Wer gehofft hatte, dass sich der Konflikt zwischen den USA und dem Iran langsam beruhigt, bekommt derzeit eine eher ernüchternde Antwort:
Nein.
Die US-Armee hat nach eigenen Angaben erneut Ziele im Iran angegriffen. Begründet wurden die Attacken mit mutmaßlichen iranischen Angriffsversuchen auf Handelsschiffe in der Straße von Hormus sowie auf US-Soldaten in der Region.
Teheran wiederum soll nach iranischen Medienberichten mit Raketen- und Drohnenangriffen auf US-Stützpunkte reagiert haben.
Das bekannte Prinzip lautet inzwischen offenbar:
Du greifst mich an, weil ich dich angegriffen habe, nachdem du mich angegriffen hast, weil ich vorher angeblich dich angreifen wollte.
Internationale Diplomatie für Fortgeschrittene.
Explosionen im Süden des Iran
Iranische Staatsmedien berichteten über mehrere Explosionen auf der Insel Keschm sowie in Bandar Abbas, Tschabahar, Dschask und Sirik.
Besonders schwer wiegt eine bislang nicht unabhängig überprüfbare iranische Darstellung:
Bei einem US-Luftangriff soll in Kuhestak ein Haus getroffen worden sein, in dem eine Hochzeitsfeier stattfand. Der Iranische Rote Halbmond sprach von vier Toten und mehr als 50 Verletzten.
Sollten sich diese Angaben bestätigen, wäre das keine Randnotiz des Krieges, sondern eine weitere Tragödie für Zivilisten.
Denn bei aller politischen Rhetorik gilt:
Menschen, die auf einer Hochzeit feiern, sind keine militärischen Ziele.
Die Angaben lassen sich derzeit allerdings nicht unabhängig bestätigen.
Iran kündigt „entscheidende“ Antwort an
Die iranische Nachrichtenagentur Tasnim berichtete anschließend von Vergeltungsschlägen gegen amerikanische Stützpunkte und Interessen in der Region.
Iranische Raketen und Drohnen sollen demnach US-Ziele angreifen.
Zuvor hatte ein Sprecher der Revolutionsgarde angekündigt, die USA würden ihre neuen Angriffe „bereuen“. Die Reaktion werde angeblich um ein Vielfaches stärker ausfallen.
Das ist die Sprache, die man inzwischen auf beiden Seiten gewohnt ist.
Nicht:
„Wir suchen eine Möglichkeit, die Lage zu beruhigen.“
Sondern:
„Unsere nächste Antwort wird noch größer.“
Die militärische Version eines Kneipenstreits, nur leider mit Raketen.
Trump setzt noch einen drauf
Auch US-Präsident Donald Trump meldete sich zu Wort.
Seine Botschaft an Teheran:
Sollte Iran erneut Vergeltung üben, werde das Land auf einer „viel härteren und höheren Stufe“ getroffen.
Trump sprach sogar vom möglichen „größten Angriff von allen“ und erklärte, danach werde möglicherweise nur noch sehr wenig von der Islamischen Republik übrig sein.
Das ist diplomatische Deeskalation in ungefähr derselben Form wie:
„Wenn du mich noch einmal provozierst, reiße ich das ganze Haus ab.“
Beruhigend ist anders.
USA: Begrenzte Angriffe sollen größere Angriffe verhindern
Nach einem Bericht des US-Portals Axios sollen die neuen Attacken Teil eines zuvor ausgearbeiteten Plans sein.
Demnach sollen iranische Radar- und Raketenkapazitäten in der Straße von Hormus geschwächt werden, damit der Iran weniger Möglichkeiten besitzt, Schiffe und US-Einheiten anzugreifen.
Die Logik lautet also:
Wir greifen jetzt an, damit später weniger angegriffen werden kann.
Das klingt zunächst paradox, ist aber eine klassische militärische Argumentation.
Das Problem:
Der Gegner benutzt exakt dieselbe Begründung.
Auch Teheran erklärt seine Angriffe damit, weitere amerikanische Angriffe abschrecken zu wollen.
Und schon hat man eine perfekte Eskalationsmaschine.
Beide Seiten behaupten, sie griffen an, um weitere Angriffe zu verhindern.
Nur werden es dabei erstaunlicherweise immer mehr Angriffe.
Straße von Hormus weiterhin Problemzone
Bereits am Sonntag hatten die USA Ziele auf der iranischen Insel Larak attackiert.
Damals erklärte Washington, iranische Raketenwerfer und mögliche Vorbereitungen zum Verlegen von Seeminen seien das Ziel gewesen.
Teheran antwortete anschließend eigenen Angaben zufolge mit Raketen- und Drohnenattacken auf US-Ziele in Jordanien und den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Damit wird die Straße von Hormus erneut zum zentralen Schauplatz.
Und das ist weltweit relevant.
Durch die Meerenge läuft ein bedeutender Teil des globalen Ölhandels.
Wenn dort Tanker nicht mehr fahren können oder Reedereien das Risiko scheuen, merkt das irgendwann nicht nur Washington oder Teheran.
Dann merkt es möglicherweise auch der Autofahrer an der Tankstelle.
Trump erklärte Iran bereits für geschlagen
Besonders bemerkenswert ist die Diskrepanz zwischen politischen Aussagen und der tatsächlichen Lage.
Trump hatte wiederholt erklärt, Iran sei weitgehend bezwungen und die Straße von Hormus wieder geöffnet.
Die Realität wirkt offenbar komplizierter.
Weiterhin passieren vergleichsweise wenige Schiffe die Meerenge, gleichzeitig greifen sich beide Seiten erneut gegenseitig an.
Man könnte deshalb vorsichtig feststellen:
Wenn das Frieden sein soll, ist er ausgesprochen laut.
Jetzt kommt zusätzlich der „Wirtschaftskrieg“
Als wären Raketen und Drohnen nicht ausreichend, hat Washington parallel noch einen „Wirtschaftskrieg“ ausgerufen.
US-Finanzminister Scott Bessent kündigte weitere Sanktionen gegen iranische Banken, Unternehmen und Geschäftspartner der Revolutionsgarde an.
Seine Formulierung war ebenfalls bemerkenswert:
Die USA würden das iranische Regime wirtschaftlich „ersticken“.
Teheran wiederum dürfte das vermutlich als weiteren Beweis dafür präsentieren, dass Washington nicht an Verhandlungen interessiert sei.
Und so ergänzen sich militärischer und wirtschaftlicher Druck inzwischen hervorragend.
Bomben hier.
Sanktionen dort.
Drohungen dazwischen.
Nur Verhandlungen scheinen derzeit das exotischste Instrument im Werkzeugkasten zu sein.
Beide Seiten erklären sich zum Verteidiger
Das vielleicht Absurde an diesem Konflikt:
Beide Seiten behaupten im Kern, lediglich zu reagieren.
Washington sagt:
Wir greifen an, weil Iran US-Soldaten und Schiffe bedroht.
Teheran sagt:
Wir greifen an, weil die USA Iran bombardieren.
Washington sagt darauf:
Wir greifen erneut an, weil Iran Vergeltung übt.
Teheran antwortet:
Wir schlagen zurück, weil Washington erneut angegriffen hat.
Und irgendwann braucht man vermutlich eine Excel-Tabelle, um noch nachvollziehen zu können, welcher Angriff eigentlich Vergeltung für welchen vorherigen Angriff gewesen sein soll.
Das gefährlichste Wort lautet „noch“
Noch begrenzte Angriffe.
Noch kontrollierte Vergeltung.
Noch keine vollständige Eskalation.
Noch keine massive Ausweitung des Krieges.
Genau dieses „noch“ sollte Sorgen bereiten.
Denn in einem Konflikt mit amerikanischen Truppen, iranischen Raketen, Drohnen, möglichen Angriffen auf Handelsschiffe und der strategisch entscheidenden Straße von Hormus kann ein einziger Fehler ausreichen.
Eine Rakete trifft das falsche Ziel.
Zu viele Soldaten sterben.
Ein Tanker wird versenkt.
Ein ziviles Gebäude wird getroffen.
Und plötzlich entscheidet nicht mehr langfristige Strategie, sondern innenpolitischer Druck darüber, wie stark die nächste Antwort ausfallen muss.
Die Bevölkerung zahlt am Ende den Preis
Während Politiker von „schwerer Bestrafung“, „größtem Angriff“ und „wirtschaftlichem Ersticken“ sprechen, sollte man eines nicht vergessen:
Die Menschen, die von Raketen getroffen werden, sitzen normalerweise nicht an den Tischen, an denen diese Entscheidungen getroffen werden.
Iranische Zivilisten ebenso wenig wie amerikanische Soldaten oder Menschen in Jordanien, den Emiraten oder auf Handelsschiffen.
Die großen Worte kommen aus Präsidentenpalästen, Ministerien und Militärzentralen.
Die Rechnung landet häufig woanders.
Fazit: Alle wollen abschrecken – und alle schießen weiter
Washington will Teheran abschrecken.
Teheran will Washington abschrecken.
Trump droht mit einem noch größeren Angriff.
Iran verspricht eine noch stärkere Antwort.
Die USA verschärfen Sanktionen.
Iran feuert Raketen und Drohnen.
Und alle erklären anschließend, dass die jeweilige Aktion notwendig gewesen sei, um eine weitere Eskalation zu verhindern.
Das Ergebnis dieser hochentwickelten Abschreckungsstrategie:
Die Eskalation geht weiter.
Vielleicht wäre deshalb irgendwann eine wirklich radikale neue Idee notwendig.
Sie lautet:
Nicht auf jeden Angriff automatisch mit einem größeren Angriff antworten.
In der aktuellen Lage klingt das beinahe revolutionärer als jede neue Rakete.


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