Österreichs Wirtschaft am Sonntagmorgen: Teurer Sprit, Rekord bei Betriebsübernahmen und die große Frage nach der Zukunft des Standorts

Österreichs Wirtschaft am Sonntagmorgen: Teurer Sprit, Rekord bei Betriebsübernahmen und die große Frage nach der Zukunft des Standorts

Veröffentlicht

Sonntag, 23.08.2026
von Red. TB

Die österreichische Wirtschaft ist in den vergangenen zwölf Stunden nicht von einer einzelnen spektakulären Unternehmensmeldung bestimmt worden. Dafür sind mehrere Entwicklungen zusammengekommen, die ziemlich genau zeigen, wo derzeit die wirtschaftlichen Sorgen liegen: hohe Energie- und Treibstoffkosten, die Zukunft tausender Familienbetriebe und der zunehmende Druck, Unternehmen technologisch fit für künstliche Intelligenz und Automatisierung zu machen.

Die wohl unmittelbarste Nachricht für Unternehmen und Konsumenten betrifft dabei die Tankstelle.

Österreich fordert Übergewinnsteuer für Ölkonzerne

Angesichts der hohen Treibstoffpreise erhöht Österreich gemeinsam mit fünf weiteren EU-Staaten den politischen Druck auf die Mineralölindustrie. Finanzminister Markus Marterbauer unterstützt einen Vorstoß für eine europaweite Besteuerung außergewöhnlich hoher Gewinne der Ölkonzerne. Die Finanzminister Österreichs, Deutschlands, Spaniens, Portugals, Italiens und Polens fordern ein gemeinsames EU-Rahmenwerk für eine solche Übergewinnsteuer. Der entsprechende Vorstoß wurde am Samstagabend bekannt.

Hintergrund sind die infolge des Iran-Krieges stark gestiegenen Energiepreise. Nach den im ORF-Bericht genannten Zahlen kamen die sechs großen fossilen Energiekonzerne BP, Chevron, Eni, ExxonMobil, Shell und TotalEnergies allein zwischen April und Juni zusammen auf Gewinne von knapp 40 Milliarden Euro.

Für Österreich ist die Diskussion besonders relevant, weil hohe Treibstoffpreise nicht nur Autofahrer treffen. Sie verteuern Transporte, Logistik und damit letztlich zahlreiche Produkte. Energiepreise bleiben damit einer der entscheidenden Faktoren für Inflation und Wettbewerbsfähigkeit.

Die beteiligten Finanzminister wollen außerdem die europäischen Untersuchungen zu den Raffineriemargen rasch auf dem Tisch haben. Dahinter steckt der Verdacht beziehungsweise zumindest die Frage, ob Unternehmen die derzeit angespannte Energiesituation für außergewöhnlich hohe Margen nutzen.

In Österreich gilt seit April bereits eine sogenannte Spritpreisbremse. Die Mineralölsteuer wurde dabei um 1,9 Cent je Liter reduziert. Die Maßnahme wurde zuletzt bis Ende August verlängert; über eine weitere Verlängerung wird verhandelt. ORF: Neuer Ruf nach einer EU-Übergewinnsteuer

Ein wirtschaftlicher Kraftakt rollt auf Österreich zu

Eine zweite Nachricht wirkt auf den ersten Blick weniger dramatisch, dürfte Österreich wirtschaftlich aber über viele Jahre beschäftigen: Der Generationenwechsel in den heimischen Unternehmen beschleunigt sich.

2025 wurden nach Angaben der Wirtschaftskammer 8.202 österreichische Betriebe übernommen. Das waren 5,3 Prozent mehr als im Jahr davor und so viele wie seit Beginn der Erhebung 1998 nicht.

Und das ist erst der Anfang.

Bis 2034 stehen laut WKO österreichweit rund 52.500 kleine und mittlere Unternehmen zur Übergabe an. Ein-Personen-Unternehmen sind dabei noch gar nicht eingerechnet. Diese Firmen entsprechen rund 23 Prozent aller Arbeitgeberbetriebe des Landes – und an ihnen hängen ungefähr 705.000 Arbeitsplätze.

Damit wird Unternehmensnachfolge zu einer der unterschätzten wirtschaftspolitischen Aufgaben der kommenden Jahre.

Denn findet ein gesunder Betrieb keinen Nachfolger, verschwindet im schlimmsten Fall nicht nur ein Firmenname. Arbeitsplätze, Lehrstellen, Know-how, Kundenbeziehungen und regionale Wertschöpfung können gleich mit verloren gehen.

Der klassische Familienbetrieb verändert sich

Interessant ist auch, wer diese Unternehmen künftig übernimmt.

Noch erfolgen rund 55 Prozent der Übergaben innerhalb der Familie. Dieser Anteil sinkt jedoch. Das klassische Modell – Vater oder Mutter übergeben den Betrieb an Sohn oder Tochter – funktioniert also längst nicht mehr automatisch.

Das muss allerdings keine schlechte Nachricht sein.

Eine Studie der KMU Forschung Austria zeigt vielmehr, dass Betriebsübernahmen häufig einen Modernisierungsschub auslösen. 61 Prozent der Nachfolger steigern demnach den Umsatz, 60 Prozent investieren mehr als ihre Vorgänger. Bei rund der Hälfte bleibt die Zahl der Beschäftigten stabil, weitere 36 Prozent bauen sogar Personal auf.

Die WKO fordert deshalb steuerliche Erleichterungen für Betriebsübergaben.

Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist das nachvollziehbar: Österreich muss in den kommenden Jahren nicht nur genügend Menschen finden, die Unternehmen übernehmen wollen. Es muss ihnen den Einstieg auch finanzierbar machen.

Fraunhofer setzt auf KI – und sieht erste Hoffnungsschimmer

Die dritte interessante Entwicklung betrifft die technologische Zukunft des Wirtschaftsstandorts.

Fraunhofer Austria bündelt nach einer Standortfusion seine Kompetenzen und will insbesondere im Süden Österreichs wachsen. Unternehmen sollen stärker bei Digitalisierung und dem Einsatz künstlicher Intelligenz unterstützt werden. Geschäftsführer Sebastian Schlund sieht zumindest „schwache Signale“, dass sich die wirtschaftliche Lage bessert.

Seine Botschaft beim Thema KI fällt gleichzeitig eindeutig aus: Unternehmen müssten die Technologie annehmen.

Das ist für Österreichs Industrie keine Nebensache. Gerade ein Hochlohnland kann im internationalen Wettbewerb nur schwer über niedrige Produktionskosten konkurrieren. Produktivität, Automatisierung, Forschung und Digitalisierung werden deshalb immer wichtiger.

Kleine Zeitung: Fraunhofer Austria will nach Fusion im Süden wachsen

Die Klimafrage bleibt auch eine Wirtschaftsfrage

Über allem schwebt weiterhin die Auseinandersetzung um das neue österreichische Klimagesetz. Die Regierung hat sich auf das Ziel der Klimaneutralität bis 2040 verständigt, allerdings wird insbesondere aus Teilen der Industrie vor zusätzlichen Belastungen des Standorts gewarnt.

Das zeigt ein grundsätzliches Dilemma der österreichischen Wirtschaftspolitik.

Österreich will seine Klimaziele erreichen und gleichzeitig verhindern, dass energieintensive Produktion wegen höherer Kosten ins Ausland abwandert. Zugleich sollen Investitionen in klimafreundliche Technologien ausgelöst werden.

Klimapolitik ist deshalb längst keine reine Umweltfrage mehr. Sie entscheidet mit darüber, wo Stahl, Maschinen, Baustoffe oder andere Industrieprodukte künftig hergestellt werden.

240 Millionen Euro gegen die Folgen der Dürre

Auch die Landwirtschaft bleibt wirtschaftlich unter Druck. Nach den massiven Schäden durch die diesjährige Dürre hat die Regierung ein Hilfspaket geschnürt. Die Landwirtschaftskammer bezeichnet die Unterstützung als dringend notwendig, während die FPÖ die Maßnahmen für unzureichend hält.

Das Thema reicht weit über die Bauernhöfe hinaus. Schlechte Ernten beeinflussen Lebensmittelpreise, Verarbeitungsbetriebe und Versorgungsketten. Gerade in Zeiten ohnehin hoher Lebenshaltungskosten kann eine schwache Ernte zusätzlichen Preisdruck erzeugen.

Das eigentliche Thema lautet Wettbewerbsfähigkeit

Nimmt man die Meldungen der vergangenen Stunden zusammen, ergibt sich deshalb ein bemerkenswert klares Bild.

Österreich steht nicht vor dem einen großen wirtschaftlichen Problem.

Es steht gleichzeitig vor mehreren strukturellen Aufgaben.

Die Energie muss bezahlbar bleiben. Zehntausende Betriebe brauchen neue Eigentümer. Unternehmen müssen in Digitalisierung, Automatisierung und KI investieren. Die Industrie soll klimaneutraler werden, ohne ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. Und gleichzeitig müssen Landwirtschaft und Konsumenten mit hohen Preisen und klimabedingten Schäden zurechtkommen.

Das klingt nicht spektakulär wie der Zusammenbruch eines Großkonzerns.

Langfristig ist es möglicherweise wichtiger.

Denn ob Österreich in zehn Jahren noch einen starken industriellen Mittelstand und zehntausende erfolgreiche Familienunternehmen besitzt, entscheidet sich nicht erst 2036.

Die Entscheidungen darüber fallen jetzt.

Stand der Recherche: 23. August 2026, ca. 05:35 Uhr. Für das enge Zwölf-Stunden-Fenster habe ich ältere Wirtschaftsmeldungen bewusst nicht erneut als „neu“ ausgegeben; wo eine aktuelle Meldung auf bereits zuvor beschlossenen Maßnahmen wie Klimagesetz oder Dürrehilfen aufbaut, ist das entsprechend kenntlich gemacht.

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geralt (CC0), Pixabay

von Autor: Red. TB
am: Sonntag, 23.08.2026

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