Das US-Justizministerium hat Anklagen gegen fünf mutmaßliche Führungskräfte des mexikanischen Jalisco-Kartells der Neuen Generation, kurz CJNG, veröffentlicht. Nach Einschätzung der US-Behörden schmuggelt die Organisation trotz des Todes ihres langjährigen Anführers Nemesio Rubén Oseguera Cervantes, bekannt als „El Mencho“, weiterhin große Mengen gefährlicher Drogen wie Fentanyl in die Vereinigten Staaten.
Gleichzeitig setzte das US-Außenministerium Belohnungen in einer Gesamthöhe von 102 Millionen US-Dollar für Hinweise aus, die zur Festnahme und Verurteilung der gesuchten Männer führen. Die Maßnahmen sind Teil des verstärkten Vorgehens der US-Regierung gegen das CJNG.
Zu den Gesuchten gehört Juan Carlos Valencia González, der auch unter dem Namen „El Pelón“ bekannt ist. Die amerikanischen Behörden gehen davon aus, dass er nach dem Tod El Menchos die Führung des Kartells übernommen hat. Für Informationen, die zu seiner Festnahme oder Verurteilung führen, wurde die Belohnung von fünf auf 25 Millionen US-Dollar erhöht.
El Mencho war im Februar bei einem Einsatz mexikanischer Sicherheitskräfte im westlichen Bundesstaat Jalisco tödlich verletzt worden. Nach seinem Tod kam es in mehreren Regionen Mexikos zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, Straßensperren und Angriffen.
Nach Angaben der US-Drogenbekämpfungsbehörde DEA basiert die Einschätzung über Valencia González’ neue Führungsrolle auf geheimdienstlichen Erkenntnissen. Er ist der Stiefsohn El Menchos und soll inzwischen an der Spitze der Organisation stehen.
Die schnelle Nachfolgeregelung zeigt nach Ansicht früherer US-Drogenfahnder, wie professionell große mexikanische Kartelle inzwischen organisiert sind. Sowohl das CJNG als auch das rivalisierende Sinaloa-Kartell verfügten demnach über Strukturen, die mit internationalen Großunternehmen vergleichbar seien.
Der frühere amtierende DEA-Chef Derek Maltz erklärte, die Kartelle seien milliardenschwere, weltweit tätige Unternehmen. Ihr Ziel bestehe darin, Gewinne zu maximieren und Risiken zu verringern. Falle eine wichtige Führungsperson aus, stehe deshalb meist bereits ein Nachfolger bereit, damit das kriminelle Geschäft ohne größere Unterbrechungen fortgesetzt werden könne.
DEA-Chef Terrance Cole betonte, dass der Tod El Menchos keineswegs das Ende des CJNG bedeutet habe. Vielmehr zeige die Entwicklung, wie widerstandsfähig und anpassungsfähig die Organisation sei. Besonders der Schmuggel von Fentanyl stelle weiterhin eine tödliche Gefahr dar. Die hochwirksame Droge wird für Hunderttausende Todesfälle durch Überdosierungen in den USA verantwortlich gemacht.
Amerikanische Ermittler beschreiben die militärischen Fähigkeiten des Kartells inzwischen als so umfangreich, dass es in Teilen eher der Armee eines kleinen Staates als einer klassischen kriminellen Organisation gleiche. Das CJNG verfüge über schwere Bewaffnung, weitreichende internationale Verbindungen und ein Netzwerk aus Gewalt, Bestechung und Geldwäsche.
Trotz mehrerer Erfolge der Behörden konnte das Kartell seine Geschäfte fortsetzen. Ende April wurde mit Audias Flores Silva, genannt „Jardinero“, ein weiterer führender Funktionär von mexikanischen Sicherheitskräften festgenommen. Ende Juli bekannte sich außerdem El Menchos 67-jähriger Bruder Antonio Oseguera Cervantes in den USA schuldig, an einer Verschwörung zur Einfuhr von Kokain und Methamphetamin beteiligt gewesen zu sein.
Weitere hochrangige Kartellmitglieder wurden in den vergangenen Jahren getötet, verhaftet oder an die Vereinigten Staaten ausgeliefert. Dennoch gelang es dem CJNG nach Angaben der DEA, seine Lieferketten und kriminellen Aktivitäten aufrechtzuerhalten.
Die Ermittler werfen dem Kartell vor, sich durch Bestechung den Schutz mexikanischer Amtsträger zu sichern. Mitglieder staatlicher Einrichtungen sollen Führungspersonen vor Strafverfolgung geschützt und beim Drogenhandel, bei Geldwäschegeschäften und bei gewaltsamen Aktionen geholfen haben.
Die neu benannten Führungskräfte sollen unter anderem Fentanyl, Kokain, Heroin und Methamphetamin in die Vereinigten Staaten geschmuggelt haben. Außerdem werden sie beschuldigt, Einnahmen in Milliardenhöhe aus dem Drogengeschäft gewaschen und nach Mexiko zurückgeführt zu haben.
Drei der Beschuldigten sollen darüber hinaus an umfangreichen Betrugsprogrammen gegen amerikanische Bürger beteiligt gewesen sein. Besonders häufig traf es ältere Menschen, die Ferienimmobilien oder Teilzeitnutzungsrechte in Mexiko besaßen.
Nach Angaben der US-Steuerfahndung wurden die Opfer telefonisch kontaktiert, mit gefälschten Dokumenten getäuscht und zur Überweisung hoher Geldbeträge gedrängt. Einige Betroffene verloren dadurch ihre gesamten Ersparnisse.
Das US-Außenministerium hatte das CJNG bereits im Februar 2025 als ausländische Terrororganisation eingestuft. Vertreter der Regierung werfen dem Kartell vor, zahlreiche amerikanische Gemeinden mit illegalen Drogen zu überschwemmen und massive Gewalt zu verursachen.
Neben Valencia González wurden auch El Menchos Schwiegersohn Julio Alberto Castillo Rodríguez, genannt „Chorro“, und sein Patensohn Hugo Gonzalo Mendoza Gaytán, bekannt als „Sapo“, angeklagt. Ihnen wird der Schmuggel von Kokain und Methamphetamin in die Vereinigten Staaten vorgeworfen.
Weitere Anklagen richten sich gegen Ricardo Ruiz Velasco, Julio César Montero Pinzón und Carlos Andrés Rivera Varela. Zusätzlich verhängte das US-Außenministerium Einreisebeschränkungen gegen 65 Familienangehörige sowie enge persönliche oder geschäftliche Kontakte mutmaßlicher CJNG-Mitglieder.
Ehemalige DEA-Führungskräfte weisen darauf hin, dass die Ausschaltung einzelner Kartellbosse den Drogenhandel nicht automatisch beendet. Sie könne jedoch Unruhe, Misstrauen und Machtkämpfe innerhalb der Organisation auslösen.
William Bodner, der bis zu seinem Ruhestand 2023 an Ermittlungen gegen El Mencho und das CJNG beteiligt war, erklärte, nach dem Verlust einer Führungsperson könnten verschiedene Gruppen versuchen, mehr Einfluss zu gewinnen. Dadurch bestehe die Möglichkeit, dass sich Teile des Kartells abspalten oder gegeneinander kämpfen.
Für Ermittler könne dieses Chaos neue Chancen eröffnen. Interne Konflikte und Unsicherheit könnten dazu führen, dass Mitglieder Fehler machten, miteinander rivalisierten oder Informationen preisgäben. Die Festnahme oder Tötung führender Personen stoppe den Drogenfluss daher zwar nicht sofort, könne die Organisation aber schwächen und neue Ermittlungsansätze schaffen.
Die Ernennung eines Nachfolgers macht zugleich deutlich, dass das CJNG auf den Verlust seines langjährigen Chefs vorbereitet war. Trotz des Todes El Menchos, zahlreicher Festnahmen und des wachsenden Drucks aus Washington bleibt das Kartell nach Einschätzung der US-Behörden eine der mächtigsten und gefährlichsten kriminellen Organisationen der Welt.


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