Nikosia

Nikosia

Veröffentlicht

Sonntag, 18.10.2026
von Red. TB

Während die Berliner Mauer längst Geschichte ist, gehört die Teilung in Nikosia weiterhin zum Alltag. Zäune, Stacheldraht, Wachtürme und eine von den Vereinten Nationen überwachte Pufferzone durchziehen die Hauptstadt Zyperns. Dahinter stehen Jahrzehnte politischer Gegensätze – und die persönlichen Geschichten von Menschen, die ihre Heimat verloren haben.

Die heutige Situation wurde maßgeblich durch die Ereignisse von 1974 geprägt. Nach einem von der griechischen Militärjunta unterstützten Putsch griff die Türkei militärisch ein. Zehntausende griechische und türkische Zyprer mussten ihre Wohnorte verlassen. Die bereits zuvor bestehenden Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen verfestigten sich zu einer dauerhaften Trennung.

Im Norden wurde 1983 ein eigener Staat ausgerufen, den ausschließlich die Türkei anerkennt. Seit 2003 ermöglichen geöffnete Übergänge wieder Begegnungen zwischen beiden Seiten. Eine politische Wiedervereinigung ist daraus bislang nicht entstanden.

Wie tief die Folgen reichen, zeigt die Geschichte der Stadtführerin Eleni Ellinas. Als Vierjährige musste sie mit ihrer Familie aus Famagusta fliehen. Nach einem Aufenthalt in einem Flüchtlingslager gelangte die Familie nach Großbritannien. 1980 kehrte sie nach Zypern zurück und fand in Nikosia ein neues Zuhause.

Ihre erste Rückkehr in den Norden nach Öffnung der Übergänge beschreibt Ellinas als überwältigend. Vertraute Orte wiederzusehen bedeutete zugleich, sich mit einer Kindheit auseinanderzusetzen, die durch Flucht und Verlust unterbrochen worden war.

Die Spuren des Konflikts sind bis heute sichtbar. Im Bereich der Pufferzone stehen verlassene Häuser. Der frühere internationale Flughafen Nikosia blieb nach den Kämpfen geschlossen. Am einst luxuriösen Hotel Ledra Palace erinnern Einschusslöcher an die Gewalt von 1974.

Doch Nikosia besteht aus weit mehr als verlassenen Gebäuden und Kontrollstellen. Historische Viertel, Werkstätten, Cafés und kulturelle Begegnungsorte prägen das Leben. Im Norden erzählen die Karawanserei Büyük Han und traditionsreiche Buchhandlungen von einer Stadtgeschichte, die weit über den Konflikt hinausreicht. Andernorts beleben Kunst und gemeinschaftliche Projekte lange vernachlässigte Straßen.

Ellinas wirbt dafür, beide Seiten kennenzulernen. Wer nur eine Perspektive wahrnimmt, versteht weder die gemeinsame Vergangenheit noch die unterschiedlichen Erfahrungen der Bewohner vollständig. Leid und Vertreibung trafen Menschen aus beiden Bevölkerungsgruppen.

Für manche Jüngere ist die Trennung längst zur vertrauten Normalität geworden. Darin liegt eine besondere Gefahr: Was über Generationen bestehen bleibt, kann irgendwann unveränderlich erscheinen.

Nikosia erinnert deshalb daran, dass politische Grenzen nicht nur Gebiete trennen. Sie unterbrechen Nachbarschaften, Familiengeschichten und gemeinsame Zukunftspläne. Zugleich zeigen persönliche Kontakte über die Trennlinie hinweg, dass Verständigung weiterhin möglich ist. Die Stadt lebt mit ihrer Teilung – viele ihrer Bewohner hoffen dennoch auf eine Zukunft, in der diese nicht mehr ihren Alltag bestimmt.

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Tama66 (CC0), Pixabay

von Autor: Red. TB
am: Sonntag, 18.10.2026

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