Teheran will die Kontrolle über eine der wichtigsten Wasserstraßen der Welt nicht mehr nur verteidigen – sondern zementieren
„Niemals.“
Es ist ein Wort, das wie ein politisches Programm klingt. Und wie eine Drohung an den Rest der Welt.
Ebrahim Azizi, ein einflussreicher Hardliner in Teheran und Vorsitzender des Ausschusses für Nationale Sicherheit und Außenpolitik im iranischen Parlament, macht im Gespräch mit der BBC unmissverständlich klar: Iran denkt nicht daran, die Kontrolle über die Straße von Hormus wieder aus der Hand zu geben.
„Es ist unser unveräußerliches Recht“, sagt der frühere Kommandeur der Revolutionsgarden. Künftig werde Teheran selbst darüber entscheiden, welche Schiffe passieren dürfen – und welche nicht. Die Republik beansprucht damit faktisch das letzte Wort über eine Meerenge, durch die vor dem Krieg rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Gasverkehrs lief.
Was bisher wie eine Eskalation im Ausnahmezustand wirkte, soll nun offenbar zur Ordnung werden.
Azizi kündigt an, das Parlament arbeite an einem Gesetz, das Irans Zugriff auf die Meerenge institutionell absichern soll. Grundlage sei Artikel 110 der Verfassung – mit Verweis auf maritime Sicherheit, Umweltschutz und nationale Verteidigung. Die Durchsetzung soll demnach bei den Streitkräften liegen.
Mit anderen Worten: Aus einer Krisenmaßnahme wird Staatsdoktrin.
Für die Weltwirtschaft ist das eine alarmierende Nachricht. Denn je länger die Unsicherheit rund um Hormus anhält, desto größer wird die Gefahr einer dauerhaften Energiekrise. Schon jetzt reagieren Märkte nervös, Versicherer kalkulieren neue Risiken, Reedereien weichen aus oder bleiben fern.
In Teheran dagegen scheint man den geopolitischen Hebel gerade erst entdeckt zu haben.
Der Krieg hat dem Regime nicht nur Verwundbarkeit gezeigt – sondern auch ein neues Druckmittel geliefert. Azizi spricht ungewöhnlich offen von der Meerenge als „einem unserer Vermögenswerte im Kampf gegen den Feind“. Das ist keine defensive Rhetorik mehr. Das ist die Sprache einer Macht, die aus einer globalen Lebensader ein strategisches Faustpfand machen will.
Die politische Großwetterlage in Iran erklärt diesen Kurs. Nach gezielten Tötungen hochrangiger Funktionäre durch israelische Angriffe ist das Machtzentrum in Teheran weiter nach rechts und weiter in Richtung Militär gerückt. Die Revolutionsgarden dominieren stärker denn je, Hardliner prägen das Parlament, moderatere Stimmen sind an den Rand gedrängt.
Der Teheraner Analyst Mohammad Eslami bringt die neue Logik auf den Punkt: Die erste Priorität Irans nach dem Krieg sei die Wiederherstellung von Abschreckung. Und die Straße von Hormus gehöre zu den wichtigsten strategischen Hebeln des Landes.
Teheran sei zwar bereit, mit anderen Staaten über ein neues Regelwerk für die Passage zu sprechen. Doch eines sei nicht verhandelbar: die Kontrolle müsse bei Iran bleiben.
Für die Nachbarn am Golf ist genau das der Albtraum.
Die Vereinigten Arabischen Emirate und andere Staaten der Region, die bereits Ziel iranischer Angriffe während der fünf Kriegswochen waren, sehen in diesem Kurs nicht nur eine akute Bedrohung – sondern einen gefährlichen Präzedenzfall. Wenn ein Regionalakteur eine internationale Wasserstraße dauerhaft politisch kontrolliert und ökonomisch instrumentalisiert, könnte das globale Folgen weit über den Nahen Osten hinaus haben.
Anwar Gargash, außenpolitischer Berater des Präsidenten der Emirate, sprach zuletzt von einem „Akt feindlicher Piraterie“. Würde sich Iran durchsetzen, entstünde ein Modell, das auch anderswo Schule machen könnte – in anderen Meerengen, anderen Konflikten, anderen Krisen.
Azizi reagiert darauf mit maximaler ideologischer Härte. Die eigentlichen „Piraten“ seien jene, die die Region an die USA verkauft hätten, sagt er mit Blick auf amerikanische Militärbasen im Nahen Osten. Die Vereinigten Staaten seien „der größte Pirat der Welt“.
Der Satz ist mehr als Propaganda. Er zeigt, wie sehr Teheran die Kontrolle über Hormus inzwischen in ein antiwestliches Narrativ eingebaut hat: nicht nur als Sicherheitsfrage, sondern als Symbol eines neuen regionalen Machtanspruchs.
Gleichzeitig zeigt sich, dass auch innerhalb des Regimes nicht alles völlig reibungslos läuft.
Sichtbar wurde das an der ungewöhnlich scharfen Kritik gegen Außenminister Abbas Araghchi. Der hatte am Freitag in sozialen Netzwerken erklärt, die Straße von Hormus sei „vollständig offen“. Donald Trump reagierte umgehend mit einem triumphalen „THANK YOU“ in Großbuchstaben.
Wenige Minuten später griffen staatsnahe, den Revolutionsgarden nahestehende Medien Araghchi öffentlich an. Die Agentur Mehr warf ihm vor, Trump eine Vorlage geliefert zu haben, sich zum Sieger des Krieges zu stilisieren. Tasnim sprach von einem „schlechten und unvollständigen Tweet“, der gefährliche Missverständnisse produziert habe.
Araghchi musste nachschärfen: Offen sei die Meerenge nur für Schiffe, die von der Marine der Revolutionsgarden autorisiert wurden, bestimmte Routen nutzten und Gebühren entrichteten.
Dass ein Außenminister öffentlich von Medien aus dem Sicherheitsapparat korrigiert wird, ist in Iran kein Detail. Es ist ein Hinweis darauf, wer im Zweifel die Linien bestimmt.
Azizi versucht zwar, jeden Eindruck von Machtkämpfen zu zerstreuen. In Fragen der nationalen Sicherheit gebe es keinen Unterschied zwischen Moderaten und Hardlinern, sagt er. Doch gerade diese Versicherung wirkt fast wie ein Eingeständnis, dass die Spannungen real sind.
Entschieden wird ohnehin nicht im Parlament, sondern an den obersten Schaltstellen des Systems – dort, wo Revolutionsgarden, Sicherheitsrat und letztlich der Oberste Führer den Kurs vorgeben.
Genau deshalb dürfte die Straße von Hormus eines der zentralen Themen bei den neuen Gesprächen sein, die laut Berichten am Dienstag in Islamabad fortgesetzt werden sollen. Dort hatten am vergangenen Wochenende erstmals direkte Verhandlungen zwischen den USA und Iran stattgefunden – ein historischer, aber fragiler Schritt.
Donald Trump hat angekündigt, erneut eine Delegation zu entsenden. Laut BBC soll wieder US-Vizepräsident JD Vance die amerikanische Seite führen.
Ob Iran überhaupt anreist, ist dagegen offen. Aus Teheran gibt es bislang keine offizielle Bestätigung. Lokale Medien berichten, eine Teilnahme sei ausgeschlossen, solange die US-Blockade iranischer Häfen fortbestehe.
Damit steht schon vor Beginn der Gespräche die nächste Eskalationsstufe im Raum.
Trump hat Iran mehrfach in drastischem Ton aufgefordert, die Meerenge zu öffnen. In einem vulgären Social-Media-Post drohte er Anfang April, Iran werde „in der Hölle leben“, falls es seiner Forderung nicht nachkomme. Inzwischen wirft er Teheran vor, die USA „erpressen“ zu wollen.
Azizi reagiert mit Verachtung. „Ich erwarte nicht viel von einem Mann, der die Wahrheit verdreht“, sagt er. Iran verteidige nur seine Rechte gegen amerikanische Erpressung.
Bemerkenswert ist auch, wie diese Konfrontation geführt wird: über soziale Netzwerke, auf internationalen Plattformen, auf die die iranische Führung weiterhin Zugriff hat – während der Großteil der Bevölkerung seit Wochen in einem fast vollständigen digitalen Blackout lebt.
Auch das gehört zur neuen Ordnung in Teheran: Die Elite sendet, die Gesellschaft schweigt.
Auf Fragen zu den Internetsperren bleibt Azizi ausweichend. Erst wenn es „sicher“ sei und der Feind keinen Vorteil mehr daraus ziehen könne, werde man die Einschränkungen aufheben, sagt er.
Dasselbe Muster zeigt sich bei der inneren Repression. Menschenrechtsorganisationen berichten von Verhaftungswellen, Todesurteilen und Hinrichtungen nach den landesweiten Protesten im Januar. Azizi bleibt auf Regierungslinie: Für die Unruhen seien CIA und Mossad mitverantwortlich gewesen.
Die Angst vieler Iraner, dass der Staat nach dem Krieg noch autoritärer wird, weist er zurück.
Seine Formulierung klingt dennoch wie ein Menetekel für das, was kommen könnte:
„Im Krieg – selbst in einer Waffenruhe – gibt es Regeln.“
In Teheran bedeutet das offenbar: Die Waffen mögen schweigen. Aber die Machtmittel bleiben in Stellung.

