Straße von Hormus weitgehend dicht, also soll die Ost-West-Pipeline das Öl retten. Dummerweise haben Drohnen nun ausgerechnet dort zwei Pumpstationen beschädigt. Willkommen in der modernen Energiesicherheit.
Es gibt Pläne.
Es gibt Notfallpläne.
Und dann gibt es offenbar den Nahen Osten im Jahr 2026, wo man vorsichtshalber auch noch einen Notfallplan für den Notfallplan benötigt.
Saudi-Arabien besitzt dafür eigentlich ein beeindruckendes Stück Infrastruktur: eine rund 1.200 Kilometer lange Ost-West-Pipeline, betrieben vom staatlichen Ölkonzern Saudi Aramco.
Elf Pumpstationen.
Zwei Druckentlastungsstationen.
Quer durch die Arabische Halbinsel.
Die Idee dahinter ist momentan besonders wichtig: Wenn das Öl wegen des Iran-Krieges nicht zuverlässig durch die weitgehend blockierte Straße von Hormus kommt, schickt man es eben auf dem Landweg Richtung Rotes Meer.
Sehr vernünftig.
Leider haben Drohnen offenbar ebenfalls Infrastrukturpläne.
Zwei Pumpstationen beschädigt
Nach Angaben dreier Insider aus der Öl- und Sicherheitsbranche wurden bei dem Drohnenangriff in der vergangenen Woche zwei Pumpstationen beschädigt.
Wie schwer?
Unklar.
Wann repariert?
Ebenfalls unklar.
Saudi-Arabien hält sich mit Einzelheiten bislang zurück.
Das ist bei Öl-Infrastruktur ungefähr die Nachrichtenlage, die Börsenhändler besonders lieben:
Kaputt – aber wir sagen noch nicht genau wie kaputt.
Der Angriff hatte Saudi-Arabien bereits am Freitag gezwungen, die Pipeline vorübergehend stillzulegen.
Damit bekam ausgerechnet jene Route Probleme, die derzeit helfen soll, das wesentlich größere Problem an der Straße von Hormus zu umgehen.
Man könnte sagen:
Die Umleitung ist wegen einer Störung auf der Umleitungsstrecke beeinträchtigt.
Die Deutsche Bahn wäre stolz.
Wenn elf Pumpstationen plötzlich ziemlich wertvoll werden
Normalerweise klingt „elf Pumpstationen“ ungefähr so aufregend wie die technische Beschreibung einer Heizungsanlage.
Im Moment sind diese Pumpstationen allerdings strategisch ziemlich wichtig.
Denn die Ost-West-Verbindung soll Saudi-Arabien ermöglichen, Öl vom Persischen Golf Richtung Rotes Meer zu transportieren, ohne auf die Straße von Hormus angewiesen zu sein.
Und Hormus ist derzeit eben nicht irgendeine Wasserstraße.
Die Meerenge gehört zu den entscheidenden Nadelöhren des weltweiten Ölhandels.
Wenn dort wegen eines Krieges der Verkehr erheblich eingeschränkt ist, wird aus einer Pipeline quer durch die Wüste plötzlich eine Art Autobahn A1 des Weltölmarktes.
Und wenn auf dieser Autobahn zwei wichtige Pumpstationen getroffen werden, interessiert das nicht nur Riad.
Angriff soll aus dem Irak erfolgt sein
Nach saudischen Angaben erfolgte der Angriff aus dem Irak.
Mehr Klarheit über Verantwortliche, Ablauf und Schadensumfang gibt es bislang öffentlich offenbar nicht.
Deshalb sollte man mit voreiligen Schuldzuweisungen vorsichtig sein.
Fest steht nach den vorliegenden Informationen dagegen: Der Angriff war schwerwiegend genug, um eine vorübergehende Stilllegung der Pipeline auszulösen.
Und damit zeigt sich wieder einmal das Grundproblem moderner Energiepolitik.
Man kann Tanker schützen.
Man kann alternative Routen bauen.
Man kann Pipelines durch Wüsten legen.
Man kann elf Pumpstationen errichten.
Man kann Druckentlastungsstationen bauen.
Und irgendwann kommt jemand auf die ausgesprochen unangenehme Idee:
Dann greifen wir eben die Pipeline an.
Die Weltwirtschaft entdeckt die Wasserbett-Theorie
Das Ganze erinnert zunehmend an ein Wasserbett.
Drückt man an einer Stelle drauf, kommt das Problem an einer anderen hoch.
Hormus problematisch?
Pipeline benutzen.
Pipeline angegriffen?
Reparieren.
Und falls irgendwann auch das Rote Meer Schwierigkeiten macht, dürfte irgendwo bereits jemand über einer Landkarte sitzen und fragen:
„Haben wir eigentlich noch irgendwo einen freien Ausgang zum Mittelmeer?“
Für Verbraucher ist das allerdings weniger lustig.
Denn jede zusätzliche Unsicherheit bei wichtigen Öltransportwegen kann die Nervosität an den Energiemärkten erhöhen.
Und Nervosität auf dem Ölmarkt besitzt bekanntlich die unangenehme Eigenschaft, irgendwann an Tankstellen anzukommen.
Die teuerste Erkenntnis lautet: Es gibt keine sichere Umleitung
Die eigentliche Botschaft des Angriffs ist deshalb größer als zwei beschädigte Pumpstationen.
Saudi-Arabiens Ost-West-Pipeline existiert gerade auch deshalb, weil sie eine strategische Alternative zur Straße von Hormus bietet.
Doch eine alternative Route ist nicht automatisch eine sichere Route.
Das dürfte derzeit eine der ernüchterndsten Erkenntnisse dieses Konflikts sein.
Früher lautete die Rechnung:
Hormus dicht? Dann nehmen wir die Pipeline.
Heute muss man offenbar ergänzen:
Sofern die Pipeline funktioniert.
Und sofern die Pumpstationen funktionieren.
Und sofern niemand Drohnen schickt.
Und sofern am Roten Meer alles ruhig bleibt.
Sehr viele „sofern“ für einen Rohstoff, von dem die Weltwirtschaft noch immer ziemlich abhängig ist.
Saudi Aramco hat elf Pumpstationen.
Zwei davon wurden nach den vorliegenden Berichten beschädigt.
Wann sie wieder vollständig funktionieren, ist bislang unklar.
Immerhin wissen wir jetzt:
Auch die Umgehungsstraße um die Krise kann mitten in der Krise plötzlich eine Baustelle bekommen.
Fehlt eigentlich nur noch das Schild:
„Ölmarkt – bitte folgen Sie der ausgeschilderten Umleitung.“


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