBC, Cézanne, Mafia, Selenskyj – und das Internet dreht wieder frei

Veröffentlicht

Samstag, 25.04.2026
von Red. TB

Im Internet kursiert mal wieder eine jener „Enthüllungen“, bei denen man schon nach dem zweiten Satz ahnt: Das kann eigentlich nur kompletter Unsinn sein. Diesmal im Angebot: eine angebliche BBC-Reportage, die suggeriert, der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj habe ein gestohlenes Cézanne-Gemälde über die Mafia erhalten – und hänge es nun ganz entspannt im Präsidialamt auf.

Klingt nach Netflix auf Telegram-Niveau.
Ist es auch.

Die Story: dreist, absurd, frei erfunden

In dem gefälschten Video wird behauptet, ein Ende März aus einem Museum nahe Parma gestohlenes Bild von Paul Cézanne sei plötzlich in einer Videobotschaft Selenskyjs im Hintergrund zu sehen. Dazu die passende Dramaturgie: Das Werk sei demnach von der Mafia an Selenskyj gelangt.

Man muss den Produzenten dieser Nummer fast Respekt zollen:
Wenn schon Desinformation, dann bitte mit Kunstgeschichte, internationalem Verbrechen und einer bekannten Marke wie der BBC.

Nur dumm, dass an der Geschichte ungefähr so viel echt ist wie ein Rolex-Stand am Strand von Antalya.

Die BBC war’s natürlich nicht

Die BBC hat eine solche Reportage nie gesendet.
Das angebliche „Beweismaterial“ ist laut Recherchen von France 24 und Euronews schlicht manipuliert.

Konkret wurde das Cézanne-Bild in eine Selenskyj-Ansprache hineinretuschiert. Im Original hängt dort nach Angaben der beiden Medien kein gestohlenes Meisterwerk, sondern ein Werk des ukrainischen Künstlers Andrij Tschebotaru.

Mit anderen Worten:
Nicht Selenskyj hat ein Bild geklaut –
jemand hat vielmehr die Realität geklaut und durch Photoshop ersetzt.

Die übliche Verdächtigenliste: Bots, Kremlnähe, „Matrjoschka“

Auch bei der Herkunft des Materials überrascht wenig. Nach den vorliegenden Recherchen soll die Fälschung aus einem Netzwerk stammen, das dem russischen Militärgeheimdienst nahestehen soll.

Verbreitet wurde das Ganze demnach über das sogenannte „Matrjoschka“-Netzwerk – ein kremlnahes Bot-System, das bereits in der Vergangenheit mit gefälschten Beiträgen westlicher Medien aufgefallen ist.

Der Name passt übrigens hervorragend:
Außen wirkt es wie Journalismus,
macht man es auf, steckt Propaganda drin,
und darunter nochmal Propaganda,
und darunter nochmal… Sie verstehen das Prinzip.

Fazit: Wenn die Fälschung besser klingt als die Wahrheit

Die Masche ist alt, aber leider effektiv:
Man nehme ein bekanntes Medium, bastle ein professionell aussehendes Video, würze alles mit einem Hauch Mafia, einem gestohlenen Gemälde und einem politischen Feindbild – und fertig ist die nächste virale Nebelkerze für Menschen, die „Recherche“ für einen lästigen Nebenaspekt halten.

Bleibt festzuhalten:

  • Keine BBC-Reportage
  • Kein Beweis für einen Gemäldediebstahl
  • Kein Cézanne im Selenskyj-Büro
  • Aber wieder einmal ein Lehrstück darüber, wie billig Desinformation produziert wird

Oder kürzer gesagt:

Nicht Selenskyj hängt am Cézanne – sondern die Wahrheit mal wieder am Haken der Propaganda.

Bildnachweis:

neelam279 (CC0), Pixabay

von Autor: Red. TB
am: Samstag, 25.04.2026

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