Erst sollte das Kulturticket teurer werden, dann wusste niemand so genau, wie teuer – und jetzt kommt die Abgabe überhaupt nicht. Wiens Bürgermeister Michael Ludwig beendet ein bemerkenswertes kulturpolitisches Gastspiel
Wien ist die Stadt von Mozart, Beethoven, Klimt, Schiele, Burgtheater und Staatsoper.
Und seit dieser Woche beinahe auch die Stadt einer völlig neuen Kunstform:
der Steuer, die schon wieder abgeschafft wird, bevor überhaupt jemand weiß, wie hoch sie eigentlich ist.
Applaus!
Vorhang auf für den „Kultur-Euro“.
Oder besser:
Vorhang zu.
Denn Wiens Bürgermeister Michael Ludwig hat entschieden:
Der Kultur-Euro kommt nicht.
Damit endet eine politische Aufführung, die zwar nur wenige Tage lief, aber trotzdem erstaunlich viele Akte hatte.
Ein Euro, der möglicherweise 12,5 Prozent groß werden sollte
Die Idee kam aus dem Ressort von Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler.
Besucher von Kulturveranstaltungen sollten künftig möglicherweise einen zusätzlichen Beitrag leisten, um damit die Wiener Kulturlandschaft langfristig abzusichern.
Das klingt zunächst sogar einigermaßen harmlos.
Kultur-Euro.
Ein Euro.
Kann man sich vorstellen.
Opernkarte 80 Euro.
Kultur-Euro drauf.
81 Euro.
Fertig.
Nur stellte sich ziemlich schnell heraus:
Ganz so einfach war die Sache offenbar nicht.
Denn dem Vernehmen nach wurde auch über einen prozentualen Aufschlag von ungefähr 12,5 Prozent gesprochen.
Moment.
12,5 Prozent?
Das ist dann kein Kultur-Euro mehr.
Das ist ein Kultur-Euro mit Größenwahn.
Bei einem Ticket für 100 Euro wären aus dem kleinen Euro plötzlich 12,50 Euro geworden.
Das ist ungefähr so, als würde man im Restaurant einen „Espresso-Euro“ ankündigen und am Ende 14,90 Euro auf die Rechnung schreiben.
Details? Die hätten wir später geklärt
Das wirklich Bemerkenswerte an der ganzen Geschichte:
Die Details waren bis zuletzt offenbar nicht abschließend geklärt.
Ein Euro?
12,5 Prozent?
Welche Veranstaltungen?
Welche Tickets?
Welche Ausnahmen?
Wie genau sollte das Geld verteilt werden?
Nun gut.
Man kann schließlich nicht alles wissen, bevor man eine neue Abgabe öffentlich diskutiert.
Das wäre ja geradezu langweilige Verwaltung.
Stattdessen wurde erst einmal eine Idee in den politischen Raum gestellt – und anschließend durfte die Wiener Kulturszene herausfinden, was sie davon hält.
Die Antwort kam ziemlich schnell.
Nicht besonders viel.
Der Konzerthaus-Chef fand es weniger lustig
Matthias Naske, Intendant des Wiener Konzerthauses, bezeichnete die Pläne sogar als „existenzbedrohend“.
Spätestens da hatte der niedlich klingende Kultur-Euro ein kleines Imageproblem.
Denn ursprünglich sollte er schließlich die Kultur retten.
Wenn Vertreter der Kultur anschließend erklären, dass ausgerechnet die Rettungsmaßnahme die Kultur gefährden könnte, ist das politisch ungefähr so optimal wie ein neues Feuerwehrkonzept, gegen das zuerst die Feuerwehr protestiert.
Auch aus der Politik kam Kritik.
Und plötzlich wurde aus der vermeintlichen Finanzierungsinnovation eine jener Ideen, bei denen sich innerhalb weniger Tage immer mehr Menschen fragen:
Wer wollte das eigentlich?
Und dann kam der Bürgermeister
Michael Ludwig tat schließlich das, was ein Bürgermeister gelegentlich tun muss, wenn eine politische Idee beginnt, ein Eigenleben zu entwickeln.
Er zog den Stecker.
Ludwig erklärte, es gebe verschiedene Überlegungen zur langfristigen Finanzierung der Wiener Kultur. Der Kultur-Euro sei lediglich eine unter mehreren Ideen gewesen.
Nach Abwägung aller Argumente habe er entschieden:
„Der Kultur-Euro kommt nicht.“
Peng.
Aus.
Vorbei.
Der Kultur-Euro hatte damit ungefähr die Lebensdauer eines durchschnittlichen Vorsatzes am Neujahrsmorgen.
Nur dass dieser hier nicht einmal bis zum Frühstück gekommen ist.
Dabei hatte Wien Kulturabgaben gerade erst abgeschafft
Besonders hübsch ist die Vorgeschichte.
Ludwig erinnerte selbst daran, dass es in Wien in der Vergangenheit bereits zwei kulturbezogene Abgaben gegeben habe, die einen relevanten Beitrag zur Kulturfinanzierung geleistet hätten.
Diese wurden abgeschafft.
Jetzt suchte man neue Möglichkeiten zur Kulturfinanzierung.
Und eine der Ideen lautete:
eine neue Abgabe.
Politik kann manchmal wunderschön kreisförmig sein.
Man schafft eine Abgabe ab.
Man stellt fest, dass Geld fehlt.
Man überlegt, woher neues Geld kommen könnte.
Und plötzlich hat jemand eine sensationelle Idee:
Wie wäre es mit einer Abgabe?
Innovation made in Vienna.
Selbst der Bund durfte schon mitreden
Die Sache war offenbar bereits weit genug gediehen, dass Vertreter der Stadt Wien mit dem Kulturministerium gesprochen hatten.
Das war notwendig, weil eine solche Abgabe nicht nur irgendwelche kleinen Bühnen betroffen hätte.
In Wien sitzen schließlich zahlreiche Bundeskultureinrichtungen.
Und wenn die Stadt plötzlich auf Eintrittskarten einen zusätzlichen Aufschlag erhebt, möchte der Bund zumindest wissen, was da gerade passiert.
Das von Vizekanzler Andreas Babler geführte Kulturministerium reagierte diplomatisch.
Die Finanzierung von Kunst und Kultur in Wien bleibe eine wichtige Frage. Die Tür für weitere Gespräche stehe offen.
Übersetzt aus Ministeriumsdeutsch:
Wir reden gerne weiter. Aber den Kultur-Euro könnt ihr erst einmal wieder einpacken.
Und plötzlich haben natürlich alle gewonnen
Kaum war der Kultur-Euro tot, begann das schönste Ritual der Politik:
Alle erklärten, warum ausgerechnet sie ihn verhindert haben.
Die Wiener ÖVP jubelte über den erfolgreichen Widerstand gegen die „Kultursteuer“.
Landesparteiobmann Markus Figl forderte gleich ein grundsätzliches Umdenken und kritisierte, angesichts der schwierigen Finanzlage könne die Antwort nicht darin bestehen, immer neue Gebühren und Abgaben zu erfinden.
Die FPÖ sah im Rückzug den Beweis für ein chaotisches Vorgehen der Stadtregierung.
Und auch die Grünen begrüßten das Aus.
Der Aufschrei aus der Kulturszene habe gewirkt, erklärte Kultursprecherin Ursula Berner.
Damit herrscht in Wien eine seltene politische Harmonie:
ÖVP zufrieden. FPÖ zufrieden. Grüne zufrieden. Kulturszene erleichtert.
Nur die neue Einnahmequelle fehlt.
Kleines Detail.
Denn das eigentliche Problem ist noch da
Und genau hier endet der lustige Teil.
Denn so leicht man sich über diese politische Episode amüsieren kann:
Die Frage, wie Wien seine außergewöhnlich große Kulturlandschaft langfristig finanziert, ist mit dem Ende des Kultur-Euro natürlich nicht beantwortet.
Theater kosten Geld.
Museen kosten Geld.
Orchester kosten Geld.
Kleine Bühnen kosten Geld.
Künstlerische Nischenprogramme kosten Geld.
Und wenn öffentliche Haushalte unter Druck geraten, wird irgendwann die unangenehme Frage gestellt:
Wer bezahlt das alles?
Der Steuerzahler?
Der Besucher?
Der Bund?
Die Stadt?
Sponsoren?
Oder alle gemeinsam?
Darüber kann und sollte man diskutieren.
Nur wäre es vielleicht hilfreich, beim nächsten Vorschlag vorher zu klären, wie hoch die Abgabe überhaupt sein soll.
Vielleicht braucht Wien beim nächsten Mal einen anderen Namen
Und falls die Stadt irgendwann einen neuen Anlauf unternimmt, hätten wir noch einen kostenlosen Kommunikationstipp.
Nennt eine Abgabe von möglicherweise 12,5 Prozent bitte nicht „Kultur-Euro“.
Der Bürger ist manchmal erstaunlich altmodisch.
Wenn irgendwo „Euro“ draufsteht, erwartet er tatsächlich ungefähr einen Euro.
Deshalb einige alternative Namensvorschläge:
Kultur-Zwölfeinhalbprozent.
Sehr ehrlich.
Oder:
Künstlerischer Ticketaufwertungsbeitrag.
Klingt sofort nach Verwaltung und verhindert jede unnötige Vorfreude.
Noch besser:
Temporärer solidarischer Kulturfinanzierungszuschlag.
Da weiß jeder sofort:
Der bleibt mindestens 30 Jahre.
Vorhang zu für den Kultur-Euro
So endet also das kurze Leben einer Wiener Abgabe.
Geboren als Idee.
Aufgewachsen zur Kontroverse.
Von der Kulturszene kritisiert.
Von der Opposition bekämpft.
Vom Bürgermeister persönlich beerdigt.
Und das alles, bevor abschließend geklärt war, ob der Kultur-Euro nun tatsächlich einen Euro oder vielleicht 12,5 Prozent kosten sollte.
Das muss man auch erst einmal schaffen.
Aber keine Sorge:
Die Wiener Kultur lebt weiter.
Mozart wird gespielt.
Das Burgtheater öffnet.
Im Konzerthaus gibt es weiterhin Musik.
Und der Besucher darf sein Ticket kaufen, ohne anschließend herausfinden zu müssen, wie groß ein Wiener Euro eigentlich ist.
Der Kultur-Euro ist tot.
Die Frage nach der Kulturfinanzierung lebt.
Und irgendwo im Wiener Rathaus sitzt vermutlich bereits jemand vor einem leeren Blatt Papier und schreibt:
„Neue Idee zur nachhaltigen Kulturfinanzierung …“
Wir hätten da nur eine kleine Bitte:
Wenn darin wieder das Wort „Abgabe“ vorkommt – vielleicht diesmal erst fertig rechnen und dann Pressemitteilung schreiben.


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