Frage: Herr Bremer, was ist ein Zero Bond – ganz einfach erklärt?
Thomas Bremer:
Ganz einfach?
Ein Zero Bond klingt geschniegelt, geschniegelt und geschniegelt – ist in solchen Crowdinvesting-Angeboten aber oft nichts anderes als:
Du gibst heute Geld. Du siehst monatelang keinen Cent. Und am Ende hoffst du, dass überhaupt noch genug da ist.
Das ist die ehrliche Übersetzung.
Frage: Aber „Bond“ klingt doch nach Anleihe, also nach etwas Solidem?
Thomas Bremer:
Genau das ist ja der Trick der Verpackung.
„Bond“ klingt für viele Privatanleger nach:
- seriös
- professionell
- fast schon bankentauglich
- irgendwie sicher
In Wahrheit ist das hier oft kein klassischer Anleihekomfort, sondern eher:
Projektwette im Sonntagsanzug.
Bei diesem Modell gibt es:
- keine laufenden Zinsen
- keine regelmäßigen Auszahlungen
- keinen Sicherheitsgurt
- kein Netz unter dem Hochseil
Wenn das Projekt sauber durchläuft, wunderbar.
Wenn nicht, wird aus dem schicken „Zero Bond“ ganz schnell ein:
Zero zurück.
Frage: Und was bedeutet hier konkret „14 Prozent Disagio“?
Thomas Bremer:
Auch das klingt erstmal feiner, als es ist.
„Disagio“ ist oft nur das sprachliche Parfum für:
Wir versprechen dir eine satte Rendite, aber bitte frag nicht zu laut, wo die eigentlich herkommen soll.
Hier reden wir über:
- 14 Prozent in 12 Monaten
- bei einem Projekt, dessen Kalkulation auf dem Papier schon verdammt eng aussieht
Wenn mir jemand 14 Prozent in einem Jahr anbietet, dann ist meine erste Frage nicht:
„Wie schön!“
Sondern:
„Wo ist die Leiche in der Kalkulation?“
Frage: Warum sehen Sie das hier so kritisch?
Thomas Bremer:
Weil die nackten Zahlen schon beim ersten Blick Alarm schlagen.
Da steht:
- Projektkosten: 584.144 Euro
- erwarteter Verkauf: 596.700 Euro
Das ist eine Differenz von gerade mal:
12.556 Euro.
Und gleichzeitig soll die Crowd auf bis zu 130.000 Euro satte 14 Prozent bekommen.
Das wären grob:
18.200 Euro Rendite.
Jetzt darf jeder mit Taschenrechner oder gesundem Menschenverstand mal kurz nachrechnen:
Wie soll aus 12.556 Euro rechnerischer Luft eine Rendite von über 18.000 Euro entstehen?
Natürlich kann man jetzt sagen:
- da gibt es interne Vorleistungen
- stille Reserven
- Zusatzannahmen
- dies und das
Mag alles sein.
Aber aus Sicht eines kritischen Anlegers gilt:
Wenn die Marge auf dem Papier aussieht wie ein dünner Faden, dann sollte man nicht mit geschlossenen Augen über die Schlucht laufen.
Frage: Also ist der Begriff Zero Bond hier eher Marketing als Sicherheit?
Thomas Bremer:
Ganz klar: Ja.
Das ist kein Schutzbegriff. Das ist kein Tresorwort. Das ist kein Qualitätssiegel.
Das ist in solchen Modellen oft einfach eine elegante Verpackung für:
- endfällige Rückzahlung
- Kapitalbindung bis zum Schluss
- alles hängt am Exit
- wenn der Exit nicht klappt, schaut der Anleger dumm aus der Wäsche
Oder auf Deutsch:
Das Geld ist weg, bis bewiesen ist, dass es nicht weg ist.
Frage: Sie sprechen von Totalverlustrisiko. Ist das nicht zu hart formuliert?
Thomas Bremer:
Nein. Das ist nicht hart. Das ist ehrlich.
Und gerade bei solchen Angeboten muss man es glasklar sagen:
Ja, hier ist ein Totalverlust möglich.
Nicht theoretisch im Wolkenkuckucksheim.
Sondern real.
Warum?
Weil die Crowd hier in einer Struktur steckt, in der regelmäßig gilt:
- Die Bank zuerst
- Der Projektträger kämpft ums Überleben
- Die Crowd hofft auf Reste
Die Finanzierungsstruktur sagt selbst:
- Bank: 54,78 %
- Eigenkapital: 22,97 %
- Mezzanine: 22,25 %
Das heißt:
Die Crowd hängt mit einem ordentlichen Brocken in der Mezzanine-Zone.
Und Mezzanine heißt für Privatanleger oft in der Praxis:
Du bist nicht der VIP-Gast. Du bist der Letzte am Buffet.
Wenn vorher alles weg ist, bleibt für dich:
nichts.
Frage: Aber das Objekt ist doch saniert, teilweise vermietet, es gibt ESG, Zertifikate, Bonitätsnachweise …
Thomas Bremer:
Ja, und genau so wird das Produkt geschniegelt.
Das ist die klassische Vertrauenskulisse:
- Altbau mit Charme
- ESG-Stempel
- Zertifikate
- Bonitäts-Siegel
- „Rundum-sorglos“
- teilweise vermietet
- erfahrener Projektträger
Das liest sich alles wie ein Wellnessprospekt.
Aber das Problem ist:
Kein Zertifikat zahlt Ihnen im Ernstfall das Geld zurück.
Ein CrefoZert verhindert nicht:
- Preisabschläge
- schleppende Verkäufe
- Vermarktungsprobleme
- Liquiditätslücken
- Projektverzögerungen
- Insolvenzen
Und ESG ist schon gar kein Fallschirm.
Grün angemalt ist nicht gleich kugelsicher.
Frage: Wo liegt denn hier das eigentliche Risiko?
Thomas Bremer:
Ganz simpel:
Der Verkauf ist der Flaschenhals.
Die Rückzahlung hängt daran, dass:
- zwei Wohnungen
- plus eine Gewerbeeinheit
zeitnah und zu den kalkulierten Preisen verkauft werden.
Und das nicht in München, Hamburg oder Düsseldorf.
Sondern:
in Lengenfeld im Vogtland.
Das mag ein ordentlicher Standort sein. Aber wir reden hier nicht über einen Markt, in dem man alles blind durchschiebt.
Gerade bei:
- größeren Einheiten
- Gewerbeflächen
- Kleinstadtlagen
- teilweise noch laufendem Ausbau
kann der Verkauf schnell zäher werden als jede Hochglanzbroschüre vermuten lässt.
Frage: 12 Monate Laufzeit – ist das realistisch?
Thomas Bremer:
Sagen wir mal so:
Sportlich. Sehr sportlich.
12 Monate plus Verlängerungsoption klingt gut im Vertrieb.
In der Praxis heißt das oft:
- erst Vermarktung
- dann Interessenten
- dann Finanzierung des Käufers
- dann Notar
- dann eventuelle Verzögerungen
- dann Nachverhandlungen
- dann vielleicht Preisnachlass
Und plötzlich sind aus 12 Monaten ganz schnell:
- 15 Monate
- 18 Monate
- oder mehr
Das ist bei Immobilien keine exotische Ausnahme, sondern Alltag.
Frage: Viele Anleger sagen: Es haben doch schon andere investiert. Das schafft Vertrauen.
Thomas Bremer:
Nein. Das schafft vor allem eins:
Herdentrieb.
„Schon 52.000 Euro investiert“ ist kein Gütesiegel.
Das heißt nur:
Es haben schon andere auf den Knopf gedrückt.
Das beweist weder:
- dass die Kalkulation sauber ist
- noch dass die Rückzahlung sicher ist
- noch dass das Risiko klein ist
Crowdinvesting lebt massiv von Psychologie.
Wenn andere einsteigen, denken viele:
„Dann wird’s schon passen.“
Das ist kein Analyseersatz.
Das ist Anleger-Roulette mit Gruppentherapie.
Frage: Und was ist mit den angepriesenen Sicherheiten?
Thomas Bremer:
Da sollte jeder Anleger sofort misstrauisch werden, wenn nur nebulös von „Sicherheiten“ gesprochen wird.
Dann muss man fragen:
- Welche Sicherheit genau?
- Wer hält sie?
- Wer darf sie verwerten?
- In welcher Rangfolge?
- Wie viel ist sie real wert?
- Greift sie im Insolvenzfall wirklich?
- Oder steht sie nur hübsch im PDF?
Viele Plattformen lieben das Wort „Sicherheit“.
Aber zwischen:
- „es gibt Sicherheiten“
- und
- „ich bekomme im Ernstfall mein Geld“
liegen oft Welten.
Frage: Ihr hartes Fazit zu diesem Zero-Bond-Angebot?
Thomas Bremer:
Mein Fazit ist sehr einfach:
Ein Zero Bond ist hier kein Schutzschild.
Es ist ein hübsches Etikett für eine spekulative Exit-Wette.
Sie investieren nicht in „Betongold“.
Sie investieren in die Hoffnung, dass:
- der Verkauf klappt
- der Preis hält
- nichts teurer wird
- nichts länger dauert
- die Gewerbeeinheit einen Käufer findet
- und am Ende nach Bank und Kosten überhaupt noch genug übrig bleibt
Wenn das alles aufgeht, prima.
Wenn nicht, dann gilt:
14 Prozent Rendite waren nie ein Geschenk.
Sie waren der Preis dafür, dass Ihr Geld im schlimmsten Fall komplett weg sein kann.
Frage: Ihr letzter Satz an Privatanleger?
Thomas Bremer:
Ganz einfach:
Wenn Sie bei einem Angebot 14 Prozent sehen und sich sofort freuen, machen Sie etwas falsch.
Dann müssen Sie sich nicht fragen:
„Wie schnell kann ich investieren?“
Sondern:
„Warum muss man mir so viel bezahlen, damit ich dieses Risiko überhaupt anfasse?“
Und wenn Sie die Antwort darauf nicht glasklar verstehen:

