Die Insolvenzwelle in Österreich ist keineswegs vorbei.
Allein seit Beginn dieser Woche wurden bei den österreichischen Insolvenzgerichten zahlreiche neue Verfahren eröffnet. Rechnet man ausschließlich Unternehmen und andere betriebliche Rechtsträger und lässt sämtliche Privatinsolvenzen sowie Verfahren gegen natürliche Personen außen vor, ergeben sich für den Zeitraum vom 1. bis 4. September rund 40 neue Unternehmensfälle.
Besonders ins Gewicht fallen dabei drei Entwicklungen: die Insolvenz dreier Gesellschaften der traditionsreichen Pollmann-Gruppe, der neuerliche Zusammenbruch des Fahrradherstellers 2Rad Produktions – früher Simplon – sowie die Insolvenz der traditionsreichen Rohrbacher Schlosswarenfabrik Grundmann in Niederösterreich.
Die vollständige Unternehmensliste nach Eröffnungstag:
- 1. September 2026 – 9 Unternehmen: Byotrend GmbH in Liqu. aus Steyr; Punkt – Architektur – Technik & Energie GmbH aus Gerasdorf; Pollmann International GmbH aus Karlstein an der Thaya; Pollmann Werkzeugbau GmbH aus Karlstein an der Thaya; KREUZFISCH Handels GmbH aus Wien; Reihergraben Immobilien GmbH & Co KG aus Wien; Pollmann Austria GmbH aus Karlstein an der Thaya; XServ GmbH aus Leonding sowie CMG Car KG aus Wien. 2. September 2026 – 17 Unternehmen: TTPH GmbH trade technical plastics Halper aus Inzersdorf ob der Traisen; 2Rad Produktions GmbH aus Hard; EV R&C Immo GmbH aus Graz; ALL Dachprofile GmbH aus Graz; JEMADA GmbH aus Straß in der Steiermark; Heavy Tools Clothing Division u. Equipment Handels GmbH in Liqu. aus Großsteinbach; Burgenstein Feinkost GmbH aus Wien; business versicherungsmakler GmbH aus Graz; My Stars Projektmanagement GmbH aus Ebenthal; Carpo GmbH aus Dornbirn; WPT GmbH aus Poggersdorf; TU Logistik HUB GmbH aus Wien; Quellenweg 25 Liegenschaftsvermietung GmbH aus Wien; ks-trockenbau-innenausbau GmbH aus Dornbirn; Renox Solutions GmbH aus Wien; Riml GmbH & Co KG aus Hall in Tirol sowie Riml Verwaltungs GmbH aus Hall in Tirol. 3. September 2026 – 11 Unternehmen beziehungsweise betriebliche Rechtsträger: ZS Consulting GmbH; NPC-New Power Constructions GmbH; Architekt Goltnik ZT-GmbH; MDAM TRANSPORT GmbH; Wirtschaftsverein BWF Bau Wirtschaftsförderung; Aquadrat Dach GmbH; Ingenieurbüro Zischka GesmbH Technisches Büro für Kulturtechnik; A.L.F. Dachsystembau GmbH; Ordea Service GmbH; Tonerexpert GmbH sowie F.B. Bauunternehmen Ges.m.b.H. 4. September 2026 – 3 Unternehmen: Gasthaus Föhrenhain GmbH aus Gerasdorf bei Wien; Cafe Ansari Restaurant Betriebs-GmbH aus Wien sowie Rohrbacher Schlosswarenfabrik Wilh. Grundmann Gesellschaft m.b.H. aus Hainfeld.
Pollmann: Drei Gesellschaften eines Traditionskonzerns gleichzeitig betroffen
Der wirtschaftlich wohl auffälligste Fall zu Wochenbeginn ist die Pollmann-Gruppe aus dem niederösterreichischen Karlstein.
Gleich drei Gesellschaften mussten Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung beantragen: Pollmann International, Pollmann Austria und Pollmann Werkzeugbau.
Pollmann ist kein kleiner Betrieb, der erst gestern gegründet wurde. Die Unternehmensgeschichte reicht rund 130 Jahre zurück. Die Gruppe ist international als Zulieferer für die Automobilindustrie tätig.
Entsprechend groß sind die finanziellen Dimensionen.
Bei Pollmann International werden die Passiva laut Schuldnerangaben mit rund 32,1 Millionen Euro angegeben. Pollmann Austria kommt auf etwa 34,3 Millionen Euro, Pollmann Werkzeugbau auf weitere 7,5 Millionen Euro.
Zusammengerechnet stehen damit Verbindlichkeiten von rund 73,9 Millionen Euro im Raum.
Betroffen sind bei den drei Gesellschaften zusammen Hunderte Gläubiger. Pollmann Werkzeugbau allein beschäftigt 57 Mitarbeiter. Als wesentliche Ursache nennt die Gruppe die Absatzkrise in der internationalen Automobilzulieferindustrie.
Alle drei Gesellschaften wollen saniert und fortgeführt werden. Den Gläubigern wird jeweils eine Quote von 20 Prozent innerhalb von zwei Jahren angeboten.
Der Fall ist damit auch ein weiteres Warnsignal aus jener Industrie, die für Österreich besonders wichtig ist.
Die Schwierigkeiten der europäischen Autohersteller erreichen längst deren Zulieferer.
Simplon-Nachfolger schon wieder insolvent
Fast ebenso bemerkenswert ist der Fall der 2Rad Produktions GmbH in Hard in Vorarlberg.
Hinter dem eher nüchternen Firmennamen verbirgt sich die frühere Simplon Fahrrad GmbH beziehungsweise deren Produktionsgeschäft.
Das Unternehmen beantragte am 2. September ein Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung.
Und die Zahlen sind erheblich.
Die Passiva werden mit rund 33,4 Millionen Euro angegeben. Rund 150 Gläubiger sind betroffen, außerdem 54 Arbeitnehmer.
Besonders bitter: Es handelt sich nicht um den ersten Sanierungsversuch.
Nach Darstellung des Unternehmens erwiesen sich unter anderem übernommene Warenbestände nach einer früheren Insolvenz als unzureichend. Fehlende Teile hätten die Fertigstellung und Auslieferung von Fahrrädern behindert. Dadurch seien Aufträge und Folgeaufträge verloren gegangen und die Liquidität weiter unter Druck geraten.
Von den rund 33,4 Millionen Euro Verbindlichkeiten entfallen etwa 28,3 Millionen auf Forderungen aus dem früheren Sanierungsverfahren, die nun wieder aufleben.
Auch 2Rad will einen Sanierungsplan mit einer Quote von 20 Prozent innerhalb von zwei Jahren vorlegen.
Damit erlebt einer der bekanntesten Namen der österreichischen Fahrradindustrie erneut eine existenzielle Krise.
Dachbranche ebenfalls unter Druck
Mit der ALL Dachprofile GmbH aus Graz findet sich ein weiterer produzierender beziehungsweise baunaher Betrieb unter den größeren Insolvenzfällen dieser Woche.
Das Unternehmen meldete Zahlungsunfähigkeit und befindet sich seit dem 2. September in einem Sanierungsverfahren.
Nach Angaben des AKV sind rund 160 Gläubiger mit Forderungen von ungefähr 919.000 Euro betroffen. Das Unternehmen beschäftigt 16 Mitarbeiter, darunter vier Lehrlinge.
Die Firma soll weitergeführt werden. Geplant ist ebenfalls eine Sanierungsquote von 20 Prozent innerhalb von zwei Jahren.
Überhaupt fällt bei der aktuellen Insolvenzliste auf, wie häufig Bau, Ausbau, Immobilien und baunahe Dienstleistungen vertreten sind.
Von Dachsystemen und Trockenbau über Immobiliengesellschaften bis zu klassischen Bauunternehmen zieht sich diese Branche durch mehrere der neu eröffneten Verfahren.
Auch Handel und Gastronomie bleiben anfällig
Daneben bleibt der österreichische Handel unter Druck.
Bei der Burgenstein Feinkost GmbH aus Wien wurde am 2. September ein Konkursverfahren eröffnet. Nach Angaben des AKV stehen Forderungen von rund 70.000 Euro bei 21 Gläubigern im Raum.
Anders als bei mehreren Sanierungsfällen ist hier keine Fortführung geplant. Das Unternehmen soll geschlossen werden.
Auch die Gastronomie taucht erneut in der Insolvenzstatistik auf.
Am Freitag wurde beispielsweise über die Cafe Ansari Restaurant Betriebs-GmbH in der Wiener Praterstraße ein Konkursverfahren eröffnet. Das Unternehmen betreibt ein Restaurant und besteht seit 2011. Das Verfahren wurde auf Antrag eines Gläubigers eröffnet.
Ebenfalls am 4. September traf es die Gasthaus Föhrenhain GmbH in Gerasdorf bei Wien.
Grundmann: Traditionsbetrieb mit 63 Beschäftigten kämpft ums Überleben
Der prominenteste neue Fall vom Freitag ist jedoch die Rohrbacher Schlosswarenfabrik Wilh. Grundmann Gesellschaft m.b.H. in Hainfeld.
Der niederösterreichische Traditionsbetrieb stellt Türschlösser, Beschläge und Komponenten für Türen und Fenster her.
63 Beschäftigte sind betroffen.
Nach Angaben der Gläubigerschutzverbände stehen Aktiva von mehr als 7,7 Millionen Euro Passiva von mehr als 9,5 Millionen Euro gegenüber.
Damit beträgt die rechnerische Überschuldung etwa 1,8 Millionen Euro.
Als Ursachen werden unter anderem stark gestiegene Lohn- und Energiekosten genannt. Hinzu kamen Probleme beim Bau einer Produktionshalle, die zu gerichtlichen Auseinandersetzungen geführt haben sollen.
Anders als bei einem reinen Konkurs soll das Unternehmen fortgeführt werden. Grundmann bietet seinen Gläubigern einen Sanierungsplan von 20 Prozent, zahlbar innerhalb von zwei Jahren, an. Das Landesgericht St. Pölten eröffnete am 4. September ein Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung.
Vom Immobilienunternehmen bis zum Tonerhändler
Die Liste zeigt zugleich, dass die Insolvenzen keineswegs nur eine einzelne Branche treffen.
Unter den Unternehmen befinden sich Immobiliengesellschaften wie EV R&C Immo oder Quellenweg 25 Liegenschaftsvermietung, Logistikunternehmen wie TU Logistik HUB und MDAM Transport, IT- und Technikfirmen wie XServ oder Renox Solutions, Handelsbetriebe, Projektentwickler und Handwerksunternehmen.
Auch die Tonerexpert GmbH, die A.L.F. Dachsystembau GmbH, das Ingenieurbüro Zischka und die F.B. Bauunternehmen Ges.m.b.H. kamen am 3. September hinzu.
Damit zeigt sich das inzwischen bekannte Muster der österreichischen Insolvenzentwicklung:
Es gibt nicht den einen großen Auslöser.
Viele Betriebe kämpfen gleichzeitig mit hohen Personal- und Energiekosten, hohen Finanzierungskosten, schwacher Nachfrage und zurückhaltenden Investitionen.
Der KSV1870 hatte bereits für das erste Halbjahr 2026 3.449 Unternehmensinsolvenzen gezählt. Das entspricht durchschnittlich knapp 19 Firmenpleiten pro Tag. Handel, Bau sowie Gastronomie und Beherbergung waren für 43 Prozent sämtlicher Firmeninsolvenzen verantwortlich.
40 Unternehmensfälle in vier Gerichtstagen
Unterm Strich ergibt sich damit für die ersten vier Septembertage folgendes Bild:
9 Unternehmensverfahren am 1. September, 17 am 2. September, 11 am 3. September und 3 am 4. September.
Das macht zusammen 40 Unternehmen und betriebliche Rechtsträger.
Die zusätzlich veröffentlichten Insolvenzverfahren gegen natürliche Personen habe ich bewusst nicht berücksichtigt.
Für Samstag, den 5. September, waren am frühen Morgen noch keine neuen Firmeninsolvenzen in der aktuellen KSV-Aufstellung ersichtlich; die jüngsten dort angeführten Verfahren stammen vom 4. September.
Die eigentliche Nachricht liegt deshalb weniger in der nackten Zahl als in der Zusammensetzung.
Mit Pollmann trifft es einen international tätigen Autozulieferer.
Mit 2Rad beziehungsweise Simplon einen bekannten Fahrradproduzenten.
Mit Grundmann einen traditionsreichen Industriebetrieb.
Daneben geraten zahlreiche kleinere Unternehmen aus Bau, Gastronomie, Immobilien, Logistik und Handel in Schwierigkeiten.
Österreichs Insolvenzgeschehen bleibt damit auch im September auf einem hohen Niveau.
Von einer großen Entwarnung für die heimische Wirtschaft kann jedenfalls noch keine Rede sein.


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