Er war der Held, den Australien sich so gern erzählte: Elite-Soldat, Victoria-Cross-Träger, hoch dekoriert, geschniegelt, geschniegelt genug für Galaauftritte und patriotische Schlagzeilen. Ben Roberts-Smith, lange gefeiert als der tapferste lebende Soldat des Landes, steht nun für das Gegenteil dessen, wofür er einst vermarktet wurde. Gegen den früheren SAS-Korporal werden fünf Mordanklagen wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen in Afghanistan erhoben – und die Vorwürfe lesen sich wie das Protokoll einer moralischen Verwüstung.
Ein behinderter Gefangener soll erschossen worden sein. Ein gefesselter Mann soll von einer Klippe getreten worden sein. Untergebene sollen auf Befehl Gefangene exekutiert haben – als eine Art blutiges Initiationsritual, das im Militärjargon „blooding“ genannt wurde. Dazu kommen Vorwürfe, wonach Beweisstücke an Leichen platziert wurden, um Tötungen nachträglich als legitime Gefechte zu tarnen. Es sind Anschuldigungen, die nicht nur einen Mann betreffen, sondern das Selbstbild eines Staates, der sich gern als rechtsstaatlich, anständig und militärisch diszipliniert versteht.
Roberts-Smith bestreitet alles. Er habe stets innerhalb seiner Werte, seiner Ausbildung und der Einsatzregeln gehandelt, erklärte er nach der Anklage. Doch was nun in den Gerichtsunterlagen auftaucht, ist nicht einfach nur eine weitere Belastung in einem lange schwelenden Skandal. Es ist die juristische Verdichtung eines Albtraums, der Australien seit Jahren verfolgt.
Denn dies ist nicht irgendein Verfahren. Australien hat noch nie einen eigenen Soldaten wegen Kriegsverbrechen vor Gericht gestellt. Ausgerechnet nun trifft es den wohl prominentesten Veteranen des Landes.
Die Vorwürfe reichen zurück in das Jahr 2009. In einem Komplex mit dem zynischen Codenamen „Whiskey 108“ sollen australische Spezialkräfte nach einem Luftschlag zwei Männer aus einem Tunnel gezogen und gefesselt haben – Vater und Sohn, so die Anklage. Einer von ihnen, ein Mann mit Prothese, soll von Roberts-Smith aus dem Compound gebracht, zu Boden geworfen und mit einem Maschinengewehr erschossen worden sein. Mehrere australische Soldaten sollen das beobachtet haben.
Danach, so die Staatsanwaltschaft, sei Roberts-Smith im Compound zum zweiten Gefangenen zurückgekehrt. Er soll einen jungen Soldaten – anonymisiert als „The Rookie“ – herangezogen, einen Schalldämpfer organisiert und den Mann auf die Knie gezwungen haben. Dann soll der Befehl gefallen sein: „Shoot that [expletive].“ Der Rookie habe verstanden, dass dies ein Befehl war – und geschossen. Später, so die Unterlagen, hätten Roberts-Smith und sein Patrouillenführer damit geprahlt, sie hätten den Neuling „geblutet“, also in die Logik des Tötens eingeweiht.
Man muss diesen Begriff nur einmal laut aussprechen, um zu begreifen, was hier eigentlich verhandelt wird: Nicht nur mögliche Einzeltaten, sondern eine Kultur. Eine Kultur, in der das Töten Gefesselter nicht als Grenzüberschreitung, sondern als Initiationsritus erscheinen konnte.
Noch schwerer wiegt ein Vorfall aus dem Jahr 2012 im Dorf Darwan. Dort soll Roberts-Smith mit seinem Team drei Gefangene festgesetzt haben. Einer von ihnen, Ali Jan, soll von ihm und anderen „taktisch befragt“ worden sein – was laut Anklage bedeutete: geschlagen, misshandelt, eingeschüchtert. Dann, so der Vorwurf, wurde der gefesselte Mann an den Rand einer Klippe gebracht. Roberts-Smith soll ihn mit einem Tritt etwa zehn Meter in die Tiefe gestoßen haben. Ali Jan verlor demnach Zähne, blieb verletzt und gefesselt liegen.
Anschließend, so die Darstellung der Anklage, seien Roberts-Smith und ein weiterer Soldat zu ihm hinabgestiegen. Ein anderer Zeuge habe nur noch Schüsse gehört. Kurz darauf soll ein Funkgerät neben der Leiche platziert und fotografiert worden sein – ein klassischer „throwdown“, also ein nachträglich drapiertes Objekt, um aus einer Exekution eine scheinbar legitime Gefechtshandlung zu machen.
Es ist diese Mischung aus Brutalität und Inszenierung, die besonders verstört. Nicht nur die Tötung, sondern der Versuch, ihr eine militärisch brauchbare Legende zu verpassen.
Ein dritter Vorwurf betrifft das Dorf Syahchow, ebenfalls 2012. Dort, so die Staatsanwaltschaft, sollen zwei Männer zunächst festgesetzt und verhört worden sein. Einer wurde demnach von einem ranghöheren Soldaten erschossen. Den zweiten soll Roberts-Smith von Fesseln und Augenbinde befreien lassen haben – nur um dann einen jungen Soldaten, Person 66, aufzufordern, den Mann zu töten. Der Gefangene habe am Boden gelegen, die Hände schützend vor dem Gesicht. Person 66, auf seiner ersten Mission, habe gezögert – und dann zwei bis drei Schüsse in die Brust abgegeben. Danach soll Roberts-Smith eine Granate in Richtung der Leichen geworfen haben, um den Eindruck eines Gefechts zu erzeugen.
Falls sich diese Vorwürfe bestätigen, wäre das keine Grauzone des Krieges. Keine hektische Fehlentscheidung unter Beschuss. Keine moralisch schwierige Lage in unübersichtlichem Terrain. Die Anklage betont genau das Gegenteil: Alle mutmaßlichen Opfer waren gefesselt, festgesetzt, kontrolliert. Sie seien getötet worden, als die australischen Kräfte die Lage längst vollständig beherrschten. Es habe keinen laufenden Kampf gegeben. Es habe keine unmittelbare Bedrohung gegeben. Es habe nur Gefangene gegeben – und Männer mit Waffen.
Der Fall ist deshalb so explosiv, weil er längst über die Person Roberts-Smith hinausweist. Bereits in einem spektakulären Verleumdungsprozess im Jahr 2023 hatte ein Richter festgestellt, dass wesentliche Teile der Mordvorwürfe gegen ihn „substantial truth“, also im Kern substanzielle Wahrheit, aufweisen. Das war ein Zivilverfahren, kein Strafprozess. Dort galt ein niedrigerer Beweismaßstab. Aber schon dieses Urteil zerstörte das Bild des untadeligen Nationalhelden.
Nun wird aus moralischer Beschädigung strafrechtlicher Ernst.
Australien muss sich damit einer unbequemen Frage stellen: Wie konnte ein Mann mit solchen Vorwürfen so lange als makelloser Patriot inszeniert werden? Seine Orden sind noch immer im Australian War Memorial ausgestellt – eine bittere Ironie. Das Land, das seine Soldaten so gern verklärt, muss nun womöglich lernen, dass Auszeichnungen keine moralische Immunität verleihen.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Bedeutung dieses Prozesses: Nicht nur, ob Ben Roberts-Smith schuldig ist oder nicht. Sondern ob ein demokratischer Staat bereit ist, seinen größten militärischen Mythos derselben rechtsstaatlichen Prüfung zu unterwerfen wie jeden anderen Angeklagten auch.
Noch ist Roberts-Smith nicht verurteilt. Er hat kein Geständnis abgelegt, nicht einmal ein formelles Plädoyer. Ein Prozess dürfte, so der Richter bei der Kautionsentscheidung, nicht in Wochen oder Monaten beginnen, sondern in Jahren – womöglich in vielen Jahren. Das Rechtssystem arbeitet langsam, gerade bei Verfahren dieser Größenordnung. Aber die politische und moralische Erschütterung ist längst da.
Australien steht vor einem historischen Verfahren.
Und vor einer historischen Entzauberung.
Denn wenn sich die Vorwürfe bestätigen, dann fällt nicht einfach nur ein Held.
Dann fällt eine ganze nationale Erzählung in sich zusammen.

