„Für uns eine Kleinigkeit“ – wenn Weltpolitik plötzlich klingt wie ein Kratzer am Mietwagen
US-Präsident Donald Trump hat eine bemerkenswerte neue Kategorie der internationalen Politik eingeführt:
den Krieg, der eigentlich gar kein richtiger Krieg ist.
Bei einer Pressekonferenz im Oval Office erklärte Trump den Konflikt mit dem Iran sinngemäß zur überschaubaren Angelegenheit.
„Ich nenne es einen militärischen Konflikt, weil es für uns eine Kleinigkeit ist. Es ist keine große Sache“, sagte der Präsident.
Das ist insofern interessant, als normalerweise Dinge wie kaputte Kaffeemaschinen, verspätete Pakete oder ein Kratzer am Auto als „Kleinigkeit“ bezeichnet werden.
Ein Krieg eher selten.
18 tote Soldaten – aber dafür läuft es im Weltall
Als eine Journalistin Trump fragte, ob 18 getötete US-Soldaten ebenfalls unter die Kategorie „Kleinigkeit“ fallen, reagierte der Präsident zunächst mit einer bemerkenswerten thematischen Ausweichbewegung.
Er sprach über das Weltall.
Die USA seien dort „mit großem Abstand“ führend.
Was natürlich grundsätzlich erfreulich sein mag.
Nur war die Frage eine andere.
Es ist ungefähr so, als würde jemand fragen:
„Warum brennt Ihr Haus?“
Und die Antwort lautet:
„Dafür haben wir den schönsten Garten der Straße.“
Später korrigierte Trump seine Aussage zumindest teilweise und erklärte:
„Wir haben 18 großartige Menschen verloren (…) und einer ist schon einer zu viel.“
Damit war aus der „Kleinigkeit“ zumindest kurzzeitig wieder etwas geworden, das offenbar doch nicht ganz so klein war.
Das Weiße Haus entdeckt neue Begriffe
Auch Vizepräsident JD Vance scheint mit dem Begriff „Krieg“ gewisse Schwierigkeiten zu haben.
Bei einem Pressebriefing erklärte er:
„Ich würde es nicht als Krieg bezeichnen.“
Seine Begründung:
Derzeit gebe es keine Kampfhandlungen.
Das ist sprachlich durchaus kreativ.
Denn nach dieser Logik wäre ein Fußballspiel während der Halbzeitpause ebenfalls kein Fußballspiel mehr.
Oder eine Ehe wäre nachts keine Ehe, weil gerade niemand miteinander diskutiert.
Man könnte also festhalten:
Die Vereinigten Staaten befinden sich möglicherweise in einem Krieg, der offiziell lieber „militärischer Konflikt“ genannt wird und in den Pausen offenbar kurzzeitig gar nicht existiert.
Seit Februar Krieg – aber bitte nicht so nennen
Dabei hatten die USA Ende Februar gemeinsam mit Israel militärische Operationen gegen den Iran begonnen.
In den folgenden Monaten griff das US-Militär immer wieder iranische Ziele an.
Normalerweise würden Historiker irgendwann auf die Idee kommen, für so etwas einen relativ kurzen Begriff zu verwenden.
Zum Beispiel:
Krieg.
Im Weißen Haus scheint man jedoch inzwischen eher die Marketingabteilung gefragt zu haben.
Denn „militärischer Konflikt“ klingt natürlich angenehmer.
Fast wie:
„regionale Unstimmigkeit mit gelegentlichem Raketenverkehr“.
In zwei Monaten sind Wahlen
Dass die Regierung sprachlich etwas vorsichtiger wird, könnte auch einen innenpolitischen Grund haben.
In rund zwei Monaten stehen die wichtigen Zwischenwahlen, die sogenannten Midterms, bevor.
Und Kriege besitzen eine unangenehme Eigenschaft:
Sie sind meistens teuer.
Noch unangenehmer wird es, wenn gleichzeitig Energiepreise steigen.
Die Straße von Hormus ist weiterhin faktisch blockiert, was den internationalen Ölhandel erheblich belastet.
Viele Amerikaner bekommen die Folgen inzwischen an Tankstellen und bei anderen Preisen zu spüren.
Und bekanntlich hat der Durchschnittswähler eine erstaunliche Fähigkeit:
Er kann internationale Geopolitik ziemlich lange ignorieren.
Bis der Benzinpreis steigt.
Dann wird aus Außenpolitik sehr schnell Innenpolitik.
Wahlkampfregel Nummer eins: Gib dem Problem einen kleineren Namen
Politisch ist die Strategie durchaus nachvollziehbar.
Wenn ein Problem groß wirkt, gibt man ihm einfach einen kleineren Namen.
Krieg?
Nein.
Militärischer Konflikt.
Energiekrise?
Vielleicht eher:
vorübergehende Preisbewegung mit internationalem Hintergrund.
Gefallene Soldaten?
Eine Tragödie – aber gleichzeitig möchte man betonen, wie erfolgreich alles läuft.
Und schlechte Umfragewerte?
Vermutlich:
temporäre Abweichung der öffentlichen Wahrnehmung.
So funktioniert Politik manchmal.
Das Problem verschwindet nicht.
Aber die Überschrift wird freundlicher.
„Keine große Sache“
Trumps Satz „Es ist keine große Sache“ dürfte allerdings noch eine Weile für Diskussionen sorgen.
Denn Präsidenten werden nicht nur daran gemessen, welche Entscheidungen sie treffen.
Sondern auch daran, wie sie über deren Konsequenzen sprechen.
18 tote Soldaten lassen sich schwer mit dem Begriff „Kleinigkeit“ vereinbaren.
Auch dann nicht, wenn die Vereinigten Staaten militärisch überlegen sind.
Und schon gar nicht für die Familien der Getöteten.
Hier endet irgendwann die politische Inszenierung.
Weltmacht mit Wortfindungsstörung
Vielleicht besitzt Washington derzeit also weniger ein militärisches als ein sprachliches Problem.
Die Vereinigten Staaten kämpfen gegen Iran.
Aber Krieg soll es nicht heißen.
Es gibt Tote.
Aber der Konflikt sei eine Kleinigkeit.
Es gibt steigende Energiepreise.
Aber die Regierung möchte gleichzeitig Stärke vermitteln.
Und mitten in dieser Situation steht ein Präsident, der auf die Frage nach gefallenen Soldaten zunächst erklärt, dass Amerika im Weltall führend sei.
Man muss Donald Trump eines lassen:
Vorhersehbar sind seine Pressekonferenzen selten.
Vielleicht braucht es bald ein neues Wörterbuch
Sollte diese Entwicklung weitergehen, könnte das Weiße Haus möglicherweise ein eigenes außenpolitisches Wörterbuch veröffentlichen.
Krieg:
Militärischer Meinungsaustausch.
Raketenangriff:
Beschleunigte diplomatische Kommunikation.
Energiekrise:
Marktbedingte Tankstellenherausforderung.
Gefallene Soldaten:
Selbstverständlich tragischer Verlust.
Blockierte Handelsroute:
Vorübergehend eingeschränkte maritime Bewegungsfreiheit.
Midterms:
Moment, an dem Wähler plötzlich sehr genau auf den Benzinpreis schauen.
Und falls alles andere nicht funktioniert, bleibt immer noch das Weltall.
Denn dort, so hat der Präsident versichert, liegen die Vereinigten Staaten schließlich „mit großem Abstand“ vorne.
Das hilft zwar möglicherweise nicht an der Straße von Hormus.
Aber immerhin klingt es gut.


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