Hohe Zinsen, hohes Risiko: Was hinter neuen Investmentangeboten in Österreich steckt

Hohe Zinsen, hohes Risiko: Was hinter neuen Investmentangeboten in Österreich steckt

Veröffentlicht

Sonntag, 06.09.2026
von Red. TB

9,25 Prozent Zinsen, zweistellige Sachrenditen und grüne Zukunftsprojekte: Österreichischen Anlegern werden derzeit Investments angeboten, die auf den ersten Blick deutlich attraktiver erscheinen als klassische Sparprodukte. Doch hinter den Versprechen stehen häufig Nachrangdarlehen, junge Geschäftsmodelle und erhebliche Ausfallsrisiken. Parallel warnt die Finanzmarktaufsicht vor einer Reihe nicht konzessionierter Anbieter. Eine Analyse aktueller Angebote zeigt, wie groß die Lücke zwischen Werbebotschaft und tatsächlicher Risikostruktur sein kann.**

Wien – Wer derzeit nach Rendite sucht, findet schnell Angebote, die klassische Bankprodukte weit hinter sich lassen. Mehr als acht Prozent Zinsen pro Jahr, in manchen Fällen sogar zweistellige Renditen, werden Anlegern in Aussicht gestellt. Die Projekte klingen modern: Ladeinfrastruktur, Batteriespeicher, erneuerbare Energie.

Doch hohe Rendite gibt es nicht ohne Gegenleistung. Und diese Gegenleistung besteht in vielen Fällen aus einem erheblichen Risiko, das Anleger tragen müssen.

Besonders auffällig ist, wie sicher manche Angebote sprachlich erscheinen können, obwohl die rechtliche Konstruktion alles andere als sicher ist. Begriffe wie „Fixzins“ suggerieren Planbarkeit. Doch ein fixer Zinssatz bedeutet nicht automatisch eine sichere Rückzahlung.

Im Zentrum stehen derzeit unter anderem drei Angebote: PAYUCA, FlexHome.Energy und die Kapitalerhöhung der oekostrom AG. Sie unterscheiden sich deutlich – sowohl wirtschaftlich als auch rechtlich.

PAYUCA: 9,25 Prozent Zins – aber Anleger stehen hinten

PAYUCA betreibt ein digitales System für Garagenparkplätze und Ladeinfrastruktur. Das Unternehmen will private Stellplätze zugänglich machen und die Ladeinfrastruktur in Wohn- und Gewerbeimmobilien ausbauen.

Für Anleger klingt das Modell zunächst attraktiv. Über eine Crowdinvesting-Kampagne wurden 9,25 Prozent Geldzins pro Jahr beziehungsweise alternativ 12,25 Prozent Sachzins in Aussicht gestellt.

Solche Renditen liegen weit über dem, was Anleger bei klassischen Sparprodukten erwarten können.

Der entscheidende Punkt steht jedoch nicht im Zinssatz, sondern in der Struktur des Investments.

Bei vergleichbaren Crowdinvesting-Angeboten handelt es sich häufig um qualifizierte Nachrangdarlehen. Anleger sind damit keine klassischen Kreditgeber mit voller Gläubigerposition. Gerät das Unternehmen in wirtschaftliche Schwierigkeiten, kann ihre Forderung hinter anderen Gläubigern zurückstehen.

Im Insolvenzfall werden zuerst bevorrechtete und normale Gläubiger bedient. Für Nachranggläubiger kann am Ende wenig oder gar nichts übrig bleiben.

Auch Zinszahlungen können unter Umständen ausgesetzt werden, wenn sie die finanzielle Stabilität des Unternehmens gefährden würden.

Der vermeintliche „Fixzins“ ist damit wirtschaftlich nur so belastbar wie das Unternehmen selbst.

Das Risiko besteht also nicht darin, dass der Zinssatz schwankt. Das Risiko besteht darin, dass Anleger ihre Zinsen – und im schlimmsten Fall ihr Kapital – gar nicht erhalten.

PAYUCA verfügt zwar über ein bestehendes operatives Geschäft und eine wachsende Zahl an Standorten und Nutzern. Trotzdem bleibt das Investment stark vom weiteren Wachstum abhängig. Neue Garagen müssen erschlossen, Ladepunkte installiert, Verträge mit Immobilienpartnern gehalten und das Geschäftsmodell profitabel skaliert werden.

Die hohe Verzinsung ist deshalb nicht als Geschenk an Anleger zu verstehen. Sie ist der Preis dafür, dass Anleger erhebliches unternehmerisches Risiko übernehmen.

 FlexHome.Energy: staatliche Förderung ist keine Anlegergarantie

Noch stärker zeigt sich dieser Mechanismus beim Energie-Startup FlexHome.Energy.

Das Unternehmen will Batteriespeicher privater Haushalte digital zusammenschalten und daraus große virtuelle Speicherverbünde bilden. Energieversorger sollen diese Speicherkapazitäten nutzen können, um Stromnetze auszugleichen und Energie effizienter zu verteilen.

Das Geschäftsmodell passt perfekt in den Zeitgeist: Energiewende, Batteriespeicher, Digitalisierung.

Zusätzlich verweist das Unternehmen auf umfangreiche Fördermittel und Kooperationen mit Energieversorgern.

Für Anleger wurden zunächst Zinsen von 9,25 Prozent pro Jahr genannt, später 8,25 Prozent.

Doch auch hier stellt sich eine entscheidende Frage: Was genau sagt eine staatliche Förderung über das Risiko eines privaten Investments aus?

Wenig.

Förderungen können ein Projekt finanzieren und die technologische Entwicklung unterstützen. Sie bedeuten jedoch nicht, dass der Staat für private Anleger haftet. Sie sind keine Garantie für Zinszahlungen und keine Garantie für die Rückzahlung des eingesetzten Kapitals.

Das zentrale Risiko liegt in der Skalierung.

Ein technologisch funktionierendes Pilotprojekt ist noch kein profitables Unternehmen. FlexHome.Energy muss beweisen, dass sich seine Technologie großflächig einsetzen lässt, dass genügend Haushalte teilnehmen, dass Energieversorger dauerhaft bereit sind zu zahlen und dass das Geschäftsmodell auch bei veränderten Energiepreisen und regulatorischen Rahmenbedingungen funktioniert.

Das Investment hat damit typische Merkmale einer Venture-Capital-Wette – allerdings in einer Form, die auch Kleinanlegern zugänglich ist.

Der Unterschied zu professionellen Venture-Capital-Investoren ist erheblich: Diese verteilen ihr Kapital häufig auf zahlreiche Startups und kalkulieren ein, dass mehrere davon scheitern werden.

Private Anleger investieren dagegen oft nur in wenige Projekte.

Ein einzelner Ausfall kann sie daher deutlich härter treffen.

## Oekostrom: weniger exotisch, aber keineswegs risikolos

Die Kapitalerhöhung der oekostrom AG unterscheidet sich fundamental von diesen Crowdinvesting-Modellen.

Hier gewähren Anleger kein Nachrangdarlehen. Sie kaufen Aktien und werden Eigentümer eines Unternehmens.

Das bedeutet jedoch nicht, dass das Investment sicher ist.

Aktionäre haben keinen Anspruch darauf, ihr eingesetztes Kapital zu einem bestimmten Zeitpunkt zurückzuerhalten. Sie tragen unmittelbar das unternehmerische Risiko.

Bei oekostrom kommt ein weiteres Problem hinzu: Die Aktien sind nicht regulär an einer Börse notiert.

Wer seine Beteiligung wieder verkaufen möchte, ist daher stärker davon abhängig, einen Käufer zu finden.

Das Liquiditätsrisiko ist erheblich.

Bei börsennotierten Aktien können Anleger meist innerhalb von Sekunden verkaufen. Bei nicht börsennotierten Beteiligungen kann ein Verkauf schwieriger sein. Selbst wenn Käufer vorhanden sind, muss der erzielbare Preis nicht dem ursprünglichen Kaufpreis entsprechen.

Die wirtschaftliche Situation unterscheidet sich dennoch deutlich von einem jungen Startup.

Oekostrom ist seit Jahren operativ tätig, produziert und verkauft Strom und verfügt über bestehende Anlagen und Kunden.

Damit ist das Geschäftsmodell leichter überprüfbar.

Das Risiko bleibt jedoch bestehen: Strompreise können schwanken, Investitionskosten steigen, Projekte können sich verzögern, regulatorische Bedingungen können sich ändern.

Auch eine Aktie eines etablierten Energieunternehmens kann an Wert verlieren.

Der gefährlichste Begriff lautet „Fixzins“

Die Analyse der aktuellen Angebote zeigt ein grundsätzliches Problem des alternativen Kapitalmarktes.

Anleger orientieren sich häufig zuerst an der Rendite.

8,25 Prozent.

9,25 Prozent.

12,25 Prozent Sachzins.

Solche Zahlen bleiben hängen.

Doch die entscheidenden Informationen stehen meist an anderer Stelle: Nachrang, Laufzeit, Kündigungsmöglichkeiten, Verlustbeteiligung, Insolvenzrisiko und fehlende Einlagensicherung.

Der Begriff „Fixzins“ verdient dabei besondere Aufmerksamkeit.

Er beschreibt lediglich, wie hoch ein Zins sein soll, wenn er bezahlt wird.

Er sagt nichts darüber aus, ob das Unternehmen wirtschaftlich in der Lage sein wird, diesen Zins tatsächlich zu zahlen.

Ein Nachrangdarlehen mit neun Prozent Fixzins kann deshalb deutlich riskanter sein als eine Aktie, deren Dividende überhaupt nicht garantiert wird.

Das klingt paradox, ist aber finanzwirtschaftlich logisch.

Entscheidend ist nicht die Bezeichnung des Ertrags.

Entscheidend ist die Position des Anlegers, wenn etwas schiefgeht.

Warum Unternehmen überhaupt neun Prozent zahlen

Eine einfache Frage wird bei solchen Angeboten erstaunlich selten gestellt:

Warum zahlt ein Unternehmen privaten Anlegern neun Prozent oder mehr?

Unternehmen mit sehr guter Bonität können sich normalerweise deutlich günstiger finanzieren.

Je höher der verlangte Zinssatz, desto stärker deutet das in der Regel darauf hin, dass entweder das Geschäftsrisiko höher ist, Sicherheiten fehlen oder günstigere Finanzierungsquellen nicht ausreichend verfügbar sind.

Ein hoher Zins ist deshalb nicht nur Rendite.

Er ist zugleich ein Risikosignal.

Anleger sollten sich fragen, warum ihnen ein Unternehmen einen Zinssatz anbietet, den eine Bank für einen vergleichbaren Kredit möglicherweise nicht akzeptieren würde.

Parallel warnt die FMA vor dubiosen Investmentanbietern

Während reguläre Crowdinvesting-Angebote zumindest mit dokumentierten Risikohinweisen arbeiten, existiert daneben ein deutlich gefährlicherer Markt.

Die österreichische Finanzmarktaufsicht FMA veröffentlicht regelmäßig Warnungen vor Unternehmen, die Finanz- oder Wertpapierdienstleistungen anbieten, ohne über die notwendige Berechtigung zu verfügen.

In den vergangenen Wochen warnte die Behörde unter anderem vor Anbietern, die unter Namen wie Gutmann Strategies, Primary Markets, Capital Equity Markets oder verschiedenen Krypto- und Tradingmarken auftreten.

In solchen Fällen geht es nicht mehr nur um die Frage, ob ein Investment wirtschaftlich riskant ist.

Es geht um die Frage, ob der Anbieter überhaupt berechtigt ist, diese Dienstleistung in Österreich anzubieten.

Für Anleger ist dieser Unterschied entscheidend.

Ein reguliertes Hochrisikoinvestment kann Geld verlieren.

Ein Investment bei einem nicht konzessionierten Anbieter kann zusätzlich bedeuten, dass Anleger kaum nachvollziehen können, wer tatsächlich hinter dem Angebot steht, wo ihr Geld landet und welche rechtlichen Möglichkeiten im Streitfall bestehen.

 Renditewerbung trifft auf Finanzwissen

Das eigentliche Problem liegt deshalb möglicherweise weniger in einzelnen Unternehmen als im Markt selbst.

Crowdinvesting demokratisiert Unternehmensfinanzierung. Kleine Anleger können in Projekte investieren, die früher professionellen Investoren vorbehalten waren.

Doch mit dieser Demokratisierung wird auch das Risiko demokratisiert.

Ein professioneller Investor analysiert Bilanz, Cashflow, Fremdkapitalstruktur, Sicherheiten, Seniorität der Forderungen und Ausfallswahrscheinlichkeit.

Privatanleger sehen dagegen oft zuerst ein Projektvideo, eine Renditezahl und eine Vision.

Genau hier entsteht eine gefährliche Informationsasymmetrie.

Das Unternehmen weiß, warum es Kapital benötigt.

Die Plattform kennt die Vertragsstruktur.

Der Anleger sieht eine Prozentzahl.

Drei Angebote, drei sehr unterschiedliche Risiken

Unter den aktuell untersuchten Angeboten erscheint die oekostrom-Kapitalerhöhung strukturell am transparentesten.

Der Anleger wird Aktionär eines bestehenden Unternehmens. Das Investment bleibt riskant, ist aber wirtschaftlich leichter einzuordnen.

PAYUCA liegt deutlich höher auf der Risikoskala. Das Geschäftsmodell ist zwar bereits am Markt, das Nachrangrisiko und der hohe Kapitalbedarf erhöhen jedoch die Gefahr für Anleger.

FlexHome.Energy trägt zusätzlich klassisches Startup- und Skalierungsrisiko.

Die Reihenfolge nach Risiko lautet daher:

**oekostrom AG – erhöhtes Risiko.**

**PAYUCA – sehr hohes Risiko.**

**FlexHome.Energy – sehr hohes bis spekulatives Risiko.**

Diese Einordnung ist keine Aussage darüber, welches Unternehmen erfolgreich sein wird.

Ein Hochrisikoinvestment kann sehr erfolgreich sein.

Ein vermeintlich konservatives Investment kann scheitern.

Entscheidend ist eine andere Frage: Wird der Anleger für das übernommene Risiko ausreichend bezahlt – und versteht er überhaupt, welches Risiko er übernimmt?

Die Rendite ist nicht die wichtigste Zahl

Wer ein Investment mit acht, neun oder mehr Prozent Zinsen prüft, sollte deshalb nicht mit der Rendite beginnen.

Die erste Frage sollte lauten:

**Was passiert mit meinem Geld, wenn das Unternehmen in Schwierigkeiten gerät?**

Erst danach kommen Zinssatz, Geschäftsmodell und Wachstumschancen.

Denn die wichtigste Zahl in einem Investmentangebot ist nicht immer jene, die am größten gedruckt wird.

Manchmal ist es die Zahl, die gar nicht prominent beworben wird:

**100 Prozent möglicher Kapitalverlust.**

*Stand: 6. September 2026. Der Bericht stellt keine Anlageberatung dar. Die Risikoeinstufungen sind journalistische Bewertungen anhand von Kapitalstruktur, Unternehmensreife, Liquidität und möglichen Verlustszenarien.*

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stevepb (CC0), Pixabay

von Autor: Red. TB
am: Sonntag, 06.09.2026

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