Indien wird für japanische Unternehmen immer wichtiger. Während wirtschaftliche und geopolitische Risiken in China zunehmen, entdecken immer mehr Konzerne aus Japan den riesigen indischen Markt als Wachstumschance.
Wie stark sich die Beziehungen entwickeln, zeigte zuletzt der Besuch des indischen Handelsministers Piyush Goyal in Japan. Er reiste mit der bislang größten indischen Wirtschaftsdelegation in das Land, um Handel und Investitionen zwischen beiden Staaten weiter auszubauen.
Wer heute durch Einkaufszentren in Mumbai, Delhi oder Bengaluru läuft, begegnet immer häufiger japanischen Marken. Uniqlo, Muji und der Schuhhersteller Onitsuka Tiger bauen ihre Präsenz kräftig aus. Auch der Möbelkonzern Nitori ist inzwischen in Indien aktiv. Die Convenience-Store-Kette Lawson soll langfristig sogar Tausende Filialen eröffnen wollen.
Japanisches Geld fließt auch in Banken und Technologie
Doch der japanische Vorstoß beschränkt sich längst nicht auf den Einzelhandel.
Auch Banken investieren Milliarden. Japans größte Bank MUFG übernahm für 4,4 Milliarden Dollar einen Anteil von 20 Prozent am indischen Finanzunternehmen Shriram Finance. Die Sumitomo Mitsui Banking Corporation wiederum wurde mit einem Anteil von 24,22 Prozent größter Aktionär der indischen Yes Bank.
Gleichzeitig spielen japanische Unternehmen eine immer größere Rolle bei sogenannten Global Capability Centres in Indien. Mehr als 100 japanische Firmen betreiben solche Standorte, an denen unter anderem Forschung, Unternehmensstrategie und die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz angesiedelt sind.
Japans Heimatmarkt schrumpft
Ein entscheidender Grund für die Expansion liegt in Japan selbst.
Die Bevölkerung des Landes schrumpft seit Jahren – und damit langfristig auch der heimische Absatzmarkt. Japanische Unternehmen müssen deshalb neue Wachstumsmöglichkeiten im Ausland finden.
Indien bietet dafür ideale Voraussetzungen: eine riesige Bevölkerung, steigende Einkommen und einen schnell wachsenden Konsummarkt.
Hinzu kommt, dass andere traditionelle Investitionsziele schwieriger geworden sind. Das Engagement in China ist aufgrund geopolitischer Spannungen und veränderter wirtschaftlicher Bedingungen zurückgegangen. In den USA erschweren Zölle und starke heimische Konkurrenz den Markteintritt, während viele südostasiatische Volkswirtschaften deutlich kleiner sind.
Milliarden-Offensive in Indien
Wie ernst es Japan mit Indien meint, zeigte sich im Juli. Bei einem Gipfeltreffen während des Besuchs der japanischen Premierministerin Sanae Takaichi in Delhi kündigten japanische Firmen Investitionen von insgesamt 12,5 Milliarden Dollar an.
Rund 120 Vereinbarungen wurden geschlossen – von Halbleitern über Industrieprojekte bis hin zu erneuerbaren Energien.
Dabei interessieren sich nicht nur Großkonzerne für Indien. Auch zahlreiche kleine und mittelständische japanische Unternehmen prüfen inzwischen einen Einstieg in den Markt.
Die Industriestadt Hamamatsu, aus der Unternehmen wie Suzuki, Honda und Yamaha stammen, hat sogar ein eigenes Indien-Komitee gegründet, um heimischen Firmen den Schritt auf den Subkontinent zu erleichtern.
Kein Abschied von China
Trotzdem bedeutet der Indien-Boom nicht, dass japanische Unternehmen China den Rücken kehren.
Vielmehr geht es darum, Risiken besser zu verteilen. Nach Jahren mit Lieferkettenproblemen und zunehmenden politischen Spannungen wollen viele Unternehmen vermeiden, wirtschaftlich zu stark von einem einzigen Land abhängig zu sein.
Indien wird damit zu einer Art zusätzlichem Standbein.
Gleichzeitig passen Japans Interessen an wirtschaftlicher Sicherheit gut zu Indiens Ziel, sich als großer internationaler Produktionsstandort zu etablieren. Die Zusammenarbeit zwischen beiden Staaten ist inzwischen so eng, dass sie weit über persönliche Beziehungen einzelner Regierungschefs hinausgeht und fest in wirtschaftlichen und strategischen Planungen verankert ist.
Auch Indien profitiert
Für Indien kommt das japanische Engagement zur richtigen Zeit.
Das Land benötigt dringend zusätzliche ausländische Investitionen. Gleichzeitig bereitet der wachsende Handelsüberschuss Chinas gegenüber Indien der Regierung in Delhi Sorgen.
Eine engere Zusammenarbeit mit Japan könnte langfristig dazu beitragen, Indiens Abhängigkeit von China bei wichtigen Rohstoffen, Technologien und moderner Produktion zu verringern.
Doch Indien bleibt ein schwieriger Markt
Ganz ohne Probleme ist die neue wirtschaftliche Freundschaft allerdings nicht.
Japan ist weiterhin tief in chinesische Produktionsnetzwerke eingebunden. Ein kompletter wirtschaftlicher Schwenk von China nach Indien wäre für viele Unternehmen teuer und könnte Gegenmaßnahmen Pekings provozieren.
Hinzu kommen bekannte Schwierigkeiten in Indien selbst: komplizierte Steuervorschriften, Bürokratie sowie langwierige Genehmigungsverfahren für Grundstücke und Umweltfragen schrecken ausländische Investoren immer wieder ab.
Auch beim geplanten Hochgeschwindigkeitszug zwischen Mumbai und Ahmedabad gab es bereits Streit über Verzögerungen und Absprachen. Solche Probleme zeigen, dass Indien einiges tun muss, um das neu gewonnene Vertrauen japanischer Investoren dauerhaft zu erhalten.
Dennoch ist die Richtung deutlich: Japan verteilt seine wirtschaftlichen Risiken neu – und Indien steht dabei immer stärker im Mittelpunkt.
Aus einer lange vor allem politisch gepflegten Partnerschaft entwickelt sich zunehmend eine handfeste Wirtschaftsallianz.


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