„Du wirst vollständig akzeptiert“: Warum Nacktheit das eigene Körpergefühl verbessern kann

„Du wirst vollständig akzeptiert“: Warum Nacktheit das eigene Körpergefühl verbessern kann

Veröffentlicht

Montag, 24.08.2026
von Red. TB

Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Naturismus – also nicht-sexuelle gemeinschaftliche Nacktheit – Menschen dabei helfen kann, ein positiveres Verhältnis zum eigenen Körper zu entwickeln. Naturisten und Psychologen berichten, dass gerade die Begegnung mit ganz normalen, unveränderten Körpern dabei eine wichtige Rolle spielen könnte.

Helen Berriman glaubt heute, sie hätte ihren Körper wesentlich besser verstehen und akzeptieren können, wenn sie den Naturismus früher für sich entdeckt hätte. Über viele Jahre litt sie unter einer Körperdysmorphie und hatte unter anderem zwei Jahrzehnte lang keinen Bikini getragen. Erst nachdem ihr Mann sie mit dem Naturismus bekannt gemacht hatte, änderte sich ihr Verhältnis zum eigenen Körper.

Der Psychologe Kerem Soylemez von der Regent’s University London beschreibt Naturismus als gemeinschaftliche Nacktheit ohne die Erwartung oder Präsenz sexueller Stimulation. Untersuchungen legen nahe, dass der Kontakt mit unbekleideten, realen Körpern das eigene Körperbild positiv beeinflussen kann.

Weg vom vermeintlich perfekten Körper

Auch Martha Vickery berichtet von einer grundlegenden Veränderung. Vor ihrem ersten Naturistentreffen habe sie praktisch jeden Teil ihres Körpers abgelehnt.

Beim Naturismus habe sie jedoch erkannt, dass es keine entscheidende Rolle spiele, ob ihr Körper größer sei, als sie selbst oder gesellschaftliche Schönheitsideale es vorgäben. Der Naturismus sei für sie zum Auslöser eines deutlich besseren Körpergefühls geworden.

Statt ihren Körper ständig zu bewerten, begann sie, ihn neutraler zu betrachten: als etwas, das ihr ermöglicht, aufzustehen, Freunde zu umarmen, Kaffee zu trinken oder die Sonne auf der Haut zu spüren.

Soziale Medien verschärfen den Vergleich

Experten sehen einen möglichen Grund für die positiven Effekte darin, dass Menschen beim Naturismus mit echten Körpern konfrontiert werden – und nicht überwiegend mit gefilterten oder idealisierten Bildern.

Soylemez spricht davon, dass es nicht ausschließlich darum gehe, von anderen akzeptiert zu werden. Entscheidend sei vielmehr, sich selbst akzeptieren zu lernen.

Die Psychologin Marina Rachitskiy von der University of Roehampton weist darauf hin, dass Gesellschaft und soziale Medien Vorstellungen davon erzeugen, was als „normal“ oder attraktiv gilt. Diese Bilder entsprächen jedoch häufig nicht dem tatsächlichen Durchschnitt.

Der Kontakt mit durchschnittlichen Körpern könne deshalb die eigene Wahrnehmung neu kalibrieren: Menschen bekämen ein realistischeres Bild davon, was normal, akzeptabel und schön sei.

Studien zeigen positive Zusammenhänge

Die wissenschaftliche Forschung über den Zusammenhang zwischen sozialer Nacktheit und Körperbild ist bislang noch vergleichsweise begrenzt. Erste kontrollierte Untersuchungen liefern jedoch positive Hinweise.

Eine Studie mit 849 Personen ergab, dass Menschen, die naturistische Aktivitäten ausübten, über eine höhere Lebenszufriedenheit berichteten. Dieser Zusammenhang wurde unter anderem durch ein positiveres Körperbild und größeres Selbstwertgefühl vermittelt. Besonders das Sehen anderer unbekleideter Menschen erwies sich dabei als wichtiger Faktor.

In einer weiteren, kleineren Untersuchung wurden Teilnehmer in eine bekleidete und eine unbekleidete Gruppe eingeteilt. Die unbekleideten Teilnehmer berichteten anschließend von einer stärkeren Wertschätzung ihres eigenen Körpers. Gleichzeitig nahm ihre Angst davor ab, von anderen aufgrund ihres Aussehens beurteilt zu werden.

„Jeder Körper ist schön“

Berriman, die inzwischen Frauenbeauftragte der britischen Naturistenorganisation British Naturism ist, sieht darin auch einen Gegenentwurf zur Vergleichskultur sozialer Medien.

Während dort häufig viel Aufwand betrieben werde, einem bestimmten Schönheitsbild zu entsprechen, funktioniere Naturismus nach einem anderen Prinzip: Man müsse weder viel Geld ausgeben noch auf eine bestimmte Weise aussehen.

Bei entsprechenden Veranstaltungen sehe man eine enorme Vielfalt an Körpern – darunter Menschen mit Narben, Stoma, amputierten Gliedmaßen oder anderen körperlichen Veränderungen.

Berriman selbst sagt über ihre Narben, dass sie sich dafür nicht mehr schäme. Sie seien Teil ihrer Geschichte und ihres Lebens.

„Es fühlte sich einfach normal an“

Auch Linda Ashmore beschreibt einen tiefgreifenden Wandel. Bereits seit ihrem zwölften Lebensjahr hatte sie ein negatives Verhältnis zu ihrem Körper. Spätere gesundheitliche Probleme verstärkten ihre Unsicherheit zusätzlich.

Nach einer schweren Infektion mussten ihr zwei Zehen amputiert werden. Zudem erhielt sie die Diagnose Typ-1-Diabetes und musste sich regelmäßig Insulin in den Bauch spritzen.

2019 entdeckte sie im Alter von 50 Jahren den Naturismus – eine Erfahrung, die sie nach eigenen Angaben verändert habe. Gemeinsam mit anderen Menschen unbekleidet zusammenzusitzen und sich zu unterhalten, habe sich für sie überraschend normal angefühlt.

Heute betrachtet sie körperliche Veränderungen gelassener: Haut könne an manchen Stellen schlaff sein, Menschen seien nun einmal unterschiedlich groß und unterschiedlich geformt.

Naturismus kämpft weiterhin mit Vorurteilen

Trotz der positiven Erfahrungen vieler Teilnehmer ist Naturismus gesellschaftlich weiterhin mit einem erheblichen Stigma verbunden.

Soylemez zufolge wird die Praxis in den Medien häufig verzerrt dargestellt und mit sexueller Abweichung in Verbindung gebracht. Solche Vorstellungen seien oftmals kulturell, religiös oder moralisch geprägt.

In Großbritannien ist Naturismus grundsätzlich legal, solange sich jemand nicht mit der Absicht entkleidet, andere zu schockieren oder zu belästigen. In den USA unterscheiden sich die gesetzlichen Regelungen dagegen von Bundesstaat zu Bundesstaat. In europäischen Ländern wie Deutschland, Dänemark, Frankreich und Spanien ist Naturismus vergleichsweise verbreitet.

Bisherige Untersuchungen haben laut dem Artikel nur wenige negative Auswirkungen von Naturismus auf Erwachsene oder Kinder festgestellt. Die Forscher weisen allerdings darauf hin, dass Studien häufig freiwillige Teilnehmer anziehen, die dem Naturismus ohnehin positiv gegenüberstehen – ein Faktor, der bei der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigt werden muss.

Mehr als nur keine Kleidung

Für viele Anhänger bedeutet Naturismus außerdem wesentlich mehr als bloße Nacktheit. Es geht um Gemeinschaft, Naturverbundenheit und darum, Menschen weniger nach ihrem Äußeren zu beurteilen.

Terry Lane von British Naturism berichtet, dass viele Menschen bei ihrem ersten Treffen zunächst nervös seien. Oft dauere es jedoch nur wenige Minuten, bis sie sich entspannten.

Auch er selbst hatte früher Probleme mit seinem Körper und fühlte sich insbesondere wegen seines Bauches unsicher. Der Naturismus habe ihm geholfen, diese Gedanken zu hinterfragen und selbstbewusster zu werden.

Für ihn liegt darin ein wesentlicher Reiz: Ohne Kleidung verschwinden zumindest für einen Moment viele äußerliche Etiketten.

Am Ende bleibt schlicht der Mensch, wie er ist.

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27745037 (CC0), Pixabay

von Autor: Red. TB
am: Montag, 24.08.2026

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