Keir Starmer wollte einmal der Mann sein, der Großbritannien nach Jahren konservativen Chaos’ wieder Seriosität beibringt. Weniger Drama, mehr Ordnung. Weniger Intrige, mehr Institution. Weniger Boris, mehr Behörde.
Nun sitzt er ausgerechnet in einer Affäre fest, die klingt, als hätte sie ein zynischer Westminster-Drehbuchautor in einer durchzechten Nacht entworfen: Peter Mandelson wird zum Botschafter in Washington gemacht, obwohl er die Sicherheitsüberprüfung nicht bestanden haben soll – und der Premierminister will davon angeblich nichts gewusst haben.
Wenn das die neue Stabilität ist, dann gute Nacht.
Denn die Sache ist politisch so unerquicklich, dass sie sich kaum noch schönreden lässt. Starmer soll Mandelson nur deshalb ernannt haben, weil ihm mitgeteilt wurde, alles sei in Ordnung. Jetzt sagen seine Minister reihenweise: Hätte er gewusst, dass Mandelson beim Sicherheitscheck durchgefallen ist, hätte er ihn niemals berufen.
Das ist eine bemerkenswerte Verteidigung. Sie lautet sinngemäß: Unser Premierminister ist nicht schuld – er war nur ahnungslos.
Liz Kendall formulierte es im BBC-Interview so offen, dass man fast kurz Mitleid mit dem Regierungssprecher bekommen konnte. Starmer habe geglaubt, Mandelson habe die nötige Sicherheitsfreigabe. Wäre ihm bekannt gewesen, dass das nicht stimmt, hätte er die Ernennung blockiert. Auch David Lammy sekundierte geschniegelt: Niemals hätte Starmer das getan, wenn er es gewusst hätte.
Mit anderen Worten: Die Regierung verteidigt ihren Chef inzwischen mit der These, er habe die wichtigste Information bei einer hochsensiblen Top-Personalie schlicht nicht gehabt.
Das Problem: Das entlastet ihn nicht. Das belastet ihn auf eine neue Art.
Denn es bleiben nur zwei Möglichkeiten. Entweder Starmer wusste tatsächlich nicht, dass Mandelson nicht sauber durch das Vetting gekommen war. Dann führt er eine Regierung, in der ein sicherheitspolitisch heikler Botschafter in die USA entsandt wird, ohne dass der Premier die entscheidenden Fakten kennt. Oder aber er wusste es – und versucht sich nun mit Whitehall-Nebel aus der Affäre zu ziehen.
In beiden Fällen bleibt vom großen Saubermann-Mythos wenig übrig.
Besonders köstlich – im rein politischen Sinne – ist, dass ausgerechnet Peter Mandelson wieder einmal im Zentrum eines Dramas steht, das so perfekt zu ihm passt, als hätte er es selbst kuratiert. Mandelson ist in der britischen Politik das, was ein schlecht gesicherter Stromkasten in einem Altbau ist: Alle wissen, dass es irgendwann funkt, aber keiner kann die Finger davon lassen.
Der Mann ist ein Veteran der Wiederauferstehung. Rücktritte, Skandale, Comebacks, Netzwerke, Machtspiele – Mandelson hat alles durchgespielt und trägt dabei noch immer diesen Ausdruck, als sei der Rest des politischen Betriebs eigentlich nur ein etwas unterhaltsamer Empfang. Dass gerade er nun zum Symbol einer Sicherheits- und Vertrauensaffäre wird, ist fast schon poetisch. Oder eben britisch.
Doch die eigentliche Farce spielt sich nicht um Mandelson ab, sondern um Starmer.
Denn Downing Street versucht derzeit, die Affäre in die klassische Westminster-Formel zu pressen: Der Premier wollte nur das Beste, aber irgendwo in den Katakomben des Staatsapparats haben Beamte, Prozesse oder Zuständigkeiten versagt. Das Außenministerium habe rote Warnsignale nicht weitergegeben. Niemand habe rechtzeitig Bescheid gewusst. Alles sehr bedauerlich. Alles sehr komplex. Alles sehr „wir prüfen das“.
Nur ist diese Art von Erklärung inzwischen politisch ungefähr so glaubwürdig wie ein Investmentprospekt mit Comic Sans.
Gerade weil es hier nicht um irgendeinen Hinterbänkler oder eine unbedeutende Ernennung geht, sondern um den Botschafter in Washington – in einer Phase, in der Donald Trump zurück im Weißen Haus sitzt und London händeringend Einfluss sichern will. Wer bei so einer Personalie mit „Zeitdruck“ und „Prioritätsfreigaben“ argumentiert, sagt letztlich nur: Wir wollten es schnell, also haben wir es riskant gemacht.
Man kann das pragmatisch nennen. Oder schlampig. Oder einfach: dumm.
Noch schöner wird das Ganze durch den Umgang mit Sir Olly Robbins, dem ranghöchsten Beamten des Außenministeriums, der nun im Zuge des Debakels entsorgt wurde. Ein klassischer Whitehall-Moment: Wenn die politische Spitze wackelt, wird ein Beamter unter den Bus geschoben – möglichst mit ernster Miene und dem Hinweis auf „Verantwortung“.
Dass selbst Regierungsmitglieder und frühere Spitzenbeamte diese Entlassung für fragwürdig halten, macht die Sache nur noch peinlicher. Denn nun sieht es so aus, als ob Starmer nicht nur eine schlechte Personalentscheidung zu verantworten hat, sondern auch noch hektisch einen Schuldigen suchte, bevor die Öffentlichkeit die richtigen Fragen stellt.
Und die lauten nicht mehr nur: Warum wurde Mandelson trotz Sicherheitsbedenken ernannt?
Sondern: Wer hat hier eigentlich wen gedeckt?
Hat das Außenministerium bewusst weichgespült? Wurde Downing Street absichtlich nicht voll informiert? Wurde das Parlament unvollständig informiert? Oder war das alles wirklich nur ein monumentales Kommunikationsversagen in einer Regierung, die angetreten war, genau solche Zustände zu beenden?
Die Opposition hat das längst verstanden und macht daraus, wenig überraschend, ein Tribunal. Starmer sei entweder ein Lügner oder grotesk inkompetent, heißt es. Das ist zugespitzt, natürlich. Aber leider nicht völlig aus der Luft gegriffen.
Denn Starmer lebt politisch von einem Versprechen: dass mit ihm der Staat wieder funktioniert. Dass Verfahren wieder zählen. Dass Professionalität zurückkehrt. Dass Schluss ist mit der Ära, in der man morgens nicht wusste, ob die nächste Regierungspanne aus Inkompetenz, Eitelkeit oder internem Kleinkrieg geboren wurde.
Und jetzt? Jetzt stolpert ausgerechnet er über eine Affäre, die all das in konzentrierter Form enthält: ein schillernder Altstar, eine heikle Sicherheitsfrage, ein offenbar verkorkstes Verfahren, eine verspätete Offenlegung, ein gefallener Spitzenbeamter und eine Regierung, die jeden Tag eine neue Version des gleichen Problems serviert.
Das ist nicht nur unerquicklich. Das ist fast schon kunstvoll unerquicklich.
Starmer wird deshalb das Mandelson-Problem nicht los, weil es in Wahrheit kein Mandelson-Problem mehr ist. Es ist ein Starmer-Problem geworden. Mandelson ist nur der Spiegel, in dem sich die Widersprüche dieser Regierung besonders hässlich zeigen.
Der Premier wollte der Mann sein, der Westminster von seinen alten Lastern befreit. Stattdessen wirkt es gerade so, als hätte Westminster ihn bereits vollständig assimiliert.
Am Ende könnte das die bitterste Pointe sein: Nicht Boris Johnson, nicht Liz Truss, nicht die Tories haben Starmers Saubermann-Image beschädigt – sondern eine einzige Personalie, ein Sicherheitscheck und die uralte britische Staatskunst, Verantwortung so lange zwischen Behörden zu verschieben, bis keiner mehr weiß, wo sie ursprünglich lag.
Oder, einfacher gesagt:
Keir Starmer wollte den Laden aufräumen.
Jetzt sieht es so aus, als hätte er nicht einmal gemerkt, wer den Schlüssel hatte.

