Interview mit Thomas Bremer: „Zero Bond klingt edel – ist hier aber oft nur ein hübsches Wort für: Hoffen und beten“

Interview mit Thomas Bremer: „Zero Bond klingt edel – ist hier aber oft nur ein hübsches Wort für: Hoffen und beten“

Veröffentlicht

Sonntag, 12.04.2026
von Red. TB

Frage: Herr Bremer, was ist ein Zero Bond – ganz einfach erklärt?

Thomas Bremer:
Ganz einfach?
Ein Zero Bond klingt geschniegelt, geschniegelt und geschniegelt – ist in solchen Crowdinvesting-Angeboten aber oft nichts anderes als:

Du gibst heute Geld. Du siehst monatelang keinen Cent. Und am Ende hoffst du, dass überhaupt noch genug da ist.

Das ist die ehrliche Übersetzung.

Frage: Aber „Bond“ klingt doch nach Anleihe, also nach etwas Solidem?

Thomas Bremer:
Genau das ist ja der Trick der Verpackung.

„Bond“ klingt für viele Privatanleger nach:

  • seriös
  • professionell
  • fast schon bankentauglich
  • irgendwie sicher

In Wahrheit ist das hier oft kein klassischer Anleihekomfort, sondern eher:

Projektwette im Sonntagsanzug.

Bei diesem Modell gibt es:

  • keine laufenden Zinsen
  • keine regelmäßigen Auszahlungen
  • keinen Sicherheitsgurt
  • kein Netz unter dem Hochseil

Wenn das Projekt sauber durchläuft, wunderbar.
Wenn nicht, wird aus dem schicken „Zero Bond“ ganz schnell ein:

Zero zurück.

Frage: Und was bedeutet hier konkret „14 Prozent Disagio“?

Thomas Bremer:
Auch das klingt erstmal feiner, als es ist.

„Disagio“ ist oft nur das sprachliche Parfum für:

Wir versprechen dir eine satte Rendite, aber bitte frag nicht zu laut, wo die eigentlich herkommen soll.

Hier reden wir über:

  • 14 Prozent in 12 Monaten
  • bei einem Projekt, dessen Kalkulation auf dem Papier schon verdammt eng aussieht

Wenn mir jemand 14 Prozent in einem Jahr anbietet, dann ist meine erste Frage nicht:
„Wie schön!“

Sondern:

„Wo ist die Leiche in der Kalkulation?“

Frage: Warum sehen Sie das hier so kritisch?

Thomas Bremer:
Weil die nackten Zahlen schon beim ersten Blick Alarm schlagen.

Da steht:

  • Projektkosten: 584.144 Euro
  • erwarteter Verkauf: 596.700 Euro

Das ist eine Differenz von gerade mal:

12.556 Euro.

Und gleichzeitig soll die Crowd auf bis zu 130.000 Euro satte 14 Prozent bekommen.

Das wären grob:

18.200 Euro Rendite.

Jetzt darf jeder mit Taschenrechner oder gesundem Menschenverstand mal kurz nachrechnen:

Wie soll aus 12.556 Euro rechnerischer Luft eine Rendite von über 18.000 Euro entstehen?

Natürlich kann man jetzt sagen:

  • da gibt es interne Vorleistungen
  • stille Reserven
  • Zusatzannahmen
  • dies und das

Mag alles sein.

Aber aus Sicht eines kritischen Anlegers gilt:

Wenn die Marge auf dem Papier aussieht wie ein dünner Faden, dann sollte man nicht mit geschlossenen Augen über die Schlucht laufen.

Frage: Also ist der Begriff Zero Bond hier eher Marketing als Sicherheit?

Thomas Bremer:
Ganz klar: Ja.

Das ist kein Schutzbegriff. Das ist kein Tresorwort. Das ist kein Qualitätssiegel.

Das ist in solchen Modellen oft einfach eine elegante Verpackung für:

  • endfällige Rückzahlung
  • Kapitalbindung bis zum Schluss
  • alles hängt am Exit
  • wenn der Exit nicht klappt, schaut der Anleger dumm aus der Wäsche

Oder auf Deutsch:

Das Geld ist weg, bis bewiesen ist, dass es nicht weg ist.

Frage: Sie sprechen von Totalverlustrisiko. Ist das nicht zu hart formuliert?

Thomas Bremer:
Nein. Das ist nicht hart. Das ist ehrlich.

Und gerade bei solchen Angeboten muss man es glasklar sagen:

Ja, hier ist ein Totalverlust möglich.

Nicht theoretisch im Wolkenkuckucksheim.
Sondern real.

Warum?

Weil die Crowd hier in einer Struktur steckt, in der regelmäßig gilt:

  • Die Bank zuerst
  • Der Projektträger kämpft ums Überleben
  • Die Crowd hofft auf Reste

Die Finanzierungsstruktur sagt selbst:

  • Bank: 54,78 %
  • Eigenkapital: 22,97 %
  • Mezzanine: 22,25 %

Das heißt:
Die Crowd hängt mit einem ordentlichen Brocken in der Mezzanine-Zone.

Und Mezzanine heißt für Privatanleger oft in der Praxis:

Du bist nicht der VIP-Gast. Du bist der Letzte am Buffet.

Wenn vorher alles weg ist, bleibt für dich:

nichts.

Frage: Aber das Objekt ist doch saniert, teilweise vermietet, es gibt ESG, Zertifikate, Bonitätsnachweise …

Thomas Bremer:
Ja, und genau so wird das Produkt geschniegelt.

Das ist die klassische Vertrauenskulisse:

  • Altbau mit Charme
  • ESG-Stempel
  • Zertifikate
  • Bonitäts-Siegel
  • „Rundum-sorglos“
  • teilweise vermietet
  • erfahrener Projektträger

Das liest sich alles wie ein Wellnessprospekt.

Aber das Problem ist:

Kein Zertifikat zahlt Ihnen im Ernstfall das Geld zurück.

Ein CrefoZert verhindert nicht:

  • Preisabschläge
  • schleppende Verkäufe
  • Vermarktungsprobleme
  • Liquiditätslücken
  • Projektverzögerungen
  • Insolvenzen

Und ESG ist schon gar kein Fallschirm.

Grün angemalt ist nicht gleich kugelsicher.

Frage: Wo liegt denn hier das eigentliche Risiko?

Thomas Bremer:
Ganz simpel:

Der Verkauf ist der Flaschenhals.

Die Rückzahlung hängt daran, dass:

  • zwei Wohnungen
  • plus eine Gewerbeeinheit

zeitnah und zu den kalkulierten Preisen verkauft werden.

Und das nicht in München, Hamburg oder Düsseldorf.

Sondern:

in Lengenfeld im Vogtland.

Das mag ein ordentlicher Standort sein. Aber wir reden hier nicht über einen Markt, in dem man alles blind durchschiebt.

Gerade bei:

  • größeren Einheiten
  • Gewerbeflächen
  • Kleinstadtlagen
  • teilweise noch laufendem Ausbau

kann der Verkauf schnell zäher werden als jede Hochglanzbroschüre vermuten lässt.

Frage: 12 Monate Laufzeit – ist das realistisch?

Thomas Bremer:
Sagen wir mal so:

Sportlich. Sehr sportlich.

12 Monate plus Verlängerungsoption klingt gut im Vertrieb.
In der Praxis heißt das oft:

  • erst Vermarktung
  • dann Interessenten
  • dann Finanzierung des Käufers
  • dann Notar
  • dann eventuelle Verzögerungen
  • dann Nachverhandlungen
  • dann vielleicht Preisnachlass

Und plötzlich sind aus 12 Monaten ganz schnell:

  • 15 Monate
  • 18 Monate
  • oder mehr

Das ist bei Immobilien keine exotische Ausnahme, sondern Alltag.

Frage: Viele Anleger sagen: Es haben doch schon andere investiert. Das schafft Vertrauen.

Thomas Bremer:
Nein. Das schafft vor allem eins:

Herdentrieb.

„Schon 52.000 Euro investiert“ ist kein Gütesiegel.

Das heißt nur:

Es haben schon andere auf den Knopf gedrückt.

Das beweist weder:

  • dass die Kalkulation sauber ist
  • noch dass die Rückzahlung sicher ist
  • noch dass das Risiko klein ist

Crowdinvesting lebt massiv von Psychologie.

Wenn andere einsteigen, denken viele:

„Dann wird’s schon passen.“

Das ist kein Analyseersatz.
Das ist Anleger-Roulette mit Gruppentherapie.

Frage: Und was ist mit den angepriesenen Sicherheiten?

Thomas Bremer:
Da sollte jeder Anleger sofort misstrauisch werden, wenn nur nebulös von „Sicherheiten“ gesprochen wird.

Dann muss man fragen:

  • Welche Sicherheit genau?
  • Wer hält sie?
  • Wer darf sie verwerten?
  • In welcher Rangfolge?
  • Wie viel ist sie real wert?
  • Greift sie im Insolvenzfall wirklich?
  • Oder steht sie nur hübsch im PDF?

Viele Plattformen lieben das Wort „Sicherheit“.

Aber zwischen:

  • „es gibt Sicherheiten“
  • und
  • „ich bekomme im Ernstfall mein Geld“

liegen oft Welten.

Frage: Ihr hartes Fazit zu diesem Zero-Bond-Angebot?

Thomas Bremer:
Mein Fazit ist sehr einfach:

Ein Zero Bond ist hier kein Schutzschild.

Es ist ein hübsches Etikett für eine spekulative Exit-Wette.

Sie investieren nicht in „Betongold“.
Sie investieren in die Hoffnung, dass:

  • der Verkauf klappt
  • der Preis hält
  • nichts teurer wird
  • nichts länger dauert
  • die Gewerbeeinheit einen Käufer findet
  • und am Ende nach Bank und Kosten überhaupt noch genug übrig bleibt

Wenn das alles aufgeht, prima.

Wenn nicht, dann gilt:

14 Prozent Rendite waren nie ein Geschenk.

Sie waren der Preis dafür, dass Ihr Geld im schlimmsten Fall komplett weg sein kann.

Frage: Ihr letzter Satz an Privatanleger?

Thomas Bremer:
Ganz einfach:

Wenn Sie bei einem Angebot 14 Prozent sehen und sich sofort freuen, machen Sie etwas falsch.

Dann müssen Sie sich nicht fragen:

„Wie schnell kann ich investieren?“

Sondern:

„Warum muss man mir so viel bezahlen, damit ich dieses Risiko überhaupt anfasse?“

Und wenn Sie die Antwort darauf nicht glasklar verstehen:

Finger weg.

Bildnachweis:

Mohamed_hassan (CC0), Pixabay

von Autor: Red. TB
am: Sonntag, 12.04.2026

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