Herzlichen Glückwunsch, liebe Internetnutzer! Die Onlinewerbung hat offenbar die nächste Evolutionsstufe erreicht. Früher wollte sie uns Schuhe verkaufen, die wir längst gekauft hatten. Heute kann hinter einer harmlosen Anzeige möglicherweise gleich ein digitaler Spion lauern. Und das Beste: Man muss nicht einmal mehr auf den Werbemüll klicken, um ins Visier zu geraten. Einfach anschauen reicht unter bestimmten technischen Voraussetzungen schon aus. Willkommen im digitalen Irrenhaus!
Einmal Werbung laden, bitte – Spionage inklusive!
Forscher des Citizen Lab an der Universität Toronto haben eine Methode dokumentiert, die sie „AdFection“ nennen.
Dabei können manipulierte Werbeanzeigen als Einfallstor für sogenannte Zero-Click-Angriffe dienen. Das bedeutet: Der Nutzer muss weder auf einen dubiosen Link klicken noch eine angebliche Millionenerbschaft aus Nigeria bestätigen.
Im untersuchten Fall spielte die israelische Werbefirma Discover-Tech laut den Forschern eine zentrale Rolle. Über Werbenetzwerke sollen Geräte erfasst und ausgewählte Ziele mit professioneller Spionagesoftware angegriffen worden sein.
Wichtig dabei: Nicht jede eingeblendete Anzeige führte automatisch zur Infektion.
Vom Werbeprofi zum digitalen Geheimagenten?
Im Mittelpunkt der Untersuchung steht auch die Spionagesoftware der israelischen Firma Candiru.
Besonders bemerkenswert: Discover-Tech war offenbar in etablierten Werbesystemen eingebunden und als Anbieter zertifiziert.
Da fragt man sich schon, was bei solchen Zertifizierungen eigentlich geprüft wird. Ob das Firmenlogo schön aussieht? Ob die Rechnung pünktlich kommt? Oder ob die digitale Werbung vielleicht nebenbei noch das Telefon ausspioniert?
Google und der Branchenverband IAB Europe reagierten laut den Berichten nach Veröffentlichung der Untersuchung und entfernten Discover-Tech aus ihren jeweiligen Systemen.
Selbst internationale Organisationen im Visier
Manipulierte Anzeigen tauchten laut Citizen Lab auch in Netzwerken auf, die mit EU, UNO, NATO und staatlichen Einrichtungen in Verbindung standen.
Eine tatsächliche Infektion konnte dort allerdings nicht nachgewiesen werden.
Anders beim Nachrichtensender al-Jazeera: Dort sollen zwischen 2024 und 2025 mindestens 45 Geräte erfolgreich mit Candiru-Spionagesoftware infiziert worden sein.
Das ist dann endgültig keine gewöhnliche Werbung mehr, sondern eher ein Geheimdienstbesuch ohne vorherige Terminvereinbarung.
Was kann der normale Nutzer tun?
Die gute Nachricht: Für die breite Bevölkerung wird das Risiko gezielter Angriffe mit solcher Spezialsoftware als vergleichsweise gering eingeschätzt.
Trotzdem empfehlen Sicherheitsexperten aktuelle Software, Werbeblocker und einen möglichst sparsamen Umgang mit Werbetracking.
Wer besonders gefährdet ist, etwa durch sensible berufliche Tätigkeiten, kann zusätzliche Schutzfunktionen seines Smartphones aktivieren.
Fazit: Der gläserne Kunde bekommt jetzt auch noch einen digitalen Aufpasser
Früher hieß es: „Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten.“
Heute könnte man ergänzen: „Wer nur das Wetter nachschauen möchte, sollte trotzdem nicht gleich seinen gesamten digitalen Lebenslauf mitliefern müssen.“
Die Untersuchung zeigt vor allem eines: Ein Werbesystem, das eigentlich passende Produkte verkaufen soll, lässt sich offenbar auch für Überwachung missbrauchen.
Unser satirisches Fazit: Vielleicht sollten Onlineanzeigen künftig einen zusätzlichen Hinweis tragen:
„Diese Werbung enthält möglicherweise Spuren von Schuhangeboten, Datingtipps, Geheimdiensten und unerwünschter digitaler Aufmerksamkeit.“
Denn eines dürfte nach dieser Untersuchung feststehen: Wenn eine Werbung behauptet, sie kenne dich besser als deine eigene Mutter, ist das möglicherweise gar kein Werbespruch mehr.


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