Früher brauchte man für die erste Klasse eine Schultüte, Buntstifte und halbwegs brauchbare Hausschuhe. In Innsbruck könnte künftig noch eine weitere Frage dazukommen: Ist mein Vorname österreichisch genug?
Für heftigen politischen Streit sorgt ein Instagram-Posting des Innsbrucker FPÖ-Gemeinderats Fabian Walch.
Walch fotografierte eine von außen sichtbare Namensliste einer Schulklasse. Nachnamen und weitere Angaben wurden geschwärzt, die Vornamen der Kinder blieben allerdings erkennbar.
Darunter:
Hamza. Leon. Mustafa. Simona-Maria.
Walch verband die Liste mit einer Warnung vor „Überfremdung“ und der Forderung nach „Remigration“.
Damit war der Freitagabend in der Tiroler Politik gerettet.
Denn offenbar hatte dort jemand Sorge, es könnte vor dem Wochenende noch langweilig werden.
Der große österreichische Vornamen-Test
Walch schrieb sinngemäß, ein Blick in die Schulen sei ein Blick in die Zukunft. Ohne „Remigration“ würden Österreicher in Innsbruck zur Minderheit.
Das wirft natürlich praktische Fragen auf.
Vor allem:
Wie erkennt man eigentlich einen „angestammten österreichischen Vornamen“?
Franz?
Bestanden.
Sepp?
Sehr bestanden.
Wolfgang?
Sofort Staatsbürgerschaft plus Schnitzel.
Leon?
Moment.
Leon klingt verdächtig international.
Simona-Maria?
Da müsste vermutlich erst eine Expertenkommission tagen.
Und was machen wir mit Kevin?
Geboren in Innsbruck, Eltern aus Tirol, Großeltern aus Tirol – aber der Vorname kommt irgendwie aus dem Ausland.
Schwieriger Fall.
Vielleicht braucht Österreich irgendwann eine eigene Behörde:
Bundesamt für Vornamenskontrolle
Abteilung 1: Josef und Franz.
Abteilung 2: Grenzfälle.
Abteilung 3: Kevin.
Grüne und SPÖ gehen an die Decke
Die Tiroler Grünen sprechen von einem „Rassismuseklat“.
Integrationssprecherin Zeliha Arslan wirft Walch vor, Kinder aufgrund ihrer Namen öffentlich herauszugreifen und mit Vertreibung in Verbindung zu bringen. Gemeinsam mit dem Innsbrucker Grünen-Klubchef Dejan Lukovic fordert sie seinen Rücktritt.
Auch die SPÖ spricht von einer massiven Grenzüberschreitung. Innsbrucks Vizebürgermeisterin Elisabeth Mayr kritisiert insbesondere, dass Kinder für eine politische Botschaft benutzt würden.
Das sind die Bewertungen der beiden Parteien.
Walch wiederum weist die Interpretation zurück, er fordere die Deportation der aufgelisteten Kinder.
Walch erklärt, was er mit „Remigration“ meint
Am Abend meldete sich der FPÖ-Politiker selbst zu Wort.
Die Liste zeige seiner Ansicht nach eine „bedenkliche Entwicklung“, die möglichst viele Menschen sehen sollten.
Außerdem erklärte er:
„Mit der FPÖ in Verantwortung wird es wieder mehr Kinder mit angestammten österreichischen Namen geben.“
Und spätestens jetzt sitzt vermutlich irgendwo ein kleiner Maximilian und denkt:
„Mama, bin ich angestammt?“
„Ja.“
„Und der Lukas?“
„Sehr.“
„Und mein Freund Mustafa?“
„Iss jetzt dein Abendbrot.“
Walch erklärte außerdem, „Remigration“ bedeute für ihn nicht die Deportation von Kindern. Gemeint seien vielmehr die Rückführung illegal aufhältiger und straffällig gewordener Ausländer.
Eine Frage ließ seine Stellungnahme allerdings offen:
Was hat dann die Namensliste einer ersten Schulklasse damit zu tun?
Denn aus einem Vornamen lässt sich weder Aufenthaltsstatus noch Staatsangehörigkeit noch Vorstrafenregister ablesen.
Mustafa kann österreichischer Staatsbürger sein.
Leon kann Deutscher sein.
Simona-Maria kann Tirolerin sein.
Und Franz kann theoretisch gerade aus Paraguay eingereist sein.
Der Reisepass ist bislang erstaunlicherweise nicht im Vornamen integriert.
Vielleicht brauchen Schulen künftig Datenschutztarnung
Für Schulen ergibt sich aus der Geschichte möglicherweise eine ganz neue Herausforderung.
Namenslisten sollten künftig nicht mehr einfach am Fenster hängen.
Vielleicht besser:
Kind 1
Kind 2
Kind 3
Kind 4
Wobei selbst das gefährlich werden könnte.
„Warum sind es 27 Kinder?“
Also lieber:
Person A
Person B
Person C
Und daneben ein Schild:
„Diese Liste enthält keinerlei Informationen über Staatsangehörigkeit, Aufenthaltsstatus, Religion, Vorstrafen oder politische Verwertbarkeit.“
Politisch ist die Sache ernster
Hinter der Satire steckt allerdings eine grundsätzliche Auseinandersetzung.
Die Grünen und die SPÖ werfen Walch vor, Kinder anhand ihrer Vornamen für eine politische Botschaft über Migration zu instrumentalisieren.
Walch hält dagegen, er wolle anhand der Liste auf demografische Veränderungen aufmerksam machen und seine Forderung nach „Remigration“ richte sich nicht gegen diese Kinder.
Das ist der eigentliche Kern des Streits.
Hinzu kommt, dass Walch bereits zuvor wegen Kontakten ins rechtsextreme beziehungsweise identitäre Umfeld kritisiert worden war. Im Juli hatte er an einem Treffen in Deutschland teilgenommen, an dem unter anderem der österreichische Identitären-Aktivist Martin Sellner beteiligt war.
FPÖ-Landeschef Markus Abwerzger wollte den aktuellen Vorgang auf Anfrage des ORF nicht zusätzlich kommentieren und verwies auf Walchs Stellungnahme.
Willkommen in der ersten Klasse
Am Ende bleibt eine ziemlich absurde Situation.
Eine Liste von Erstklässlern, die vermutlich ursprünglich ungefähr diesen Zweck hatte:
„Hier sehen Sie, welche Kinder in dieser Klasse sind.“
wurde plötzlich zum Gegenstand einer politischen Grundsatzdebatte über Migration, Demografie und „Remigration“.
Dabei haben Erstklässler normalerweise andere Probleme.
Wo ist mein Radiergummi?
Warum hat der Lukas zwei Pausenbrote?
Wann ist endlich Pause?
Und darf ich neben Hamza sitzen?
Vielleicht wäre das sogar eine ganz brauchbare Erinnerung für Erwachsene:
Kinder suchen sich ihre Vornamen nicht aus.
Und vermutlich interessieren sie sich auch herzlich wenig dafür, ob ein Gemeinderat sie für ausreichend „angestammt“ hält.
Sie wollen in der ersten Klasse wahrscheinlich vor allem eines:
endlich lesen lernen.
Vielleicht sollten wir damit anfangen, bevor wir aus ihrer Klassenliste ein Parteiprogramm machen.


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