„Goodfellas“: Wie Martin Scorsese den Gangsterfilm neu erfand

„Goodfellas“: Wie Martin Scorsese den Gangsterfilm neu erfand

Veröffentlicht

Sonntag, 30.08.2026
von Red. TB

Vor 35 Jahren kam Martin Scorseses Mafia-Epos „Goodfellas“ ins Kino. Der Film verzichtete auf die distanzierte Größe klassischer Gangsterdramen und zeigte das organisierte Verbrechen stattdessen aus unmittelbarer Nähe – schnell, brutal, verführerisch und erschreckend real.

Als Martin Scorsese „Goodfellas“ im September 1990 bei den Filmfestspielen von Venedig präsentierte, war keineswegs sicher, dass der Film zu einem Klassiker werden würde.

Erste Testvorführungen hatten für Unruhe gesorgt. Zuschauer verließen Berichten zufolge bereits während der brutalen Eröffnungsszene den Saal. Scorseses vorheriger Film „Die letzte Versuchung Christi“ hatte zudem heftige Proteste ausgelöst und dem Regisseur sogar Morddrohungen eingebracht.

Doch die Befürchtungen erwiesen sich als unbegründet.

„Goodfellas“ wurde von Kritikern begeistert aufgenommen. Scorsese erhielt in Venedig den Silbernen Löwen für die beste Regie. Später folgten sechs Oscar-Nominierungen. Joe Pesci gewann für seine Rolle des unberechenbaren Gangsters Tommy DeVito den Oscar als bester Nebendarsteller.

Heute gilt „Goodfellas“ als einer der einflussreichsten Gangsterfilme der Kinogeschichte.

Die wahre Geschichte hinter dem Film

Grundlage des Films war das 1985 erschienene Buch „Wiseguy“ des Journalisten Nicholas Pileggi.

Im Mittelpunkt steht die Geschichte von Henry Hill, einem irisch-italienischstämmigen Amerikaner, der bereits als Jugendlicher in die Welt der New Yorker Mafia gerät.

Im Film wird Hill von Ray Liotta gespielt.

Als Teenager beginnt er damit, kleinere Aufgaben für Gangster in Brooklyn zu erledigen. Mit der Zeit steigt er immer tiefer in das kriminelle Milieu ein.

Unterstützt wird er von Jimmy Conway, gespielt von Robert De Niro und angelehnt an den realen Gangster James Burke, sowie von Tommy DeVito, dessen Figur auf dem Mafioso Thomas DeSimone basiert.

Aus kleinen Geschäften werden schwere Straftaten.

Hill beteiligt sich an Hehlerei, Brandstiftung, Entführungen von Lastwagen, Drogengeschäften und einem kriminellen Umfeld, in dem Mord zum Alltag gehört.

Einen Höhepunkt erreicht seine Karriere mit dem berühmten Lufthansa-Raub von 1978 am New Yorker Flughafen JFK. Dabei wurden rund fünf Millionen Dollar Bargeld sowie Schmuck im Wert von Hunderttausenden Dollar erbeutet.

Später gerät Hill immer stärker in den Drogenhandel und verfällt zunehmend Kokain, Paranoia und Angst vor der Polizei.

Am Ende entscheidet er sich für den Verrat an seinen früheren Weggefährten.

Er wird Informant des FBI, sagt gegen Mitglieder seines eigenen kriminellen Umfelds aus und kommt mit seiner Familie in das Zeugenschutzprogramm.

Scorsese wollte keine Mafia-Legende erzählen

Scorsese hatte sich bereits mit „Mean Streets“ intensiv mit dem Milieu der New Yorker Unterwelt beschäftigt.

Deshalb war er zunächst skeptisch, erneut einen Film über Gangster zu drehen.

Was ihn an Pileggis Buch überzeugte, war nach eigenen Angaben die außergewöhnliche Authentizität.

Es ging darin nicht nur um Verbrechen.

Es ging darum, wie diese Menschen lebten, wie sie sich kleideten, was sie aßen, wie sie miteinander redeten und welche Rituale ihren Alltag bestimmten.

Scorsese wollte die Gangster deshalb nicht als abstrakte Bösewichte zeigen, sondern als Menschen innerhalb eines eigenen sozialen Systems.

Genau das unterscheidet „Goodfellas“ von vielen früheren Mafiafilmen.

Die Welt der Gangster wird nicht von außen betrachtet.

Der Zuschauer wird mitten hineingezogen.

Glamour und Gewalt liegen dicht beieinander

Zu Beginn wirkt dieses Leben beinahe unwiderstehlich.

Henry Hill besitzt Geld, Einfluss und Zugang zu einer Welt, in der für ihn andere Regeln gelten.

Eine der berühmtesten Szenen des Films zeigt Hill und seine spätere Frau Karen auf dem Weg in den New Yorker Nachtclub Copacabana.

Die Kamera begleitet beide mehrere Minuten ohne sichtbaren Schnitt durch Hintereingänge, Küchen und Flure, bis ihnen direkt vor der Bühne ein Tisch hingestellt wird.

Die Szene zeigt das Verführerische des Gangsterlebens: Türen öffnen sich, Menschen machen Platz, Regeln scheinen für andere zu gelten.

Robert De Niro erklärte damals, Gangster würden im Kino häufig zumindest unterschwellig romantisiert, weil sie sich Autoritäten widersetzten.

Doch Scorsese lässt dieses Bild nach und nach zerbrechen.

Je länger der Film dauert, desto stärker treten Gewalt, Angst und Misstrauen in den Vordergrund.

Joe Pesci und die berühmte „Funny how?“-Szene

Besonders deutlich wird das bei Joe Pescis Figur Tommy DeVito.

Eine der bekanntesten Szenen beginnt zunächst als lockeres Gespräch.

Henry Hill sagt Tommy, er sei „lustig“.

Plötzlich verändert sich die Stimmung.

Tommy fragt bedrohlich nach, was genau damit gemeint sei.

Innerhalb weniger Sekunden verwandelt sich eine scheinbar harmlose Unterhaltung in eine Situation, in der nicht klar ist, ob gleich jemand erschossen wird.

Dann löst sich die Spannung wieder.

Die Szene stand ursprünglich nicht in Pileggis Buch.

Joe Pesci erzählte Scorsese von einem ähnlichen Erlebnis aus seiner Jugend, als er als Kellner gearbeitet hatte. Scorsese ließ die Geschichte anschließend in das Drehbuch einbauen.

Die Szene wurde zu einem Paradebeispiel dafür, wie „Goodfellas“ Humor und Gewalt miteinander verbindet.

Robert De Niro sprach mit dem echten Henry Hill

Um die Figuren möglichst glaubwürdig zu spielen, recherchierten die Darsteller intensiv.

Robert De Niro telefonierte regelmäßig mit dem echten Henry Hill.

Hill befand sich damals noch im Zeugenschutz und hielt seinen Aufenthaltsort geheim.

De Niro wollte von ihm Details erfahren: Wie bewegten sich bestimmte Gangster? Wie hielten sie eine Zigarette? Wie sprachen sie? Welche Kleidung trugen sie?

Diese Kleinigkeiten waren für Scorsese entscheidend.

Der Film sollte nicht wie eine stilisierte Gangsterfantasie wirken, sondern wie der direkte Blick in eine abgeschottete Welt.

Sogar ein echter US-Staatsanwalt, Edward McDonald, spielte sich selbst.

Im Film führt er mit Henry Hill im Wesentlichen dasselbe Gespräch, das er zuvor mit dem wirklichen Hill geführt hatte.

Die Kamera lässt den Zuschauer nicht zur Ruhe kommen

Auch formal unterschied sich „Goodfellas“ deutlich von vielen Gangsterfilmen seiner Zeit.

Scorsese setzte auf eine ständig bewegte Kamera.

Lange Kamerafahrten wechseln sich mit schnellen Zooms, Handkamera und abrupten Schnitten ab.

Dadurch erhält der Film eine enorme Geschwindigkeit.

Die Kamera folgt den Figuren häufig durch Räume und Gänge, anstatt sie einfach aus statischen Positionen zu beobachten.

Scorsese plante viele dieser Bewegungen bereits vor den Dreharbeiten sehr genau.

Manche Drehorte wurden sogar gewechselt, weil die vorgesehenen Kamerabewegungen dort nicht möglich gewesen wären.

Schnitt wird zum Spiegel der Drogensucht

Eine entscheidende Rolle spielte auch Scorseses langjährige Cutterin Thelma Schoonmaker.

Am Anfang wirkt der Film trotz seines hohen Tempos noch vergleichsweise kontrolliert.

Doch je stärker Henry Hill in Kokainkonsum und Paranoia abrutscht, desto hektischer wird auch der Film selbst.

Schnitte werden schneller.

Szenen wirken fragmentierter.

Die Zuschauer erleben Hills psychischen Zustand zunehmend über die Montage.

Besonders am Ende entsteht dadurch das Gefühl, selbst Teil seines zunehmend chaotischen Tages zu sein.

Schoonmaker erklärte später, dass die immer schnelleren Schnitte bewusst den kokainbedingten Zustand der Hauptfigur widerspiegeln sollten.

Musik als unsichtbarer Erzähler

Ebenso prägend ist die Musik.

Scorsese verwendete ausschließlich Songs, die zu dem Zeitpunkt bereits existiert hatten, in dem die jeweilige Szene spielt.

Die Musik sollte den Zuschauer dadurch unmittelbar in die jeweilige Epoche versetzen.

Scorsese hatte manche Szenen bereits vor den Dreharbeiten zu bestimmten Liedern im Kopf.

Teilweise ließ er die Musik direkt am Set abspielen, damit Kamerabewegungen exakt auf den Rhythmus abgestimmt werden konnten.

Besonders bekannt ist die Verwendung von „Layla“ von Derek and the Dominos während einer Montage, in der nach dem Lufthansa-Raub mehrere Beteiligte ermordet aufgefunden werden.

Auch andere Songs spiegeln gezielt die Stimmung der Figuren.

Tony Bennetts „Rags to Riches“ begleitet Hills Aufstieg.

„Then He Kissed Me“ von The Crystals läuft während der berühmten Copacabana-Kamerafahrt.

„Gimme Shelter“ von den Rolling Stones begleitet Hills zunehmenden Drogenkonsum und Kontrollverlust.

Die Musik ist damit weit mehr als Hintergrund.

Sie wird zu einem Teil der Erzählung.

Anders als „Der Pate“

Der vielleicht wichtigste Unterschied zu klassischen Mafiafilmen liegt jedoch in der Perspektive.

Francis Ford Coppolas „Der Pate“ erzählt von den höchsten Ebenen organisierter Kriminalität.

Familienoberhäupter treffen strategische Entscheidungen, Macht wird beinahe aristokratisch inszeniert.

„Goodfellas“ blickt dagegen weiter nach unten.

Hier geht es um Männer, die ständig Geld verdienen, stehlen, betrügen und versuchen müssen, innerhalb eines brutalen Systems zu überleben.

Diese Welt besitzt anfangs durchaus einen gewissen Glamour.

Doch dieser Glamour erweist sich zunehmend als Illusion.

Freunde ermorden Freunde.

Menschen verschwinden.

Partner werden zu Verrätern.

Am Ende sind viele Figuren entweder tot, im Gefängnis oder gezwungen, ein Leben zu führen, das sie verachten.

Ein Leben ohne wirklichen Gewinn

Henry Hill selbst überlebt.

Doch auch er verliert letztlich genau das Leben, das ihn einst angezogen hatte.

Im Zeugenschutz landet er in einer gewöhnlichen amerikanischen Vorstadt.

Keine Nachtclubs.

Keine bevorzugten Tische.

Keine Bündel Bargeld.

Keine Sonderbehandlung.

Der Mann, der sein ganzes Leben davon geträumt hatte, ein Gangster zu sein, muss plötzlich wie jeder andere leben.

Scorsese beschrieb das Leben seiner Figuren später als letztlich leer.

Hinter Geld, Gewalt und vermeintlicher Macht stehe keine wirkliche Schöpfung oder Leistung, sondern vor allem Zerstörung.

Genau darin liegt möglicherweise die bleibende Stärke von „Goodfellas“.

Der Film zeigt die Faszination des Gangsterlebens so überzeugend, dass der Zuschauer zunächst verstehen kann, warum Henry Hill unbedingt Teil dieser Welt sein wollte.

Dann zerstört Scorsese diese Faszination Stück für Stück.

Am Ende bleibt keine romantische Mafia-Legende.

Es bleibt eine Welt aus Angst, Verrat, Gewalt und Leere.

Und genau damit veränderte „Goodfellas“ den Gangsterfilm nachhaltig.

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Bildnachweis:

Sammy-Sander (CC0), Pixabay

von Autor: Red. TB
am: Sonntag, 30.08.2026

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